Ganztag in Mittenwald: ECHT KUH-L!

920 Meter hoch, direkt vor der imposanten Kulisse des Karwendel-Massivs, liegt die Grund- und Mittelschule Mittenwald. Schule, Eltern und Gemeinde haben sich für den Ganztag ausgesprochen.

Schüler und Lehrer vor dem Gletscher von Obergurgl
Ausflug an den Gletscher von Obergurgl© Grund- und Mittelschule Mittenwald

Als wäre die Lage der Grund- und Mittelschule Mittenwald im Landkreis Garmisch-Partenkirchen direkt vor der imposanten Kulisse des Karwendel-Gebirges nicht schon imposant und schön genug, bietet die offene Ganztagsschule um die Ecke noch ein kleines, ganz eigenes Paradies: den Schulgarten. Vom Teich, der gerade neu angelegt wird, über Insektenhotel, Baumbibliothek und Kräuterspirale bis zu den Obst-, Gemüse- und Hochbeeten – hier gibt es alles, was ein Schulgarten nur bieten kann. Eine Sitzgruppe lädt zum Verweilen in dem Idyll ein.

Birgit Schwarz führt durch ihren Garten und freut sich selbst, wie er sich entwickelt hat. Der Schulgarten ist auch „ihr Kind“. „Ich bin selbst unheimlich gerne im Garten. Wir finden es wichtig, dass die Kinder noch stärker in den Bezug zur Umwelt und zur Natur kommen“, berichtet die Lehrerin, die seit elf Jahren an der Schule arbeitet. Im Herbst 2008 war sie mit ihrer Idee, einen Schulgarten anzulegen, zum Rektor Lothar Zimak gegangen. Der hatte sofort grünes Licht für die Umsetzung gegeben.

Nun ging es daran, Sponsoren für die Umsetzung zu finden. Bei Banken und der Sparkasse erhielt Birgit Schwarz Unterstützung, auch Betriebe halfen mit Sachspenden wie Schubkarren, sodass die Arbeiten bald starten konnten.

Collage von Bildern des Schulgartens
© Redaktion

Als erstes errichteten die Lehrerin und Schülerinnen und Schüler der 4. bis 9. Klassen zusammen mit der Gemeinde einen Zaun, dann wurden mit Steinen Felder abgegrenzt. „Es gab so viele Anfragen für die Schulgarten-AG“, erinnert sich Birgit Schwarz. „Aber mit zu großen Gruppen kommt die Arbeit weniger effektiv voran, wie ich festgestellt habe. Da waren wir leider nicht immer so produktiv. Daher haben wir die AG auf zwölf Schülerinnen und Schüler begrenzt.“ Noch immer übersteigt die Nachfrage das Angebot. So wird am Schuljahresanfang ausgelost, wer an der AG teilnehmen kann.

Hühneralarm in Mittenwald

Im Sommer arbeiten jetzt zwei Gruppen mit jeweils einer Stunde im Schulgarten, setzen Kartoffeln, säen, ernten, entfernen Unkraut. Im Winter ist durch den vielen Schnee in Mittenwald Ruhepause. Der Garten kommt der ganzen Schule zugute. Die im Sachunterricht vorgesehenen Themen Wiese, Hecke, Wald, Wasser und Teich werden „vor Ort“ vertieft. Die von der Schule für Forstwirtschaft gespendete Baumbibliothek mit Stämmen der sechs wichtigsten Bäume informiert über die Baumarten. Das Insektenhotel wird zum Anschauungsobjekt, wenn in der Mittelstufe das Thema Insekten auf dem Stundenplan steht. Die Kräuterspirale lässt sich gut im Fach Hauswirtschaft erkunden. „Aus den Ringelblumen gewinnen die Schülerinnen und Schüler Salbe“, nennt Birgit Schwarz ein Beispiel.

Die Bäume verraten etwas über sich selbst© Redaktion

Die Lehrerin ist immer auf der Suche nach Fördertöpfen und konnte so auch den „Hühneralarm in Mittenwald“ organisieren. Am Schülerwettbewerb „ECHT KUH-L!“ des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft beteiligte sich die Schule mit einem Projekt zur Hühnerhaltung. Die Schülerinnen und Schüler recherchierten im Internet, besuchten einen Hühnerhof und holten dann eine durchsichtige Brutmaschine und Hühnereier in die Schule. Vor den Augen der Schülerinnen und Schüler wurden die Eier dort ausgebrütet.

Die Aufregung war groß und der Andrang gewaltig, als schließlich Küken schlüpften. Zum Abschluss der Aktion kamen die Hennenmutter und Küken in die Klassen, wobei jedes Kind ein Küken in die Hand nehmen durfte, während die entsprechenden Lerninhalte wiederholt wurden. „So etwas vergisst ein Kind sein Lebtag nicht“, freut sich Birgit Schwarz. Doch das Projekt war damit nicht beendet: Der über die Aktion gedrehte Film und das Projekt gehörten 2016 zu den Gewinnern des bundesweiten Schülerwettbewerbs „ECHT KUH-L!“.

