Schulessen in Sachsen-Anhalt: "Frage der Wertigkeit"

Die Schulverpflegung zu verändern, erfordert langen Atem. Doch Melanie Kahl, Projektleiterin der Vernetzungsstelle Schulverpflegung in Sachsen-Anhalt, beobachtet eine positive Entwicklung.

Online-Redaktion: Welche Ziele verfolgt die Vernetzungsstelle Schulverpflegung in Sachsen-Anhalt?

Melanie Kahl: Wir unterstützen die Akteure in den Schulen, aber auch die Träger und Caterer, den Qualitätsstandard der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) umzusetzen. Und wir bemühen uns in gleichem Maße, die Eltern für dieses wichtige Thema zu sensibilisieren. Und das seit nunmehr sieben Jahren.

Melanie Kahl© Landesvereinigung für Gesundheit Sachsen-Anhalt e.V.

Online-Redaktion: Wie agieren Sie?

Kahl:  Mit einer Fülle von Aufklärungsveranstaltungen und Fortbildungen. Aber wir beraten die Schulen auch telefonisch oder vor Ort. Wir unterstützen Qualitätszirkel in den Schulen und entwickeln gemeinsam Handlungsempfehlungen. Nicht zuletzt sind wir Ansprechpartner für die Politik.

Online-Redaktion: Welchen Gesprächsbedarf haben Sie mit den Politikerinnen und Politikern?

Kahl: Um die Qualität der Schulverpflegung umfassend und flächendeckend zu verbessern, braucht es nicht nur Engagement der Akteure vor Ort, sondern auch politische Weichenstellungen, z. B. durch eine bessere Ausstattung der Speiseräume, Verbindlichkeiten zur Umsetzung des DGE-Qualitätsstandards, eine stärkere Verankerung der Ernährungsbildung im Lehrplan oder die Subventionierung der Schulverpflegung.

Online-Redaktion: Wie werden Ihre Angebote von den Schulen angenommen?

Kahl: Das ist sehr unterschiedlich und manchmal schwankend. Die Resonanz auf unsere bisherigen rund 100 Veranstaltungen war sehr gut. Da spürte man, dass gesunde Ernährung, gutes Schulessen und Ernährungsbildung als wichtig empfunden werden. Aber man muss auch ganz ehrlich sagen: Wenn gerade wieder einmal wichtige schulische Themen anstehen, sei es die Inklusion oder aber die Überalterung der Kollegien, drohende Schulschließungen und ähnliches, dann tritt unser Anliegen bei den Schulen für einen Moment in den Hintergrund.

Fachtagung
Die Fachtagungen der Vernetzungsstelle stoßen auf großes Interesse© Landesvereinigung für Gesundheit Sachsen-Anhalt e.V.

Online-Redaktion: Aber die Schulen haben die Bedeutung, die ja nicht am Mittagstisch endet, grundsätzlich erkannt?

Kahl: Auf jeden Fall. Wir befinden uns in Sachsen-Anhalt in der komfortablen Lage, dass in nahezu allen Schulen eine Mittagsverpflegung angeboten wird. Dass war ja schon zu DDR-Zeiten so und hat sich bis heute nicht verändert. Die Kehrseite der Medaille darf allerdings auch nicht verschwiegen werden. In bestehende Systeme und Strukturen Veränderungen wie etwa einen stärken Blick auf die Qualität zu bringen, ist deutlich schwerer, als ihn dort, wo etwas neu aufgebaut wird, von Beginn an mitzudenken. Um es noch einmal zu betonen: Frischen Wind in bestehende Strukturen zu bringen, erfordert viel Energie – und das für alle, die an Qualität mitwirken wollen, Schulen, Träger, Eltern und Caterer.

Online-Redaktion: Unterstützung könnten Eltern bieten...

Kahl: Völlig richtig. Und wir spüren, dass Eltern eine noch bessere, ausgewogenere, gesündere Verpflegung ihrer Kinder an den Schulen wünschen. Doch dabei müssen sie selbst auch mitziehen. Wenn Kinder zu Hause beispielsweise keine Vollkornnudeln kennenlernen, werden sie diese auch in der Schule zunächst einmal nicht anrühren. Auch deshalb betreiben wir intensive Aufklärungsarbeit bei den Eltern.

Und das durchaus mit Erfolg. Eine gemeinsame Veranstaltung dieser Art mit dem Landeselternrat für Elternvertreter war ausgesprochen gut nachgefragt. Die Einstellung zur Qualität des Essens, auch der Eltern, ist natürlich besonders an Ganztagsschulen von Bedeutung. Schließlich müssen hier neben dem Mittagessen zusätzliche Speiseangebote, etwa im Schulkiosk, stimmen.

Online-Redaktion: Ist gesunde Schulverpflegung unterm Strich also eine Frage der Haltung?

Kahl: Ja, es geht schließlich immer um die Frage der Wertigkeit. Was ist uns gute Ernährung wert? Was sind wir bereit, dafür auszugeben? Ziehen wir den traditionellen Bäcker einer Kette mit Aufbackbrötchen vor? Geht es uns darum, möglichst preiswerte Nahrungsmittel zu bekommen?

Leckeres Essen macht Kindern Freude© Landesvereinigung für Gesundheit Sachsen-Anhalt e.V.

