Chance für bessere Ernährung und Verbraucherbildung

Mangelnde Bewegung und schlechte Ernährung begleiten Kinder und Jugendliche oft bereits in der Schulzeit. In einem Gespräch mit der Online-Redaktion erläutert Dr. Margret Büning-Fesel vom aid-informationsdienst, welchen Beitrag die "plattform ernährung und bewegung" (peb) sowie weitere Projekte zur Ernährungs- und Verbraucherbildung insbesondere in den Ganztagsschulen leisten können.

Online-Redaktion: "Wir sitzen (und essen) uns zu Tode", warnte Prof. Eric Harms von der "plattform ernährung und bewegung e.V." zum Auftakt des "Symposiums Bewegungs(t)räume". Worin sehen Sie die Ursachen, dass auch Kinder und Jugendliche immer dicker werden?

Büning-Fesel: Die Balance zwischen Energiezufuhr und Energieverbrauch stimmt oft nicht mehr. Auf der einen Seite bewegen sich Kinder heute viel zu wenig. Etwa zwei Stunden am Tag sollten es schon sein, inklusive Freizeit und Sport. Im Bundesdurchschnitt sind es aber leider gerade einmal 53 Minuten. Hinsichtlich der Ernährung sind vor allem zu viel Fett, zuviel gezuckerte Getränke, zu viele kalorienreiche Zwischenmahlzeiten und das Fehlen von geregelten Hauptmahlzeiten Hauptursachen für das Zuviel an Nahrungsenergie.

Hinzu kommt, dass bestimmte Lebensverhältnisse wie ein geringes Bildungs- und Einkommensniveau mit der Entwicklung von Übergewicht der Kinder und Jugendlichen einhergehen, da für eine ausgewogene Auswahl der Lebensmittel die Kenntnisse und oft auch die Mittel fehlen. Als gesamtgesellschaftliche Fragestellung muss hier insbesondere geklärt werden, wie entsprechende Kompetenzen und Fähigkeiten zum Beispiel auch mit Hilfe der Schule vermittelt werden können.

Online-Redaktion: Welche Maßnahmen halten Sie für vordringlich?

Büning-Fesel: Eine umfassende Ernährungs- und Verbraucherbildung sowie Anregungen und Gelegenheiten für eine ausreichende Bewegung sollte in allen Schulformen fächerübergreifend angeboten und vermittelt werden. Hierzu bedarf es natürlich entsprechender Unterrichtsangebote.

Im Rahmen einer interdisziplinäreren Zusammenarbeit im Projekt REVIS wurde ein Referenzrahmen für eine gesundheitsorientierte Reform der Ernährungs- und Verbraucherbildung in Schulen entwickelt (vgl. http://www.evb-online.de/). Dieses Curriculum kann mit seiner didaktischen Orientierung am "essenden und handelnden Menschen" der Unterrichts- und Schulentwicklung neue Impulse geben. Neben solchen didaktischen Angeboten muss auch das gesamte Schulkonzept auf mehr Gesundheitsförderung eingestellt werden, beginnend mit den Snack- und Getränkeangeboten bis hin zu einer ausgewogenen Mittagsverpflegung.

Online-Redaktion: Welche Rolle spielen dabei die Ganztagsschulen?

Büning-Fesel: Ganztagsschulen haben hier weitaus mehr Spielräume und Möglichkeiten und besitzen damit die große Chance, dass Kinder durch ein gesundheitsbewusstes Bildungs- und Verpflegungsangebot mehr Lebensqualität in der Schule erfahren, die dann auch zu einer besseren Lern- und Leistungsfähigkeit führt. Im Rahmen des Nachmittagsangebotes könnten verstärkt Ernährungs-, Bewegungs- und -Entspannungsprojekte Eingang in den Schulalltag finden.

Die mittlerweile in großer Zahl bestehenden Ganztagsschulen in Deutschland sind ein ganz wichtiger Schritt in die richtige Richtung, wobei sie jedoch noch nicht alle Möglichkeiten und Chancen ausnutzen können, die eine Ganztagsschule im eigentlichen Sinne bietet. Wünschenswert wären daher auch deutlich mehr gebundene Ganztagsschulen, in denen eine bessere Verzahnung zwischen Vor- und Nachmittagsangeboten stattfinden kann. Profitieren würden hier insbesondere Kinder aus bildungsfernen oder sozial benachteiligten Schichten sowie solche mit Migrationshintergrund.

