Europaschule Erkelenz: Ganztagsziel erreicht

Eine „andere Idee von Schule“ hatte die Europaschule Erkelenz, als sie 2009 den gebundenen Ganztag einführte. Jetzt gehört die Schule den Schülerinnen und Schülern.

Die Daten sprudeln nur so aus Willi Schmitz. 2008: Teilnahme des Schulleiters an einer Fortbildung „Neurobiologie und Lernen“ mit der anschließend zuhause geäußerten Erkenntnis:

© Europaschule Erkelenz
„Was machen wir für einen Mist.“ Februar 2009: Teilnahme des gesamten Kollegiums an der thematisch gleichen Fortbildung. Februar 2009: Lehrerkonferenz oder – wie es der Schulleiter heute nennt – „Jammerkonferenz“, ohne Tagesordnung, aber mit dem Inhalt „Wo kommen unsere große Unzufriedenheit, unser Leidensdruck, aber auch der von Eltern und Kindern her?“. Mai 2009: anderthalbtägige Lehrerkonferenz „Was soll sich ändern und wie?“. Juni 2009: Gespräche mit der Stadt über die Einführung des gebundenen Ganztags. Sommer 2010: Einführung des gebundenen Ganztags.

Ende der „Lernfabrik“

Was im Zeitraffer einfach und logisch erscheint, bezeichnen Schmitz und Konrektorin Bettina Peiffer im Nachhinein als sieben Jahre atemberaubender Schulentwicklung der Europaschule Erkelenz. Blicken wir zurück auf die „Jammerkonferenz“. Ihre Dauer: 90 Minuten. Die Liste der Veränderungswünsche: lang. Die Prioritäten: Mit 1.300 Schülerinnen und Schülern sind wir viel zu groß. Wir werden den Kindern nicht mehr gerecht – wir sind eine Lernfabrik. Wir müssen entschleunigen.

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„Puh“, atmete seinerzeit so manch einer aus: „Wie soll das nur gelingen?“ Knapp drei Monate später versammelte sich das Kollegium wieder, schaute in Ruhe „Treibhäuser der Zukunft“, jenen fast schon legendären, vom Bundesbildungsministerium geförderten Film des Journalisten Reinhard Kahl (Kommentar eines Pädagogen: „Das ist Gehirnwäsche.“). Gemeinsam wurde in Ruhe gegessen, anschließend der Austausch mit Gerhard Fischer, dem damaligen Schulleiter des Gymnasiums Zum Altenforst in Troisdorf, gesucht. Thema: Wie habt ihr Entschleunigung geschafft, wie den Lärm reduziert?

Eine Antwort: Wir haben den Ganztag eingeführt. Kein Wunder, dass dieses Fazit auch als ein Ergebnis und einstimmig festgelegtes Ziel des zweiten Tagungstages im für die Entwicklung der Schule geschichtsträchtigen Monat Mai 2009 Einzug hielt. Dieser Ganztag sollte geprägt sein vom Geist einer fairen Schule für Schülerinnen und Schüler, aber auch für die Pädagoginnen und Pädagogen. Schmitz und Peiffer sind überzeugt: „Das Ziel haben wir erreicht.“

Gelebte Partizipation

Zur Fairness gehört in Erkelenz ohne Wenn und Aber die Partizipation. Eltern, besonders aber auch die Kinder und Jugendlichen zu hören, ihre Meinung und Wünsche ernstzunehmen und wenn eben möglich umzusetzen, ist gelebter Alltag. Als Paradebeispiel sei die Abkehr vom Klassenraum- hin zum Lehrerraumprinzip genannt. Es waren Schülervertreter, die sich vor rund drei Jahren auf den Weg ins benachbarte Hückelhoven in die dortige Realschule Ratheim gemacht hatten. Dort tauschten sie sich mit Gleichaltrigen aus, hörten Lehrerinnen und Lehrer, schnupperten die Luft im Lehrerraum.

Europaschule Erkelenz
© Europaschule Erkelenz

Eine, die gerne mitreiste, ist die 15-jährige Elena. „Da sagt man nicht nein, wenn man mitfahren darf“, versichert die Klassen- und stellvertretende Schülersprecherin. Vor der Exkursion sei die Einstellung im Schülerteam durchaus gemischt gewesen. Entsteht durch den Wechsel nicht zuviel Hektik? Ist es nicht problematisch, immer alle Unterrichtsmaterialien mitschleppen zu müssen? Bedenken, die die Schülerinnen und Schüler in Hückelhoven entkräften konnten. Sie hatten nur positive Erfahrungen gesammelt.

Besser nachvollziehbare Entscheidungen

Angetan von den Berichten stellte die Erkelenzer Schülervertretung den Gremien ihrer Schule das Modell vor und plädierten für dessen Einführung. Seit Sommer 2014 wandern nunmehr die Schülerinnen und Schüler. Und sind begeistert. „Wir sind in Bewegung, hocken in den Wechselpausen nicht herum. Stress und Mobbing, die aufkamen, weil man nichts zu tun hatte, haben deutlich abgenommen“, berichtet Elena.

