Serviceagentur Rheinland-Pfalz: Voneinander lernen

Die Serviceagentur "Ganztägig lernen" Rheinland-Pfalz hat sich die Förderung von Partizipation in Ganztagsschulen als Hauptthema gewählt. Für den Agenturleiter Jürgen Tramm ist dieses Thema eine Herzensangelegenheit. Gemeinsam mit seinem Team bringt er den Schulen das Thema mit Fortbildungen näher und die Schulen in Netzwerken zusammen.

Partizipation - das ist das Schlagwort der Arbeit der Serviceagentur "Ganztägig lernen" Rheinland-Pfalz. Wer den Fortbildungskatalog der Agentur durchblättert, die Flyer und Broschüren zur Hand nimmt, wird dieses Thema nicht ignorieren können: "Gemeinsam bilden", "Klassenrat und zivilgesellschaftliches Engagement", "Klassenrat, Kinderkonferenz und Mitbestimmung-AGs" und "Lernen in peer-to-peer-Projekten" lauten beispielweise Themen aus dem aktuellen Angebot.

Es ist sicher so, dass dieses Thema dem Leiter der Serviceagentur Jürgen Tramm am Herzen liegt. Der Diplom-Sozialarbeiter kommt aus der Jugendbildung, die traditionell auf die Einbindung von Kindern und Jugendlichen in Entscheidungen setzt. Aber die Fixierung auf dieses eine große Thema im Unterschied zu den Serviceagenturen in den anderen Bundesländern, in denen ein breiteres thematisches Spektrum verfolgt wird, erklärt sich auch aus der Entstehungsgeschichte der Agentur.

Als die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) 2004 mit dem Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur über die Einrichtung einer Serviceagentur im Rahmen des IZBB-Begleitprogramms "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" verhandelte, war die Begeisterung auf Landesseite überschaubar. Mit dem in Rheinland-Pfalz etablierten Netz von Moderatoren und den durch Landesinstitute angebotenen Fortbildungen gab es bereits eine Unterstützungsleistung für Ganztagsschulen - und mit der Serviceagentur drohte eine Doppelung. Schließlich einigten sich DKJS und MBFJ auf die Einrichtung einer Serviceagentur mit einer halben Stelle und der Fokussierung auf das Thema Partizipation als guter Ergänzung zu den bestehenden Angeboten. .

Spannende Annäherung zweier Professionen

Jürgen Tramm war über die Arbeit in diversen Jugendverbänden mit dem Thema Ganztagsschule, das in Rheinland-Pfalz bereits seit 2001 auf der bildungspolitischen Tagesordnung stand, schon befasst und gehörte beim Landesjugendring einer Arbeitsgruppe Ganztagsschule an. Da die Landesregierung stark auf die Einbindung außerschulischer Partner setzte, wollten die Jugendverbände die Chance nutzen, sich in den Schulen zu engagieren.

"Wir kamen im Landesjugendring damals schnell zu der Erkenntnis, dass die außerschulischen Partner für diese Arbeit qualifiziert werden sollten", erinnert sich Jürgen Tramm. Die pädagogische Grundausbildung "Qualifizierung für außerschulische Fachkräfte an Ganztagsschulen" arbeitete Tramm mit aus und wirkte in der Folge als Referent der seit dem Schuljahr 2003/2004 in Kooperation von Sozialpädagogischen Fortbildungszentrum und Institut für schulische Fortbildung und schulpsychologische Beratung mit. Die außerschulischen Fachkräfte werden bei dieser Fortbildung auf das Arbeiten in der Schule vorbereitet und mit den dort üblichen Strukturen vertraut gemacht, um bei ihnen ein Verständnis für die spezifischen Arbeits- und Lernbedingungen der Organisation Schule zu schaffen.

Diese Fortbildungen wurden in Tandems aus Lehrkräften und Jugendhilfevertretern angeboten - viele der Ganztagsschulmoderatoren, die als Berater für Ganztagsschulen in ihrer Region fungieren, stammen aus diesem Kreis. "Es war spannend, als sich diese zwei Professionen annäherten", erinnert sich Jürgen Tramm. "Obwohl hier für das Gegenüber recht offene Menschen zusammen kamen, prallten wirklich zwei Welten aufeinander. Auch heute sind diese Unterschiede zwischen den Professionen noch erkennbar, aber sie arbeiten gut zusammen und lernen voneinander."