Als Mutter von zwei Kindern, die eine weiterführende Schule besuchen, empfinde ich insbesondere die Umstellung auf eine verkürzte Gymnasialzeit (G8) als sehr belastend für Schulen, Lehrkräfte und Kinder. In unserer Schule war es nur durch das Engagement eines Elternvereins möglich, den Kindern jeden Tag ein warmes Mittagessen bereitzustellen - ein Umstand, der sich in vielen Schulen so oder ähnlich darstellt. Das kann auf Dauer nicht sein und belastet die Lebens- und damit Lernqualität von Kindern und Lehrkräften.

Wenn wir es wirklich ernst damit meinen, dass Schule und Lebensqualität kein Widerspruch sein dürfen und Gesundheitsförderung ins Schulprogramm gehört, müssen auf Dauer auch alle weiterführenden Schulen in Deutschland zu Ganztagsschulen ausgeweitet werden.

Online-Redaktion: Wie bringt sich der "aid" in die bundesweite Initiative "plattform ernährung und bewegung" ein?

Büning-Fesel: Die "plattform ernährung und bewegung" richtet ihr Augenmerk vor allem auf die Prävention bei Übergewicht. Dies ist umso effektiver, je früher damit begonnen wird. Daher konzentrieren sich die Aktivitäten von "peb" zurzeit verstärkt auf den Vorschulbereich. Das Coaching-Projekt für Kindergärten läuft momentan in 50 KiTas in Bayern und Nordrhein-Westfalen, die für 12 bis 18 Monate begleitet und beraten werden. Ein ähnliches Begleit- und Betreuungsprogramm wäre natürlich auch für Schulen sinnvoll und notwendig, und es wäre zu begrüßen, wenn sich "peb" mit ähnlichen Aktivitäten auch dem schulischen Bereich bzw. den Ganztagsschulen zuwendet.

Der aid infodienst ist Mitglied bei "peb". Darüber hinaus arbeiten unsere Mitarbeiterinnen aktiv in einzelnen Arbeitsgruppen mit, wie zum Beispiel bei der Entwicklung des Kindergarten-Programms "Gesunde KiTas - starke Kinder". Parallel und passend zur Veröffentlichung der TV-Spots zu "Pep und Pebber" haben wir auf unserer Internet-Seite http://www.was-wir-essen.de/ eine neue Rubrik für Eltern mit Informationen zur Ernährung von drei- bis sechsjährigen Kindern veröffentlicht. (vgl. http://www.was-wir-essen.de/infosfuer/eltern.php)

Online-Redaktion: Unter dem Motto "Schlauer essen. Besser lernen" hat die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V. (DGE) die ersten bundesweiten Qualitätsstandards zur Schulverpflegung verabschiedet. Wie können die Aspekte Ernährung und Bewegung dabei unter einen Hut gebracht werden?
 
Büning-Fesel: Grundsätzlich wurde damit ein erster und wichtiger Schritt zu bundesweiten verbindlichen Verpflegungsstandards für die Schulverpflegung getan. Diese Standards müssen nun natürlich noch von den Ländern, Kommunen und Schulbehörden umgesetzt und deren Einhaltung auch kontrolliert werden.

Ein wichtiges und neues Element bei diesen Standards sind die ausführlichen Hinweise zu den pädagogischen, kulturellen und organisatorischen Rahmenbedingungen für die Schulverpflegung und zur Bedeutung einer ausgewogenen Ernährung im Lebensraum Schule. Und natürlich der Hinweis auf die Relevanz dieser Thematik für den gesamten Schulentwicklungs- und Profilbildungsprozess einer Schule.

Online-Redaktion: Für die Verbreitung der Ernährungsstandards sind Sie auf starke Partner angewiesen. Wer soll die Umsetzung der Qualitätsstandards ermöglichen?

Büning-Fesel: Ich befürworte hier die Forderungen des Verbraucherzentrale-Bundesverbandes e.V., dass die bundesweite Umsetzung der Qualitätsstandards vom Bund durch Fördermaßnahmen unterstützt und forciert werden muss. Ein entsprechendes Handlungsfeld (Qualitätsverbesserung der Verpflegung außer Haus) ist ja auch im nationalen Aktionsplan "Ernährung und Bewegung" vorgesehen, einer gemeinschaftlichen Aktivität des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz und des Bundesministeriums für Gesundheit.

Des Weiteren müssten die Länder in ihren Schulgesetzen die Verpflichtung der Schulträger für eine gesundheitsförderliche Ernährung verankern. Auch die Schulen benötigen eine entsprechende Unterstützung und Beratung durch Länder-Netzwerke. Ein gutes Beispiel ist hier die Vernetzungsstelle Schulverpflegung in Berlin. (vgl. dazu http://www.vzbv.de/mediapics/positionspapier_schulverpflegung_20_09_2007.pdf)

Online-Redaktion: Darüber hinaus hat der "aid" einen Ernährungsführerschein konzipiert, der kürzlich der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Was sind die Ziele und Bausteine des Projektes, und wie lässt es sich in den Ganztagsschulen einsetzen?

