Annenschule: Blaues Band als roter Faden im Ganztagsalltag

Lernen ist wichtig. Doch mindestens ebenso wichtig ist die Persönlichkeitsbildung. Entsprechend gestaltet das Kollegium der Annenschule Chemnitz das Schulleben: mit individuellem Blick aufs Kind und Zugewandtheit.

Vor drei Jahren sind die Oberschulen in Sachsen aus den Mittelschulen hervorgegangen. Behaupten müssen sich diese gegenüber den Gymnasien – und dabei nicht nur Eltern und Schülerinnen und Schüler, sondern auch die Lehrkräfte überzeugen, an ihre Schulen zu kommen. Auch deshalb hat die sächsische Landesregierung beschlossen, wechselwilligen Lehrerinnen und Lehrern das gleiche Gehalt zu zahlen wie bei einer Gymnasialkarriere. Die Oberschulen punkten mit engagierten, sich für ihre Schülerinnen und Schüler einsetzenden Pädagoginnen und Pädagogen. Wer sich davon überzeugen möchte, sollte die Annenschule in Chemnitz besuchen.

„Eine menschliche Schule“

Wir tun dies Ende August. Vor uns liegt ein Gebäude, dem sein Alter auf den ersten Blick nicht anzusehen ist. 1952 als erster Nachkriegsschulbau aus den Trümmern dieser Stadt erstanden, wirkt das Haus freundlich, ja einladend. Im geräumigen Treppenhaus treffen wir einen jungen Pädagogen, fragen nach dem Weg zur Schulleiterin Ulrike Schulz. Ein kurzer Hinweis, wo es langgeht, hätte sicher genügt. Doch der junge Mann meint: „Bitte folgen Sie mir“ und verlässt uns erst, als wir vor der Tür der „Chefin“ stehen.

© Annenschule

Unmittelbar vor deren Zimmer sitzen vier Mädchen, grüßen freundlich und vertiefen sich anschließend wieder in ihre Bio-Arbeit. Für diese Gruppenarbeit dürfen sie den angestammten Klassenraum verlassen. Sind die Freundlichkeit und Zugewandtheit ein Zufall, eine Momentaufnahme? „Nein“, ist sich Ulrike Schulz sicher. „Wir wollen und sind eine menschliche Schule mit zugewandtem Umgangston“, beantwortet sie die Frage, warum Chemnitzer Eltern ihr Kind auf die Annenschule schicken sollen.

Mehr als 300 haben sich für die Annenschule entschieden. Und sind begeistert. Das bestätigt auch eine Mutter, die wir auf dem Schulhof treffen. „Wissen Sie, vielen Menschen, die hier im Umfeld leben, geht es nicht gut. Viele sind auf staatliche Unterstützung angewiesen. Da ist eine Schule, die so wertschätzend mit den Kindern umgeht wie diese, alles andere als selbstverständlich“, versichert sie.

Im Wechselbad der Gefühle

Dass die Kooperation mit den Eltern eine besondere Aufgabe darstellt, verhehlt Ulrike Schulz nicht. „Manche unserer Kinder gehen durchaus durch ein Wechselbad der Gefühle. Diejenigen, die kein schönes Zuhause haben, genießen hier bei uns die Erfüllung ihrer Grundbedürfnisse“, berichtet sie. Soziale und emotionale Defizite belasten einerseits nicht selten Kollegium, Klasse und Lernklima – besonders nach dem Wochenende. Anderseits hilft nach Ansicht der Schulleiterin der Ganztag „total, denn wir haben mehr Zeit, uns mit den Mädchen und Jungen zu beschäftigen, und zugleich spüren diese die Zugewandtheit, aber auch das harmonische Miteinander über viele Stunden am Tag“.

Aktion
© Annenschule

Von Elternbesuchen zu Hause, wie sie in Sachsen und anderen neuen Bundesländern früher üblich waren, hat die Schule inzwischen Abstand genommen, auch, weil es manchen Müttern, Vätern oder Kindern vielleicht peinlich sein könnte. Da es in den Gesprächen um die schulische Bildung der Kinder geht, sollte das Gespräch auch im schulischen Rahmen stattfinden, so die Ansicht der Schulleitung.

Deshalb werden die Eltern zu Gesprächen eingeladen und wenn nur eben möglich ins Schulleben einbezogen. Hierzu steht die Annenschule im engen und schnellen Kontakt zum Jugendamt, und sie stimmt sich auch mit dem Stadtteilbüro ab. Was unter anderem dazu führt, dass Feste im Reitbahnviertel in schöner Regelmäßigkeit auf dem Schulgelände der Oberschule stattfinden.

Immer wieder mittags

Ein, wenn nicht das wesentliche, Merkmal dieser Schule ist der starke individuelle Blick auf jede Schülerin und jeden Schüler. Geprägt ist dieser Blick von großem Vertrauen. Auch in Zeiten, als die Annenschule nicht wirklich zur guten Platzierung Sachsens in Bildungsrankings beitrug, änderte die Schule ihre Haltung nicht: „Natürlich ist Wissen wichtig. Doch die Leistung ist nicht entscheidend. Wenn wir es schaffen, dass die Mädchen und Jungen gefestigt sind, dann werden sie später die Leistung, die sie erbringen wollen, auch von sich abfordern“, ist Schulz überzeugt.

