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Übergangsmanagement von der Schule in die Ausbildung

Die PISA-Studien zeigen, dass an deutschen Schulen Schülerinnen und Schüler, darunter viele mit Migrationshintergrund verstärkt zu den so genannten Risikogruppen zählen. Was ist zu tun, um die Ausbildungs- und Beschäftigungschancen dieser Gruppe zu erhöhen? Die Tagung "Risikogruppen nach PISA - chancenlos?" vom 30. Juni bis 2. Juli 2006 in der Evangelischen Akademie Arnoldshain bot einige Antworten.

Man steht an Rednerpult und spricht.

So weit blickend konnte Ulrich Sievering, Studienleiter der Evangelischen Akademie Arnoldshain, nicht sein, als er und seine Kolleginnen und Kollegen des Arbeitskreises Bildungspolitik die Tagung "Risikogruppen nach PISA - chancenlos" terminierten: Am ersten Nachmittag der dreitägigen Veranstaltung in der mitten im Taunus gelegenen Einrichtung sorgte König Fußball mit dem Viertelfinale Deutschland gegen Argentinien für Konkurrenz. Doch niemand verspürte den Wunsch, das Tagungsprogramm zu ändern, und von rund 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmern setzten sich lediglich zwei ab, um das Spiel zu verfolgen.

Es spricht für den Ernst des Themas und das Engagement der Anwesenden, die zum Großteil aus hessischen Haupt- und Berufsschulen sowie aus kommunalen Netzwerken angereist waren, dass die Bildung hier den Fußball schlug. "Wir haben dieses Thema ausgewählt, weil spätestens seit den Rütli-Vorfällen eine Diskussion um die Zukunftschancen der Risikoschülerinnen und -schüler entbrannt ist", so Sievering, der als Moderator zusammen mit Brigitte Jahn-Lenning, der Vorsitzenden des Arbeitskreises Bildungspolitik, durch die Veranstaltung führte.

Portätfoto von Tilly Lex

Die PISA-Risikogruppe - das sind die Jugendlichen, deren Ausbildungs- und Beschäftigungschancen schlecht sind, da sie oftmals ohne Abschluss die Schule verlassen und kaum über elementare schulisch vermittelte Kompetenzen verfügen.

Eine "schleichende Katastrophe" nannte Nader Djafari, Geschäftsführer des Instituts für berufliche Bildung, Arbeitsmarkt und Sozialpolitik in Offenbach am Main, in seinem Vortrag "Risikofaktor Soziale Herkunft - Risiko für wen?" die Entwicklung in Deutschland und bezog sich dabei speziell auf den hohen Anteil von Jugendlichen aus Migrantenfamilien, die keinen Berufsabschluss haben: 37 Prozent sind Ungelernte; bei den Deutschen liegt diese Zahl bei elf Prozent. Die Quote von Hauptschulabgängern mit Migrationshintergrund, die eine Lehrstelle finden, ist im letzten Jahr auf 25 Prozent eingebrochen.

Sprachförderung und Betriebspraktika

Schlechte Bildungschancen, Jugendarbeitslosigkeit, Armut, Ausgrenzung und Identitätskrisen seien ein sozialer Sprengstoff, unter dem nicht nur die unmittelbar Betroffenen litten. "Die aktuellen Schäden und die Folgekosten sind gesamtgesellschaftlich sehr groß. Sie sind aus humanen und wirtschaftlichen Gründen nicht zu verantworten", befand der aus dem Iran stammende Djafari. "Es ist dringend erforderlich, dass die Kindergärten und Schulen besser ausgestattet werden, um den Kindern und Jugendlichen aus Migrantenfamilien genügend Unterstützung bieten zu können. Die Fortbildung der Lehrkräfte sollte intensiviert und ausgeweitet werden."

Dr. Tilly Lex vom Deutschen Jugendinstitut in München stützte diesen Befund durch Zahlen. Die stellvertretende Leiterin des Forschungsschwerpunktes "Übergänge in Arbeit" präsentierte Ergebnisse aus aktuellen Untersuchungen des DJI zum Übergang von Hauptschülerinnen und -schülern. "Ganz wichtig ist die Einbeziehung von Eltern für eine erfolgreiche Arbeit mit Schülerinnen und Schülern aus Migrantenfamilien", konstatierte die Wissenschaftlerin. Sprachförderung für Migranten sei dabei unumgänglich. Darüber hinaus gelte es, die Lernchancen durch außerschulische Aktivitäten der Jugendlichen zu nutzen.

Erwachsene sitzen an langen Tischen und hören einem Vortrag zu.
Konzentriertes Zuhören trotz(t) der Fußball-WM

"Betriebspraktika müssen als zentrales Instrument für den Übergang in den Beruf systematisch genutzt werden", schilderte Tilly Lex. Denn diese Praktika seien entscheidend bei der Berufswahl und eröffneten Zugänge zu einem Ausbildungsplatz. Ein Übergangsmanagement von der Schule in die Ausbildung müsse spätestens im letzten Jahr des Schulbesuchs einsetzen und mindestens ein Jahr über das Schuljahresende hinaus dauern. In einem DJI-Modellprogramm gibt es so genannte Kompetenzagenturen als Lotsen für besonders benachteiligte Jugendliche. Das Modellprogramm habe gezeigt, wie groß der Handlungsbedarf sei, aber auch, dass es möglich sei, Jugendliche durch intensives Fallmanagement sozial und beruflich nachhaltig zu integrieren.

