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Schule an der Gartenstadt: "Sprachbad" mit Nellie

Die Schule an der Gartenstadt im Hamburger Stadtteil Wandsbek ist eine offene Ganztagsschule mit dem Schwerpunkt „Englisch immersiv“. Die fünfzügige Grundschule kann sich vor Anmeldungen kaum retten.

Dienstagmorgen, dritte Stunde Mathematik: Es ist mucksmäuschenstill in der Klasse 2e, die Schülerinnen und Schüler sitzen im Kreis auf dem Boden, in der Mitte liegt ganz entspannt Klassenhund Nellie. Die zwölf Jahre alte Hündin, ein wuscheliger Mix aus Golden Retriever und Border Collie, schnüffelt interessiert am Boden. „Watch your erasers, Nellie eats them“, warnt Lehrerin Almut Gurski die Schülerinnen und Schüler. Die Zweitklässler kichern und bringen schnell ihre Radiergummis in Sicherheit. Dann wird es ernst, Almut Gurski stellt eine Rechenaufgabe, ebenfalls auf Englisch. Ein paar Kinder melden sich und antworten in akzentfreiem Schulenglisch.

Schulleiterin Regina Schubert© Claudia Pittelkow

Was ist hier los? Ein Hund in der Klasse und englischsprachiger Matheunterricht? Das klingt ungewöhnlich. Ist es aber nicht. In der Schule an der Gartenstadt, einer offenen Ganztagsgrundschule mit dem Schwerpunkt „Englisch immersiv“, ist diese Form von Unterricht völlig normal.

Im August 2004 wurde an der Wandsbeker Grundschule die erste Sprachklasse Englisch eingerichtet. Damit gehörte die Schule an der Gartenstadt zu den ersten Schulen Hamburgs mit englischsprachigem Unterricht.
Das Unterrichtsprinzip heißt Immersion, was so viel bedeutet wie „Sprachbad“: Die Schülerinnen und Schüler lernen die Fremdsprache im Kontext des jeweiligen Sachfaches. Egal ob Mathe, Sachkunde oder Kunst – Englisch ist die durchgängige Unterrichtssprache. Einzige Ausnahme: der Deutschunterricht.

Ausgezeichneter Englischunterricht

Die erfolgreiche und moderne Methode der Sprachvermittlung kam bei den Eltern gut an. Bereits im folgenden Schuljahr wurde wieder eine erste Englischklasse eingerichtet. „Wir hätten damals schon genug Anmeldungen für eine dritte Immersionsklasse gehabt und könnten heute – ginge es nach den Anmeldungen – sogar vier solche Klassen einrichten“, sagt Schulleiterin Regina Schubert. Seit 2004 bietet die fünfzügige Schule von der Vorschule bis Klasse 4 durchgängig zwei Englisch- und drei Musikklassen pro Jahrgang an. In Letzterer lernen sie intensiv ein Instrument, das von der Schule gestellt wird.

Lehrerin Almut Gurski mit Klassenhund Nellie
Lehrerin Almut Gurski mit Klassenhund Nellie© Claudia Pittelkow

Für ihren innovativen Englischunterricht wurde die Schule mehrfach ausgezeichnet, 2005 mit dem Europäischen Sprachensiegel, 2009 mit dem Deutschen eTwinning Preis. Das Kollegium – 43 Lehrkräfte und 9 Erzieherinnen – ist überwiegend englischsprachig. Regina Schubert: „Vier unserer Lehrerinnen und Lehrer sind Native Speakers, viele haben Englisch studiert oder mindestens ein Jahr im englischsprachigen Ausland gearbeitet.“

Zu ihnen gehört auch Almut Gurski, die die englischen Klassen mit aufgebaut hat. Während sie früher auch noch eine Stunde Deutsch pro Tag unterrichtet hat, gibt sie heute all ihre Fächer in englischer Sprache. Ihr Englisch ist gut zu verstehen; sie hat viele Jahre im Ausland gelebt und unter anderem in einem Londoner Krankenhaus gearbeitet. Für die Kinder ist das ein großer Vorteil, denn es gibt kaum Nachfragen auf Deutsch. „Aber natürlich erkläre ich manchmal auch Dinge.“

