Tag der gebundenen Ganztagsschulen im Saarland

Gemeinschaftsschulen mit gebundenem Ganztag im Saarland haben sich zu einem Arbeitskreis zusammengeschlossen. Auf einem „Tag der gebundenen Ganztagsschulen“ stellten sie ihre Arbeit vor.

Podiumsdiskussion mit (v.l.): Jürgen Oelkers, Bernhard Strube, Monika Hommerding, Patrick Lauer, Ursula Seelmann, Moderatorin und zwei Schülerinnen © Redaktion www.ganztagsschulen.org

Im Saarland hat die Zahl der gebundenen Ganztagsschulen in den vergangenen zwei Jahren stark zugenommen. Aktuell gibt es 17 Schulen, an denen sämtliche Schülerinnen und Schüler am Ganztagsunterricht teilnehmen, dazu kommen noch neun teilgebundene. Vor zwei Jahren haben sich die acht gebundenen Gemeinschaftsschulen des Landes zusammengetan, um als „Arbeitskreis der Schulleitungen an den Gemeinschaftsschulen im Gebundenen Ganztag“ (ASGG) die Interessen ihrer Schulform zu vertreten und deren Vorzüge der Öffentlichkeit vorzustellen. Daneben wollen sich die Gemeinschaftsschulen gegenseitig austauschen und Halbtagsschulen und offenen Ganztagsschulen, die überlegen, in die gebundene Form zu wechseln, beraten.

Als einen ersten Schritt in die Öffentlichkeit veranstaltete die ASGG, unterstützt von Anette Becker vom Landesinstitut für Pädagogik und Medien, am 4. November in der Gemeinschaftsschule Bellevue in Saarbrücken einen „Tag der gebundenen Ganztagsschulen“, zu dem rund 60 Interessierte anreisten. Dort stellten sich die acht im Arbeitskreis organisierten Schulen in einer Ausstellung vor: die Sophie-Scholl-Gemeinschaftsschule Dillingen, die Max von der Grün-Schule Merchweiler, die Gemeinschaftsschule Neunkirchen, die Gemeinschaftsschule Bellevue Saarbrücken, die Gemeinschaftsschule am Ludwigspark Saarbrücken, die Martin-Luther-King-Schule Saarlouis, die Gemeinschaftsschule St. Wendel und die Hermann-Neuberger-Schule Völklingen.

Gemeinschaftsschule Saarbrücken-Ludwigspark
© Gemeinschaftsschule Saarbrücken-Ludwigspark

Sprecherin des Arbeitskreises ist Ursula Seelmann. „Wir wollen gerne mehr werden“, erklärt die Schulleiterin der Gemeinschaftsschule St. Wendel. An ihrer Schule sei der gesamte Tag mit dem Doppelstundenprinzip, einer langen Mittagspause, einem Lernzeitband von 80 Minuten und der Mischung von Unterricht und Arbeitsgemeinschaften rhythmisiert. „Das Klingelzeichen haben wir weitgehend abgeschafft“, ergänzt sie. Wichtig seien auch die außerschulischen Partner, die „etwas Lebendiges in die Schule bringen“. Zur Veranstaltung seien die Schulen nicht nur mit Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern angereist, sondern auch mit den Schulsozialarbeitern, was deren Wertigkeit im Schulalltag unterstreiche.

Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz

Mit seinem Grußwort zeigte auch der Saarländische Bildungsminister Ulrich Commerçon seine Unterstützung der gebundenen Ganztagsschule. „Ich wünsche mir mehr solcher Schulen“, erklärte der Minister. Noch sei man weit von der Auswahlfreiheit der Eltern im Saarland entfernt, daher sei es ein „ehrgeiziges, aber dringend notwendiges“ Ziel, einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz zu etablieren. „Der Weg zur gebundenen Ganztagsschule ist nicht einfach und erfordert viel Vorarbeit“, gab Commerçon zu, aber er lohne sich, denn diese Schulform biete beste Voraussetzungen für individuelle Förderung und Chancengleichheit. „Die Integration von Flüchtlingen in den Schulen ist auch dank der gebundenen Gemeinschaftsganztagsschulen so gut gelungen“, zeigte sich der Bildungsminister überzeugt.

Weitere Beispiele für die Gestaltung des gebundenen Ganztags zeigten sich in der Ausstellung in der Gemeinschaftsschule Bellevue. Diese bietet ein Raumkonzept, das Platz für Rückzug, PC-Arbeitsplätze und für eigenständiges Lernen in der Gruppe oder in Einzelarbeit bietet. Dazu besteht die Möglichkeit, in der Schule und zuhause über die Plattform „Lernwelt-Saar“ digital zu lernen. Im Unterricht arbeiten die Schülerinnen und Schüler im Team-Kleingruppen-Modell in Tischgruppen und werden dabei von einem Team von Lehrkräften begleitet.

