Sport und Bewegung in sozialräumlicher Perspektive

Zeit wird zunehmend zum knappen Gut. Für die Ganztagsschulen und die Sportvereine stellen sich so die Fragen: Wo und wie nehmen sie Angebote in Sport, Spiel und Bewegung wahr? Welche Wirkungen sind ferner damit verbunden? Die "Studie zur Entwicklung von Bewegung, Spiel und Sport in der Ganztagsschule", die vom 5. bis 7. Dezember 2009 im Rahmen der Jahrestagung der Kommission Sportpädagogik in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft vorgestellt wurde, regte zu einem Gedanken- und Erfahrungsaustausch zwischen Praktikern und Theoretikern an.

Vier Jungen sitzen auf einer runden Tischtennisplatte
Schulhofszene: Bewegung und Spiel an der Anne-Frank-Grundschule in Berlin-Tiergarten.

Ein Merkmal von Sozialräumen, ob in Familie, Gleichaltrigengruppe oder Schule ist die zunehmende Bewegungsarmut. Auch der PISA-Schock hat dazu beigetragen, dass die Kinder und Jugendlichen für gute Schulleistungen pauken müssen, statt ermuntert zu werden, Sport und Bewegung fest in ihren Alltag zu integrieren. Dabei werden die Grundlagen für das lebenslange Lernen, zu dem man auch die Bewegung zählen sollte, insbesondere in der Schulzeit gelegt. Untersuchungen belegen überdies, dass Sport, Spiel und Bewegung dem Lernen Vortrieb leisten.

Umso größere Bedeutung kommt vor diesem Hintergrund dem rasanten Ausbau von Ganztagsschulen in Deutschland zu, haben sich doch die Bedingungen unter denen Angebote im Bereich Bewegung, Spiel und Sport unterbreitet werden, nachweislich geändert. So spricht der Essener Erziehungswissenschaftler Roland Naul sogar von einem "explosionsartigen" Anstieg der Ganztagsschulen in Nordrhein-Westfalen um 80 Prozent seit 2005. Obwohl viele Fachleute der Meinung sind, dass die Ganztagsschulen ideale Bedingungen bieten, um Bewegung, Spiel und Sport in ihr Angebot zu integrieren, muss man dennoch genauer hinschauen.

Welche Auswirkungen hat die zunehmende Präsenz von Schule auf die Kinder und Jugendlichen, die Verbände sowie die Sportvereine? Aktuelle Forschungsergebnisse über die Qualität der Bewegungsangebote in den Ganztagsschulen liefert die vom BMBF geförderte "Studie zur Entwicklung von Bewegung, Spiel und Sport in der Ganztagsschule" (StuBSS), die Ende des Jahres 2009 abgeschlossen wurde. Ausgewählte Forschungsergebnisse wurden der Öffentlichkeit anlässlich der Abschlusstagung des Projekts vom 5. bis 7. Dezember 2009 im Schloss Rauischholzhausen nahe Marburg vorgestellt. An der Studie, die hochschulübergreifend als Verbundprojekt der Universitäten Marburg, Jena und Braunschweig durchgeführt wurde, beteiligten sich die Länder Hessen, Niedersachsen und Thüringen mit je sieben Schulen unterschiedlicher Schulformen.

Mehrstufiges Verfahren zur Gewinnung von Erkenntnissen

Die Forschungsergebnisse des Projektes StuBSS basieren auf einem mehrstufigen Erhebungsverfahren, in dem Daten in Form von Interviews mit Schulleitungen, Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern, Gruppendiskussionen etc. in einem mehrstufigen Verfahren gewonnen wurden. Dazu der Marburger Sportwissenschaftler und Projektleiter, Prof. Ralf Laging: "In unserer Studie geht es um die Kombination der Perspektiven von Schulleitungsmitgliedern, Lehrenden und Lernenden, um das kollektive Meinungsbild eines (Teil-) Kollegiums und um die beobachteten Aktivitäten der Schülerinnen und Schüler als Akteure im Schulalltag." Ein Themenschwerpunkt bildet die Frage, wie Ganztagsschulen mit außerschulischen Partnern kooperieren. Dazu stellte Prof. Ralf Laging ein Kooperationsmodell vor

