Grund- und Werkrealschule Backnang: Wie Inklusion gelingen kann

Inklusion kann gelingen, auch wenn die Rahmenbedingungen nicht optimal sind. Davon sind der Leiter der Mörike-Grund- und Werkrealschule in Backnang, Klaus Lindner, und seine Stellvertreterin Brigitte Sorg überzeugt. Seit dem Schuljahr 2008/09 werden sechs Kinder der Bodelschwinghschule für Geistigbehinderte aus dem nahen Murrhardt in einer Regelklasse der Werkrealschule unterrichtet. Mehrfach war die Schule Aussteller beim Ganztagsschulkongress, der in diesem Jahr am 21. und 22. September im Berliner Congress Center am Alexanderplatz stattfindet.

Mörike-Grund- und Werkrealschule Backnang© Mörike-Grund- und Werkrealschule Backnang

Online-Redaktion: Von wem ging die Initiative zur Kooperation der beiden Schulen aus?

Klaus Lindner: Die Kinder mit Behinderungen lernten gemeinsam mit Kindern ohne Handicap in der Außenklasse einer Grundschule in Backnang-Maubach. Danach sollten sie eigentlich in ihre Förderschule nach Murrhardt zurückkehren. Doch die Eltern waren so begeistert vom gemeinsamen Lernen, dass sie den Impuls für die Ausweitung des Modellversuchs auf eine weiterführende Schule gaben. Gemeinsam mit dem Schulleiter der Geistigbehindertenschule haben wir dann überlegt, ob eine Integration einzelner Kinder in unsere Schule möglich sei.

Online-Redaktion: Wie viel Vorbereitungszeit hatten Sie bis zum Start des Modellprojekts?

Lindner: Wenig. Die Idee wurde im Frühjahr 2008 geboren. Auch Dank der Unterstützung durch unsere Inklusionsbeauftragte, Heike Petersen, haben wir innerhalb von einigen wenigen Monaten mehr als ausreichend freiwillige Kolleginnen und Kollegen gefunden, die sich hier engagieren wollten und sich den Unterricht in der Klasse zutrauten.

Online-Redaktion: Es gab demnach auch Unsicherheiten in Ihrem Kollegium?

Brigitte Sorg und Klaus Lindner© Mörike-Grund- und Werkrealschule Backnang

Brigitte Sorg: Unser vergleichsweise junges Kollegium ist offen für neue Dinge. Inklusion war bei uns immer wichtig. Schon vor Einführung dieser Klasse haben wir Strukturen geschaffen, Kinder in unterschiedlichen Problemlagen zu integrieren, zum Beispiel seh- und hörbehinderte Kinder ebenso wie für Kinder mit besonderer Förderung im Bereich emotionale und soziale Entwicklung. So haben wir unter anderem eine Kleinklasse gegründet, in der Kinder zeitweise betreut werden, wenn sie dem normalen Unterricht aufgrund einer persönlichen Krisenzeit nicht folgen können. Dazu gehört auch die Einführung des Ganztags im Jahr 2000. Unsere Einflussnahme auf die Kinder hat sich durch den Ganztagsschulbetrieb positiv gestaltet und bewährt. Wir haben also ein Gesamtkonzept, das dazu beiträgt, Kinder aufzufangen und individuell zu fördern. Dennoch gab es natürlich auch die Sorge, wir würden uns und damit die Kinder überfordern. Das haben wir durchaus ernst genommen.

Online-Redaktion: Nehmen die Kinder mit Förderschwerpunkt geistige Entwicklung an allen Stunden der Regelklasse teil?

Lindner: Nein, sie sind vier Tage in unserer Schule, und das Lehrerteam legt fest, an welchen Stunden sie am gemeinsamen Unterricht teilnehmen. Das geschieht so oft wie möglich - in der Regel sind es 75 Prozent der Unterrichtsstunden. In den übrigen Stunden werden sie als Kleingruppe betreut und unterrichtet. Es darf zu keiner Überforderung kommen. Den fünften Tag gehen sie in die Stammschule nach Murrhardt. Dort gibt es immer noch spezielle Angebote, die wir noch nicht leisten können, z. B. Werkstattunterricht, therapeutische Angebote und Individualförderung.

Online-Redaktion: In welchen Fächern gelingt die Integration gut, in welchen weniger gut?

Brigitte Sorg: In Erdkunde, Biologie, Technik, Hauswirtschaft, Kunst und Deutsch und teilweise in Mathematik gelingt sie gut. In Englisch etwa ist es schwieriger. Überall wo Projektarbeit möglich ist, gelingt Integration gut. Unser jüngstes Musical ist so ein Beispiel. Die Kinder der Regelklasse haben lange Texte auswendig gelernt, die Kinder mit Behinderungen haben Musik gemacht, mitgesungen, mitgespielt und kurze Texte aufgesagt. Man muss halt immer schauen, was der Einzelne leisten kann.

