Bewegung, Sport und Ganztagsschule: Eine Chance für den wissenschaftlichen Nachwuchs

Viele Schulen produzieren tagtäglich Inaktivität. Was tun? Auf der Jahrestagung der Kommission Sportpädagogik in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft, die im Dezember 2009 im Schloss Rauischholzhausen nahe Marburg stattfand, wurden Ergebnisse der Studie StuBSS erörtert. Aber auch andere Forscherinnen und Forscher sowie Nachwuchswissenschaftler kamen zu Wort. So wurde die Rolle der Sportvereine in den sächsischen Ganztagsschulen ebenso thematisiert wie die Gestaltung des Schulhofs als bewegungsorientierter Sozialraum.

Ein Junge springt von einem Klettergerüst.

Sportliche Laufbahnen und wissenschaftliche Karrieren haben vieles gemeinsam. Warum? Hier wie dort bedarf es aufmerksamer Unterstützung und insbesondere sind beide leistungs- und ergebnisorientiert. Es reicht auch nicht aus, dass hoffnungsvolle Talente entdeckt werden, sich aber dann selbst überlassen bleiben. Sie müssen vielmehr kontinuierlich gefördert werden und die Gelegenheit bekommen, ihre Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit vorzustellen. Mit dem Sprung ins kalte Wasser sind sie dann allerdings allein auf ihr Können angewiesen.

Dem Grundgedanken der Nachwuchsförderung hat sich auch das BMBF verpflichtet, indem es die Vergabe von Forschungsprojekten daran bindet, dass der wissenschaftliche Nachwuchs die Gelegenheit erhält, zu zeigen, was in ihm steckt. Auch die Jahrestagung der Kommission für Sportpädagogik, die im Dezember 2009 im Schloss Rauischholzhausen stattfand, gab dem wissenschaftlichen Nachwuchs die Gelegenheit, sich seine Sporen unter den Augen verdienter Forscherinnen und Forscher zu verdienen.

Der Sprung ins kalte Wasser: wie eine Nachwuchswissenschaftlerin überzeugte

Geradezu vorbildlich war der Vortrag, den Sabine Vogel zum Thema "Sportvereine in Ganztagsangeboten - Eine Bestandsaufnahme aus Sachsen" hielt. Schon auf den ersten Blick wusste die Nachwuchswissenschaftlerin von der Sportwissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig mit einer ausgezeichneten PowerPoint-Präsentation ihrer Forschungsergebnisse zu überzeugen. Zweifellos hatte sich Sabine Vogel für ihre Präsentation eine Höchstnote verdient, aber nicht zuletzt setzte sie inhaltlich einen starken Akzent. Dabei ging es um folgende Sachlage: Der Landessportbund Sachsen gab laut Sabine Vogel eine Forschungsstudie an das Institut für Sportpädagogik in Auftrag, die die gegenwärtige Stellung der Sportvereine im Rahmen der sächsischen Ganztagsangebote untersuchen solle.

Der Sportbund erwartet sich davon nicht nur Aufklärung über den tatsächlichen Stand der Kooperationen, sondern darüber hinaus eine Einschätzung seiner Schwerpunkte. Mit Blick auf die Forschungslage stellte Sabine Vogel fest, dass es wenige Studien gibt, die sich speziell mit Kooperationen mit den außerschulischen Partnern beschäftigen und wenn, dann unter dem Blickwinkel ihrer Auswirkungen auf das Schulleben. Dabei habe die bundesweite "Studie zur Entwicklung der Ganztagsschule" (StEG 2007) den Befund erbracht, dass die Kooperationen den Sportvereinen Vorteile bringen. Allerdings komme StEG auch zu dem Ergebnis, dass bundesweit ca. 22 Prozent der Eltern ihre Kinder infolge des Besuches einer Ganztagsschule aus den Sportvereinen abgemeldet hätten.