Projekt Klassenhund: Wesenstest, Gesundheitstest, Allergietest

Klassenhund Nellie hört ebenfalls auf englische Kommandos. Almut Gurski erinnert sich: „Leicht war es anfangs nicht, den Hund mit in den Unterricht zu bringen.“ Unterschiedliche Entscheidungsträger – von der Behörde über die Schulkonferenz bis zum Hausmeister – mussten einbezogen und um Erlaubnis gefragt werden, der Hund musste sämtliche Wesens- und Gesundheitstests bestehen, die Eltern wurden nach Tierhaar-Allergien befragt. Erst als alle Beteiligten einverstanden waren, durfte das Projekt Klassenhund starten.

Die Kinder lieben Klassenhund Nellie© Claudia Pittelkow

Gurski: „Das Wichtigste an so einem Projekt ist natürlich, dass der Hund geeignet ist.“ Das war bei Nellie der Fall. Seitdem begleitet sie den Unterricht und wird auch mit einbezogen. „Nellie hat eine beruhigende Wirkung auf die Kinder, und sie sind viel motivierter, wenn der Hund dabei ist“, berichtet die Lehrerin. Die Schüler hätten zudem gelernt, Rücksicht zu nehmen, sich leise zu verhalten, ordentlich zu sein und nichts herumliegen zu lassen. Gurski: „Wie gesagt, Nellie frisst gerne Radiergummis.“

Die Kinder aus der 2e können sich den Unterricht ohne Hund gar nicht mehr vorstellen. „Es ist toll mit Nellie, weil das Lernen viel mehr Spaß macht und alle viel fröhlicher sind“, sagt David. Und der englischsprachige Matheunterricht? Davids Klassenkameradin Emilia hat eine klare Meinung dazu: „Mathe auf Englisch ist gar nicht so schwer, wie es sich anhört. Bei mir zu Hause wird gar kein Englisch gesprochen, deshalb finde ich es gut, dass wir in der Schule Englisch sprechen.“ Gökan nickt zustimmend und berichtet, dass bei ihm zu Hause nur Türkisch gesprochen wird. Timur ergänzt: „Schwere Sachen werden ja auch mal auf Deutsch erklärt, etwa dass der Hund Verstopfung kriegt, wenn er Radiergummis frisst.“

Lehrerin Almut Gurski freut sich über so viel Zuspruch. „Der Unterricht mit Nellie funktioniert sehr gut, man muss allerdings immer auch auf Stresssymptome beim Hund und ausreichend Ruhephasen achten.“ Außerdem ist eine vertrauensvolle Bindung zwischen Schulhund und Lehrerin als Team unabdingbar. So kann beispielsweise auch ein unruhiges Kind zur ausgeruhten Nellie auf den Teppich geschickt werden, damit es sich durch die entspannte und ausgeglichene Hündin selbst wieder beruhigt. „Dann hört das Kind meist sofort auf zu zappeln“, erklärt die Lehrerin.

80 Prozent der Kinder nehmen am Ganztag teil

Fast so lange wie den englischsprachigen Unterricht und den Unterricht mit Hund gibt es an der in den 1960er Jahren gegründeten Grundschule Ganztagsunterricht. 2005 startete die Schule als offene Ganztagsschule für die Jahrgänge 3 und 4. Damals gab es für die angemeldeten Kinder von montags bis donnerstags zwischen 13 und 16 Uhr Nachmittagskurse, ein gemeinsames Mittagessen sowie Hausaufgabenhilfe. Schulleiterin Regina Schubert: „Wir gehörten mit unserem Kurs- und Essensangebot zu den ersten Ganztagsschulen Hamburgs.“ 2007 wurde das Nachmittagsangebot auf die zweiten Klassen ausgeweitet, so dass jahrgangsübergreifende Kurse möglich wurden.

