"Natürlich kann ein Hauptschüler Direktor werden"

Als Berufsberater an der Käthe-Kollwitz-Schule in Langenfeld bei Düsseldorf ist Klaus Janeck eine Institution. Der ehemalige Ingenieur überzeugt an der Ganztagsschule durch seine profunde Kenntnis der Berufswelt, aber auch durch seine direkte Ansprache an die Schülerinnen und Schüler. Auch wenn für Hauptschüler der Zugang zu den Ausbildungsplätzen immer schwieriger wird, vertraut Janeck darauf, dass sie sich mit Unterstützung der Schule ihren beruflichen Weg bahnen.

Online-Redaktion: Herr Janeck, Sie sind zwar im Ruhestand, doch das hält Sie nicht davon ab, als Berufsberater an der Käthe-Kollwitz-Schule in Langenfeld zu arbeiten: Wie kommt das?

Klaus Janeck: Mich interessiert, was mit den Schülerinnen und Schülern passiert, wenn sie mit der Schule fertig sind. Ich möchte mit ihnen zusammen herausfinden, welche Berufe für sie geeignet sind und welche Berufe sie überhaupt mit ihrem Schulabschluss anstreben können. Natürlich bin ich ihnen auch dabei behilflich, Bewerbungen zu schreiben. Ich sorge dafür, dass sie in einer Weise verfasst werden, die den heutigen Vorgaben entsprechen..

Online-Redaktion: Woher nehmen Sie dafür die Motivation?

Janeck: Die Motivation ist gekommen, als ich zwangsweise aus dem Berufsleben ausschied. Ich war arbeitslos, lebte von der Arbeitslosenversicherung und hatte nun die Idee, etwas für die Gesellschaft zu tun. Mir ging es darum, aus meinen Mathematikkenntnissen sowie der langen Industrie-Erfahrung etwas Sinnvolles zu machen. Hinzu kamen meine Deutsch- und Englisch- Kenntnisse.

Online-Redaktion: Wie gelang es Ihnen, Berufsberater an der Schule zu werden?

Janeck: Ich nahm in Langenfeld Kontakt zur Stadtverwaltung auf und teilte den Verantwortlichen mit, was ich kann und welche Erfahrungen ich mitbringe. Dann haben sie mich an den Sozialdienst katholischer Frauen (SKF) vermittelt und mir vorgeschlagen, mich direkt an den Schulleiter der Käthe-Kollwitz-Schule, Herrn Bergmeister zu wenden. Herr Bergmeister hat sofort gesagt: "Wunderbar, wir brauchen jemanden, der sich um die Berufsberatung kümmert!" Lehrer können diesen Aufgaben aus zeitlichen Gründen nicht im vollen Umfang nachkommen.

Im Schuljahr 2003/2004 habe ich angefangen und nebenbei beim SKF "Die Tüte", einen so genannten "Billigladen", eingerichtet. "Die Tüte" arbeitet nach einem Konzept, dass dem der "Tafeln" ähnlich ist. Hier habe ich ein Jahr als "Einzelhändler" und Projektleiter gearbeitet, bis eine Dame, die für diese Aufgabe besser geeignet war, die Leitung übernahm. 

Online-Redaktion: Mit welchen Jugendlichen haben Sie es in der Käthe-Kollwitz-Schule zu tun?

Vier Kinder lachen in die Kamera, zwei davon tragen Sandsäcke auf der Schulter.

Janeck: Ich kümmere mich um die Jugendlichen der 10. Klassen, die vor dem Hauptschulschulabschluss stehen. Wenn wir heute in Nordrhein-Westfalen von der Hauptschule reden, muss man wissen, dass jede Hauptschule in NRW eine Gesamtschule ist. Man kann dort den Hauptschulabschluss Typ A erlangen, dem einfachen Hauptschulabschluss, oder den Abschluss Typ B, der dem Realschulabschluss d.h. der Fachoberschulreife (FOR) entspricht.

Beide Abschlüsse gibt es an jeder Hauptschule in NRW, daher ist die Hauptschule eine Gesamtschule. Bei den "Gesamtschulen" befindet sich die Oberstufe zwar in dem Gebäude der Gesamtschule, aber sie gehört de facto nicht mehr zur Gesamtschule, weil hier nur noch Oberstufenschüler unterrichtet werden. Somit endet die Gesamtschule mit der zehnten Klasse. Es sind diese Schülerinnen und Schüler, mit denen ich am Ende des neunten Schuljahres den ersten Kontakt aufnehme.

Ich sage ihnen, wie es in der zehnten Klasse weitergeht und mache sie darauf aufmerksam, dass sie mit den Abschlüssen der Typen A und B, nicht jeden Beruf anstreben können. Man kann sich zwar dafür bewerben, wird aber nicht unbedingt einen Ausbildungsplatz bekommen. Ich mache dieses den Schülerinnen und Schülern sehr deutlich klar, damit nicht später eine große Enttäuschung aufkommt. Deswegen bereite ich sie von Anfang darauf vor, welche Berufsausbildung man mit dem Abschluss A und welche mit dem Abschluss B anstreben kann.