Mit den Sportvereinen kommt Qualität in den Ganztag

Da auch im Rahmen der Bildungslandschaften keine gesicherten empirischen Erkenntnisse über die Kooperationen von Sportvereinen mit den Ganztagsschulen vorliegen, führte Sabine Vogel die Studie mit dem Anspruch durch, einen deskriptiven Überblick über die Kooperationslandschaften zu geben. Daraus sollte hervorgehen, welche Auswirkungen die Kooperationen auf die Sportvereine haben und welche Erfahrungen sowie Wünsche damit verbunden sind. Für die Datenerhebung wählte sie ein zweistufiges Vorgehen, das sich aus einer postalischen Befragung der Sportvereine durch den Landessportbund sowie einer Online-Befragung aller Vereine zusammensetzte. Rund 4.300 Vereine wurden angeschrieben. Die Rücklaufquote der Papierbogen betrug rund 30 Prozent, die der Online-Befragung rund 50 Prozent.

Das Ergebnis darf durchaus als Beleg der Ergebnisse der StEG-Studie interpretiert werden, da fast 45 Prozent der sächsischen Ganztagsangebote durch die Sportvereine abgedeckt werden. In  Zahlen ausgedrückt bedeutet dies, dass 261 Sportvereine rund 500 Kooperationen in Bereichen wie sportspezifische, sportartübergreifende, gesundheitsorientierte und erlebnisspezifische Angebote unterbreiten. Auffällig ist dabei die Dominanz der freizeitpädagogischen Angebote sowie die Tatsache, dass die Angebote zu 86 Prozent am Nachmittag stattfinden.

Wie die Sportvereine Kooperationslandschaften voran bringen

Dass lediglich 4,7 Prozent der Angebote sowohl am Vor- als auch am Nachmittag stattfinden, bedeutet, dass viele Schulen in Sachsen noch weit davon entfernt sind, den Ganztag auf der Basis der Kooperationen zu rhythmisieren. Auch zeigte sich, dass sich die Schulen erst auf Initiative der Sportvereine geöffnet haben: "Die Mehrzahl der Kooperationen kam dadurch zustande, dass die Vereine auf die Schulen zugegangen sind." Erfreuliches gibt es über die Qualität der Angebote zu berichten: Demnach verfügt mit rund 80 Prozent ein beachtlicher Teil der Übungsleiter über eine Trainerlizenz der Stufe eins bis drei, was eine "gewisse Qualität" sicherstellt. Für diese These spricht auch, dass rund 70 Prozent dieser Trainer über Erfahrungen im Umgang mit Kindern verfügen.

Ansicht eines Parkes mit Schlossgebäude im Hintergrund und einem Kind, das im Slalom um Bäume rennt.

Darüber hinaus passt in das Bild, dass rund 60 Prozent der Sportvereine über positive Auswirkungen der Kooperationen berichten, was nicht zuletzt darin zum Ausdruck kommt, dass rund 45 Prozent der Vereine dadurch zusätzliche Mitglieder gewonnen haben. Die Vorteile, die für die Sportvereine aus den Kooperationen erwachsen, fasste Sabine Vogel zusammen: Neben dem Mitgliederzuwachs gewinnen die Vereine zusätzliche Hallenzeiten für ihre Angebote. Dennoch bestehe Handlungsbedarf: So hätten die ehrenamtlichen Übungsleiter Probleme, die Trainingszeiten am frühen Nachmittag abzudecken. Ferner stelle sich das Problem der Honorierung der Übungsleiter durch die Schulen. Darüber hinaus bräuchten die Sportvereine mehr Informationen über finanzielle Situation der Ganztagsschulen.

Der Schulhof, das unbekannte Gebiet der Ganztagsschule

Die Schulhöfe sind wohl deshalb so beliebt, weil sie oft die einzigen Orte sind, an denen die Kinder und Jugendlichen sich in den Pausen bewegen, rennen, spielen oder sich über Neuigkeiten austauschen können. Hier geschehen Dinge, die dem Alltagsauge allzu oft entgehen, schließlich zeichnen sich viele Schulen dadurch aus, dass sie Bewegung vereiteln, wie die Dr. Maud Hietzge von der Universität Freiburg erklärte: "Die Schule hat einen aktiven Anteil an der Produktion von Inaktivität."