Fast alle Eltern wollen das Ganztagsmaximum

Schulleiterin Anja Zwerger freut sich über das Engagement von Birgit Schwarz und das der Kinder und Jugendlichen an ihrer Schule. Für die Rektorin ist gerade eine spannende Zeit. Während die Mittelschule bereits seit dem Schuljahr 2010/11 ein offenes Ganztagsangebot vorhält, wird zum kommenden Schuljahr auch die Grundschule als offene Ganztagsschule starten. „Dadurch, dass wir den Ganztag bereits in der Mittelschule kennen, ist nicht alles ganz neu für uns“, schildert Anja Zwerger die Transformation als ruhigen Prozess.

Insektenhotel
Insektenhotel© Redaktion www.ganztagsschulen.org

In der Mittelschule gibt es das klassische Ganztagsangebot von Montag bis Donnerstag bis 16 Uhr. In eigens eingerichteten Räumen essen die angemeldeten Schülerinnen und Schüler verpflichtend zu Mittag und gehen dann in die Hausaufgabenbetreuung. Letztere soll nicht als Nachhilfe missverstanden werden. Laut der Rektorin geht es stattdessen darum, dass „die Schülerinnen und Schüler angeleitet werden, eigenverantwortlich und selbstständig ihre Lernaufgaben zu erledigen“.

Schließlich nehmen die Jugendlichen an einem Freizeitangebot teil. Für Rückzugs- und Ruheräume sind ein Spieleraum mit Kickertisch, Billard, Dart und Brettspielen sowie eine Ruhe- und Leseecke eingerichtet. Ein „Raum der Stille“ steht für Krisensituationen zur Verfügung. Die Eltern können entscheiden, an wie vielen Tagen ihre Kinder teilnehmen sollen, das Minimum sind zwei Tage. „Fast alle Eltern aus der Grundschule wollen allerdings die viertägige Teilnahme, vereinzelt auch eine fünftägige. Der Freitag kann ab Herbst auch gebucht werden“, so die Schulleiterin. Hierfür sei Bedarf signalisiert worden, wenngleich diese Buchung mit Kosten verbunden sei.

Schulleiterin Anja Zwerger© Redaktion

Bewährter Kooperationspartner am Nachmittag ist die Caritas. Die Betreuerinnen und Übungsleitungen werden nun auch in der offenen Ganztagsgrundschule mitarbeiten. 30 Schülerinnen und Schüler von insgesamt rund 150 sind für das Ganztagsangebot im Primarbereich angemeldet worden, so dass es definitiv zwei Gruppen geben wird.

Die Einrichtung des Ganztagsangebots ist durch das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus zum Schuljahr 2015/16 ermöglicht worden. Für die Gemeinde Mittenwald kommt das Angebot genau zur rechten Zeit. Immer mehr Eltern wünschten sich eine Ganztagsgrundschule, berichtet Anja Zwerger. Bis jetzt konnten Grundschulkinder nach Schulschluss um 11.30 Uhr ab 12.00 Uhr den Gemeindekindergarten aufsuchen. Doch der stieß mittlerweile aufgrund der verstärkten Aufnahme von Kindern unter drei Jahren an seine Kapazitätsgrenzen.

Rhythmisierung, Rituale und Wohlfühlatmosphäre

Die Marktgemeinde Mittenwald als Schulträger unterstützte den Wunsch der Schule, die im Januar offiziell ihr Interesse an der Einführung der offenen Ganztagsgrundschule bekundete und vor den Osterferien die Genehmigung erhielt. „Aus dem Rathaus sind wir ermuntert worden“, erinnert sich die Schulleiterin, „denn dort sieht man auch den Mehrwert für Schule und Gemeinde.“

Man sei mit der Caritas und dem Caterer in Kontakt getreten, um über die Pläne zu informieren und die entsprechenden Maßnahmen in die Wege zu leiten. „Die Caritas stellt jetzt ihr Team auf, das im Ganztag mitarbeiten wird. Aber neu ist, dass wir nun auch Lehrkräfte am Nachmittag einsetzen können.“

Schülerinnen und Schüler machen einen Kopfstand im Schwimmbad
© Grund- und Mittelschule Mittenwald

„Mir ist wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler einen rhythmisierten Schultag haben, in dem sie sich auch bewegen können und Rituale bis zum Schulschluss am Nachmittag fortgeführt werden“, beschreibt Anja Zwerger ihre Prioritäten für den Ganztag neben der Hausaufgabenbetreuung. „Ich würde gerne noch mehr Sport-AGs anbieten können“, gibt sie einen Ausblick auf die nächsten Vorhaben.

Auch steht die Ausstattung für die Ganztagsräume noch an. Hier freut sich die Schule über die „uneingeschränkte Unterstützung“ des Schulträgers. „Wir wollen den Schülerinnen und Schülern Räume mit Wohlfühlatmosphäre bieten. Ich gehe mit einem guten Gefühl in die Sommerferien“, so Anja Zwerger. Die haben sich das Kollegium und die Schulleitung genauso wie die Schülerinnen und Schüler redlich verdient. Im September wartet dann nicht nur ein neues Ganztagsangebot auf die neuen Erstklässler, sondern auch der Schulgarten auf die Herbstvorbereitungen durch Birgit Schwarz und die jungen Gärtnerinnen und Gärtner.

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