Zwischen den Meeren: Team Ganztagsschule

„Miteinander füreinander – Multiprofessionelle Zusammenarbeit“ war das Motto des diesjährigen 7. Landeskongresses „Ganztag zwischen den Meeren“ in Schleswig-Holstein.

Die schleswig-holsteinische Bildungsministerin Britta Ernst sieht in den Ganztagsschulen „keinen Bereich, bei dem man nicht auf Kooperation angewiesen ist“.

Rundgang durch die Ausstellung der Referenzschulen mit Ministerin Britta Ernst, Maren Wichmann und Prof. Falk Radisch© Jörg Asmus-Wieben
Für Maren Wichmann von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung ist Kooperation ein „Schlüsselthema“. Folgerichtig fand der 7. „Ganztag zwischen den Meeren“ am 23. November 2016 in Bad Segeberg unter der Überschrift „Miteinander füreinander – multiprofessionelle Zusammenarbeit an Ganztagsschulen“ statt, und die über 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer setzten sich aus schulischen und außerschulischen Akteuren zusammen.

Einen Nachmittag lang gelang es im Mikrokosmos, die Teamaufgabe Ganztagsschule sichtbar werden zu lassen – in den Nachfragen an die Vortragenden im Plenum, im „Speed Geeking“, bei dem sich die 24 Schulen aus dem „Referenzschulnetzwerk Ganztägig lernen 2015/2016“ in kurzen Informationsrunden mit ihrem Programm den Teilnehmenden vorstellten, oder in den sechs Foren, in denen unterschiedliche Facetten zur Kooperation innerhalb der Schule oder mit außerschulischen Partnern beleuchtet wurden.

Bewährtes Referenzschulnetzwerk

Eine gute Nachricht hatte Bildungsministerin Britta Ernst gleich mitgebracht: Das Referenzschulnetzwerk der Serviceagentur geht in eine neue Runde, das Ministerium wird den Austausch von Ganztagsschulen weiter fördern. „Das Schulnetzwerk hat sich bewährt“, bilanzierte die Ministerin.

Kongress
Britta Ernst© Jörg Asmus-Wieben
„Die Schulen haben hier die Möglichkeit, abzuschätzen, wie sie mit ihren Schulentwicklungsprozessen vorankommen, können sich mit anderen Schulen auseinandersetzen und gegenseitig unterstützen.“ Gerade für Schulleitungen sei dies wichtig, da sie sich über bestimmte Dinge nur unter ihresgleichen austauschen könnten. Seit dem Start vor acht Jahren haben sich insgesamt 81 Ganztagsschulen am Netzwerk beteiligt. Wie gewinnbringend der Austausch ist, bezeugten die Schulen auf dem Kongress mit ihren Beispielen.

„Wir stecken noch mitten drin in der größten Reform des Schulwesens der letzten Jahrzehnte“, meinte Britta Ernst in der Podiumsdiskussion. „Eine große Aufgabe ist, die Versäulung im Bildungssystem zu überwinden, und die verschiedenen Partner zusammenzubekommen.“ Schlussendlich werde man erfolgreich sein: „Momentan arbeiten von unseren 803 allgemeinbildenden Schulen 507 als offene und 31 als gebundene Ganztagsschulen. In 20 Jahren wird man sich Halbtagsschulen gar nicht mehr vorstellen können.“

Die Referenzschulen informieren über ihre Arbeit© Jörg Asmus-Wieben

Schleswig-Holstein gehört Maren Wichmann zufolge zu den Bundesländern, die seit Beginn des Ganztagsschulausbaus vor rund einem Jahrzehnt konsequent auf die Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern gesetzt habe. Man sei auf dem Feld der Kooperation weitergekommen, „aber noch viel zu wenig“. Die Kooperationen würden quantitativ zunehmen, aber nicht immer qualitativ. Es gebe immer noch „Stimmen aus der Jugendhilfe, die die Zusammenarbeit skeptischer sehen als die Schulseite“, so Maren Wichmann. „Es ist halt richtig schwierig, sich auf andere einzulassen und das eigene Arbeiten zu verändern.“

Forschung: „Frustrierend und beglückend zugleich“

Prof. Falk Radisch von der Universität Rostock forscht seit 2003 zum Thema Ganztagsschule, er gehörte dem ersten StEG-Team an und leitete zuletzt in Rostock mit „KoLepP“ ein Forschungsprojekt zur Kooperation von Lehrkräften und pädagogischem Personal. Er meinte, dass man „das Thema Kooperation gar nicht überschätzen kann“, und sah den Stand positiver: „Wir sind enorm vorangekommen, die Rahmenbedingungen haben sich verbessert, und wir wissen inzwischen viel mehr über das Thema.“

Die große Heterogenität in den Kooperationsmodellen der Ganztagsschulen sei für Bildungsforscher und Bildungsforscherinnen „frustrierend“. Zugleich sei es aber auch „beglückend“, zu sehen, „dass jede Schule gemäß ihren Bedürfnissen vor Ort den Ganztag gestaltet“. Es sei schwierig, hier allgemeingültige Qualitätsstandards aufzustellen, daher müsse die Forschung mehr auf die Praxis zugehen, um Erkenntnisse darüber zu gewinnen.