Büning-Fesel: Der aid-Ernährungsführerschein macht Ernährungslehre lebendig. Das Unterrichtskonzept kann im Klassenzimmer durchgeführt werden, eine Schulküche ist aber nicht unbedingt notwendig. In sechs bis sieben Doppelstunden bereiten die Kinder köstliche Salate, fruchtige Quarkspeisen und andere kleine Gerichte zu. Lehrkräfte können das Projekt als benoteten Unterrichtsbestandteil in den Sachkundeunterricht der dritten Grundschulklasse einbauen. Bei Bedarf und Interesse lässt sich auch fächerübergreifend im Kunstunterricht oder in Mathematik damit arbeiten, zum Beispiel, wenn es ums Messen und Wiegen geht.

Das Ernährungsführerscheinkonzept kann aber auch in Form eines Projektangebotes am Nachmittag durchgeführt werden. In jeder Einheit - von den Brotgerichten bis zu den heißen Kartoffelgerichten - erarbeiten sich die Kinder altersgerechte Kompetenzen, die sie am Ende im schriftlichen Test und dann auch in der praktischen Prüfung mit einem kleinen kalten Büffet unter Beweis stellen können. Das Unterrichtsmaterial ist genau auf die Bedürfnisse der Lehrerinnen und Lehrer zugeschnitten, für jede Einheit gibt es detaillierte Unterrichtsabläufe und die dazugehörigen fachlichen Hintergrundinformationen.

Unser wichtigstes Ziel ist es, dass die Kinder auch in der Schule die Chance bekommen, Lebensmittel mit allen Sinnen wahrzunehmen, sie zuzubereiten und gemeinsam zu genießen. Die Rezepte sind nur das Mittel, um einige grundlegende Arbeitstechniken zu lernen. Die Schülerinnen und Schüler sollen Spaß haben am Selbermachen, am Experimentieren und am gemeinsamen Essen. Falls Grundschulen die Ernährungsbildung im Schulprogramm verankern möchten, bietet es sich in diesem Rahmen an, den aid-Ernährungsführerschein regelmäßig in jeder dritten Klasse einzusetzen. Unser Ziel ist es, den aid-Ernährungsführerschein auf Dauer als festen Bestandteil im Regelunterricht der Grundschulen zu etablieren.

Online-Redaktion: Welche weiteren Maßnahmen zur schulischen Verbraucherbildung haben sich in den Ganztagsschulen bewährt?

Büning-Fesel: Eine Umsetzung der Bildungsziele zur Ernährungs- und Verbraucherbildung und ein gesundheitsförderndes schulisches Umfeld lassen sich nur durch partizipative Prozesse erreichen. Alle Beteiligten, von der Schulleitung über die Lehrkräfte, die Schülerinnen und Schüler und die Eltern bis hin zum Hausmeister und den Küchenkräften, müssen in diese Prozesse eingebunden werden. Hierzu gehören unter anderem eine aktive Beteiligung und Mitsprache beim Verpflegungsangebot und vernetzte, fächer- und klassenübergreifende Projekte zur qualitativen Verbesserung des Lebensraums Schule.

Gesundheitsförderung muss Teil des Bildungs- und Erziehungsauftrages von Schule sein. So betont das OPUS-Netzwerk NRW zu Recht, dass Gesundheit als Ressource verstanden werden muss, um die Qualität von Bildung zu erhöhen. Unter diesem Blickwinkel kann auch den oft sehr belasteten Lehrkräften deutlich gemacht werden, dass Ernährungs- und Verbraucherbildung sowie eine umfassende Gesundheitsförderung in der Schule nicht etwas ist, was "auch noch obendrauf" geleistet werden muss, sondern im Gegenteil dazu beitragen kann, unseren Kindern, aber auch den Lehrkräften, mehr Genuss und Lebensqualität zu vermitteln. Gerade Ganztagsschulen bieten hierzu ein ganz hervorragendes Umfeld.

Margret Büning-Fesel, 1985 -1990 Studium der Ökotrophologie an der Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. 1991-2001 Leiterin des Dezernats "Grundlagen der Ernährung" im aid; 1996 Promotion am Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund. Ab August 2000 Koordinatorin des deutschen Beitrags "Talking Food" zur europäischen Food-Safety-Kampagne. Seit 01.12.2001 Geschäftsführender Vorstand des aid. Seit dem Sommersemester 2003 Lehrauftrag an der Fachhochschule Mönchengladbach zum Thema "Kampagnen zur Ernährungsaufklärung". Mitglied im Vorstand des Vereins "5 am Tag". Mitglied im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Ernährungsverhalten.

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