Bildungsbericht Ganztagsschule NRW 2016

Der Bildungsbericht Ganztagsschule NRW zeigt alle zwei Jahre die Trends der Entwicklung der Ganztagsschulen in Nordrhein-Westfalen auf. Ramona Steinhauer vom ISA Münster im Interview.

Die Bildungsberichterstattung Ganztagsschule NRW (BiGa NRW) dokumentiert seit 2010 die Entwicklung der Ganztagsschulen in NRW, um zu deren qualitativer Weiterentwicklung beizutragen. Die Ergebnisse sind jeweils Grundlage für die Konzipierung von Fortbildungsreihen und Qualitätsinstrumenten. Durchgeführt wird die BiGa NRW vom Institut für soziale Arbeit e.V. (ISA) Münster in Kooperation mit dem Forschungsverbund Deutsches Jugendinstitut / Technische Universität Dortmund und der Qualitäts- und UnterstützungsAgentur – Landesinstitut für Schule NRW (QUA-LiS NRW). Ramona Steinhauer vom ISA Münster im Interview über den kürzlich veröffentlichten 5. Bildungsbericht 2016.

Online-Redaktion: Frau Steinhauer, welcher Aufwand und welche Methoden stehen hinter dem aktuellen Bildungsbericht Ganztagsschule NRW?

Ramona Steinhauer: Für den Bericht 2016 haben wir im Schuljahr 2015/2016 standardisierte Online-Befragungen von Schulleitungen, Ganztagskoordinatorinnen und -koordinatoren, Lehr- und Fachkräften und im Primarbereich auch von Trägervertretungen durchgeführt. Schülerinnen, Schüler und Eltern sind von uns auf Basis einer Stichprobe schriftlich befragt worden.

Ramona Steinhauer©  ISA Münster
Erstmalig wurde auch die Perspektive der Kommunen über die Schulverwaltungsämter in die Erhebung einbezogen. Darüber hinaus haben wir aktuelle Themen der Ganztagsschulentwicklung mit Hilfe qualitativer und quantitativer Forschungsmethoden aufgegriffen, zum Beispiel die Kooperation von Jugendhilfe und Ganztagsschule, die neue Zuwanderung mit Blick auf die Steuerungs- und Planungsprozesse in Kommunen und Ganztagsschulen, die Lehr- und Lernprozesse in den Ganztagsschulen oder die kommunale Steuerung. Insgesamt haben sich rund 800 Ganztagsschulen sowie jeweils rund 100 Träger und Schulverwaltungsämter beteiligt.

Online-Redaktion: Wie fügt sich der neue Bildungsbericht in die Reihe der bisherigen Berichte ein?

Steinhauer: Die aktuellen Ergebnisse zeigen, dass die Ganztagsschulen in Nordrhein-Westfalen im Schuljahr 2015/2016 mit alten und neuen Herausforderungen konfrontiert sind. So haben die große Zahl neu zugewanderter Kinder und Jugendlicher, aber auch die zunehmende Umsetzung der inklusiven Beschulung spezifische Entwicklungsprozesse in Gang gesetzt und Handlungsbedarfe in den Ganztagsschulen verstärkt. Vor diesem Hintergrund unterstreichen die Befunde der BiGa NRW die Bedeutung des professionellen Umgangs mit Heterogenität und individueller Förderung.

Umschlag Bildungsbericht Ganztagsschule NRW
© ISA Münster

Im vorliegenden Bericht sind auch Verbesserungsbedarfe deutlich geworden. Um die Bildungsteilhabe der Kinder und Jugendlichen zu fördern, braucht es zum Beispiel mehr Partizipation der Schülerinnen und Schüler. Oder: Die Kooperation in Ganztagsschulen muss auf steuernder und operativer Ebene optimiert werden. Das heißt, nicht nur die Einstellungen zur Kooperation müssen weiterentwickelt werden, sondern es braucht auch adäquate Ressourcen und verbindliche Kooperationsstrukturen.

Online-Redaktion: Welche Entwicklungen würden Sie als positiv beschreiben?

Steinhauer: Die Kooperation auf den verschiedenen Ebenen funktioniert sehr gut. Auf administrativer Ebene hat sich zum Beispiel eine verstetigte Kooperationskultur zwischen den Schulverwaltungen und Jugendämtern entwickelt, die von beiden Akteuren als gewinnbringend bezeichnet wird. Vor allem im Bereich der erzieherischen Förderung ist die Kooperation zwischen öffentlichen und freien Jugendhilfeträgern und Ganztagsschulen ein wichtiges Arbeitsfeld geworden.

