Praxishandbuch "Wie geht's zur Bildungslandschaft?"

Was ist eine Bildungslandschaft? Wozu dient sie? Wie wird eine Kommune eine Bildungslandschaft? Das von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) herausgegebene Praxishandbuch "Wie geht's zur Bildungslandschaft?" liefert anschauliche Antworten und zeigt Wege auf, wie Bildungslandschaften wachsen können.

Ein Schüler und eine Schülerin im Klassenzimmer beim Lernen.
Kinder in der Schule.© Thinkstock

Gefunden wurden die Antworten auf die drängenden Überlegungen, wie Bildungs- und Teilhabechancen von Kindern und Jugendlichen durch den Aufbau einer funktionierenden Netzwerkstruktur verbessert werden können, unter anderem in den Erfahrungen der vier Kommunen Bad Bramstedt, Weiterstadt, Weinheim und Bernburg. Unterstützt von der  DKJS und der Jacobs Foundation haben diese sich in den Jahren 2007 bis 2011 im Rahmen des Programms "Lebenswelt Schule" auf den Weg zur Bildungslandschaft gemacht.

Kinder auf dem Schulweg© Thinkstock

Schon im Editorial der locker, anschaulich sowie übersichtlich gestalteten und gut lesbaren Handreichung mit lebendigen Illustrationen machen die Geschäftsführerin der DKJS, Dr. Heike Kahl, und der Geschäftsführer der Jacobs Foundation, Dr. Bernd Ebersold, deutlich, dass es kein Patentrezept zur Entwicklung einer Bildungslandschaft gibt. Wörtlich formulieren sie das so: "Es gibt nicht den einen richtigen Weg zur Bildungslandschaft.

Aufnahme von Schaukeln auf einem Spielplatz im Winter.

Jede Kommune ist anders: Die Unterschiede zwischen großen Städten und dem ländlichen Raum, zwischen Ost, West, Nord und Süd sind beträchtlich." Und schon hier auf den ersten Seiten der Handreichung stellen sie den Menschen in den Mittelpunkt: "Noch wichtiger aber ist, dass die Menschen vor Ort die Bildungslandschaft und den Weg dorthin prägen: mit ihren Stärken und Schwächen, ihren Fähigkeiten, andere zu motivieren, ein starkes Netzwerk aufzubauen und eine gut funktionierende Arbeitsstruktur zu entwickeln."

Vernetzung und Kooperation

Unterstrichen wird im Einstiegskapitel die Forderung, vom Individuum aus zu denken. Es wird betont, dass der Aufbau von Bildungslandschaften langfristigen Veränderungen dient. Das "Aber" folgt auf dem Fuß: "Wenn es nicht um langfristige Veränderungen geht - dann lohnt sich der mühevolle Aufbau eines Netzwerkes nicht. Wenn das Netzwerk ohne professionelle Reflexion aufgebaut wird und nicht gehandelt, sondern nur geredet werden soll - dann sind viele der Beteiligten nach einem ersten Treffen demotiviert, weil nichts passiert. Wenn die Kommune nicht mitzieht - dann entsteht nur ein Projekt ohne nachhaltigen Effekt. Das Entscheidende ist aber: Wenn nicht vom Individuum aus gedacht und gehandelt wird, dann ist das neue Gebilde vielleicht nur eine bessere Struktur, die aber nicht die Chancen von Kindern und Jugendlichen verbessert, gut aufzuwachsen und sich zu entfalten. Und das ist doch eigentlich die wichtigste Motivation von allen."

© Thinkstock

Die Autorinnen und Autoren machen deutlich, dass Bildungslandschaften entstehen, wenn die Vernetzung und enge Kooperation aller an Bildung und Fortbildung beteiligten Bildungsinstitutionen und -einrichtungen einer Kommune im lebenslangen Lernen gelingt: "Was also gebraucht wird, ist ein gemeinsamer Blick dieser verschiedenen Institutionen auf das Kind und eine gemeinsame Verantwortungsübernahme dafür, dass alle Kinder die Chance haben, ihr Potenzial zu entfalten."  Sie haben auch keine Scheu, die Antwort zu liefern, warum dies bislang häufig nicht gelingt: "Das Größerwerden eines Kindes geschieht einfach und kontinuierlich und ohne Brüche. Anders verhält es sich mit den öffentlichen Systemen für Bildung, Betreuung und Erziehung. Die sind nach vielen Zuständigkeiten unterteilt: Für Kinderschutz ist jemand anders zuständig als für Familienbildung; der Familienhelfer ist nicht automatisch mit der Frage befasst, welches die beste weiterführende Schule für ein Kind ist", zwischen dem Bildungsverständnis von Tagesmüttern, Kitafachkräften und Grundschullehrkräften liegen oft Welten; Ausbildungsbetriebe und Sekundarschulen haben nicht immer die gleiche Vorstellung davon, was ein Schulabgänger können muss."

