"Wir sind die schnelle Hilfe"

Kaum noch eine Schule in Deutschland besitzt keinen Förderverein. Schätzungen zufolge existieren derzeit bundesweit 22.000 solcher Gremien. In sieben Bundesländern haben sich bereits Landesverbände etabliert. Weitere sollen folgen, kündigt die Vorsitzende des Bundesverbandes der Schulfördervereine, Anne Kreim, am Rande der Bildungsmesse didacta in Hannover gegenüber www.ganztagsschulen.org an.

Porträtfoto einer Frau vor blauen Stellwänden mit Aufschrift.

Online-Redaktion: Welche Bedeutung haben Fördervereine für Ganztagsschulen?

Anne Kreim: Ich will es einmal zuspitzen: Ohne die Schulfördervereine gäbe es vielleicht weniger Ganztagsschulen. Sie springen in viele Lücken, und das nicht nur, wenn kein Geld da ist. Sie stellen nicht selten auch Organisationshilfen bei der Gestaltung des Nachmittagsangebots dar, und zum Teil gehen die ehrenamtlich Tätigen selbst in die Betreuung.

Online-Redaktion: Der ursprüngliche und in der Satzung festgeschriebene Auftrag der Schulfördervereine klingt anders.

Kreim: Fördervereine sehen ihre Aufgabe in der Bildung und Erziehung der Kinder, beziehungsweise darin, die Schule in diesem Bestreben zu unterstützen. Früher bezog sich das in erster Linie auf die finanzielle Unterstützung einzelner Kinder, deren Eltern finanziell schlechter gestellt waren. Heute gründen Eltern Vereine, fungieren als eigenständige juristische Person, die die nachmittägliche Betreuung organisieren, angefangen von der Auswahl außerschulischer Kooperationspartner bis hin zur Einstellung von Personal.

Online-Redaktion: Wo Geld im Spiel ist, kann das zu einem hohen rechtlichen Risiko für die im Förderverein ehrenamtlich Tätigen führen...

Kreim: Völlig richtig. Darum raten wir ja auch den Vorständen der 2.000 Schulfördervereinen, die dem Bundesverband angehören, gemeinsam mit ihren Mitgliedern einen exakten Haushaltsplan zu beschließen und diesen genau so umzusetzen. Das minimiert das Risiko.

Online-Redaktion: Eltern könnten sich auf den Standpunkt zurückziehen, Bildung sei Sache des Staates. Warum tun sie das nicht?

Kreim: Es kann ganz sicher nicht die Aufgabe der Schulfördervereine sein, alles zu regeln. Wir wollen auch in keinster Weise in die Rolle der Elternvertretungen schlüpfen, und wir wollen niemandem, weder Schule noch Elternhaus, vorschreiben, was er tun soll. Die Fördervereine helfen eher, wo Not am Mann oder der Frau ist. Bundesweit bringen alle Schulfördervereine jährlich gemeinsam eine Milliarde Euro auf. 50 Prozent werden für Material - das kann die Schulhofsanierung, aber auch die Anschaffung von Computer-Software sein -, die anderen 50 Prozent für Personal ausgegeben. Dabei haben wir immer das Wohl der Kinder im Blick. Dass alle aufgerufen sind, sich für Bildung zu engagieren, dafür hat nicht zuletzt Bundesbildungsministerin Prof. Dr. Annette Schavan im vorigen Jahr auf der didacta geworben: "Gute Bildung für jedes Kind - das ist nicht allein eine Aufgabe für den Staat und die Schulen, sondern für die ganze Gesellschaft."

Online-Redaktion: Gelingt die Zusammenarbeit zwischen Schule und Fördervereinen in der Regel?

Kreim: Ja. Wenn eine Schulleitung nicht kooperiert, schadet sie sich ja selbst und den Kindern, weil sich ein Förderverein dann ganz gewiss schnell zurückzieht. Viele Schulleitungen sind Gründungsmitglieder ihrer Schulfördervereine. Insgesamt aber streben wir unsere Legitimation an. Wir möchten in die Schulgremien aufgenommen werden. Dort sind wir heute schon zumeist vertreten, doch ohne Stimmrecht. Die Schulfördervereine sind lediglich im hessischen Schulgesetz verankert. Zugleich möchte ich aber noch einmal betonen: Wir wollen keine Elternvertreter sein, wir wollen helfen.

Zwei Frauen und ein Mann stehen vor blauen Ausstellungswänden unter einem Transparent mit der Aufschrift "Bundesverband der Schulfördervereine e. V."

Online-Redaktion: Sie sagten, Sie hätten die Kinder im Blick. Was benötigen diese in der Bildung und damit in der Schule?

Kreim: Sie brauchen die individuelle Begleitung und Betreuung und ein Korrektiv. Dazu müssen die Lehrerinnen und Lehrer herausfinden, wo und wie jedes einzelne Kind gefördert werden kann und muss. Wir als Fördervereine können die Schulen zum Beispiel dabei unterstützen, die notwendigen Testverfahren und Förderinstrumente zu kaufen, wir können entsprechende Fortbildungen finanzieren und wir können Förderunterricht ermöglichen.

Online-Redaktion: Kann das auch zu mehr Chancenungleichheit beitragen, weil Schulen in sozialen Brennpunkten möglicherweise über weniger "reiche" Fördervereine verfügen

Kreim: Das glaube ich nicht, zumal die meisten Grundschulen, egal, wo sie liegen, über einen Förderverein verfügen. Spätestens in diesem Alter werden die Weichen für die Bildungsbiografie des Einzelnen gestellt. In den Grundschulen haben die Eltern daher auch das größte Bedürfnis, einen Beitrag zur positiven Entwicklung ihrer Kinder zu leisten. Und das gilt nicht nur für die betuchteren.

Online-Redaktion: Welchen Zielen haben sich die Schulfördervereine ansonsten verschrieben?

Kreim: Sie wollen noch mehr Qualität und Förderung in die Schule bringen. Und sie möchten dazu beitragen, dass Schule mehr und mehr nicht nur Lern-, sondern auch Lebensraum wird. Dazu aber muss sich noch einiges an der baulichen Gestaltung unserer Schulen ändern. Darüber hinaus tragen Schulfördervereine zu einer stärkeren Identifikation mit der Schule bei. Sowohl bei den Eltern, die sich engagieren, als auch bei den Schülern - nicht nur, wenn sie das vom Förderverein finanzierte Schul-T-Shirt tragen.

Online-Redaktion: Warum sollen sich die Schulfördervereine zu Landesverbänden zusammenschließen?

Kreim: Ganz einfach. Gemeinsam können wir mehr erreichen. Wir können Netzwerke bilden, uns austauschen, von den Erfahrungen des anderen profitieren.

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