Ganztagsschule zwischen Flexibilität und Verlässlichkeit

„Wir sprechen über ein Thema, das uns allen sehr am Herzen liegt“, so Bildungsministerin Dr. Susanne Eisenmann zum Ganztagsgipfel Baden-Württemberg. Die Ergebnisse sind wichtig für die weitere Entwicklung der Ganztagsschulen.

Zu einem Ganztagsgipfel hatte Kultusministerin Dr. Susanne Eisenmann am 24. November 2016 ins Kultur- und Kongresszentrum „K“ in Kornwestheim eingeladen. Mehr als 500 Lehrerinnen und Lehrer, Eltern, Schülerinnen und Schüler, außerschulische Bildungspartner, Schulleitungen, Schulträger und Vertreter der Lehrerverbände sowie der Schulverwaltung folgten der Einladung. Sie tauschten sich einen Tag lang in Workshops und im Plenum über die Themen aus, die im Land kontrovers diskutiert werden beziehungsweise zu denen es einen hohen Informationsbedarf gibt.

© Florian Gleibs / Kultusministerium

„Ich möchte den Tag weniger als Ganztagsgipfel verstehen, sondern mehr als eine Arbeitstagung“, betonte die Kultusministerium gleich zum Auftakt. Die Bestandsaufnahme zur Situation der Ganztagsschulen in Baden-Württemberg war im Mai 2016 im Koalitionsvertrag der Landesregierung vereinbart worden. Die sich daraus ergebenden konkreten politischen und administrativen Optionen sollen im Mai 2017 dann wiederum mit einem breiten Plenum aller Beteiligten auf einem weiteren „Gipfel“ diskutiert werden.

Flexibilität versus Verlässlichkeit

„Wir sprechen über ein Thema, das uns allen sehr am Herzen liegt“, betonte Susanne Eisenmann, die ihre Wertschätzung deutlich zum Ausdruck brachte und über den gesamten Tag anwesend war. „Der Auftrag der neuen Landesregierung ist es, den quantitativen und qualitativen Ausbau der Ganztagsschule weiter voranzutreiben“, so die Ministerin. „Dabei wird es keine Zwangsbeglückung für Eltern geben. Der Elternwille ist von zentraler Bedeutung, und die Wahlfreiheit wird bleiben.“

Britta Hüning
© Britta Hüning

Auf der anderen Seite erinnerte sie an die Verlässlichkeit, die Schulen und besonders auch die Kinder brauchen. Als ein Kompromiss könne schon jetzt gelten, dass in den Grundschulen die Mittagszeit von der Schulpflicht befreit worden sei; dies könne man auch auf die Gemeinschaftsschulen ausweiten. Die Frage der Wahlfreiheit für Eltern und der Ganztagskonzepte durchzog die gesamte Veranstaltung wie ein roter Faden.

„Die Ganztagsschule wird, wie es im Koalitionsvertrag steht, auch in den Klassen 5 bis 7 verankert. Ebenso wollen wir die Realschulen durch den Ganztag stärken. An Gemeinschaftsschulen kann es ab der 8. Jahrgangsstufe demnächst auch, wenn gewünscht, einen offenen Ganztag geben“, skizzierte Susanne Eisenmann weitere Vorhaben. Voraussetzung für die Genehmigung der Ganztagsschule bleibe ein „gutes und stimmiges pädagogisches Konzept“.

Ministerin Dr. Susanne Eisenmann© Florian Gleibs / Kultusministerium

50 Prozent der zusätzlichen Lehrerwochenstunden für den Ganztag können in Baden-Württemberg monetarisiert werden, um außerschulische Partner zu gewinnen. Im Schuljahr 2015/16 haben 57 Prozent der Ganztagsschulen von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht. Immerhin 17 Prozent gaben an, keine geeigneten Partner zu finden. „Das Kultusministerium versucht die Netzwerkarbeit zu intensivieren“, versprach die Ministerin. Weitere Herausforderungen seien eine sinnvolle Rhythmisierung in der Sekundarstufe I, die Öffnung der Schulen zur Gesellschaft und ein Konzept für das Mittagessen für alle Schularten. „Heute geht es erst einmal ums Zuhören“, meinte Susanne Eisenmann.

Bereichernder Austausch: „Ich bin nachdenklich geworden“

13 Workshops nahmen diese Fragen auf. Zwei Stunden lang diskutierten Teilnehmerinnen und Teilnehmer ganz unterschiedlicher Hintergründe bunt gemischt – immer mit dem konkreten Auftrag, fünf Punkte auszuwählen, die der Gruppe als besonders wichtig erscheinen und die dann im Plenum vorgestellt werden sollten. Doch auch der Weg wurde zum Ziel: Wie einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer während der Präsentation ihrer Ergebnisse auf der Bühne resümierten, empfanden sie den Austausch der unterschiedlichen Standpunkte und deren Kenntnisnahme als bereichernd. „Ich bin nachdenklich geworden“, erklärte zum Beispiel ein Elternvertreter.