25 Prozent der Schülerinnen und Schüler gehören zur Risikogruppe

"Das deutsche Schulsystem ändert nicht nur nichts an der Tatsache, dass die Risikoschülergruppe benachteiligt ist, es verschärft das Problem sogar noch - je länger ein Fach unterrichtet wird, um so straffer", so Prof. Wolfgang Böttcher von der Universität Münster in seinem Vortrag "Soziale Herkunft - Schicksal oder vermeidbares Risiko?". "Wenn wir positive Veränderungen wollen, geht es nur über die Trias Politik, Wissenschaft und Schulen", erklärte der Erziehungswissenschaftler. Die Probleme seien seit 40 Jahren bekannt.

1973 habe der Deutsche Bildungsrat in seinem Bildungsgesamtplan Ganztagsschulen gefordert, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erleichtern und mehr Zeit zum Lernen zu ermöglichen. Die Benachteiligung von Arbeiterkindern sollte durch Ganztagsschulen, "aufbauend auf ihre sozialen Kompetenzen", abgemildert werden. "Alle diese Ansätze sind versandet."

Mann bei einem Vortrag

Ganztagsschulen hält Böttcher für "richtig und wichtig", wenn sie auch nicht alle Probleme lösen könnten. Die Ausweitung von Sprachförderung, die momentan nur vier Prozent der Kinder mit Migrationshintergrund erreiche, ein höherer Ausbildungsstandard für Erzieherinnen, mehr Mittel für die vorschulische Bildung, Bildungsstandards und eine Lehrerausbildung, die besser auf die spätere Tätigkeit, besonders im Umgang mit schwierigen Kindern ziele, seien ebenso notwendig. Vergleichstests sollten der Diagnose dienen und nicht zur Testeritis führen.

Die im Bildungssystem Arbeitenden sollten sich in Deutschland auf ein gesellschaftliches Bildungsmarketing mit dem Motto "Geht nicht, gibt0s nicht" einigen: "Nur Fördern führt zum Fordern; alle Kinder können lernen; keiner wird zurückgelassen; jedem Kind wird unabhängig von seiner Herkunft die beste Bildung ermöglicht", zählte Böttcher einige Schlagworte wider den Bildungspessimismus auf.  "Wer im Bildungsbereich kürzt, zahlt später ein Vielfaches wieder drauf", resümierte er.

Weniger visionär, sondern in der Gegenwart verankert, argumentierte Dr. Wilfried Wulfers vom Didaktischen Zentrum Marburg mit seinem Vortrag "Schulsozialarbeit - Bedingung für eine gelingende Schularbeit?" Der ehemalige Lehrer und jetzige Schulsozialarbeiter befürwortete Schulsozialarbeit als "prinzipiell in jede Schulform gehörend". Dabei müssten Lehrer etwas von Schulsozialarbeit verstehen und umgekehrt, die beiden Bereiche dürften nicht nebeneinander existieren: "Eine Zusammenarbeit der verschiedenen Professionen ist unabdingbar."

Ein Mann sitzt an einem Tisch und spricht.

Wulfers bezeichnete sich als "glühenden Ganztagsschulanhänger": "Allein schon deshalb, weil ich gesehen habe, wie hilfreich die Hausaufgabenbetreuung für die Schüler ist." Ganztagsschulen sollten den Tagesrhythmus der traditionellen Halbtagsschule verändern, eine Verzahnung mit Angeboten freier Träger erreichen und mit Hilfe der Schulsozialarbeit eine Öffnung der Schule ermöglichen.

"Schulsozialarbeit darf kein Alibi für Aktionismus sein und nicht nur die Anpassung von aus der Reihe tanzenden Schülern bezwecken, damit diese 'Leistung bringen'", warnte Wulfers. Sozialarbeiter seien keine Hilfssheriffs oder Vertretungsreserve. Andererseits müssten sich Schulsozialarbeiter von der Vorstellung verabschieden, auf "Kundschaft" warten zu können. "Die Freiwilligkeit, mit der Schüler im Jugendhilfebereich Angebote wahrnehmen können, hat ihre Grenzen. Bei eklatanten Problemen muss man die Schüler auch selbst aufsuchen, mit in den Unterricht kommen, auf Freizeiten mitfahren und Lotsenfunktionen übernehmen."