Workshops als Standbein der Serviceagentur

Das Ministerium fragte Ende 2004 unter anderem gezielt in dieser Ausbilderrunde nach Interessenten für den Posten der Serviceagenturleitung. Jürgen Tramm bewarb sich und erhielt die Stelle, die er im März 2005 antrat. Die Aufgabenstellung "Partizipation von allen an der Ganztagsschule beteiligten Gruppen etablieren" kam ihm sehr entgegen: "Ich fand das Thema gut, hatte mich schon immer damit befasst und wusste: Das kann ich." Der Sozialarbeiter fand laut eigener Aussage "klasse Arbeitsbedingungen" vor. Im Institut für schulische Fortbildung und schulpsychologische Beratung in Speyer war ihm ein geräumiges Büro, mit allem, was er für seine Arbeit benötigte, eingerichtet worden, von dem aus er sofort loslegen konnte.

Zunächst einmal musste Jürgen Tramm sich in seiner neuen Funktion vorstellen und schrieb daher sämtliche Ganztagsschulen an. In  Speyer präsentierte er sich am 7. März 2005 erstmals auf einer von Hessen und Rheinland-Pfalz verantworteten Co-Veranstaltung - "meine Auftaktveranstaltung." In der Folge nutzte Tramm alle möglichen Tagungen, wo er mit Infoständen und Workshops präsent war, stellte sich in allen Instituten und Institutionen sowie auf Schulleitertagungen vor. "Das Abklappern der Tagungen war die effektivste Methode im Jahr 2005, um die Serviceagentur bekannt zu machen. Ich habe das bis Mitte 2006 gemacht; dann war es nicht mehr nötig", berichtet Tramm.

Gleichzeitig führte der Serviceagenturleiter eine Bestandserhebung zum Thema Partizipation durch und fragte alle beteiligten Gruppen per Fragebogen, ob und wie sie in die Konzeption und Arbeit an ihren Ganztagsschulen eingebunden wurden. "Dabei kam heraus, dass es überwiegend formale Beteiligungen gab oder die Schülerinnen und Schüler höchstens mal bei der Essensausgabe mithalfen", berichtet Tramm.

In den ersten beiden Jahren traf er sich auch häufig mit den 20 Ganztagsschulmoderatoren, die ihm Bedarfe der Schulen meldeten, an denen er sich ausrichten konnte, entwickelte standardisierte Fortbildungsangebote zur Förderung partizipativer Elemente und Methoden und suchte passende Referenten. Fünf Unterstützungsangebote sollten den Ganztagsschulen schließlich helfen, "ihren eigenen Weg demokratischer Schulentwicklung zu finden und zu gehen". Am 30. Januar 2006 stellte Tramm seine aufgrund der Bedarfsermittlung geschaffenen Angebote auf dem Ganztagsschulkongress in Mainz vor.

"2006 und 2007 sind die Workshops das Standbein der Serviceagentur gewesen", erinnert sich der Leiter. "Diese Workshops finden häufig in den Schulen selbst statt - da müssen wir mit den Räumlichkeiten und der Ausstattung manchmal improvisieren, aber wir merken, dass es ein guter Weg ist, quasi vor Ort zu lernen."

Architektur als Fortbildungsrenner

"Mit uns.Neue Räume" lautet der ein- bis dreitägige Workshop, bei dem Schüler und Lehrer durch die beiden Architektinnen Uschi Harz und Dr. Cornelia Kukula-Bray motiviert werden sollen, durch gemeinsame Raumgestaltung die Schulatmosphäre zu verbessern. Durch "Mit uns.Neue Elternpower" unterstützt die Elternfortbildnerin Gabriele Weindel-Güdemann an zwei bis drei Abenden, sich als Team zu finden und zusammen zu arbeiten. Gemeinsam mit Lehrkräften und Schulleitung diskutieren die Eltern Möglichkeiten für eine Verbesserung der Elternmitwirkung.

