Chancengleichheit und Berufsorientierung an Ganztagsschulen

Können Ganztagsschulen für mehr Chancengleichheit sorgen? Haben sie bessere Möglichkeiten, die Berufsorientierung ihrer Schülerinnen und Schüler zu unterstützen? Die Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Elisabeth Schlemmer von der Pädagogischen Hochschule (PH) Weingarten forscht zu beiden Komplexen und diskutierte mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Jahrestagung des Ganztagsschulverbandes Landesverband Baden-Württemberg.

Die Adalbert-Stifter-Schule in Ulm ist als Ganztagsschule das, was man einen "alten Hasen" nennen darf: Die Grund- und Hauptschule mit Werkrealschule ist bereits seit 1969 Ganztagsschule - und setzt immer noch Trends. Die große Baustelle an der Straßenecke ist unübersehbar und steht laut Schulleiter Horst Sprandel für ein in Baden-Württemberg einmaliges Projekt, das "Modellprojekt Erziehung, Bildung und Betreuung", das auch scherzhaft "Oettinger-Projekt" genannt wird: Die Investitionen für diesen Neubau in Höhe von 4,5 Millionen Euro werden nämlich zur Hälfte vom Land und zur anderen Hälfte von der Stadt Ulm getragen, und der Ministerpräsident sowie Ulms Oberbürgermeister Ivo Gönner waren an der Planung des Baus beteiligt, der in diesem Sommer eingeweiht werden soll.

Hier entsteht ein zweistöckiges Gebäude mit einem Grundriss von 240 Quadratmetern, das als Jugendhaus mit Kommunikations-, Multifunktions-, Theater- und Besprechungsräumen im Erdgeschoss angelegt ist. Im oberen Stock finden sich ein Atelier, Gruppen- und Musikräume sowie ein Büro für Konfliktschlichtung. Eine Mensa mit eigener Küche für 60 Kinder und Jugendliche kann auch als Veranstaltungsraum genutzt werden. "Dies hier sind keine Unterrichtsräume", betonte Horst Sprandel während einer Führung durch den Rohbau, "sondern hier finden die Jugendhilfe, Vereine und Musikschule Platz, den auch wir für Arbeitsgemeinschaften nutzen können."

Mit diesem offenen Haus, das sich auch in seinem Innenleben durch viel Transparenz auszeichnet, nimmt ein Eckpunkt des Schulprofils - die Kooperation mit Vereinen - gleichsam feste Gestalt an. Weitere Schwerpunkte der Adalbert-Stifter-Schule sind unter anderem die tägliche Bewegungszeit, das Streitschlichterprogramm und die Förderung von lese- und rechtschreibschwachen Schülerinnen und Schülern.

"Ganztagsschulen genießen einen immer höheren Stellenwert"

Der Landesverband Baden-Württemberg des Ganztagsschulverbandes hatte sich für seine Jahrestagung am 9. April 2008 mit dieser Schule einen würdigen Tagungsort ausgesucht, um über "Chancengleichheit an Ganztagsschulen" zu diskutieren. Neben Schulleiter Sprandel und Christiane Stalschus, der 1. Vorsitzenden des Landesverbandes, begrüßte auch Christiane Andrä-Schwarz die rund 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Die Leiterin des Staatlichen Schulamtes für den Stadtkreis Ulm erklärte: "Ganztagsschulen genießen einen immer höheren Stellenwert. Deshalb sind gute Beratung, weiter gehende Informationen und Tagungen wie diese wichtig."

Für das Tagungsthema Chancengleichheit hatten die Veranstalter Prof. Dr. Elisabeth Schlemmer von der PH Weingarten als Hauptreferentin gewonnen. Unter der Überschrift "Chancengleichheit und Ganztagsschule" schlug die Wissenschaftlerin einen großen Bogen vom neuhumanistischen Bildungsideal eines Wilhelm von Humboldt über die Bildungsreformen der sechziger Jahre bis zur Gegenwart.

Gemessen daran, dass heute immer noch über die Chancengleichheit von Schülerinnen und Schülern gesprochen werden muss, scheinen alle Reformanstrengungen der vergangenen Jahrzehnte wenig gefruchtet zu haben, wie die Wissenschaftlerin darlegte. War vor 40 Jahren vom "Katholischen Arbeitermädchen vom Lande" die Rede, dessen Bildungschancen verbessert werden sollten, lauteten die Bildungsbarrieren heute: Schicht, Migration, Scheidung der Eltern und fehlende Motivation. "Für Kinder mit schwierigem familiären Hintergrund fehlt in unserem Bildungssystem die Zeit", kritisierte Prof. Schlemmer. "Stattdessen finden sich 42 Prozent dieser Kinder in Förderschulen wieder, obwohl sie von ihrem Leistungsvermögen her gar nicht dort sein müssten", zitierte sie aus einer von ihr in Bayern mit 3.500 Schülerinnen und Schülern erhobenen Studie.

Kinder müssen Wissen auch anwenden können

Die Einflussfaktoren für ungleich verteilte Bildungschancen lägen aber nicht nur außerhalb der Reichweite von Schule, sondern seien auch hausgemacht, wie die Erziehungswissenschaftlerin betonte: Grundschulgutachten, die hohe Zahl von Zurückstellungen im Einschulungsalter und Klassenwiederholungen, die nachweislich zu schlechteren Leistungen und weniger vorteilhaften Schulabschlüssen führten, seien wenig begabungsorientierte Selektionsmethoden.