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Auch über schwere Taschen klagt kaum jemand. Die Lehrer halten stets Klassensätze von Büchern parat. Noch mehr als über die Abkehr vom alten Konzept freuen sich Elena und ihre Freunde über die Chance, mitwirken zu können. „So können wir Entscheidungen in diesem großen Zahnrad Schule besser nachvollziehen“, betont die Zehntklässlerin. Selbstkritisch fügt sie hinzu: „Wir können schon sehr viel mitreden. Wenn wir mehr Initiative ergreifen würden, könnten wir das sogar noch viel stärker.“

„Verschwörung“ gegen den Gong

Und noch eine Änderung, die Außenstehende vielleicht als Marginalie bezeichnen würden, hat zum Entschleunigen und damit zum harmonischeren Lernen und Leben in der Ganztagsschule, die gerade von der Unfallkasse NRW mit dem Schulentwicklungspreis „Gute gesunde Schule“ ausgezeichnet wurde, beigetragen. Der Gong als Pausenzeichen wurde abgeschafft. Wenn auch eher durch Zufall. Oder durch gute Erfahrung, die Willi Schmitz gemeinsam mit Hausmeister Udo Michel mehr oder weniger „verschwörerisch“ herbeiführte.

Europaschule Erkelenz
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Gemeinsam beschlossen sie, den Gong nach den Sommerferien 2016 auszuschalten. Der Überzeugung des Kollegiums, er sei defekt, widersprachen sie innerlich schmunzelnd nicht. Umso überraschter waren sie, als nach zwei Wochen ohne Gong die Bitte von Schülern, Schülerinnen und Kollegen kam, ihn nicht zu reparieren. Er bleibt „defekt“. „Auch dadurch ist die Aggression deutlich gesunken“, sagt Schmitz, zum Beispiel, weil nicht alle mit einem Schlag aus den Unterrichtsräumen „flüchten“, die Hektik auf den Gängen ebenso wie Verletzungen durch Stürze zurückgegangen sind.

Die Schule gehört den Schülerinnen und Schülern

Schmitz und Peiffer sind überzeugt, dass „die Schülerinnen und Schüler das Gefühl haben müssen, dass die Schule ihnen „gehört“. Das fördert die Lernmotivation. Das ermöglicht auch, dass die pädagogischen Konzepte greifen. So wie die intensive Leseförderung: Sie beinhaltet u.a. jährliche Autorenbegegnungen, Lektüre in allen Jahrgangsstufen, ständig wechselnde Buchausstellungen, Lesewettbewerbe in Klasse 6, Lesekurse.

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Aber dazu gehört auch die modern und gemütlich eingerichtete, zum Verweilen einladende, mit Medien aller Art ausgestattete Mediathek. Sie wird von der ausgebildeten Bibliothekarin Mona Hansen geleitet. Selbstverständlich ist in der Europaschule, dass die Schiefertafel eher der Vergangenheit angehört. Der IT-Bereich ist die neue Realität. „W-LAN für alle“, lautet die Devise. Das Handy ist nur im Unterricht tabu, es sei denn, es dient der Recherche oder als Fotoapparat.

Ob im Bilingualen Unterricht (Deutsch/Französisch) und im ausgeprägten Fremdsprachenangebot – inklusive Niederländisch –, die dem Europagedanken der Schule Rechnung tragen, in den Naturwissenschaften oder bei der Berufsvorbereitung: Caring, sprich „Kümmern“, wird stets mitgedacht. Sowohl im Sinne der Lehrkräfte, die über ein großzügiges Lehrer-Arbeitszimmer, aber auch einen eigenen Ruhebereich mit Küche für die Eigennutzung verfügen, als auch im Interesse der Schülerinnen und Schüler, die täglich im Chill- und im Funraum frische Kräfte sammeln können.

Oder, wenn es erforderlich ist, auch einmal jenseits von Arbeitsgemeinschaften und Kursen für eine Weile aus dem Unterricht genommen und bei Schreiner Joachim Fleischer im Umgang mit Holz auf andere Gedanken kommen und kreativ tätig sein können. Er bietet stets zur Mittagsstunde Workshops und Beschäftigungsmöglichkeiten, die von den Jugendlichen auch zum Bau eigener Instrumente, Gebrauchsgegenstände oder Spiele genutzt werden. „Ob sie dadurch mehr oder besser lernen, weiß ich nicht, da es nicht messbar ist. Aber ich bin überzeugt, dass das wie ein Motor für andere Bereiche wirkt, wenn sich Kinder auf die Schule freuen, vielleicht auch, weil sie in unserer Werkstatt arbeiten können“, glaubt Fleischer.

Europaschule Erkelenz
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Seine Aussage steht stellvertretend für die Denkweise und den Wunsch der Schule – eben eine andere Idee von Schule. Dass sie aber überhaupt umsetzbar ist, liegt auch an der Stadt Erkelenz. Die griff tief in die Tasche, um durch Um- und Ergänzungsbauten den „dritten Pädagogen“ zu optimieren. Willi Schmitz’ erfreuter Kommentar: „Unsere Stadt nennt sich Schul- und Sportstadt. Sie hat längst die Bedeutung der weichen Standortfaktoren erkannt.“ Schülerinnen und Schüler, Eltern und Pädagogen wissen es zu schätzen.

 

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