In der Praxis gibt es keine "reinen" offenen, teilgebundenen und gebundenen Ganztagsschulen, sondern mehr oder weniger Mischformen. So unterscheidet er Schulen mit mindestens zwei Kooperationspartnern und mehr Angeboten als "polyvalente Kooperationen", Schulen mit mehr als zwei Kooperationspartnern und weniger Angeboten als "monovalente Kooperationen" sowie Schulen mit "indifferenten Kooperationen" und Schulen "ohne Kooperationspartner" (worunter besonders Gymnasien fallen). "Ohne Kooperationen haben Schulen eine geringere Regelmäßigkeit an Bewegungsangeboten am Nachmittag", erklärte Laging. Eltern- und Ehrenamtsbeteiligung sei dort eher gegeben, wo Schulen eine mittelhohe Anzahl an Kooperationen aufweisen. Schulen mit vielen Kooperationen und hoher Elternbeteiligung haben ein vielfältigeres Angebot (vgl. auch die Projekthomepage unter: http://www.uni-marburg.de/fb21/ifsm/ganztagsschule).

Der Zusammenhang von Organisation und Innovation

Auf der Grundlage dieses datengestützten Befundes lassen sich vier Organisationstypen unterscheiden: Typ 1, der ein Drittel der Schulen ausmacht, zeichnet sich dadurch aus, dass alle Bewegungsangebote durch das Lehrpersonal durchgeführt werden: "Es kommt auch vor, dass 'eine AG Basketball ebenfalls von einem Mathe-/ Physiklehrer geleitet wird'" (Auszug aus Interview). Typ 2, der knapp ein Fünftel der befragten Schulen, weist ein erweitertes schulinternes Angebot auf, das neben dem Lehrpersonal auch Eltern und Ehrenamtliche einbezieht. Typ 3, ein knappes Drittel aller Schulen, hat ein kooperationsorientiertes Angebot, das von Sportfachkräften durchgeführt wird. Typ 4 beinhaltet ein schulexternes Angebot.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die in Rauischholzhausen untergebracht waren, unternahmen auch einen Abstecher nach Marburg (unweit der Tagungsstätte).

Besonders innovativ, was die Nutzung neuer Unterrichtsmethoden, Rhythmisierung, Kooperationen anbelangt, zeigen sich Typ 1 und Typ 3. Von allen befragten Schulen waren 22 Prozent "sehr innovativ", 40 Prozent "ziemlich innovativ" und immerhin 38 Prozent "nicht innovativ". Da es zum guten Ton der Forschung gehört, innovative Begriffe zu prägen, schlug Laging im Folgenden den Terminus "Inklusive Kooperation" vor. Diese Form der Kooperation beinhaltet ein pädagogisches Arbeitsbündnis zwischen der Ganztagsschule und dem jeweiligen Kooperationspartner, etwa der Jugendhilfe oder der Sportvereine. Im Rahmen einer solchen Kooperation erarbeiten die Akteure eine verbindliche pädagogische Konzeption für bewegungsorientierte Bildungsräume.

Sozialraumanalyse als Schulprojekt

Den Gedanken einer "bewegungsorientierten Bildungslandschaft" füllte Prof. Ulrich Deinet von der Fachhochschule Düsseldorf mit Inhalt. Ganze Schulformen wie das Gymnasium seien durch die Kooperationen buchstäblich in Bewegung geraten. Für Deinet kommt es darauf an, wie die kommunalen Institutionen und Ämter diesen Prozess begleiten, ob sie ihn fördern oder blockieren. Entscheidend ist, ob die Akteure einen erweiterten, handlungsorientierten Bildungsbegriff in die Praxis übersetzen.

"Vermittlung und Aneignung sind gleichwertige Begriffe", erklärte Deinet. "Schulen gehören zu den wichtigsten Sozialräumen von Kindern und Jugendlichen. Neben ihrer Funktion als formelle Bildungsinstitutionen sind Schulen auch soziale Orte, Treffpunkte, 'Aneignungsräume', an denen auch informelle Bildungsprozesse stattfinden." Die Bildungslandschaft müsse die breite Förderung von Kindern und Jugendlichen und deren Familien in den Stadtteilen, Schulen, Einrichtungen sowie den öffentlichen Räumen ermöglichen.

