Wilfried W. Steinert: Inklusion ist eine Frage der Haltung

Die Abkehr von der Defizit- hin zur Ressourcenperspektive ist eine Voraussetzung für Inklusion, meint Wilfried W. Steinert. Der ehemalige Schulleiter einer Brandenburger Schule, von 2004 bis 2006 auch Vorsitzender des Bundeselternrates, ist seit 2009 einer der Sprecher im Expertenkreis "Inklusive Bildung" der Deutschen UNESCO-Kommission.

Online-Redaktion: In Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention heißt es, dass Menschen mit Behinderungen Zugang zu allen Schulformen haben müssen. Was bedeutet das für die Schulen?

Wilfried W. Steinert: Das heißt, dass alle Menschen die gleichen Bildungschancen und das Recht auf lebenslanges Lernen haben - und zwar dort, wo alle lernen.  Das erfordert einen doppelten Paradigmenwechsel. Bisher standen bei der Schulwahl die Fragen im Vordergrund, ob ein Kind schulfähig ist und welche Schule die richtige für ein Kind ist. In einer Schule für alle, also in einer inklusiven Schule, muss die Frage nun lauten: Welche Rahmenbedingungen müssen wir schaffen, damit dieses Kind an dieser Schule die optimalen Lernbedingungen bekommt?

Eine aufgabengerechte Ausstattung der Schulen mit personellen, sächlichen und baulichen Ressourcen unter Berücksichtigung des Sozialindexes ist unabdingbar. Ich glaube auch, dass wir mehr kommunale Verantwortung für Bildung mit vereinfachten Verwaltungsstrukturen sowie einer engen Kooperation von Schule, Jugend- und Sozialhilfe benötigen. Und ich sage es ganz klar: Rahmenbedingungen kann man ändern, wenn man möchte. Es ist wie so vieles eine Frage der Haltung.

Online-Redaktion: Wie würden Sie diese Haltung charakterisieren?

Steinert: Die Sonderpädagogik hat die Bildungsfähigkeit aller Schülerinnen und Schüler aufgezeigt. Nun gilt es, diese hohe sonderpädagogische Kompetenz für die allgemeine Schule und damit für alle Schülerinnen und Schüler fruchtbar zu machen. Es geht um das Recht jedes einzelnen Kindes auf ganzheitliche Entwicklung und volle gesellschaftliche Teilhabe. Und weil wir wissen, dass die individuellen Begabungen des einzelnen Kindes sich in der Gemeinschaft entfalten, muss alles vermieden werden, was zu einer Ausgrenzung führt.

Online-Redaktion: Welche Veränderungen sind im Unterricht erforderlich?

Steinert: Die Liste ist lang. Natürlich gehört die frühzeitige individuelle Förderung dazu - aber das gilt selbstverständlich für jedes Kind und nicht nur jene mit Behinderung oder Beeinträchtigung. Wandeln muss sich auch der Blick auf die Kinder - weg von der Defizit- hin zur Ressourcen-Diagnostik. Das bedeutet auch, dass wir neue Formen der Leistungsbewertung entwickeln müssen. Ich will kurz zwei Aspekte benennen, die für eine angemessene Leistungsbewertung erforderlich sind:

Erstens: Um beurteilen zu können, welche Leistung eine Schülerin aufbringt, müssen wir sie erst einmal in ihrem Leistungsvermögen wahrnehmen. Das ist mehr, als nur das Ergebnis zur Kenntnis zu nehmen und zu bewerten. Nehmen wir Louise, die das Einmaleins nebenbei lernt. Wenn sie durch die Rückmeldung der Lehrerin den Eindruck bekommt, dass ihre Leistung genau so groß ist wie die von Martin, der bereits Mühe hat, sich die Zweier-Reihe einzuprägen, lernt sie ihr eigenes Leistungsvermögen falsch einzuschätzen und kommt so in die Gefahr, dass sie später an höheren Leistungsanforderungen scheitert. Man kann es auch so formulieren: Die Nicht-Wahrnehmung der Nicht-Leistung des Überfliegers führt zum Lernen, wie man nicht lernen muss. Umgekehrt wird Martin demotiviert, wenn er mit Louise verglichen wird.

