"Ich hab gar nicht gemerkt, dass ich was lern"

Das "Praxisforschungsprojekt - Leben lernen" des Instituts für angewandte kulturelle Bildung und der Pädagogischen Aktion - Spielen in der Stadt e.V. untersucht durch die besondere Akzentuierung der künstlerischen Mittel Tanz, Theater und Film Wirkungen in der kulturpädagogischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Die Fachtagung "Ich hab gar nicht gemerkt, dass ich was lern" am 27. und 28. November 2008 in München fasste Ergebnisse und Forderungen aus dem Modellprojekt zusammen.

Zwei Männer stehen vor einem Mikrofon.

Überforderung. Dieses Wort hat Tom Biburger zu Beginn des zwei Jahre dauernden Praxisforschungsprojekts "Leben lernen" wohl am häufigsten gehört. Der Künstler und Leiter des Instituts für angewandte kulturelle Bildung in München führte zusammen mit dem Kultur- und Tanzpädagogen Alexander Wenzlik vom Verein "Spielen in der Stadt" an zwei Schulen in der bayerischen Landeshauptstadt drei Tanz-, Theater- und Filmprojekte durch.

An der Grundschule an der Fritz-Lutz-Straße arbeitete eine 3. Klasse mit einer Lehrerin und zwei Tanzpädagoginnen und -pädagogen, und am Nachmittag konnten Schülerinnen und Schüler der 3. und 4. Klassen freiwillig an einer Tanz- und Theater-AG teilnehmen. Letztere wurde von zwei Tanz- und Theaterpädagogen begleitet. An der Städtischen Willy-Brandt-Gesamtschule fand ein von Klasse 5 bis 9 jahrgangsübergreifendes Tanz-, Theater- und Filmprojekt statt.

Wann immer nun Biburger und sein Team der Schulleitung und den Lehrerinnen und Lehrern die Übungen vorstellte, die er mit den Kindern proben, spielen oder tanzen wollte, erntete er Stirnrunzeln: "Das glaube ich nicht, dass die Kinder das schaffen" oder "Das überfordert die Schüler" waren die in Varianten verpackte Skepsis. Auch die Eltern der Grundschülerinnen und -schüler waren skeptisch: Überforderte die Teilnahme an der Theater-AG die Kinder nicht, die am Ende der Grundschulzeit hinsichtlich des Übergangs auf die weiterführenden Schulen unter einem erheblichen Leistungsdruck standen.

"Hier fand ich es ganz toll, dass zwei Lehrerinnen auf einem Elternabend erklärten, dass es nicht nur um das Theaterspielen gehen würde, sondern auch um die Verbesserung der Sprachkompetenz, der Sprechfähigkeit und der Konzentrationsfähigkeit", berichtet Biburger. "Auch die Erklärung, dass die Arbeit im Projekt sich wunderbar mit den Inhalten der Fächer Deutsch, Sport und Musik verknüpfen lasse, überzeugte viele Eltern." Im Ergebnis nahm die Teilnahme an der Theater-AG im Laufe der zwei Jahre sogar zu.

Keine Überforderung bei den Schülerinnen und Schülern

Auch ansonsten bewahrheiteten sich die Befürchtungen von der Überforderung nicht - im Gegenteil. Die Schülerinnen und Schüler der Städtische Willy-Brandt-Gesamtschule schafften, was Biburger zufolge "zu Beginn keiner für möglich gehalten hatte": Sie führten ihr eingeprobtes Stück öffentlich auf und konnten dafür sogar Eintritt verlangen.

Rein praktisch gesehen konnte das "Praxisforschungsprojekt - Leben lernen", das bereits im Oktober 2005 mit Vorstudien in den Schulklassen und Arbeitsgemeinschaften der Fritz-Lutz-Grundschule und der Städtischen Willy-Brandt-Gesamtschule begonnen hatte, hier positive Ergebnisse vermelden. Das Projekt hatte sich allerdings breiter aufgestellt: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer setzten sich zum Ziel, Wirkungen von Bildungsprozessen in Kooperationsprojekten von Schule, Kunst, Kultur und Jugendhilfe zu untersuchen und zu veranschaulichen - auch hinsichtlich der Entwicklung neuer Modelle der Ganztagsbildung. Die wissenschaftliche Begleitung untersuchte den Lern- und Bildungsprozess bei Kindern und Jugendlichen und dessen Abhängigkeit vom Verlauf der Kooperation und den Rahmenbedingungen.