Online-Redaktion: Der bekannte Choreograf Royston Maldoom aus dem Film "Rhythm is it" hat überaus erfolgreich mit Hauptschülern gearbeitet. Das Besondere seiner Methode liegt darin, dass er die Jugendlichen, die mit diversen privaten und schulischen Schwierigkeiten zu tun haben, persönlich sehr ernst nimmt und gerade deshalb viel von ihnen fordert. Kennen Sie Ähnliches aus Ihrer Arbeit?

Janeck: Ja. Das Beispiel zeigt, dass auch Jugendliche, die nicht die höchste Schulausbildung erhalten haben, viele Dinge erlernen und sehr erfolgreich sein können. Ich vertrete genau dieselbe  Meinung wie Royston Maldoom. Natürlich kann ein Hauptschüler Bankdirektor werden - und wenn wir uns heute die Ableitungsleiter bei Banken und Sparkassen angucken, die jetzt in den Ruhestand gehen, werden wir viele finden, die von der Volksschule in diesen Beruf hinein gekommen sind und sich im Laufe der Jahre für höhere Aufgaben qualifiziert hatten.

Nur dieselben Damen und Herren, die es soweit gebracht haben, verlangen heute Abschlüsse, die sie selbst nie erreicht haben. Es ist leider Realität, dass die Banken und Versicherungen von vornherein sagen, für bestimmte Ausbildungszweige kämen nur Absolventen mit Fachhochschulreife oder Abitur infrage. Auch ein Hauptschülelr mit dem Abschluss " A" könnte sehr viel mehr erreichen, als ihm heute zugestanden wird.

Formal gesehen wird in den Infobroschüren zu den Ausbildungsberufen weitgehend der Hauptschulabschluss als Voraussetzung genannt, aber die Firmen verlangen de facto mehr, auch wenn die Industrie- und Handelskammer (IHK) diese Meinung ausdrücklich nicht vertritt. Ich bin den Schülerinnen und Schülern gegenüber sehr ehrlich und sage ihnen, dass es müßig ist, sich mit dem Hauptschulabschluss A bei einer Sparkasse oder Versicherung als Bankkaufmann oder Versicherungskauffrau zu bewerben.

Mehrere Mädchen stehen in einer Sporthalle an einer Linie mit Boxhandschuhen an den Händen.

Online-Redaktion: Nun ist es für die Schülerinnen und Schüler der Käthe-Kollwitz-Schule geradezu eine Auszeichnung, endlich beim BOB (schulinternes "Berufs-Beratungs-Büro") beraten und betreut zu werden. Sie bzw. das BOB sind eine regelrechte Instanz geworden - wie kam es dazu?

Janeck: Ob ich bzw. das BOB eine Instanz ist, weiß ich nicht, weil ich tatsächlich nicht zur Schule gehöre. Ich habe zwar einen Universalschlüssel und darf auch das Lehrerzimmer betreten, aber ich gehöre nicht zur Schule, obwohl ich beim Lehrerkollegium anerkannt bin und akzeptiert werde. Allerdings muss eines zur Kenntnis genommen werden: Es gibt durchaus Schülerinnen und Schüler, die aufgrund ihrer Faulheit, Trägheit und ihres Desinteresses nicht zu befriedigenden Zensuren kommen und die mitunter auch noch eine große Anzahl an unentschuldigten Fehlstunden haben. Solche Mädchen und Jungen, die den Abschluss Typ A oder auch den Abschluss Typ B anstreben, sind, das muss man leider sagen, nicht vermittelbar. Wenn jemand 10, 20 oder gar 100 unentschuldigte Fehlstunden hat, wird er keinen Ausbildungsplatz bekommen. 

Online-Redaktion: Trotzdem können Sie eine erstaunlich hohe Vermittlungsquote von bis zu 80 Prozent vorweisen. Wie ist das möglich?

Janeck: Das Erfolgsgeheimnis sind die Schülerinnen und Schüler selbst, die weiterkommen wollen. Es sind zum einen Jugendliche mit dem B-Abschluss, die die  Fachoberschulen besuchen, um die Fachhochschulreife zu erwerben. Damit haben sie bessere Aussichten auf entsprechende Ausbildungsplätze. Es handelt sich ferner um Mädchen und Jungen, die den Abschluss A erwerben und die in einer Kollegschule die Fachoberschulreife anstreben. Bei dem Jahrgang, der jetzt im Juni abschließt, ist aber erfreulicher Weise auch der Anteil der Jugendlichen sehr groß, denen es gelungen ist, einen Ausbildungsplatz in der Wirtschaft zu erhalten. Ich habe heute noch einmal nachgeschaut: Von 47 Schülerinnen und Schülern kommen 32 weiter. Siebzehn werden eine betriebliche Ausbildung. beginnen. Weitere fünfzehn haben eine Zusage von einem der Berufskollegs.

