Ganztagsschule in Bremen: Qualität und Bildungsgerechtigkeit

Bremen setzt neue Schwerpunkte bei den Ganztagsgrundschulen, um Bildungsbeteiligung und Bildungsgerechtigkeit zu erhöhen. Bildungssenatorin Claudia Bogedan spricht im Interview über aktuelle Entwicklungen, auch aus Sicht der amtierenden KMK-Präsidentin.

Senatorin Claudia Bogedan© Die Senatorin für Kinder und Bildung

Online-Redaktion: Frau Senatorin, inzwischen gibt es in nahezu allen Bremer Stadtteilen mindestens eine Ganztagsgrundschule und eine Ganztagsschule in der Sekundarstufe I. Ist der Bedarf gedeckt, oder plant das Land einen weiteren Ausbau?

Claudia Bogedan: Der Bedarf ist dadurch nicht gedeckt, da insgesamt in der Stadtgemeinde Bremen noch 2.810 Schülerinnen und Schüler zwischen sechs und 14 Jahren bei circa 16.000 Schülerinnen und Schüler in der Grundschule und etwa 23.000 Schülerinnen und Schüler in der Sekundarstufe I in der Stadt Bremen einen Hort besuchen. Dies ist ein eindeutiger Indikator dafür, dass Erziehungsberechtigte zumindest in diesem Umfang noch Ganztagsschulplätze für ihre Kinder zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf benötigen.

Im Land Bremen besuchen 20.222 Schülerinnen und Schüler die Grundschule und 28.180 Schülerinnen und Schüler die Sekundarstufe I. Deshalb hat die Regierungskoalition aus SPD und B‘90/Die Grünen auch im Koalitionsvertrag vereinbart, die Grundschulen möglichst bis zum Schuljahr 2024/2025 flächendeckend mit einem Ganztagsangebot auszustatten. Hier liegt der eindeutige Schwerpunkt. In der Sekundarstufe I an den Oberschulen und Gymnasien sind es vor allem die 11- bis 14- oder 15-Jährigen, die ein Ganztagsangebot benötigen.

Schülerinnen und Schüler der IGS In den Sandwehen in der Pause
2003-2005 mit IZBB-Mitteln gefördert: Oberschule In den Sandwehen © Britta Hüning

Online-Redaktion: Wie steht Bremen zu der Frage offener oder gebundener Ganztagsschulen?

Bogedan: Bremen ist aus pädagogischen Gründen davon überzeugt, dass im Grundschulbereich die gebundene Ganztagsschule besser geeignet ist. Warum? Durch die Rhythmisierung von Anspannungs- und Entspannungsphasen kann so mehr Lernerfolg im Bereich Sprachbildung, aber auch in den Fächern ermöglicht werden. An gebundenen Ganztagsgrundschulen ist die Teilnahme Pflicht. Es gibt aber zahlreiche Eltern, die die offene Ganztagsschule bevorzugen, weil hier die Teilnahme freiwillig ist, der Unterricht bis 13 Uhr stattfindet und sich danach Freizeitaktivitätsangebote anschließen. Insofern hält Bremen sowohl offene als auch gebundene Ganztagsangebote bereit.

Online-Redaktion: Was erwarten die Eltern in Bremen und Bremerhaven von Ganztagsschulen? Gibt es Unterschiede in den Stadtteilen?

Bogedan: „Qualität vor Quantität“ heißt das Motto vieler Eltern. Ziel ist es, mehr Bildungsgerechtigkeit herzustellen. Zudem erwarten Eltern in der Regel die Vereinbarkeit von Familie und Beruf unabhängig von ihrer sozialen Lage und möchten, dass ihre Kinder verlässlich betreut werden. In den „bürgerlichen“ Stadtteilen wird zum Teil die offene Ganztagsgrundschule deutlich bevorzugt. Hier legen die Eltern auch besonderen Wert auf ein gutes pädagogisches Angebot.

Serviceagentur und Landesinstitut bieten interkulturelle Fortbildungen an
Serviceagentur und Landesinstitut bieten interkulturelle Fortbildungen an© Serviceagentur "Ganztägig lernen" Bremen

Leider artikulieren sich die Eltern in den sozialen Brennpunkten noch weniger, der Zentrale Elternbeirat gibt diesen Eltern aber eine Stimme. Die Stadtgemeinde Bremerhaven hat eine schwächere soziale Lage als die Stadtgemeinde Bremen, das belegen die höhere Arbeitslosigkeit und deutlich mehr Transferleistungsempfänger bei den Eltern und die höhere Kinderarmut. Nach Görlitz und vor Gelsenkirchen ist Bremerhaven die Stadt mit der höchsten Kinderarmut in Deutschland.

Online-Redaktion: Das Land Bremen setzt auf multiprofessionelle Teams in Ganztagsschulen, zu denen neben Lehrerinnen und Lehrern besonders auch Erzieherinnen und Erzieher gehören. Welche Intention steht dahinter?