Die Untersuchung basierte auf Anwendung von Methoden qualifizierter Sozialforschung, die aufeinander bezogen wurden: Teilnehmende Beobachtung und Beschreibung der Projekteinheiten, Interviews mit den Schülerinnen und Schülern, den Lehrkräften und den pädagogischen Fachkräften. Die Vor- und die Nachbesprechungen der Projekteinheiten mit allen beteiligten Pädagogen und Künstlern und Videoaufnahmen des Probenprozesses sowie der Interviews und Besprechungen gehörten ebenso dazu.

Rückkopplung der Forschung in die Ausbildung

"Nur die gemeinsame Gestaltung und Erforschung von Modellprojekten zusammen mit Schulen und die Rückkoppelung der Erkenntnisse in die Ausbildung können langfristig und nachhaltig die Bildungslandschaft verändern und Qualitätsstandards definieren", meint Tom Biburger. So erklärte sich auch die Zusammenstellung der Forschungspartner: Der Lehrstuhl für Grundschulpädagogik und -didaktik der Ludwig-Maximilians-Universität München, die Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften der Fachhochschule München, der Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften der FU Berlin und das Zentrum für Lehrerbildung und Fachdidaktik der Universität Passau gehörten dazu.

Von Oktober 2006 bis zum September 2008 führten die Projektleiter mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern - Schauspielerinnen und Schauspieler, Tänzerinnen und Tänzer, Sozialpädagoginnen und -pädagogen, Tanzpädagoginnen und -pädagogen, Theaterpädagoginnen und -pädagogen, Theaterwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler, Spiel- und Theaterpädagoginnen und -pädagogen, Kunsthistorikerinnen und -historiker, Kunstpädagoginnen und -pädagogen, Medienpädagoginnen und -pädagogen - mehrere Theater- und Tanzprojekte mit Abschlussvorführungen durch.

Die Entwicklung der kulturpädagogischen Arbeit dokumentierte man, wertete die Ergebnisse ab Oktober 2008 aus. Auf der Fachtagung "Ich hab gar nicht gemerkt, dass ich was lern" am 27. und 28. November 2008 in der Hochschule München wurden erste Ergebnisse präsentiert, diskutiert und kommentiert. Für Mai 2009 ist der Abschlussbericht als Publikation unter dem Titel "Zur Lernkultur künstlerischer Kooperationsprojekte zwischen Kunst/Kultur, Kinder- und Jugendarbeit und Schule" angekündigt.

Schwierige Schüler enorm motiviert

"Kulturelle Bildung ist nicht der Pausenclown der Ganztagsbildung", mahnte Prof. Dr. Burkhard Hill von der Hochschule München auf der Fachtagung. "Ganztagsschule kann nicht heißen: Morgens büffeln, mittags Essen auf Rädern und nachmittags soziales Lernen beim Kulturpädagogen", forderte der Sozialwissenschaftler eine Verschränkung von Unterricht und kulturpädagogischen Angeboten. Dabei müssten die Schüler hinsichtlich Inhalten und Lernzielen beteiligt werden, schülernahe Medien- und Ausdrucksformen zum Einsatz kommen und gruppenpädagogische Methoden angewandt werden.

Foto eines Mannes, der gestikulierend am Rednerpult steht und spricht.

"Die kulturpädagogische Arbeit gewährt einen ganz anderen Blick auf die Schülerinnen und Schüler, sie zeigen sich von ganz anderen Seiten", fasst Tom Biburger die Erkenntnisse aus der zweijährigen Arbeit zusammen. "Sie sind zu unglaublichen Leistungen und Konzentration fähig." Gerade an der Willy-Brandt-Gesamtschule habe sich dies gezeigt, dort gelten viele Schülerinnen und Schüler aufgrund ihres sozialen und familiären Hintergrunds als "schwierig".

Diese "schwierigen Schüler werden oft als Krankheitsfall betrachtet, das tut mir am meisten weh", meint der Künstler. Projekte wie "Leben lernen" hätten gezeigt, dass selbst die vermeintlich "hoffnungslosen Fälle" zu ungeahnten Leistungen fähig sind, enorm motiviert auftreten, sich in die Gemeinschaft einordnen und bei der Arbeit ihren Platz finden. "Dazu muss man aber in der kulturpädagogischen Arbeit von den Erlebniswelten der Kinder ausgehen", erklärt Biburger. "Die Pädagogen und Künstler müssen schauen, mit welchen Menschen sie es zu tun haben, und dürfen nicht mit vorgefertigten Texten anrücken, welche sie den Schülerinnen und Schülern überstülpen." Geschichten und Konflikte müssten gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen entwickelt werden.