Zweitklässler einer Englisch immersiv-Klasse
Zweitklässler einer Englisch immersiv-Klasse© Claudia Pittelkow

2012 schließlich kamen im Rahmen eines Pilotprojekts auch die ersten Klassen hinzu. Das Projekt diente dazu, Erfahrungen mit Erstklässlern im Ganztag zu sammeln. „Wir haben spezielle Angebote für die ersten Klassen sowie das gemeinsame Mittagessen im Klassenraum entwickelt“, so die Schulleiterin. Unterrichtet wird von 8 bis 13 Uhr, danach gibt es bis 16 Uhr ein breites Angebot von rund 40 Kursen. Heute nehmen von den insgesamt 540 Kindern rund 420 Kinder am Ganztag teil, 2010 waren es gerade mal 80 bis 100 Schülerinnen und Schüler.

Das ursprüngliche Ziel – eine teilgebundene Ganztagsschule mit Unterricht von 8 bis 16 Uhr – ist mittlerweile vom Tisch. Stattdessen wurde zum Schuljahr 2015/16 das neue offene Ganztagsmodell optimiert. „Durch eine längere Mittagspause und andere Gruppenstrukturen wollen wir für mehr Entspannung am Nachmittag sorgen“, erklärt die Schulleiterin. Die Lernaufgabenzeit wurde verkürzt und mehr Zeit zum Spielen eingeräumt. Stand früher direkt nach dem Mittagessen Lernzeit auf dem Stundenplan, wurde jetzt eine 45-minütige Gruppenzeit eingeführt, die den Kindern ausreichend Zeit zum Entspannen lässt.

Kooperative Lernformen und Feedback: Schule setzt auf moderne Konzepte

Schubert: „Das abrupte Weiterlernen direkt nach dem Essen war nicht sinnvoll.“ Zum neuen Ganztagsmodell gehören auch flexiblere Abholzeiten für die Eltern. Nach Absprache mit den zuständigen Erziehern können die Kinder nun auch schon um 13 Uhr, um 14.30 Uhr oder um 16 Uhr, später dann auch zwischen 17 und 18 Uhr abgeholt werden. Ohnehin setzt die Schule auf Flexibilität. Aktuell können Eltern zwischen zwei verschiedenen Modellen auswählen: Die Variante 0 (keine Teilnahme am Ganztag) und die Variante 1 (verbindliche Anmeldung für mindestens einen Tag).

Für den Unterricht mit Hund gibt es Regeln© Claudia Pittelkow

Eine Besonderheit der Schule an der Gartenstadt ist die Aufgeschlossenheit der Lehrkräfte gegenüber neuen Konzepten: Die Grundschule setzt auf kooperative Lernformen und hat eine umfassende Feedback-Kultur etabliert, die fest im Schulkursbuch verankert ist. So werden Rückmeldungen von Schülern über Schüler, von Schülern über Lehrer, von Lehrern über Lehrer in Form von Hospitationen, von Lehrern über Schulleitung abgefragt, und auch der Nachmittagsbereich wird einbezogen.

Halbjährlich geben die Schülerinnen und Schüler ein Feedback zu Kursen, Kursleitern, Erziehern, Lernaufgabenhilfe und Mittagessen ab. Der Grundstein hierfür wurde 2004 gelegt, als das komplette Kollegium gemeinsam eine Fortbildungsreihe zu kooperativen Lernformen besuchte und zwei Jahre lang an einem Regionalprojekt teilnahm – mit dem Ergebnis, dass die vielfältige Feedback-Kultur bis heute eine zentrale Säule im Prozess zur Verbesserung der Schule ist.

Für ihre Konzepte und erfolgreiche Praxis schaffte es die Wandsbeker Schule 2011 unter die zehn besten Schulen beim Deutschen Schulpreis. Einziger Wermutstropfen: Die Nachfrage an Schulplätzen übersteigt bei weitem das Angebot. Regina Schubert: „Die Anmeldezahlen sind sehr hoch, sodass leider nicht alle Kinder bei uns einen Platz erhalten können.“

 

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