Zweitens: Wir müssen den Kindern vermitteln und helfen, es selbst einschätzen zu können, welche Leistung sie erbracht haben, wozu sie fähig sind, was sie unter- oder überfordert. Dies ist auch die wichtigste Grundlage für motiviertes, selbstgesteuertes Lernen.

Online-Redaktion: Das sind auch neue Anforderungen an das pädagogische Personal.

Steinert: Unabhängig von jeder Debatte über Inklusion wissen wir doch schon lange, dass dem selbst gesteuerten Unterricht die Zukunft gehört. Wochenarbeitspläne, unterschiedliche Zielvorgaben und eigenverantwortliches Lernen sollten die Normalität, der Frontalunterricht sollte die Ausnahme werden, bestenfalls eine Steuerungsfunktion haben. Viele Schulen und Lehrkräfte haben sich da auch schon auf den Weg gemacht. Inklusion kann nur gelingen, wenn mehr, ich möchte fast sagen, täglich und selbstverständlich multiprofessionelle Teams partnerschaftlich zusammenarbeiten. Fachlehrerinnen, Sonderpädagogen, Schulsozialarbeiter und externe Schulbegleiterinnen zusammen schaffen die Möglichkeit, jedes Kind mit all seinen Stärken und Schwächen zu fördern. Damit dies in der Schule umgesetzt werden kann, bedarf es qualifizierter Aus-, Fort- und Weiterbildung der Pädagoginnen und Pädagogen, aber auch der Anpassung der Lehrerbildungsgesetze an die UN-Behindertenrechtskonvention.

Online-Redaktion: Stoßen die Regelschulen auch an Grenzen, etwa, wenn es um die Förderung von Kindern mit Schwerstbehinderungen geht?

Steinert: Das ist sicher eine der größten Herausforderungen. Viele Schulen benötigen gewiss bauliche Veränderungen oder sagen wir: Anpassungen. Das erfordert eine gewisse Flexibilität und Kreativität, schließlich können wir nicht jede Schule um- oder neu bauen. Sie brauchen zusätzliche Räume, beispielsweise um eine Klasse auch einmal teilen zu können. In jüngerer Vergangenheit gebaute Schulen, wie die von der Montag-Stiftung in Bonn architektonisch konzipierten Grundschulen Am Domhof und Dransdorf, verfügen über derartige Teilungsräume. Therapie- und Auszeitenräume, in die sich Kinder zum Entspannen zurückziehen können, sind ebenfalls notwendig. Aber da möchte ich noch einmal betonen: Solche Auszeitenräume sind nicht nur für Schülerinnen und Schüler mit Behinderung und Beeinträchtigung wichtig. Jedes Kind, jeder Jugendliche, aber auch die Lehrkräfte müssen sich zurückziehen und neue Kraft tanken können. Dies gilt besonders für die Ganztagsschulen und jene Schulen, die formal keine Ganztagsschulen, de facto aber doch welche sind. Ich denke da etwa an die Gymnasien mit Turboabitur.

Online-Redaktion: Sie erwähnen die Ganztagsschulen. Bringen sie gute Voraussetzungen für Inklusion mit?

Steinert: Wie schon gesagt: Entscheidend ist die Haltung. Natürlich bieten Ganztagsschulen besondere Möglichkeiten, Lernräume und Lernzeiten zu schaffen. Ideal ist eine gebundene, rhythmisierte Ganztagsschule. Denn inklusiver Unterricht braucht Zeit zum Lernen und gemeinsamen Leben. Und er braucht die erwähnten Räumlichkeiten. Die Zusammenarbeit mit anderen Professionen und außerschulischen Kooperationspartnern, die heute bereits in vielen Ganztagsschulen genutzt wird, entlastet und bereichert die eigene pädagogische Arbeit.

Online-Redaktion: Im Zusammenspiel mit den Eltern...