Online-Redaktion: Wie reagieren die Eltern?

Essen mit Kindern des Projekts© Mörike-Grund- und Werkrealschule Backnang

Lindner: Wir haben vorher Eltern und Kinder gefragt, wer in eine solche Inklusionsklasse möchte. Diejenigen, die sich dafür entschieden, sehen im gemeinsamen Lernen einen hohen Zugewinn für ihr Kind. Die Eltern der Kinder mit Behinderung hatten ja den Impuls gegeben und wollen ein Stück Normalität für ihre Kinder. Es gab auch Eltern, die gesagt haben, dass sie dieses Projekt nicht befürworten und ihr Kind lieber in einer Klasse ohne Kinder mit Behinderung sehen wollen.

Online-Redaktion: Können alle Kinder gleichermaßen gut gefördert werden?

Sorg: Bei uns schreiben alle Kinder einer Jahrgangsstufe die gleichen Tests und Klassenarbeiten. Wir konnten bei den Schülerinnen und Schülern keine Leistungsunterschiede feststellen, egal, ob sie der Inklusionsklasse oder den Parallelklassen angehören. Oft werden wir gefragt, wie wir es angesichts der unterschiedlichen Anforderungen, die an die Kinder gestellt werden, mit der Vergleichbarkeit der Noten halten. Unsere Antwort ist einfach: Die Kinder der Regelschule erhalten Notenzeugnisse mit einer Verbalbeurteilung, in der auch ihre sozialen Kompetenzen gewürdigt werden. Die Kinder mit Behinderung erhalten reine Verbalbeurteilungen.

Online-Redaktion: Wenn das Projekt so ein Erfolg ist, warum gibt es dann an Ihrer Schule nicht mehr Kinder, die gemeinsam unterricht werden?

Lindner: Wir haben versprochen, den Einstieg sanft anzugehen, um Erfahrungen sammeln zu können. Ehrlich gesagt, hatten wir auch mit mehr Widerständen gerechnet und wollten auf diese entsprechend reagieren können. Zudem gibt es an der Schule für Geistigbehinderte auch nicht so viele Kinder, die aufgrund des Grades ihrer Behinderung am gemeinsamen Unterricht teilnehmen könnten. Viele wären dieser Herausforderung nicht gewachsen. Diejenigen aber, die bei uns sind, sowie unsere Regelschüler mögen das Gemeinsame nicht mehr missen. Und darum startet im kommenden Schuljahr unsere nächste Intensivkooperation in einer 5. Klasse.

Unser Projekt gelingt trotz geringer uns zugestandener zusätzlicher Lehrerstunden, weil wir eng mit der Förderschule zusammenarbeiten und weil das von dort gestellte Personal unser Kollegium unterstützt. Und es gelingt nur, weil unsere und die Kollegen und Kolleginnen der Geistigbehindertenschule extrem engagiert sind. Die Voraussetzung für Inklusion ist, dass die Schulen entsprechende räumliche, materielle und personelle Ressourcen erhalten.

Online-Redaktion: Sind für diese Kooperation bauliche Veränderungen erforderlich gewesen?

Lindner: Unser Schulgebäude war einst als Lehrerseminar konzipiert. Das schlossartige Gebäude, das Seminar, wie wir es nennen, verfügt über sehr unterschiedlich geschnittene Räume. Im Laufe der Jahre haben wir alle Räume unter die Lupe genommen, waren flexibel und kreativ und haben durch simple Maßnahme die entsprechenden Räumlichkeiten geschaffen oder umgestaltet. So haben wir das so genannte Kartenzimmer aufgelöst und die Kartensammlung in anderen Materialräumen untergebracht. Es geht alles, wenn man nur will.

Online-Redaktion: Ihr Fazit nach vier Jahren Modellversuch?

Lindner: Die Belastung für das Kollegium ist nicht gering, aber zu bewältigen. Unsere Bandbreite der Wahrnehmung von Schülerinnen und Schülern ist deutlich breiter geworden. Auf einmal entdecken wir bei Kindern ganz neue und sehr positive Seiten. Ich verschweige nicht, dass wir 2008 nicht wussten, ob wir es schaffen. Heute können wir sagen: Wir schaffen sicher nicht alles, aber wir merken, dass wir viel mehr können, als wir dachten. Wir haben uns von den nicht immer optimalen Rahmenbedingungen nicht aufhalten lassen. Das Ergebnis ist eine Atmosphäre, in der der Umgang mit Behinderung und die Übernahme von Verantwortung selbstverständlich sind.

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