Multiprofessionelle Schulen entwickeln

"Aus szenischem Handeln wird Verstehen", erläutert Alexander Wenzlik. "Die Suche nach gemeinsamen Lösungen steht im Vordergrund. Bei den Proben überträgt man Verantwortung auf die Schülerinnen und Schüler und fällt Entscheidungen gemeinsam." Lara, Schülerin aus der 4. Klasse der Fritz-Lutz-Schule beschrieb den Unterschied zwischen der Projektarbeit und Unterricht mit den Worten: "Man kann lernen, aber man spielt sozusagen dabei. Man kriegt das gar nicht mit, dass man was lernt."

Prof. Eckart Liebau von der Universität Erlangen bemerkte auf der Fachtagung hierzu: "Die Pädagogik will, dass sich Schülerinnen und Schüler zu autonomen Menschen entwickeln, in die Gesellschaft einbringen und Interesse entwickeln. Bei der Arbeit mit Kulturpädagogen erleben die Jugendlichen Menschen, die Mut haben, hinzuschauen und hinzuhören." Bei der gemeinsamen Arbeit erreiche man eine "ganz besondere Intensität", die Schülerinnen und Schüler würden zum Teil künstlerischer Prozesse. Um solche Prozesse zu befördern, müsse man die Schule von einer reinen Lehrerschule zu einer multiprofessionellen Schule entwickeln, wobei der Unterricht allerdings immer im Zentrum bleiben werde.

Aber auch die Lehrerinnen und Lehrer und die außerschulischen Fachkräfte profitierten von der Zusammenarbeit. "Die gemeinsame Vor- und Nachbearbeitung wurde von allen begrüßt", erinnert sich der Projektleiter, "viele haben da erstmal gemerkt, wie isoliert sie ansonsten arbeiten." Eine Lehrerin habe sich so geäußert: "Was für ein Segen, im Team zu sein. Ich muss nicht alles alleine tragen."

Ganztagslehrer brauchen Mix bestimmter Fähigkeiten

Der Blick auf die Kinder und die eigene Arbeit habe sich geweitet. Sechs- bis achtmal führte man auch Supervision mit der Schulleitung durch. Eine wesentliche Erkenntnis war laut Biburger die Einsicht, dass die Lehrenden für eine erfolgreiche Ganztagsbildung einen Mix ganz bestimmter Fähigkeiten benötigen. "Das ist eine Frage der Ausbildung. Der Cluster unser begleitenden Forschungseinrichtungen spiegelt genau den Mix, den man für die Ausbildung von Kulturpädagogen benötigt", so der Institutsleiter.

Foto eines Mannes, der gestikulierend spricht.

46 Aufführungen von 16 Inszenierungen hat es im Rahmen des Projektes "Leben lernen" gegeben. 22 Filmdokumentationen der Inszenierungen sind entstanden. Ton- und Radioprojekte wurden durchgeführt, Exkursionen zu Veranstaltungen kultureller Einrichtungen veranstaltet. Studentinnen und Studenten wurden in das Projekt eingebunden, sodass sieben Studienabschlussarbeiten über das Projekt entstanden sind.

Die Früchte der Arbeit seien nach zwei Jahren schon sehr sichtbar geworden, auch sei es an der Grundschule gelungen, Projekte direkt mit dem Unterricht zu verknüpfen. "Wir haben uns zusammen mit den Lehrerinnen angesehen, was im Lehrplan steht und Überschneidungen mit unserer kulturpädagogischen Arbeit gefunden", berichtet Biburger. Leider gebe es an vielen Schulen und in der Öffentlichkeit noch kein Bewusstsein dafür, welche Chancen diese Verknüpfung von Unterricht und außerschulischer Bildung böten und was alles möglich wäre, "wenn man unsere Projekte hochrechnen würde".

Es ist natürlich auch eine Finanzierungsfrage und eine Frage der Verstetigung. Selbst im unter anderem vom Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst geförderten Projekt hing noch viel an den einzelnen Personen in Schulleitung und Kollegium. Während die Arbeit an der Willy-Brandt-Gesamtschule über das Projektende weitergeht, endete sie an der Grundschule, weil es unterschiedliche Auffassungen von Schulleitung und Projektteam gibt.

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