Ein Mann steht neben einer Schaufensterpuppe, die wie ein Handwerker gekleidet ist.

Online-Redaktion: Welche Rolle spielt die individuelle Betreuung der Mädchen und Jungen?

Janeck: Der Erfolg liegt nicht darin, dass ich mich individuell den Schülerinnen und Schülern widme, das ist vielmehr eine Selbstverständlichkeit. Ich kann nicht eine Bewerbung mit einer Schülerin oder einem Schüler schreiben, wenn zwei oder drei andere daneben sitzen und Kommentare geben. Selbstverständlich führe ich Einzelgespräche, aber entscheidend ist die Disziplin der Schülerinnen und Schüler. Es geht darum zu klären, was der Einzelne möchte. Eine Bewerbung zu schreiben, bedeutet harte Arbeit. Jeder, der dies einmal gemacht hat, wird mir sicherlich Recht geben.

Online-Redaktion: Der Berufsforscher Baethge hat eine Schere zwischen den wachsenden Anforderungen der Berufswelt und einer unzureichenden schulischen Bildung festgestellt. Er fordert, dass der Realschulabschluss sowie der Ganztagsunterricht die Regel werden. Wie sehen Sie das?

Ein Lehrer gibt Mädchen Boxunterricht in einer Sporthalle.

Janeck: Als erstes möchte ich darauf hinweisen, dass die Anforderungen in der Berufswelt heute nicht per se höher sind als früher. Gut, wir hatten vor 40 Jahren noch keine Computer, aber dafür mussten wir "zu Fuß rechnen". Bei denjenigen, die für die Ausbildung zuständig sind, gibt es nach wie vor gute Leute, aber leider auch ungeeignete und wenig engagierte. Das war aber vor 40 oder 50 Jahren auch nicht anders.

Die Frage, ob die Schule die Kinder und Jugendlichen auf die Berufswelt vorbereitet, möchte ich so beantworten: Die Schulen von heute sind sicherlich nicht schlechter als früher, denn es gibt heute wie auch früher engagierte Lehrkräfte. Allerdings ist der Zugang zu den Ausbildungsplätzen schwieriger geworden, da zunehmend ein höherer Schulabschluss verlangt wird. Dadurch fallen viele Schülerinnen und Schüler einfach aus dem System und können beim ersten Anlauf keinen Ausbildungsplatz bekommen. Sie müssen für weitere zwei Jahre eine Kollegschule besuchen. Dort lernen sie zwar vieles, sind aber deswegen nicht unbedingt prädestinierter, z. B. eine kaufmännische Ausbildung zu beginnen und erfogreich abzuschließen..

Online-Redaktion: Ich möchte Ihnen an dieser Stelle widersprechen: Bringt nicht zunehmende Präzision und Technologisierung der Arbeitswelt neue Anforderungen an die Ausbildung mit sich?

Ein Lehrer gibt Mädchen Boxunterricht in einer Sporthalle.

Janeck: Das ist richtig, was Sie sagen. Es gibt zum Beispiel den Beruf des Messtechniker, dies ist ein anerkannter Ausbildungsberuf, der eine hohe Qualifikation erfordert. und die Ausbildung überfrachtet. Es wäre besser, diese Ausbildung als Weiterbildung auf der Basis einer Industrrie- oder einer Zerspanungsmechanikerausbildung vorzusehen. Eine Mechanikerausbildung ist breit angelegt und bietet eine gute Vorausstzung für weitere Qualifikationen. Aber nicht jeder Mechaniker muss ein Spezialist für z.B. Formmesstechnik sein. Eine derartige Spezialisierung kann direkt in der jeweiligen Firma oder auch in ensprechenden Schulen erfolgen. Dies ist nur eines von vielen Beispielen. Gleiches gilt für viele andere Berufe.

Online-Redaktion: Woran messen Sie Ihren Erfolg als Berufsberater?

Janeck: Ich sehe immer dann den Erfolg, wenn eine Schülerin oder ein Schüler einen Ausbildungsplatz bekommen hat, bzw. wenn es ihnen gelungen ist, an einer weiterführenden Schule einen Platz zu erhalten. Auch die Kollegschulen nehmen  nicht jeden! Entscheidend für die Zulassung sind die Zensuren.

Online-Redaktion: Soeben ist ein Lachen über Ihr Gesicht gehuscht: Warum?

Janeck: Weil Sie mich gefragt haben, worüber ich mich freue - und in diesem Jahr habe ich mich bislang 32 Mal gefreut!

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