Nachmittag vertieft Vormittag – Bürgelschule Schöneiche

Es passt räumlich, personell, organisatorisch und menschlich: In der Grundschule Bruno-Hans Bürgel Schöneiche im Land Brandenburg, vor den Toren Berlins, bilden Schule und Hort ein Ganztagsteam.

Schülerinnen und Schüler der Bürgelschule Schöneiche mit Handpuppen
© Redaktion www.ganztagsschulen.org

Wenn Schulleiterin Sabine Stascheit gemeinsam mit ihrer Kollegin Ute Matull, der Ganztagskoordinatorin, die Grundschule Bruno-Hans Bürgel vorstellt, sitzen auch zwei Vertreterinnen des Horts „Tausendfüßler“ mit am Tisch: Hortleiterin Angela Müller-Elsner und Ganztagskoordinatorin Bernadett Knoll: Hier zeigt sich im Kleinen, was die offene Ganztagsgrundschule im brandenburgischen Schöneiche bei Berlin auszeichnet: Schule und Hort arbeiten personell und organisatorisch eng zusammen. Dies ist zu keinem geringen Teil einer fünfjährigen personellen Kontinuität und der neuen Hortleiterin zu verdanken. Und auch „menschlich“ passt es Angela Müller-Elsner zufolge einfach: „Wir tauschen uns auf Leitungsebene aus, wir schimpfen zusammen, wir heulen zusammen, wir gehen zusammen essen.“

Dass die Zusammenarbeit so reibungslos gelingt, liegt nicht zuletzt an den räumlichen Gegebenheiten. Der Hort ist mit seinem großzügigen Trakt im Schulgebäude untergebracht und ermöglicht den 280 Schülerinnen und Schülern ebenso wie den Kolleginnen und Kollegen kurze Wege. „Wir bringen uns alle gleichberechtigt in unsere Kooperation ein“, meint die Hortleiterin. Sabine Stascheid ergänzt: "Wir haben ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass Hort und Schule mit ein- und demselben Kind arbeiten. Das war und ist der wichtigste Grund für unsere Zusammenarbeit, und folgerichtig ist der Hort unser Hauptkooperationspartner.“

Nachmittag vertieft Vormittag

Im August 2016 informierte Lehrerin Ulrike Pabel im einer Fortbildung zu den neuen Rahmenlehrplänen in der Schule das Hortteam, um den neuen Orientierungsrahmen für die Bildung in Grundschulen vorzustellen und über Gemeinsamkeiten zu diskutieren. "Unser Ziel ist es auch hier, eine spannende Vernetzung zu erreichen“, erläutert Lehrerin Ute Matull. „Was am Vormittag geschieht, soll sich in den Hortangeboten des Nachmittags weiterhin widerspiegeln und umgekehrt.“ Dabei steht besonders die Medienkompetenzerziehung im Mittelpunkt.

Udo Pierenkemper, einer von zwei männlichen Lehrern
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Als Kooperationspartner ermöglichen unter anderem das Kinder- und Jugendzentrum, der Schachclub und die Musikschule den Kindern außerunterrichtliche Impulse. „Die Kinder blühen da teilweise regelrecht auf, wie wir besonders in unserem Zirkusprojekt gesehen haben“, erzählt Hort-Ganztagskoordinatorin Bernadett Knoll. „Das ist Lernen mit anderen Mitteln.“

Da die Schülerinnen und Schüler, die nicht für den Ganztag angemeldet sind, zu fast 100 Prozent den Hort besuchen, ergibt sich die reizvolle Situation einer „de facto“ gebundenen Ganztagsschule, die es Schule und Hort gut ermöglichen, inhaltlich zusammenzuarbeiten. „Wir suchen gezielt Kurse für den Hort aus, die zu den Unterrichtsinhalten des Vormittags passen, und tauschen uns dazu mit den Lehrkräften aus. Der Nachmittag vertieft den Vormittag“, sagt Hort-Ganztagskoordinatorin Bernadett Knoll.

Alle Hortkinder können an der Hausaufgabenzeit teilnehmen. Hier setzt sich die personelle Verzahnung fort: Erzieherinnen unterstützen die Schülerinnen und Schüler bei den Aufgaben, was laut der Hortleiterin „nicht selbstverständlich“ ist. Sie sind aber auch in den Individuellen Lernzeiten dabei. „Es ist toll, dass die Erzieherinnen dazukommen“, freut sich Ute Matull.

Elternengagement und „Küsschen-Station“

In der „Individuellen Lernzeit“ geht es in den ersten beiden Jahrgangsstufen in ein bis zwei Wochenstunden zunächst mal um das „Lernen Lernen“. „Die Selbstorganisation der Kinder ist wichtig, und die Kolleginnen berichten, dass sie die Schülerinnen und Schüler dort auch anders erleben als im Unterricht“, so die Ganztagskoordinatorin. In den höheren Jahrgangsstufen wird die Lernzeit als offenes Angebot im Computerraum gestaltet. Die Schülerinnen und Schüler können sie nach Bedarf wahrnehmen. „Die Zeiten sind flexibel, weil jedes Kind unterschiedlich ist. Dieses offene Angebot haben wir uns beim Hort abgeguckt“, verrät Schulleiterin Stascheit.

Unterricht im Klassenraum
Klasse 2a mit Klassenlehrerin Claudia Simond© Redaktion www.ganztagsschulen.org

Seit 2005 ist die Grundschule Bruno-Hans Bürgel eine offene Ganztagsschule, seit 2009 durchgängig zweizügig. In Schöneiche, das direkt an Berlin grenzt, steigen die Kinderzahlen. Sabine Stascheit und Angela Müller-Elsner freuen sich über Eltern und Großeltern, die sich auch im Hort engagieren, Ganztags-AGs leiten und sich interessiert in die Diskussionen über die Schulentwicklung einbringen, zum Beispiel im Kita-Ausschuss.

