Ein Leben für die Ganztagsschule: Dr. Stefan Appel

Wer sich in Deutschland mit dem Thema Ganztagsschule beschäftigt, landet automatisch bei seinem Namen: Der von der Reformpädagogik inspirierte Pädagoge Stefan Appel war nicht nur Jahrzehnte lang Leiter der Schule Hegelsberg und ist Vorsitzender des Deutschen Ganztagsschulverbandes. Er ist ein Streiter für eine kindgerechte und humane Schule. Heute wird ihm das Bundesverdienstkreuz übergeben.

Foto von Stefan Appel

Forscht man nach den Wurzeln für die pädagogische Denkweise des Sohnes einer alten Kasseler Familie, so findet man diese in seinem Studium an der Georg-August-Universität in Göttingen (1963 bis 1969). Hier hatte er die Fächer Germanistik, Geschichte, Psychologie, Philosophie und Pädagogik belegt. Letzteres Fach bescherte ihm seine ersten Kontakte zu Professor Heinrich Roth, dessen Vorlesungen er besuchte und dessen pädagogische Grundideen auch ihn beeinflussten.

Als Appel 1983 zum Leiter der Schule Hegelsberg in Kassel berufen wurde, entwickelte er mit dem dortigen Kollegium nicht nur die erweiterte Ganztagskonzeption, sondern auch das einer kooperativen Gesamtschule. Seine Kollegin im Vorstand des Ganztagsschulverbandes und Mitglied im Schulleitungsteam der Schule Hegelsberg, Gunhild Schulz-Gade, beschreibt, worauf Appel schon damals Wert legte: "Wichtig war ihm vor allem an diesem Standort in Kassels Nordstadt mit 35 Nationalitäten in der Schülerschaft die besondere Beachtung der Kinder und Jugendlichen, die nicht mit Leistungsvorsprüngen und Bildungsvorteilen aus der Grundschule kamen, sondern deren Persönlichkeits- und Lernentwicklung intensiv zu fördern waren."

"...da hilft nur die Unterstützung der Familie"

Sein Ziel war es, eine Schule zu entwickeln, die im höchsten Maße durchlässig zwischen den Schulzweigen, also nicht selektiv, sondern individuell fördernd angelegt war. Dies auch besonders für Kinder mit Migrationshintergrund. Wegbegleiterin Gunhild Schulz-Gade weiß: "Seit den 80er Jahren war und ist die Schule Hegelsberg eine jener Ganztagsschulen im Bundesgebiet, die von unzähligen Pädagogengruppen aus dem In- und Ausland wegen ihres Ganztagskonzeptes besucht wurde und wird."

"Vom Kind aus denken", lautet Appels Credo, das er als Lehrer, Schulleiter und Ganztagsschulberater, als Mitglied des Bundesvorstandes der Deutschen Ganztagsschulverbandes, Vorsitzender seit 1985 und nicht zuletzt als gefragter Gesprächspartner in Bildungs-Talkshows stets und unermüdlich wiederholt.

So setzte Appel sich stets dafür ein, genau hinzuschauen, warum Schülerinnen und Schüler dem Unterricht fern blieben. "Nein", sagt er im Gespräch mit www.ganztagsschulen.org, "wenn ich in die Welt des jungen Menschen und seiner Familie eintauche, stoße ich mitunter auf ernste Ursachen für Auffälligkeiten wie das Fernbleiben vom Unterricht." Er erinnert sich an den Fall einer Schülerin, die in die Mutterrolle der Familie geschlüpft war und schlicht keine Zeit und Gedanken für die Schule hatte. Stefan Appel weiß: "Da hilft kein Bußgeld, da hilft nur die Unterstützung der Familie."

Es ist das unbürokratische Handeln, das ihn, der in den vergangenen 35 Jahren mehr als 70 Abhandlungen zu Fragen der Ganztagsschule verfasst hat, charakterisiert. Er drückt das so aus: "Ich muss auch schon einmal unorthodox eingreifen, um jungen Menschen zu helfen, die durch alle Raster fallen." Dazu zählen auch jene, die irgendwann auf die schiefe Bahn geraten sind, die dann versuchen, noch die Kurve zu kriegen, indem sie doch noch einen Schulabschluss nachholen. "Soll ich so jemandem die Aufnahme an der Schule verweigern, nur weil seine Schulpflicht formal schon abgelaufen ist und ich möglicherweise befürchte, dass derjenige Schwierigkeiten verursachen könnte?" fragt er, und seine Antwort schwingt in der Fragestellung mit.

Bundesverdienstkreuz für einen kritischen Geist

Stefan Appel ist nicht immer und nicht für jeden bequem. Er redet den Menschen nicht nach dem Mund. Er sagt, was er denkt, und er schreibt, was er denkt. Doch er tut es immer im Interesse der Sache, präziser im Interesse seiner Schülerinnen und Schüler. So glaubt er auch am Tag seiner heutigen Ehrung: "Vielerorts sind wir von kindgerechten und humanen Schulen noch weit entfernt." Und er fordert den weiteren Ausbau zu echten Ganztagsschulen, die nach seinem Konzept "Lebensschulen ganzheitlicher Art" sind. Er erinnert an die Worte des Dortmunder Erziehungswissenschaftlers Prof. Dr. Heinz Günter Holtappels, der das offene Ganztagsmodell aus morgendlichem Unterricht und nachmittäglicher Betreuung als "Bikinimodell" bezeichnet hatte. Analog dazu meint Stefan Appel: "Eine Ganztagsschule als verschlankte Betreuungsform ist nicht die Lösung."

Stefan Appel wird weiter für seine Ideale streiten. So wie er es in den vergangenen Jahrzehnten getan hat, wenn er federführend die Jahreskongresse des Ganztagsschulverbandes organisierte, wenn er an "seinem" Handbuch Ganztagsschule arbeitete, als Mitherausgeber am "Jahrbuch Ganztagsschule" oder der Praxisreihe Ganztagsschule. 2011 hat Stefan Appel schließlich an der Universität Kassel bei Prof. Axel-Olaf Burow zum Thema "Gestaltungsformen von Ganztagsschulen in der Bundesrepublik Deutschland" promoviert.

Fragt man den Vater dreier erwachsener Kinder nach seinen Hobbies, erhält man eine ebenso kurze wie klare Antwort: "Kinder und Jugendliche, Schule, Lesen und Literatur. Mein Beruf war und ist mein Hobby." Dafür wird Dr. Stefan Appel heute im Kreishaus des Landkreises Kassel das Bundesverdienstkreuz übergeben. Im Moment seiner Ehrung denkt er an alle, die ihn unterstützt, begleitet, aber auch kritisch hinterfragt haben. "Das Verdienstkreuz ist für mich keine Einzelauszeichnung, sondern die Wertschätzung der Arbeit aller, die sich für eine ,andere` Schule einsetzen."

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