Die Ganztagsschule kann laut Prof. Schlemmer Chancengleichheit herstellen, da durch ein Mehr an Zeit mehr Raum für Projektarbeit bestehe, die zu nachhaltigerem Lernerfolg beitrage. Die Lehrer-Schüler-Beziehungen könnten intensiviert, das Lerninteresse gestärkt und der Lernstoff besser verstanden werden. "Neben der fehlenden Selbstständigkeit, der mangelnden Flexibilität und Problemorientierung ist die mangelhafte Transferleistung das größte Problem, das die PISA-Studie aufgezeigt hat. Das Wissen hat für viele Kinder und Jugendliche keinen Nutzen. Die Schülerinnen und Schüler müssen die Gelegenheit erhalten, ihr Wissen auch anwenden zu können", führte die Wissenschaftlerin aus. Unterstützung erhielt sie von Hans Ulrich Karg, Schulleiter des Körperbehindertenzentrums Oberschwaben in Weingarten: "Wir dürfen die Köpfe der Schülerinnen und Schüler nicht nur vollstopfen, sondern man muss die Kinder auch mal handeln lassen!"

Eine der pädagogischen Aufgaben der Ganztagsschule sei es, Schülern zu helfen, ihre Chancen wahrzunehmen, erklärte Prof. Schlemmer. Dies könne durch eine erhöhte pädagogische Aufmerksamkeit, eine andere Lernkultur, differenzierte Förderung, das Fördern von Motivation und Selbstwertempfinden und Kooperationen mit Vereinen und Verbänden und besonders durch eine intensive Zusammenarbeit mit den Eltern erreicht werden. "An einer Ganztagsschule finden und empfinden die Schülerinnen und Schüler ein neues Lernmilieu. Und ich persönlich kenne kein Kind, dass eine Ganztagsschule besucht und diese nicht mag. Besonders die Angebote am Nachmittag werden wertgeschätzt."

Wie entwickeln sich Berufsfindungsprozesse?

Am Nachmittag führte Prof. Schlemmer das Thema Chancengleichheit in einem Workshop fort, diesmal gekoppelt mit dem Komplex "Übergang Schule - Beruf". Ab Mai 2008 wird die Erziehungswissenschaftlerin an der PH Weingarten zusammen mit Prof. Dr. Joachim Rottmann, dessen Arbeitsschwerpunkt Berufliche Kompetenzentwicklung ist, und dem Ökonomen Prof. Dr. Eberhard Jung von der PH Karlsruhe ein auf zwei Jahre angelegtes interdisziplinäres Forschungsvorhaben starten.

Das Vorhaben "Förderung von Ausbildungsfähigkeit und Berufsfindungsprozessen in Ganztagsschulen" beinhaltet eine qualitative Eingangserhebung und einen quantitativen Längsschnitt in drei Wellen. Die Erhebungen finden in Schule, Familie und Betrieb zum Übergang Schule/Beruf vergleichend mit Schülerinnen und Schülern an Ganztags- und Halbtagsschulen in Baden-Württemberg statt. Ziel dieser Studie ist die Erforschung von Berufsfindungsprozessen. "Uns interessiert besonders, wie sich die Selbstbilder von Schülern in Bezug auf die Berufswahl entwickeln", erklärte Prof. Schlemmer.

Gegenwärtig besteht der Wissenschaftlerin zufolge trotz vielfältiger Bemühungen noch immer eine Kontaktarmut zwischen Schulen und Betrieben: "Diese Bereiche existieren vollkommen getrennt voneinander, die Verzahnung ist die entscheidende Frage."

Auch in Tettnang im Bodenseekreis funktionierte die Vernetzung nicht, bis die Manzenbergschule, eine Grund- und Hauptschule mit Werkrealschule, die heimische Wirtschaft zu einem Runden Tisch einlud. An zwei Abenden kamen die Lehrerinnen und Lehrer mit rund 90 Betriebsvertretern zusammen, um in langen Gesprächen die gegenseitigen Erwartungen abzuklären: "Was fehlt? Was erwarten Sie von den Schülerinnen und Schülern?"

"Fundus an Persönlichkeiten" an die Schulen holen

Ein Runder Tisch wie in Tettnang ist für Elisabeth Schlemmer die Chance, "etwas aufzubauen, für das es noch keine Tradition gibt, etwas zu institutionalisieren". Oder ist den Schülerinnen und Schülern einfach mit zusätzlichen Stunden Deutsch und Mathematik mehr geholfen, wie ein Lehrer der Adalbert-Stifter-Schule mutmaßte? "Wir hören doch immer wieder, dass die Betriebe uns sagen, wenn wir ihnen einen schickten, der gescheit lesen, rechnen und schreiben könne, dann stellten sie ihn auch ein. Nur scheitert es daran leider oft bereits." Es sei bitter und frustrierend, wenn Studien zeigten, dass Schülerinnen und Schüler teilweise nach der Grundschule keinen Lernzuwachs mehr verzeichneten.

Mit mehr Unterricht sei es nicht getan, entgegneten andere Teilnehmer. Sinnvoller sei es, verschiedene Professionen an die Ganztagsschule zu holen - einen "Fundus an Persönlichkeiten" -, die zum Beispiel Präventionsarbeit leisten. "Seit wir zwei Sozialarbeiter haben, musste die Polizei schon lange nicht mehr bei uns anrücken, die früher jede Woche hier war", berichtete der Lehrer der Adalbert-Stifter-Schule.

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