Prof. Falk Radisch© Jörg Asmus-Wieben

Kritisch sah Radisch: „Die Kooperationspartner haben oft den Status von an der Schule angestellten Subunternehmern. Und der Unterrichtsbereich ist von der Kooperation fast vollständig ausgeschlossen“, das zeigten die bisherigen Forschungen. „Vieles an Schulen ist keine Kooperation, sondern eher eine latente Zusammenarbeit aus dem Gefühl heraus, etwas tun zu müssen.“ Positiv sei wiederum, dass seit 2010 der Anteil des hauptberuflich tätigen pädagogischen Personals steige.

Im Publikum gab es auch kritische Stimmen: Eine Trägervertreterin vermisste „Ganztagsschulstandards zur Betreuung“ und „Fortbildungen für die außerschulischen Partner“, einer anderen fehlte die „gleichberechtigte Mitbestimmung in der Schule“. Falk Radisch gab Empfehlungen für das Gelingen der Kooperation von Schule und außerschulischen Partnern: „Ziele und pädagogische Verantwortung müssen geklärt werden. Es braucht einen Austausch über das Rollenverständnis, ein einheitliches Konzept zur Personalentwicklung und gleichberechtigte Mitbestimmung.“

Trennung aus den Köpfen bekommen

Eine Ganztagsschule, in der die Zusammenarbeit bereits sehr gut verankert ist, stellte sich mit der Grundschule Eichholz im Forum „Innerschulische Kooperation in der Ganztagsschule“ vor. An der offenen Ganztagsschule in Lübeck lernen 180 Schülerinnen und Schülern; 130 von ihnen besuchen die offene Ganztagsschule, die am Nachmittag vom Schulkinderhaus organisiert wird. Das Schulkinderhaus an der Grundschule Eichholz gehört zum Lübecker Modellprojekt „Schule als Lebens- und Lernort“.

Kongress
© Jörg Asmus-Wieben

„Alle am Nachmittag Beschäftigten sitzen auch am Vormittag mit im Unterricht“, erzählte Schulleiterin Stephanie Wolf. Die Stadt Lübeck unterstützt diesen Personaleinsatz finanziell. „Am Nachmittag sind drei Lehrkräfte im Einsatz, die auch in den Hausaufgabengruppen vorbeischauen“, berichtete die Schulleiterin. Es sei ein „langwieriger Prozess“ seit 2007 gewesen, bis die Lehrkräfte, Schulsozialarbeiterin, Sozialpädagoginnen und -pädagogen, Erzieherinnen und Erzieher, Heilerziehungspfleger und andere den heutigen Zustand der koordinierten Zusammenarbeit erreicht hätten. „Wir mussten erstmal das 'Das sind wir – das seid ihr' aus den Köpfen bekommen“, so die Rektorin.

Jetzt treffen sich die Leitungen von Schule und Schulkinderhaus regelmäßig zur Absprache, und das „Herzstück, das richtig gut läuft“, sind die multiprofessionellen Teams. Diese kommen einmal wöchentlich und bei Bedarf zur Vorbereitung und Durchführung gemeinsamer Elterngespräche zusammen. Die Kommunikation wird durch Klassenübergabebücher sowie jeweilige Informationsmappen für Lehrkräfte und das weitere pädagogische Personal sichergestellt. Auch das Schulkinderhaus-Team trifft sich einmal monatlich zur internen Sitzung.

„Wenn der Wagen erstmal läuft...“

„Ganz wichtig sind die gemeinsamen Fortbildungen“, betonte Stephanie Wolf. „Die Crux liegt in der Bereitschaft des Kollegiums, gewisse Pfründe aufzugeben. Die Lehrerinnen und Lehrer müssen den Vorteil der Kooperation sehen.“ An der Eichholz-Schule haben die Pädagoginnen und Pädagogen unterschiedlicher Profession die Vorzüge gemeinsamen Arbeitens bereits erkannt: Der Blick auf die einzelne Schülerin und den einzelnen Schüler weitet sich und verbessert die Möglichkeit individueller Förderung. „Wenn der Wagen erstmal läuft, dann lernen die Lehrer auch selbst. Das lohnt sich“, findet Stephanie Wolf.

© Jörg Asmus-Wieben

Was wird die Ganztagsschulen in Schleswig-Holstein im kommenden Jahr bewegen? Bildungsministerin Ernst möchte „mehr Schulen ins Boot holen“. Förder- und Honorarsätze seien im laufenden Schuljahr erhöht worden. Die Serviceagentur „Ganztägig lernen“ startet in Zusammenarbeit mit den Volkshochschulen ihren nächsten Zertifikatskurs „Qualifizierung pädagogischer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an Ganztagsschulen“. In fünf Modulen mit insgesamt 63 Unterrichtseinheiten bekommen die Teilnehmenden Antworten und Informationen zu Fragen wie: Wie sieht die Arbeit an einer Ganztagsschule aus? Wie funktionieren Mitarbeit und Kooperation? Wie motivieren die Kursleiterinnen und Kursleiter Kinder und Jugendliche? Wie kann ein attraktives Angebot gestaltet werden?

 

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