Bei "Mit uns.Mehr Demokratie" üben die Studentin Sappho Beck, der Student Josef Blank und die Kommunikationsberaterin Sonja Student mit Schülern und mit Lehrkräften zusammen und getrennt grundlegende Fähigkeiten für eine demokratische Schulkultur ein und helfen, einen auf die Schule zugeschnittenen Weg zu erfolgreicher Beteiligung zu finden. Die Dauer dieses Workshops kann frei vereinbart werden und auch in eine längere Prozessbegleitung übergehen. Sonja Student war bereits bei "Demokratie lernen und leben" involviert. Sappho Beck und Josef Blank kamen aus Schülervertretungsgremien hinzu und sind dem Engagement auch nach Ende ihrer Schulzeit treu geblieben. Laut Tramm sind sie "ein Glücksgriff". Mit diesem Trio arbeitet der Diplom-Sozialarbeiter als Kern-Team eng zusammen, um Termine zu planen und Themen zu besprechen.

Das vierte Fortbildungsmodul heißt "Mit uns.Neue Partnerschaft" und zielt auf die bessere Einbindung Pädagogischer Partner in die Schulen. Die Diplom-Mediatorin Annette Heinemeyer erarbeitet nach einer Bestandsaufnahme mit Lehrerinnen und Lehrern und außerschulischen Fachkräften in bis zu dreitägigen Workshops Möglichkeiten einer verstärkten Zusammenarbeit. Als fünfter und letzter Workshop bietet die Agentur "S.A.M.S - Schüler arbeiten mit Schülern" an. Diese Ausbildung der Diplom-Psychologin Jutta Kastner-Püschel umfasst 30 Ausbildungsstunden, in denen Schülerinnen und Schüler etwas über Lernmethoden, Pädagogik, Erste Hilfe und Aufsichtspflicht erfahren. "Diese Lerncoach-Ausbildung und der Architektur-Workshop sind besonders stark nachgefragt", erklärt Jürgen Tramm.

Modellschulen für Partizipation

Dass Schulen von Schulen lernen, hält der Serviceagenturleiter für einen erfolgreichen Weg. Nach der erfolgreichen Installation der Workshops war daher der nächste Schritt der Agentur, ein Netzwerk von Modellschulen für Partizipation und Demokratie aufzubauen - auch um die gute Praxis aus dem auslaufenden "Demokratie lernen und leben"-Projekt zu erhalten. Diese Schulen bieten gute Beispiele für die erfolgreiche Beteiligung aller Akteursgruppen und zeigen, wie gelebte Partizipation das Schulleben bereichern kann. Die Serviceagentur unterstützt diese Schulen seit Dezember 2006 auf ihrem Weg demokratischer Schulentwicklung und bei der Verbreitung ihrer Erfahrungen. Bei Fortbildungen, gegenseitigen Besuchen und Netzwerktreffen entwickeln die Schulen ihre individuellen Ansätze weiter. Interessierte Schulen können zu Besuchen an diese Modellschulen kommen, um sich beraten zu lassen und Anregungen zu holen.

Die Palette der durch Partizipation realisierten Projekte ist breit gefächert und reicht von der Etablierung von Klassenräten und Streitschlichtung wie zum Beispiel am Rhein-Wied-Gymnasium in Neuwied über die Entwicklung eines Schulmottos und -logos an der Schule mit dem Förderschwerpunkt Lernen Salierschule in Schifferstadt oder einem Schulparlament an der Integrierten Gesamtschule Ernst Bloch in Ludwigshafen bis zur Ziegen- und Schafhaltung an der Regionalen Schule Fritz-Straßmann-Schule in Boppard.

Das Netzwerk startete mit neun von Jürgen Tramm ausgewählten Ganztagsschulen, zu denen nach und nach auch Schulen aus dem ausgelaufenen BLK-Programm "Demokratie lernen und leben" dazu kamen. Aktuell gehören 27 Schulen - darunter auch Halbtagsschulen, die Jürgen Tramm zufolge viel zu bieten haben - zu dem Netzwerk. Die Modellschulen einer Region treffen sich halbjährlich in einer der Schulen, die als Gastgeber ihr Programm vorstellt. Ihre Praxisbeispiele bilden den Mittelpunkt des Tages. Zunächst wurde das Netzwerk von Sonja Student betreut, die dafür durch ihre Arbeit im BLK-Programm "Demokratie lernen und leben" prädestiniert ist.