Eines aber verlangt die Schule ohne Wenn und Aber von den jungen Menschen: Disziplin und das Einhalten der verabredeten Spielregeln. „Das wird uns von Anfang klar gemacht. Aber wenn wir uns daran halten, kriegen wir mit keiner Lehrerin und keinem Lehrer Stress“, weiß ein 14-Jähriger zu berichten. Er stimmt den ein Jahr jüngeren Mitschülerinnen Michaela, Jasmin, Lisa und Benita bei der Beurteilung des „Blauen Bandes“ begeistert zu: „Das ist Klasse.“

Britta Hüning
© Britta Hüning

Es ist nicht nur klasse – wie die Schülerinnen und Schüler es empfinden. Es zieht sich auch wie ein roter Faden durch ihren Schulalltag. Täglich ist für das Blaue Band gut eine Stunde reserviert. Montags treffen sich 14 altersgemischte Gruppen zu fächerverbindenden Kursen. „Auch das trägt zum Zusammenhalt der Schulfamilie und dem besseren Kennenlernen über die Klasse hinaus bei“, sagt Schulleiterin Schulz. Die Kurse stehen in jedem Jahr unter einem neuen Oberthema, in diesem Jahr geht es um „Indien“.

Heiß begehrt sind die dienstäglichen „DIEkurse“. 26 befinden sich aktuell im Angebot, sie reichen von der Keramikwerkstatt bis zur Tanzschule. Noten sind hier tabu. Dafür können wertvolle Zusatzpunkte für besonderes Engagement für die Klasse oder die Schulgemeinschaft, wie etwa die Beteiligung an der Organisation eines Benefizkonzertes, gesammelt werden. Der Clou: Bis zu zwei Zusatzpunkte dürfen bei einer Klassenarbeit oder Leistungskontrolle sozusagen als Joker eingesetzt werden, beispielsweise um eine 3+ in eine 2- zu verwandeln.

Kreative Lösung gefunden

Frei wählen dürfen die Oberschülerinnen und -schüler, welche Fachlehrerin oder -lehrer sie am Mittwoch in der KOMM-Zeit besucht. Das gesamte Kollegium und damit alle Fächer stehen zur Auswahl. KOMM dient ebenso wie weitere spezielle Unterrichtseinheiten der Förderung – sowohl, wenn ein Kind in einem Fach ein wenig Nachholbedarf aufweist als auch, wenn es mehr Förderung wünscht.

Britta Hüning
© Britta Hüning

Die freie Wahl hat indes eine Grenze: Wegbleiben geht nicht. Damit dies nicht passiert, bestätigen die Lehrkräfte die Anwesenheit per Unterschrift. Freiarbeit, inklusive des Erledigens von Hausaufgaben, ermöglicht die donnerstägliche Lernzeit. Geschätzt bei Jung und Alt ist auch die Teamstunde am Freitag. Hier wird alles besprochen und geklärt, was für das gemeinsame Lernen und Leben von Bedeutung ist. Man hat Zeit und muss derartige Fragen nicht zwischen Tür und Angel oder im Fachunterricht „mal eben zwischendurch“ besprechen.

Wie aber schafft man sich den zeitlichen Freiraum für ein Blaues Band? Das wollten viele andere Schulen von der dem früheren Referenzschulnetzwerk Sachsens angehörenden Annenschule wissen. Die Antwort: Eine Unterrichtseinheit im „Wert“ einer Doppelstunde dauert hier nur 70 Minuten. „Die abgezweigten 20 Minuten ermöglichen das Blaue Band“, berichtet Ulrike Schulz. Vieles, was ansonsten im Fachunterricht an Organisationsfragen oder Ähnlichem zu klären wäre, findet nun im Mittagsband statt. Schülerinnen wie Benita und Michaela jedenfalls finden es gut, weil es „wie eine kleine Auszeit ist“ (Benita) und eine „gute Abwechslung zum Unterricht darstellt“ (Michaela).

„Balsam für die Seele“

Mehr als nur Abwechslung bieten zahlreiche Klassenprojekte und Arbeitsgemeinschaften. Sie tragen wesentlich dazu bei, dass die Klassen- und Schulgemeinschaft noch enger zusammengeschweißt werden. „Im Frontalunterricht gelingt das nicht so leicht“, ist die Schulleiterin überzeugt. Doch wenn die Bläserklasse zusammen für Auftritte probt oder die neunten Klassen gemeinsam trainieren, weil sie am Ende des Schuljahres eine Tanzvorführung auf dem Programm stehen haben, dann wirkt sich das positiv aus.

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So positiv, dass Ulrike Schulz geradezu ins Schwärmen gerät, wenn sie von „ihrer“ Schule spricht. Die Zusammenarbeit im Kollegium und dessen Engagement seien geradezu fantastisch. Die Freude, mit der das gesamte Team, bei dessen Aufzählung die Schulleiterin wahrlich niemanden auslässt, auf die Kinder zugehe, habe sie noch nie erlebt. „Und darum ist meine Arbeit hier wie Balsam für die Seele“, gesteht sie.

 

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