Bogedan: Es gehören nicht nur Lehrkräfte und Erzieherinnen und Erzieher zu den multiprofessionellen Teams, sondern auch Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter. Die Intention ist ein guter inhaltlich-fachlicher Wechsel in der Rhythmisierung der Ganztagsschule und die Verbesserung der unterrichtsergänzenden Arbeitsfelder wie die Zusammenarbeit mit den Erziehungsberechtigten. Und es geht auch um bessere Problemintervention zum Beispiel bei Schulvermeidung und eine bessere Zusammenarbeit mit dem Amt für soziale Dienste durch Schulsozialarbeiterinnen.

Sprachdiplom für gute Deutschkenntnisse © Oberschule Findorff

Online-Redaktion: Ein wichtiges Stichwort ist die von Ihnen immer wieder betonte Qualität. Welche Unterstützungssysteme können die Ganztagsschulen in Anspruch nehmen?

Bogedan: Nach der Beendigung des vom BMBF mitfinanzierten und von der DKJS durchgeführten Unterstützungsprogramms „Ideen für mehr! Ganztägig Lernen“ muss Bremen dies nun mit erheblichen Ressourcen selbst finanzieren. Die Serviceagentur des Landes ist mit zwei erfahrenen Fachkräften ausgestattet. Neben der direkten Beratung der Einzelschulen im Ganztagsbereich bauen sie ein Referenzschulnetzwerk auf, in dem sich erfahrene und neue Ganztagsschulen gegenseitig unterstützen. Man lernt voneinander, es ermöglicht den professionellen Blick über den eigenen Erfahrungshorizont hinaus, bewirkt Öffnung nach außen, macht gute Praxis sichtbar und dient dem Wissens- und Innovationstransfer.

Bremen fördert daneben die Ganztagsschulen durch Beratungs- und Unterstützungsangebote des bremischen Landesinstituts für Schule und des kommunalen Lehrerfortbildungsinstituts in Bremerhaven. Außerdem gibt es in der Behörde zwei Vollzeitstellen nur für die Ganztagsschulen. Zusätzlich erhalten die Schulen einen selbstverwalteten Fortbildungsetat, der für die schulinterne Fortbildung an Ganztagsschulen genutzt wird.

Beschlussfassung in der Kinderkonferenz© Amerikanische Schule Bremerhaven

Online-Redaktion: Gibt es Schwerpunkte, die Ihnen für die Zukunft besonders wichtig sind?

Bogedan: Die Verbesserung der kognitiven und sozialen Lernerträge – übrigens auch bei geflüchteten Schülerinnen und Schülern – und damit eine erfolgreiche Bildungsbeteiligung bei Schülerinnen und Schüler in schwieriger sozialen Lage sind in Bremen ein deutlicher Schwerpunkt, da die empirisch gemessenen Schülerleistungen bei nationalen und internationalen Untersuchungen auch aufgrund der sozialen Lagen bisher noch nicht ganz überzeugen konnten.

Online-Redaktion: Frau Senatorin, Sie sind seit Jahresbeginn auch Präsidentin der Kultusministerkonferenz. Wie schätzen Sie die Bedeutung der Ganztagsschulentwicklung aus dieser Perspektive ein, auch vor dem Hintergrund des Berichts „Ganztagsschulen in Deutschland“, den die KMK im Dezember veröffentlicht hat?

Schülerinnen und Schüler der Oberschule an der Helgolander Straße beim Schachspiel
© Helgolander

Bogedan: Die Bedeutung der Ganztagsschulentwicklung kann kaum zu hoch eingeschätzt werden. Wir sind in der Bundesrepublik Deutschland in den letzten zehn Jahren deutlich im Ganztagsausbau vorangekommen. Ziel bleibt für mich aber, und das auch als berufstätige Mutter, der flächendeckende Ausbau von Ganztagsangeboten im Grundschulbereich, da dies den Schulbesuch erfolgreicher machen und helfen kann, noch besser als bisher Kinderwunsch und Beruf zu vereinbaren.

Ganztagsgrundschulen müssen eng mit dem Elementarbereich der Kitas zusammenarbeiten. Wünschenswert ist ein gemeinsamer Bildungsplan von null bis zehn Jahren, den einige wenige Bundesländer bereits verwirklicht haben und in dessen Rahmen die Sprachförderung und Sprachbildung, aber auch die Lernvoraussetzungen in den wichtigen ersten Lebensjahren für den Schulbeginn deutlich verbessert werden können.

Online-Redaktion: Vielen Dank für das Interview!

Dieses Interview bildet den Abschluss unserer Reihe zur aktuellen Ganztagsschulentwicklung in den Ländern, die im November 2015 startete. Alle Ministerinnen und Minister haben die Einladung zu einem Interview mit www.ganztagsschulen.org freundlich angenommen, sodass ein bundesweiter Einblick in aktuelle Schwerpunkte und Ziele des Ausbaus schulischer Ganztagsangebote möglich wurde.

Baden-Württemberg
Bayern
Berlin
Brandenburg
Bremen
Hamburg
Hessen
Mecklenburg-Vorpommern
Niedersachsen
Nordrhein-Westfalen
Rheinland-Pfalz
Saarland
Sachsen
Sachsen-Anhalt
Schleswig-Holstein
Thüringen

 Alle 16 Interviews auf einen Blick: http://www.ganztagsschulen.org/de/2645.php

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