Vom Reisenden zum Geschäftstellenleiter

Als die Zahl der Schulen größer wurde, teilte die Serviceagentur 2008 das Netzwerk in vier Regionen auf. Neben Sonja Student kümmern sich nun Mirjam Hübner, Dorothea Werner-Tokarski und Jürgen Tramm selbst um jeweils eine Region. "In meinem Netzwerk gibt es sieben Schulen", berichtet der Diplom-Sozialarbeiter. "Auf den Netzwerktreffen passiert viel, wenn sie zielgruppenübergreifend organisiert sind."

Von Mitte September 2009 bis Januar 2010 hat die Serviceagentur sieben Fortbildungen von Schulen für Schulen angesetzt, in denen unter der Überschrift "Partizipation und Demokratie in der Schule" auch Themen wie "Schülerbeteiligung an Berufsbildenden Schulen", "Mediation durch Schüler und Lehrkräfte" oder "Individuelle Förderung, Teamteaching und Partizipation" angeboten werden.

Für Jürgen Tramm hat sich im Laufe der Jahre sein Arbeitsbild verändert: "Es hat eine starke Verlagerung vom Reisen zum Schreibtisch gegeben. Heute bin ich mehr eine Art Geschäftsstellenleiter, der viel koordiniert, statt selbst vor Ort zu sein. Ich muss Rechnungen schreiben, Papiere für Sitzungen ausarbeiten, die Arbeit der Honorarkräfte und des Kern-Teams koordinieren, Termine mit den Ministerien wahrnehmen, Berichte und Jahresplanungen verfassen."

Frustration und Ansporn

Seinem Wunsch, seine halbe auf eine ganze Stelle aufzustocken, wird vom Ministerium nicht entsprochen. Dafür konnte sich der Agenturleiter 2007 über eine Verdoppelung der Sachkosten freuen - "anderswo wird eingespart, mir stockt man die Mittel auf", weiß Tramm diese Entscheidung aus Mainz zu schätzen. Sie ermöglicht ihm auch, bei Bedarf für Broschürenversand und das Packen von Materialien für Veranstaltungen eine Honorarkraft für bis zu sechs Stunden in der Woche zu beschäftigen.

Es gibt noch viel zu tun: "Es ist manchmal ein bisschen frustrierend zu sehen, wie wenig Partizipation in den Schulen verankert ist", meint Tramm. Um hier voran zu kommen, plant die Serviceagentur, zusammen mit der Agentur für Qualitätssicherung, welche die Schulinspektionen durchführt, Zielvereinbarungen im Bereich der Partizipation umzusetzen. "Das würde für das Land Sinn machen", findet der Diplom-Sozialarbeiter. "Wir müssen uns aber dafür noch den Segen des Ministeriums holen und mit der Agentur für Qualitätssicherung austauschen."

Ein weiterer Plan: "Schulhäuser müssen besser aussehen." Klassenräume wirken Tramm zufolge oft "noch öde". "Ich habe vor Augen, wie kinderfreundlich niederländische Schulen und andere öffentliche und private Einrichtungen wie zum Beispiel Arztpraxen oder Friseure sind - und dies spiegelt eine andere Haltung der Gesellschaft gegenüber Kindern wider.  Wie viel Ideenpotenzial bei uns vorhanden ist, Schulen zu verschönern, merken wir, wenn wir in den Schulen sind und die Schülerinnen und Schüler planen lassen." Dieses Potenzial müsse man durch die Partizipation der Kinder- und Jugendlichen nutzen, wenn es gelte, Schulbauten zu verändern. Damit die entstandenen Modelle aber nicht nur im Schrank verstauben, ist Jürgen Tramm unter anderem beim Schulbaureferat des Bildungsministeriums und bei der "Geschäftsstelle Dialog Baukultur" in der Abteilung Bauwesen des Finanzministeriums vorstellig geworden. Je mehr Partner man anspricht oder einbindet - das ist auch hier seine Philosophie - desto größer ist die Chance, dass man zum Ziel kommt. Mit dem Ansatz Schulen demokratischer zu machen geht es letztendlich um eine veränderte Schulkultur.

Die Übernahme von Artikeln und Interviews - auch auszugsweise und/oder bei Nennung der Quelle - ist nur nach Zustimmung der Online-Redaktion erlaubt.
Wir bitten um folgende Zitierweise: Autor/in: Artikelüberschrift. Datum. In: https://www.ganztagsschulen.org/xxx. Datum des Zugriffs: 00.00.0000

 

 


 
(Ende der inhaltlichen Zusatzinformationen)