Manchmal muss die Schule sogar bremsen: So ist vor dem Schuleingang eine „Küsschen-Station“ eingerichtet, an der sich die Eltern von ihren Kindern verabschieden. Im Flur hängt ein Schild: „Ab hier schaffe ich es alleine.“ Bei den Hausaufgaben müsse man die Eltern auch mal beruhigen: „Bleibt mal ruhig, lasst mal locker“, so Ute Matull.

„Weniger ist mehr“

Als sehr positiv empfindet die Schulleiterin die Unterstützung durch die Kommune. Der langjährige Bürgermeister Heinrich Jüttner, der als Motto auf der Internet-Seite seiner Gemeinde Artikel 1 des Grundgesetzes zitiert, hat die Förderung von Kinder- und Jugendarbeit in Schöneiche als Priorität ausgerufen. Dazu gehören zum Beispiel auch Schulsozialarbeiterstellen. „Jetzt haben die beiden Grundschulen im Ort jeweils seit sieben Jahren je eine Schulsozialarbeiterin beziehungsweise einen Schulsozialarbeiter, was ein Vorbild im gesamten Umfeld ist“, so Sabine Stascheit.

Die Rektorin hat mit den Jahren zwei grundlegende Einsichten gewonnen: Verantwortung zu delegieren und dass „weniger mehr ist“. Sabine Stascheit: „Ich gebe jetzt mehr an die Lehrerteams ab und verteile die Verantwortung auf vielen Schultern. Umgekehrt ist das Selbstbewusstsein bei den Kolleginnen und Kollegen gewachsen, diese Verantwortung wahrzunehmen. Ich kann mich auf mein Team verlassen.“ Kollegiale Hospitationen, in denen mit Wertschätzung wechselseitige Rückmeldungen gegeben werden, seien dabei die beste Fortbildung.

Der Schulteich im Ökogarten© Redaktion www.ganztagsschulen.org

Und zum zweiten Thema „Weniger ist mehr“ erläutert die Rektorin „Wir dürfen die Schülerinnen und Schüler nicht zu sehr vollpacken. Schülersein ist ein Beruf. Schüler müssen aber auch mal Kind sein dürfen. In der Ganztagsschule sind deshalb freie Zeiten und Bewegung ganz wichtig. Nach Unterrichtsschluss müssen die Kinder erstmal eine halbe Stunde 'um den Block', damit sie die Köpfe freikriegen können.“

Aber das „Weniger ist mehr“ gelte ebenso für die Arbeit der Schule. „Man wird ja geradezu von Wettbewerben umzingelt“, sagt die Schulleiterin. „Wenn ich morgens mein E-Mail-Fach öffne, sind schon wieder zig Anfragen, an Wettbewerben, Programmen, Projekten und Befragungen teilzunehmen, eingegangen. Da muss man auch mal nein sagen. Wir wollen nah am Kind bleiben und unseren Standard bewahren. Da kann ich nicht jede Woche mit etwas Neuem kommen, das würde uns überfordern. Wir hören genau hin, wir optimieren, aber wir springen nicht auf jedes Pferd auf.“

Schulgeist durch Umweltbildung belebt

Als eine Konstante der Schule nennt Sabine Stascheit die seit 1991 verankerte Umweltbildung. Die Arbeit an diesen Projekten half einst in einer schwierigen Phase der Schulgeschichte, als es einen großen personellen Umbruch gegeben hatte, „den Schulgeist“ wiederzufinden, wie es die Schulleiterin formuliert. Heute stehen Umweltbewusstsein, die Sensibilisierung für die Natur und für globale Zusammenhänge, Zusammenarbeit mit "Naturschutz-aktiv" und "Kleiner Spreewaldpark", die ökologische Schulhofgestaltung und ein Tiergehege auf dem Schulhof für diese Ausrichtung.

Tobe- und Kletterraum im Hort Tausendfüßler © Redaktion www.ganztagsschulen.org

Aber als Umweltbildung verstehen die Pädagoginnen und Pädagogen auch das Miteinander der Schülerinnen und Schüler und das eigene Wohlfühlen. Im Sportunterricht ist seit 2005 eine Ergotherapeutin mit ihren Bewegungsangeboten zur psychomotorischen Schulung dabei. Das großzügige Außengelände lädt die Schülerinnen und Schüler zu Bewegung und Spiel ein. In Eigenverantwortung organisieren die Kinder in den Pausen den Spielgeräteverleih.

Es liegen Jahre harter Arbeit hinter der Grundschule Bruno-Hans Bürgel und dem Hort Tausendfüßler. Was im Tagesablauf mit der spontan möglichen Anwahl von Kursen so locker aussieht, erfordert im Hintergrund eine klare Struktur. „Jetzt haben wir eine Form gefunden, die einmalig ist und zu uns passt“, meint Sabine Stascheit. Es gebe Lob von den Eltern, und in einer Befragung zur Zufriedenheit des Kollegiums sei schon zweimal die Höchstpunktzahl erreicht worden. Aber das Wichtigste: Die Schülerinnen und Schüler fühlen sich wohl. „Wenn am Nachmittag die Eltern zum Abholen kommen und manche Kinder sagen, dass sie noch bleiben wollen, ist das eine Anerkennung für die Schule und den Hort“, findet Hortleiterin Angela Müller-Elsner.

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