Vom Kind aus denken

Leserinnen und Leser, die nach der Lektüre dieser nachdenklich machenden Worte überlegen, wie sie in ihrer Kommune den Stein zur Entwicklung einer Bildungslandschaft ins Rollen bringen können, erhalten in der 120seitigen Handreichung im Folgenden wertvolle Hinweise, wie das gelingen kann. Ihnen wird anhand zweier konkreter Beispiele über die Bildungswelten eines 10-jährigen Mädchens und eines 15-jährigen Jungens (auch in verständlichen Grafiken) verdeutlicht, warum vom Menschen aus gedacht werden muss, welche Einflüsse auf die Kinder wirken und wie viele Menschen und Einrichtungen der Gruppe angehören, die Einfluss auf ihre Bildungskarriere haben können.

Aufnahme von Schaukeln auf einem Spielplatz im Winter.

Prof. Dr. Benedikt Sturzenhecker von der Universität Hamburg fasst das im Fokusthema so zusammen: "Die Debatte um Bildungslandschaften basiert auf einem erweiterten Bildungsverständnis: ,Bildung ist mehr als Schule`, denn Kinder und Jugendliche eignen sich die Welt nicht nur in formellen, sondern auch in nicht formellen und ,wilden' Bildungsprozessen an. Die Wahrnehmung und planvolle Vernetzung dieser Aneignungsprozesse und der Orte, an denen sie stattfinden, ist der Grundgedanke einer lokalen Bildungslandschaft." Unter "wilden Bildungsprozessen" versteht der Professor für Sozialpädagogik alle jene Momente im Leben von Kindern und Jugendlichen, in denen sie Erfahrungen außerhalb des von den Institutionen und Erwachsenen Geplanten sammeln, in denen sie beiläufig, informell und unbeabsichtigt lernen, auch ohne das Wissen und das Einverständnis der Eltern und Pädagogen.

Konkrete Hinweise, Arbeitsmaterialien und Checklisten

Diese Handreichung verdient ihren Namen. Sie führt Leserinnen und Leser sowie alle Bildungsakteure, Politikerinnen, Politiker und Verwaltung systematisch an das komplexe Thema Bildungslandschaft heran und mahnt zugleich weitergehende Veränderungen des Bildungssystems, zu denen auch der weitere Ausbau von Ganztagsangeboten zählt, an. Sie können sich anhand eindrucksvoller Erfahrungen der Modellkommunen ein Bild von einer möglichen Initiativphase für die eigene Kommune machen. Sie erhalten konkrete Hinweise, Vorgehenshinweise, Arbeitsmaterialien und Checklisten, wie sie die jeweilige Ausgangsposition analysieren können. Auch hier liefert das Buch Praxiserfahrungen, etwa wenn über die erste Zukunftskonferenz der Stadt Usingen, die am Programm der DKJS "Anschwung für frühe Chancen" teilgenommen hat, berichtet wird. Eine Fülle von Links zu wichtigen Programmen und Projekten, die sich dem Aufbau von Bildungslandschaften widmen (u. a. "Neue Lernkultur in Kommunen", "Lernen vor Ort", "Bündnisse für Chancengerechtigkeit", "Bildungslandschaften zwischen den Meeren - Bildung gemeinsam verantworten") sowie zum Begleitprogramm der DKJS "Ideen für mehr! Ganztägig lernen"), ermöglichen ein weiteres und tieferes Eintauchen in die Thematik.

Sportplatz© Thinkstock

Die Handreichung ist äußerst hilfreich, wenn sich Kommunen auf den Weg machen und nach der Analyse der Situation als weitere Schritte klären wollen, wo die Reise hingehen soll. Sie zeigt, wie man die Vision der Bildungslandschaft konkretisieren kann, wie dann die Entwicklungsphase aussehen muss und wie die konkreten Ideen zu einer vernetzten, den Kindern und Jugendlichen, aber auch Erwachsenen dienenden Bildungslandschaft mit transparenten Strukturen umgesetzt werden können. Zu all diesen Schritten liefert das Buch, das sich an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kommunaler Verwaltungen, von Bildungs- und Kultureinrichtungen sowie zivilgesellschaftlicher Organisationen (Verbände, Vereine, Bürgerstiftungen) wendet, einen anschaulichen Leitfaden. Dieser stellt die einzelnen Stationen des Prozesses, aber auch konkret erreichte Strukturveränderungen in den Modellkommunen dar. Dass derartige Veränderungen und das damit einhergehende Bemühen um mehr Miteinander ein sensibles Thema darstellen, belegt die im Buch aufgegriffene Aussage der Jugendpflegerin Eike Binge aus Wedel: "Man fremdelt ja auch gerne mal, deswegen benötigt Kooperation Zeit. Kooperation erfordert natürlich auch die Öffnung einer Institution. Das ist häufig ein Problem. Ob das nun Schule ist oder Jugendhilfe, die offene Kinder- und Jugendarbeit. Da muss immer wieder viel, viel Vertrauensarbeit geleistet werden."

 

Wie geht's zur Bildungslandschaft? Die wichtigsten Schritte und Tipps. Ein Praxishandbuch
Herausgeber: Deutsche Kinder- und Jugendstiftung
2012 Kallmeyer in Verbindung mit Klett
Friedrich Verlag GmbH
ISBN: 978-3-7800-4955-1
EUR 21,95

 

Käuferinnen und Käufern des Buches stehen weitere Materialien als kostenloser Download zur Verfügung:
www.friedrich-verlag.de
DOWNLOAD-CODE: d14955bs

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