Steinert: Eltern müssen in einer inklusiven Schule als Verantwortungspartner sehr ernst genommen und einbezogen wurden. Sie sind in der Regel die Experten für ihre Kinder. Regelmäßige Eltern-Kind-Lehrer-Gespräche und die Beteiligung am Schulleben binden die Eltern in die Lern- und Entwicklungsprozesse ein.  Sie haben auch Einfluss auf das individuelle Lernen der Kinder und Jugendlichen. Ich möchte aber noch eine ganz wichtige Profession für gelingende Schule nennen: Da auch die äußere Gestaltung und das Erscheinungsbild die Atmosphäre in einer Schule prägen und zum Wohlbefinden beitragen, müssen auch der Hausmeister und das Reinigungspersonal in den Entwicklungsprozess einer inklusiven Schule einbezogen werden.

Online-Redaktion: Und was bedeutet inklusive Bildung für Schülerinnen und Schüler?

Steinert: An erster Stelle sollte die Entwicklung ihrer Sozial- und Selbstkompetenz stehen. Das ist die Fähigkeit, eigene Stärken zu erkennen und schätzen zu lernen, aber auch die Wahrnehmung des Mitschülers. Sie sollten lernen wie man lernt und befähigt werden, Verantwortung fürs eigene Lernen und die Gestaltung der Klassen- und Schulgemeinschaft zu übernehmen.

Online-Redaktion: Und zwar ohne auszugrenzen...

Steinert: Das ist meines Erachtens der wichtigste Aspekt. Wenn wir frühzeitig in der Schule, besser schon bereits in der Kita, das Bewusstsein für den Wert des Andersseins schärfen, kann Ausgrenzung bis hin zum Rassismus ein Stück weit der Nährboden entzogen werden.

Online-Redaktion: Dennoch gibt es Eltern, die den Erhalt der Förderschulen fordern...

Steinert: ...weil sie Angst haben, dass ihr Kind im stressigen Schulalltag untergeht. Das gilt übrigens auch für den Hochbegabten, der von Mitschülern als "Streber" verspottet wird.

Ursache ist die Unsicherheit der Eltern und der Lehrkräfte. Ihnen fehlen einfach die Erfahrungen im Umgang mit Menschen mit Behinderung. Ein Beispiel, das ich als Schulleiter erlebt habe: Die Mutter eine Erstklässlerin kam zu mir und sagte: "Meine Tochter möchte Sarah (ein Mädchen im Rollstuhl) zum Geburtstag einladen. Ich weiß nicht, wie das gehen kann und habe Angst, dass etwas passiert." Ich machte der Mutter Mut, Sarah einzuladen, da die beiden Mädchen in der Schule eng befreundet waren. Die Telefonnummer von Sarahs Mutter konnte Sicherheit geben. Einige Tage nach dem Geburtstag fragte ich die Mutter, wie die Feier verlaufen war. "Ich bin ganz beschämt von meiner Tochter. Wie selbstverständlich sie mit Sarah umging." Solche Erfahrungen müssen möglich werden. Deshalb müssen wir die Kultur des gemeinsamen Lernens sorgfältig vom Kindergarten, von der ersten Klasse an aufbauen.

Online-Redaktion: Sie sind einer der Sprecher im Expertenkreis "Inklusive Bildung" der Deutschen UNESCO-Kommission. Welche Aufgabe hat sich dieser Kreis gesetzt?

Steinert: Im Expertenkreis "Inklusive Bildung" wollen wir die Erfahrungen und das Wissen auf dem Weg zur inklusiven Bildung vernetzen und die Kompetenzen bündeln. So soll auf einer breiten Ebene die Entwicklung gefördert und Unterstützung zur Verfügung gestellt werden. Mir selbst ist besonders wichtig, dass auch alle kommunalen Strukturen in die inklusive Entwicklung eingebunden werden und die Zusammenarbeit von Jugendhilfe und sozialen Diensten mit den Bildungseinrichtungen gefördert wird.

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