Commercon
Ulrich Commerçon© Redaktion www.ganztagsschulen.org

Die Sophie-Scholl-Gemeinschaftsschule in Dillingen hat den Tag ähnlich wie die Gemeinschaftsschule St. Wendel strukturiert. „Mit dem Eigenverantwortlichen Unterricht (EVA) haben wir auch eine neue Lernkultur geschaffen und wollen im Projektunterricht pro Jahr vier fächerübergreifende und selbstständig zu bearbeitende Projekte einführen, die auch an außerschulischen Lernorten stattfinden können“, so Ganztagskoordinatorin Anne Wilhelm. „Zudem haben wir das Raumkonzept geändert und zahlreiche Räume zum Rückzug und für Aktivitäten während der Mittagszeit geöffnet.“

An der Hermann-Neuberger-Gemeinschaftsschule in Völklingen sind die Klassenlehrerinnen und -lehrer auch in der gebundenen Freizeit, in der Lernzeit, beim Mittagessen und in den Werkstätten, die sowohl im Klassenverband als auch im Jahrgang durchgeführt werden, mit den Schülerinnen und Schülern zusammen. Thematisch reichen die Werkstätten von Klettern, Berufskompass und Medienscouts über Gitarrenwerkstatt, Film und Geometrie bis zu Schreibwerkstatt, Metallverarbeitung und Chor.

Anderer Umgang mit der Stundentafel

An diesem Tag sind es nicht nur die Schulen, die die Vorzüge des gebundenen Ganztags anpreisen. Auch die Landeselterninitiative für Bildung ist mit einem Stand vertreten. Elternvertreter Bernhard Strube meint, dass es besonders vorteilhaft in gebundenen Ganztagsschulen sei, dass dort „tatsächlich mehr Zeit für den einzelnen Schüler und individuelle Förderung gibt“. Besonders wichtig sei den Eltern auch, dass es an gebundenen Ganztagsschulen keine schriftlichen Hausaufgaben gebe und die Eltern und ihre Kinder mehr Zeit miteinander verbringen können.

Britta Hüning
Hausaufgabenbetreuung in der Aula Lebach (Landkreis Saarlouis)© Britta Hüning

Prof. em. Jürgen Oelkers von der Universität Zürich nahm in seinem Vortrag „Schulentwicklung im Ganztag“ auf das Hausaufgabenthema Bezug und sah es als paradox an, dass „Hausaufgaben nie als familienfeindlich angesehen worden sind, die Ganztagsschule dagegen schon“.

Oelkers führte aus, dass die Bildungspolitik mit der Einführung der Ganztagsschule auf Veränderungen der Gesellschaft reagiere. Die Ganztagsschulen gingen dabei mit der Erweiterung ihres Lernangebots und der Öffnung nach außen in die richtige Richtung. „Öffnung heißt dabei, neue Perspektiven zu eröffnen, die sich auf die Lebenswelten der Schülerinnen und Schüler beziehen. Dazu gehören auch neue Verfahren der Bemessung und Anrechnung von Leistungen. So sollten außerschulische Lernorte in die Schule einbezogen und außerschulische Leistungen anerkannt werden. „Diese neue Leistungsbewertung verlangt nach der Führungsarbeit der Schulleitungen und nach viel Kommunikation mit den Eltern“, so Oelkers.

Prof. Jürgen Oelkers© Redaktion www.ganztagsschulen.org

Die Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG) habe gezeigt, dass ein Manko noch die mangelnde Verknüpfung von Unterricht und außerschulischen Angeboten sei. An dieser Stelle sei Schulentwicklung angesagt. Als ein Beispiel, in welche Richtung diese gehen könne, nannte der Erziehungswissenschaftler das Gymnasium Basel, das sich von der starren Stundentafel verabschiedet habe und stattdessen das Schuljahr in Phasen aufgeteilt habe, bei denen die Fächer je nach Thema zugeschaltet werden. „Hier gibt es auch keine Hausaufgaben, sondern der Tag beginnt mit Übungen, und am Ende jeder Phase finden Tests statt.“

Gute Schulbeispiele als beste Werbung

In der Podiumsdiskussion zum Abschluss der Tagung bestätigte Monika Hommerding vom Ministerium für Bildung und Kultus, dass eine solche freie Zeiteinteilung auch in saarländischen Schulen möglich sei. Hier erklärte Jürgen Oelkers, dass ein Erfolgsrezept sei, von anderen Schulen zu lernen. Einig waren sich alle Beteiligten, dass die gebundenen Ganztagsschulen „besser über ihr Angebot informieren müssen“, wie Monika Hommerding meinte. Bernhard Strube vom Elternverband fasste das prägnant zusammen: „Die gebundenen Ganztagsschulen brauchen eine Marketingstrategie.“

Länder
Schülerinnen und Schüler dieser Nationen lernen an der Gemeinschaftsschule Bellevue© Redaktion www.ganztagsschulen.org

Letztlich sind es laut Patrick Lauer, dem Landrat des Landkreises Saarlouis, die „guten Beispiele, die sich rumsprechen“ und die beste Werbung für gebundene Ganztagsschulen machen. Die Veranstaltung in Saarbrücken war dazu schon einmal ein vielversprechender Schritt in diese Richtung.

 

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