Die Einbeziehung der sozialräumlichen Perspektive, die auf die veränderten Lebenswelten sowie auf den Umbruch des Systems Schule reagiert, ist für Deinet ein wirkungsvolles Instrument. Sie kann in Gestalt eines gemeinsamen Projektes von Schule und Jugendhilfe geschehen, dessen Inhalt Stadtteilbegehungen mit den Kindern und Jugendlichen, eine Bewegungslandkarte, Fotografie oder subjektive Landkarten sind. Folge dieser Exploration schulischer und außerschulischer Sozialräume kann die weitere Öffnung von Schule, die Erweiterung der Schulkonzeption sowie die Vernetzung in der Bildungslandschaft sein.

Fakten & Trends aus der Perspektive von StEG

Wer sich mit Trends rund um die Ganztagsschulen beschäftigt, kommt um die "Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen - StEG" nicht herum. Mittlerweile ist der Datenreichtum der Längsschnittstudie mit drei Messzeitpunkten (2005, 2007, 2009) so groß, dass StEG für verschiedene wissenschaftliche Fragestellungen belastbare Daten liefert. Bettina Arnold vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) hat viele dieser Daten ausgewertet.

Ein Kind rennt auf einem Gehweg an einem Kanal in einer Stadt auf eine Taube zu.
Die Stadt bzw. der Sozialraum als Bewegungsraum © Farah Lenser

Auffallend ist der Spitzenplatz, den die Sportvereine als Kooperationspartner von Ganztagsschulen einnehmen (StEG-Schulleiterbefragung 2007). In den Grundschulen stellen sie fast 90 Prozent der Kooperationspartner, gefolgt von den Kirchen sowie den Kunst- und Musikschulen. Auch in der Sekundarstufe I machen sie gut 50 Prozent aus, gefolgt von Polizei, Betrieben und Jugendämtern. Dabei zeigt sich, dass die Sportvereine bei der Kooperation auf Augenhöhe die größte Zufriedenheit aufweisen.

Immerhin mehr als die Hälfte der Kooperationspartner aus dem Sportbereich arbeiten auf der Grundlage eines Kooperationsvertrages. Dass die Sportvereine in den schulischen Gremien (Schulkonferenz, Lehrerkonferenz oder Ganztagsgremien) allerdings signifikant unterrepräsentiert sind, verdeutlicht, dass Spiel, Sport und Bewegung in den Schulen noch nicht als vollwertiges Bildungsangebot angenommen werden. So verwundert es kaum, dass die Verknüpfung der Sportangebote mit anderen Angeboten eher selten erfolgt.

Von der Beliebigkeit zur Integration ins Schulleben

Auch ein Blick auf den Einsatz und die Struktur des Personals offenbart, dass die Sportvereine beträchtlichen Aufholbedarf haben: Nur ca. 35 Prozent ihres Personals arbeiten hauptberuflich an den Ganztagsschulen (die Jugendhilfe kommt auf rund 60 Prozent). Der Anteil des nebenberuflichen Personals beläuft sich in den Sportvereinen auf gut 20 Prozent, während der ehrenamtliche Anteil sogar 45 Prozent ausmacht (Quelle: StEG-Kooperationspartnerbefragung 2007).

Vor dem Hintergrund dieser Trends forderte Arnold, dass Zielvereinbarungen zwischen den Kooperationspartnern und den Ganztagsschulen getroffen und die Angebote in ein pädagogisches Gesamtkonzept eingebettet werden sollten. Ferner müssten die bedeutenden Partner wie die Sportvereine oder die Jugendhilfe nach dem Prinzip "mehr quantitative und qualitative Relevanz der Angebote, mehr Verantwortung" behandelt werden.

Vergleicht man diese Ergebnisse mit StuBSS, dann wird deutlich, dass viele Ganztagsschulen durch die Kooperationspartner zwar buchstäblich in Bewegung geraten sind, dass ihnen der Sprung zur integralen sozialräumlichen Bildung aber meist noch bevorsteht. Für die Aufgaben von morgen - Stichworte "kommunale Bildungslandschaft", "lebenslanges Lernen" - sind sie aber erst gerüstet, wenn sie ihre Entwicklung nicht mehr dem Zufall überlassen, sondern gemeinsam mit ihren Partnern die Ziele bestimmen und die entsprechenden Mittel dazu bereitstellen.

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