Ich glaube, im Moment gibt es glücklicherweise wieder so eine Art Gegenentwicklung, einen Trend zur Wertschätzung für gute und gesunde Ernährung und zur Bereitschaft, etwas mehr auszugeben. In der Außerhaus-Verpflegung spürt man so eine Entwicklung aber als erstes in der hochwertigen, dann in der normalen Gastronomie, später auch im Fastfood-Bereich. Bis das in den Schulen ankommt, ist es ein langer Weg.

Online-Redaktion: Wenn es eine Zufriedenheitsskala von 1 (sehr unzufrieden) bis 10 (sehr zufrieden) gäbe, wo würden Sie Ihre Zufriedenheit mit der Schulverpflegung in Sachsen-Anhalt einstufen?

Kahl: Derzeit wohl ziemlich genau in der Mitte bei 5 oder 6. Es tut sich etwas. Das spüren wir beispielsweise bei unseren Speiseplananalysen. Es handelt sich um eine kleinschrittige positive Weiterentwicklung. Man könnte fast sagen: Stück für Stück ein Knabberglück.

Online-Redaktion: Was steht einer schnelleren Weiterentwicklung neben den eventuell zu eingefahrenen Strukturen im Weg?

Kahl: An erster Stelle muss hier das Preisniveau genannt werden. Lohnniveau und soziale Strukturen in unserem Bundesland lassen einen höheren Preis als die derzeitigen 2,20 Euro pro Mittagessen kaum zu. Der Abgabepreis bundesweit liegt im Durchschnitt bei 2,94 Euro. Und selbst die würden ja nach Berechnungen der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg nicht ausreichen, wollte man entsprechend dem DGE-Qualitätsstandard kochen. Dort wurde für Berlin ausgerechnet, dass dafür ein Preis zwischen 3,14 und 4,25 Euro erforderlich sei.

Neben dem Preis aber muss noch ein anderer Aspekt genannt werden, der wieder etwas mit Haltung zu tun hat. Es ist immer schwer, wissenschaftliche Erkenntnisse, Preisniveau und persönliche Vorlieben unter einen Hut zu bringen. Das sieht man doch auch bei sich selbst. Es gibt genug Menschen, denen bewusst ist, dass der Verzehr von zuviel Fleisch nicht gesund ist, die es sich leisten könnten, auch gesünder zu essen und bessere Qualität einzukaufen, es aber trotzdem nicht tun.

Online-Redaktion: Auch die Art der Zubereitung der Schulverpflegung wird immer wieder diskutiert...

Kahl: In Sachsen-Anhalt wird Schulessen fast schon traditionell zentral gekocht und dann warm an die Schulen geliefert. Es ist natürlich nicht ganz unproblematisch, wenn es angesichts der zum Teil weiten Wege in einem Flächenland mitunter eine Stunde oder länger dauert, bis das Essen auf den Tisch kommt. Mehr Frischküche ist gefragt. Aber das ist auch eine Frage des Geldes.

Britta Hüning
© Britta Hüning

Online-Redaktion: Keine Frage des Geldes ist es, ob sich Schulen der Ernährungsbildung annehmen. Geschieht dies in Sachsen-Anhalt?

Kahl: Ich glaube, sie ist bei uns gut etabliert. Das belegt auch eine bundesweite Befragung. Wie systematisch und bewusst Ernährungsbildung von der einzelnen Schule betrieben wird, ist jedoch nicht erforscht. Die Voraussetzungen sind besonders an den Sekundarschulen gut. Dort gibt es gut ausgestattete Übungsküchen. In ihnen werden den Schülerinnen und Schülern im Fach Hauswirtschaft Grundfertigkeiten vermittelt – oft eben auch unter Berücksichtigung des Qualitätsaspektes.

Online-Redaktion:   Kommen wir noch einmal auf das Bewusstsein der Schulen zu sprechen. Sie bieten eine Zertifizierung „Gesunde Schule“ an. Wie groß ist das Echo?

Kahl: Die Auditierung dient den Schulen als Selbstreflexion ihrer gesundheitsförderlichen Maßnahmen und deren Weiterentwicklung in allen Facetten, die auf Gesundheit einen Einfluss haben. Die Ernährung ist dabei selbstverständlich ein Kernaspekt. Bundesweit gibt es mittlerweile mehr als 180, in Sachsen-Anhalt 66 zertifizierte Schulen.

Online-Redaktion:  Das Elternhaus als Vorbild haben wir erwähnt, welche Bedeutung kommt der Frage zu, ob Lehrkräfte mit ihren Schülerinnen und Schülern essen?

Kahl: Eine gemeinsame Esskultur ist auch Ausdruck einer Schulkultur, des gemeinsamen Miteinanderlernens und -lebens. Bei einer Befragung im Jahr 2009 kam heraus, dass 29 Prozent der Lehrkräfte in der Schulmensa essen. Ein paar mehr wären gut.

Online-Redaktion: Die Untersuchung ist einige Jahre alt. Sind die Daten heute noch aussagekräftig genug?

Kahl: Nein. Darum führen wir aktuell eine neue Untersuchung an allen Schulen des Landes durch. Dabei wird so ziemlich alles abgefragt, was für dieses Thema relevant ist: das Verpflegungssystem, die Kostenstruktur, die Art der Essensausgabe, die Speisepläne, die Ernährungsbildung, Fragen zu Getränken und Obst, das auch jenseits des Mittagsessens zur Verfügung steht. Die Ergebnisse werden unsere Arbeit der kommenden Jahre maßgeblich beeinflussen.

 

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