© Britta Hüning

Auf der Ebene der Akteure innerhalb der Ganztagsschulen kann man sehen, dass die Zufriedenheit von Lehr- und Fachkräften mit unterschiedlichen Aspekten ihrer Berufstätigkeit relativ hoch ausfällt und in der zeitlichen Entwicklung auf einem stabilen Niveau geblieben ist. Bei den Eltern zeigt sich insgesamt eine recht hohe Zufriedenheit mit der Förderung ihrer Kinder, sowohl mit Blick auf Lernschwierigkeiten und Begabungen, als auch hinsichtlich der sprachlichen und sozialen Kompetenzen. Auch die Informationen zur Lernentwicklung ihrer Kinder empfinden die meisten Eltern als ausreichend.

Online-Redaktion: Worin bestehen die Herausforderungen?

Steinhauer: Die Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Ganztagsschule ist, so zeigt es die BiGa NRW erneut, im Primarbereich strukturell stärker verankert als in der Sekundarstufe I, wodurch sich mehr Kooperationsmöglichkeiten ergeben. Während die offenen Ganztagsgrundschulen in NRW größtenteils in Trägerschaft der Jugendhilfe sind und die Erzieherinnen und Erzieher nach wie vor den festen Personalstamm im offenen Ganztag bilden, wird die gebundene Ganztagsschule in der Sekundarstufe I häufiger von Lehrkräften in Verbindung mit pädagogisch nicht einschlägig qualifiziertem Personal gestaltet. Die Jugendhilfe ist in der Sek I über die Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter in einem Großteil der Ganztagsschulen vertreten. Zudem zeigen sich zaghafte Tendenzen in der Sek I, die Kapitalisierung von Lehrerstellen stärker zu nutzen, wodurch mehr Möglichkeiten entstehen, die Jugendhilfe ins Boot zu holen. Trotz der strukturellen Verankerung von Schule und Jugendhilfe in der Primarstufe zeigt sich auf personeller Ebene, dass die Kooperation von Lehr- und Fachkräften deutlich intensiviert werden könnte, insbesondere wenn es um die Gestaltung gemeinsamer Lernsituationen für die Schülerinnen und Schüler geht.

Britta Hüning
© Britta Hüning

Zum Thema Partizipation konnte die BiGa NRW bisherige Untersuchungsergebnisse untermauern: Kindern und Jugendlichen werden noch zu wenig Mitgestaltungsmöglichkeiten geboten. Und wenn Schülerinnen und Schüler ein Interesse der Lehr- und Fachkräfte an ihren Meinungen, Bedürfnissen und Neigungen wahrnehmen, beeinflusst das ihre Zufriedenheit mit dem Ganztag positiv. Um dem Wunsch der Schüler nach mehr Partizipation nachzukommen, sollten Lehr- und Fachkräfte die Kompetenz der Selbstorganisation schon bei jüngeren Kindern im Unterricht und im außerunterrichtlichen Bereich anerkennen und fördern. Zudem brauchen Lehr- und Fachkräfte mehr Fortbildung und Fortbildungsmaterialien, um sich über partizipative Methoden, Konzepte und Arbeitsweisen zu informieren. Dies setzt jedoch auch voraus, dass Lehr- und Fachkräfte eine entsprechende partizipationsbereite Haltung einnehmen.

Online-Redaktion: Sie haben das Thema geflüchteter Kinder und Jugendlicher neu aufgenommen. Welche Fragestellungen haben Sie hier geleitet, und welche Ergebnisse gibt es hier?

Steinhauer: Durch den rasanten Anstieg der Zuwanderung in den Jahren 2014 bis 2016 bestand für die kommunalen Bildungssysteme die Herausforderung, die schulische Integration der neu zugewanderten Kinder und Jugendlichen zeitnah zu gewährleisten. Für uns waren dementsprechend forschungsleitende Fragen für den Bildungsbericht: Wie steuern und planen Verantwortliche auf der kommunalen Ebene die Beschulung? Welche Bedeutung haben Ganztagsschulen bei der Zuweisungspraxis? Welche schulorganisatorischen Modelle und Integrationskonzepte gibt es in den Ganztagsschulen?

© Britta Hüning

Als ein Ergebnis wurde deutlich, dass zwar die integrationsförderlichen Potentiale des Ganztags bekannt sind, aber in der kommunalen Zuweisungspraxis der Ganztag bisher keine Beachtung findet. Positiv hervorzuheben ist, dass alle Schulformen der Sekundarstufe I in Nordrhein-Westfalen in den Integrationsprozess eingebunden sind. Als organisatorisches Modell wurde in den befragten Schulen als pragmatische Übergangslösung insbesondere die Beschulung in sogenannten internationalen Klassen gewählt. Die Befragten erachten allerdings die Einzelintegration in Regelklassen als pädagogisch sinnvoller und wollen diese auch mittelfristig umsetzen. Die Übergangsgestaltung in Regelklassen wird demnach ein pädagogisches Entwicklungsfeld bleiben, dem sich die BiGa NRW zukünftig widmen möchte.

Online-Redaktion: Vielen Dank für das Interview!

André Altermann/Nicole Börner/Mirja Lange u. a. (2016): Bildungsbericht Ganztagsschule NRW 2016. Dortmund.

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