Mittels videographischer Methoden untersuchte Hietzge, unter welchen Bedingungen sich an Ganztagsschulen neue Bewegungsspielräume herstellen lassen. Dazu zählt insbesondere der Schulhof. Die pädagogische Forschung hat den Pausenhof unter dem Vorzeichen von Spiel, Sport und Bewegung erst jüngst entdeckt. Ahmet Derecik, Nachwuchswissenschaftler an der Westfälischen Wilhelms-Universität und Mitarbeiter der StuBSS-Studie (Studie für Bewegung, Sport und Spiel), ist einer von ihnen. Seinen abwechslungsreichen Vortrag leitete er mit der Frage ein: "Wie kann man die Gestaltung von Schulhöfen im Sinne einer raumbezogenen Pädagogik in die Schulentwicklung mit einbeziehen?"

Um den Schulhof als Raum in eine forschungsrelevante Kategorie zu übersetzen, muss man den Raumbegriff als relationale Größe verstehen, also als einen Ort, der durch subjektive Tätigkeit angeeignet wird. Schulhöfe sind für Derecik dementsprechend Orte des informellen Lernens und der subjektiven Raumaneignung. Es geht darum, "wie Kinder und Jugendliche eigentätig Räume schaffen und die verinselten Räume als Lebenswelt verbinden", zitierte der junge Erziehungswissenschaftler den Experten Ulrich Deinet.

Der Schulhof als Schauplatz heterogener Bewegungskulturen

Der Schulhof ist nicht nur ein Schauplatz heterogener Bewegungskulturen (Hietzge), er ist häufig auch ein Ort der Dominanz von Jungen und somit laut Derecik ein Spiegel der Gesellschaft. Für Mädchen fehle ein attraktives Sport- und Bewegungsangebot. Welche Raumtypen werden vor diesem Hintergrund benötigt? Die Antwort unterscheidet sich je nach Altersgruppe oder Geschlecht der Schülerinnen und Schüler.

Kinder spielen auf einem Spielhaus eines Spielplatzes.

Da die Kinder wenig regelgeleitet und normiert spielen, brauchen sie sowohl bewegungsorientierte Spielräume, als auch Rückzugsnischen. Dagegen bräuchten die etwas älteren Kinder, "Räume, in denen sie jugendliches Verhalten einüben, aber auch Kind sein dürfen." Anders die Jugendlichen: da sie an die räumlichen Normierungen besser angepasst sind, sollte die Schule ihnen Aktivitätsinseln sowie Kommunikationsnischen zur Verfügung stellen.

Tipps für die Praxis: Bewegungsräume als Bildungsangebote gestalten

Ahmet Derecik beendete seinen überaus anregenden Vortrag mit praktischen Tipps zur Umwandlung von Bewegungs- in Bildungsräume. Für Spielplätze empfehle sich: Gestaltung von abgeschlossenen, naturnahen Nischenflächen, Bereitstellung mobiler Spielmaterialien, fest montierte Spielgeräte sowie gute Anordnung derselben, altersgerechte Gestaltung von Spielplätzen, Öffnung zu benachbarten Spielplätzen, längere Pausen etc.

Für sportive Plätze gelte: Offene Plätze in den Pausen, Bereitstellung von Spielmaterialien, sinnvolle Platzierung sportiver Plätze auf den Schulhöfen sowie gute Anordnung zueinander, Möglichkeiten zum Ausruhen und Zuschauen, längere Pausen, verdünnte Sozialkontrolle. Schließlich gab es Gestaltungsempfehlungen für strukturierte Flächen wie die Strukturierung in weite und enge Nutzungsbereiche, sinnvolle Anordnung von Strukturelementen, unterschiedliche und wetterfeste Untergründe sowie längere Pausen.

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