 Die anschließende Diskussion machte deutlich, dass viele hessische Schulen sich solche Gedanken nicht einmal machen können, weil sie schlichtweg keine Schulsozialarbeiterstelle haben. Eine Teilnehmerin aus Offenbach berichtete: "Wir beantragen seit Jahren vergeblich Sozialarbeiter." In Marburg können Schulen ab 30 Lehrern eine solche Stelle besetzen, wenn sie im Gegenzug auf eine weitere Lehrerstelle verzichten. Einer Schule im Taunus ist es "mit viel Klinkenputzen und mit Hilfe der Jugendhilfe vor Ort" gelungen, eine halbe Stelle zu besetzen, diese ist aber nicht institutionalisiert.

Eine Frau hält einen Vortrag.

Was Freiwilligkeit und Ehrenamt bewirken können, zeigte der Workshop "Schule - Ehrenamtliche Paten". Heike Miehe vom Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau stellte das "Netzwerk St.ar.k" vor. In diesem Netzwerk im südlichen Hessen begleiten Menschen aus der Berufswelt mit Lebenserfahrung und christlichem Engagement junge Leute bereits während der Schulzeit, um sie auf die Berufswelt vorzubereiten. Die überwiegend pensionierten Ehrenamtlichen arbeiten mit Klassen, führen Einzelgespräche, halten Elternabende ab und führen mit den Jugendlichen Bewerbungstrainings durch. Zudem gewinnen sie zusätzliche Ausbildungsplätze in der Region. "Bei st.ar.k handelt es sich um ein Netzwerk lokaler Akteure, die an jedem Standort unterschiedliche Herangehensweisen haben. Es ist ein gutes Konzept für Kleinstädte", erklärte Heike Miehe.

Lokale Initiativen

Einer der Ehrenamtlichen ist Dr. Wilfried Vetter, ehemaliger Personalleiter eines großen Pharmaunternehmens. Er stellte sein Engagement, zu dem er über seine Kirchengemeinde gekommen war, im Rahmen des Workshops vor: 1997 startete er in Weiterstadt, als es galt, zusätzliche Ausbildungsplätze zu gewinnen. In sechs Jahren konnte Vetter 60 Plätze auftun. Darüber hinaus ging er in die Schulen, um mit den Jugendlichen und ihren Eltern über Berufswünsche und -perspektiven zu sprechen.

"Nach der Veröffentlichung der PISA-Studie wurde mir dann aber klar, dass man das ganze Thema grundsätzlicher angehen muss", berichtete Vetter. So habe er 2002 die PISA-Ergebnisse in Weiterstadt vor 280 Menschen präsentiert. Ein Jahr später initiierte der seit 1993 im Unruhestand Lebende einen Bildungsbeirat der Stadt Weiterstadt, dem Vertreter verschiedener Institutionen und Vereine angehörten und der eine von der Kita bis zur Sekundarstufe II umfassende Bildungskonzeption entwickelte. Diese stellte man als "1. Bildungsbericht" vor, formulierte darin die Ziele der lokalen Bildungspolitik und gab Empfehlungen für die Politik. Der Weiterstädter Rat verabschiedete diesen Bericht einstimmig.

Eine Forderung des Berichtes ist die Einführung von Ganztagsschulen: "Es geht darum, mehr Zeit zur Förderung individueller Begabungen zu haben. Dazu müssen in das schulische Lernen insbesondere auch Kompetenzen einfließen, die bislang nicht durch Schule vermittelt werden können und erweiterte Möglichkeiten zum Ausgleich fehlender Entwicklung im familiären Umfeld angeboten werden", heißt es dort. Resultat: Vier Grundschulen steigen ab diesem Jahr über das Modell der Pädagogischen Mittagsbetreuung in ein Ganztagsschulkonzept ein und sollen sich bis 2010 zur offenen Ganztagsschule entwickeln. Eine Gesamtschule geht ebenfalls diesen Weg, eine weitere hat einen Antrag auf Umwandlung in eine Ganztagsschule gestellt.

Ein Mann mit übereinandergeschlagenen Beinen beim Sprechen.

"Die Kinder freuen sich, wenn sich jemand um sie kümmert, wenn man sie fragt, lobt oder tadelt", hat Wilfried Vetter im Laufe der Jahre beobachtet. Die Schulen bräuchten solche "Kümmerer", die am Anfang Zeit investierten. "Lehrer können das nicht leisten, sie haben nicht die Zeit dazu, deshalb müssen da andere Leute ran", meinte Vetter. Ein Netzwerk wie "st.ar.k." zeige, dass es genügend Menschen gebe, die man ansprechen könnte und die Spaß an einer solchen Aufgabe hätten. Es sei mit Sicherheit noch mehr möglich: "Ich wünschte mir, dass sich die Kirchen hier stärker engagieren und deutlich machen, dass es auf diesem Feld größerer Anstrengungen von uns allen bedarf."

Es war Nader Djafari, der in der Evangelischen Akademie Arnoldshain den Bogen zurück zur Weltmeisterschaft spannte: "Ich finde, wir sollten uns nicht von Fehlentwicklungen entmutigen lassen, sondern uns eher mit Integrationserfolgen wie denen von Zinedine Zidane und Miroslav Klose befassen und uns fragen, was diese Beispiele so erfolgreich macht."

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