Workshop
Konzentriertes Diskutieren im Workshop© Florian Gleibs / Kultusministerium

Im Workshop „Das Mehr an Zeit nutzen – Qualitätskriterien für Ganztagskonzepte“ waren sich mehrere Vertreterinnen und Vertreter von kommunalen Schulträgern einig, dass die Professionalität des Personals wichtig sei: „Der Flickenteppich muss weg, es sollte keine prekären Arbeitsverhältnisse geben, sondern reguläre Anstellungsverträge.“ Genauso wichtig sei das Entwickeln einer „Ganztagshaltung“ in den Schulen, dies sei ein „großer Knackpunkt“. In manchen Schulen täten sich Schulleitungen und Lehrkräfte schwer, sich vom „Halbtagstrott“ zu verabschieden.

„Quadratur des Kreises“

Den Komplex „Flexibilität versus Verlässlichkeit“ diskutierten die Kommunalvertreter ebenfalls. „Die Eltern fragen nicht mehr nach Flexibilität, wenn sie die Ganztagsschule erstmal kennengelernt haben – so ist das jedenfalls bei uns“, war ein Schulträgervertreter überzeugt. Tanja Göggler, die Schulleiterin der Eduard Mörike-Grundschule in Blaustein, berichtete: „Wir haben an unserer Schule alle möglichen Ganztagsformen ausprobiert, aber erst im gebundenen Ganztag habe ich das Gefühl, pädagogisch sinnvoll mit den Schülerinnen und Schülern arbeiten zu können.“

Britta Hüning
© Britta Hüning

Dass dies kein Konsens unter den 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmern war, zeigte sich in der Diskussion im Plenum, wenn jeweils die eine Seite für Elternwahlfreiheit und die andere Seite für verlässliche Ganztagsangebote applaudierte. Aus vielen Workshops kam die Forderung nach mehr Flexibilität und Wahlfreiheit zwischen verschiedenen Nachmittagsangeboten, von der Ganztagsschule über die Halbtagsschule bis zur Betreuung im Hort oder im Schülerhaus. Ein Teilnehmer sprach von der „Quadratur des Kreises“, die das Ministerium in dieser Frage vor sich habe: „Darum beneide ich Sie nicht.“

Wichtige Themen für Ganztagsschulen

Neben diesem Thema und dem generellen Wunsch nach mehr Personal- und Sachmitteln schälten sich quer durch die Workshops andere Themen heraus, deren Bearbeitung die Teilnehmenden sich wünschen: Dazu gehören beispielsweise der Ausbau und die Vereinfachung der Budgetierung, flexiblere Möglichkeiten der Monetarisierung, die Entlastung der Schulleitungen und eine professionelle Unterstützung in der Verwaltung der Ganztagsschule, die selbstverantwortete Personalentwicklung an Schulen und verbindliche Standards zu den Bereichen Zeit, Personal und Raum.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer stellen ihre Workshop-Ergebnisse vor© Florian Gleibs / Kultusministerium

Aber es ging auch um die Kooperation mit außerschulischen Partnern - ein Vorschlag war beispielsweise, eine Stelle beim Schulträger zur Koordination und Pflege von Kontakten zu schaffen -, um die Entwicklung von Ganztagskonzepten für Gymnasien oder um die gemeinsame Verantwortung und Verortung der Beschäftigten der Jugendhilfe. Themen wie Gemeinschaftsgefühl und Stärkung sozialer Kompetenzen wurden ebenfalls angesprochen.

Erfolgreicher Austausch

„Die Ergebnisse kommen auf die Seite des Ministeriums“, versprach Bildungsministerin Susanne Eisenmann zum Abschluss und zeigte sich erfreut, „dass der Saal noch immer so voll wie heute Morgen ist“. Das sei keine Selbstverständlichkeit. Den Wunsch aus dem Plenum, dass Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagung bis zum nächsten Kongress im Frühjahr auch in den ministeriellen Fachgruppen mitarbeiten wollten, nahm die Kultusministerin auf.

Sie resümierte: „Die heutige Veranstaltung war schon alleine deshalb ein Erfolg, weil alle Beteiligten zu einem offenen Austausch ihrer unterschiedlichen Positionen zusammengekommen sind. Denn in Baden-Württemberg gibt es aufgrund seiner vielfältigen Struktur ganz unterschiedliche Anforderungen an die Ganztagsschule“.

 

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