"Lehrerschicksal ist auch Kinderschicksal"

Eine gute Ganztagsschule steht und fällt mit den Lehrpersonen. Sind diese von der Wirksamkeit der Ganztagsschule überzeugt, kommt dies auch den Kindern und Jugendlichen zugute. Oder um es mit den Worten von Friedrich Bergmeister, Rektor der Käthe-Kollwitz-Schule in Langenfeld, zu sagen: "Lehrerschicksal ist auch Kinderschicksal." In der ganztägigen Hauptschule spielen die multiprofessionelle Teamarbeit und die Motivation der Kinder und Jugendlichen durch außerschulische Partner eine große Rolle für die Attraktivität der Schule.

Ein Mann steht vor einem Schulgebäude.

Man kann einen erfolgreichen Schulleiter auch als jemanden beschreiben, dem es gelingt, mit einem schlagkräftigem Team neuen Herausforderungen zu begegnen und Schule attraktiv zu gestalten. Eine solche Person ist der Schulleiter der Käthe-Kollwitz-Schule im nordrhein-westfälischen Langenfeld. Der wortgewandte Rektor mit rheinischem Akzent hat die Gabe, komplexe Zusammenhänge in prägnanten Bildern auszudrücken.

Manche Schule, so Friedrich Bergmeister, sei mit einem Aschenputtel zu vergleichen - bis sie eines Tages, wenn sie die richtigen Mitarbeiter, sprich ihren Märchenprinz, gefunden habe, so richtig aufblühe. Ein Aschenputtel ist die Käthe-Kollwitz-Schule zwar nie gewesen, doch heute sieht man sie förmlich "mit einem goldenen Kostüm tanzen".

Mit einem goldenen Kostüm tanzen

Das goldene Kostüm lässt sich auch so darstellen: Das von viel Grün umgebene Schulgebäude wurde im Lauf der Jahre kontinuierlich weiter entwickelt: Die Infrastruktur ist auf dem neuesten Stand, die Klassenräume sind modern, es gibt eine Mensa, Werkstatträume mit moderner Technik, Fachräume, eine eigene Sporthalle. Kurzum: alles, was eine Ganztagsschule benötigt.

Eine Frau arbeitet in einem Büro am Computer.

Zum positiven Bild gehört ferner, dass die Käthe-Kollwitz-Schule in einer Qualitätsanalyse des Landes NRW Bestnoten erzielt und 2010 den Schulpreis der Westdeutschen Zeitung (WZ) erhalten hat, um nur wenige Highlights zu erwähnen. Gewiss ist nicht alles Gold, was glänzt. Doch die Kooperation der Hauptschule mit dem Goldmedaillengewinner und Olympiasieger von 1992 im Boxen, Torsten May, zeigt, dass die Schule sich etwas zutraut, dass sie auch am Nachmittag neue Wege ausprobiert.

Ein anderer Umgang mit Körperlichkeit

Schaut man am Nachmittag den May-Brüdern beim Boxtraining über den Rücken, wird deutlich, warum ein solches Angebot nicht nur dem Teamgedanken, sondern auch dem sozialen Training, der Gesundheit sowie der Gewaltprävention dient. Wenn die Box-Champions nach dem Unterricht das Schulgelände betreten, holen sie die Schülerinnen und Schüler erst einmal aus einem Tief heraus: "Die Körper sind träge. Bei uns sollen die Jugendlichen aufleben und lernen, was ein regelmäßiger Ablauf im Sport ausmacht", erklärt Torsten May.

Ein Mann und ein Junge in einer Sporthalle geben sich die Hand.

Durch den körperorientierten Zugang im Ganztag befindet sich die Schule übrigens im besten Einklang mit neuen Untersuchungen des Deutschen Jugendinstituts (DJI): "Ein wichtiger Aspekt, den wir am DJI untersucht haben, ist der Umgang mit der Körperlichkeit", erläutert Prof. Andreas Lange. "Wir leben in einer Gesellschaft mit deutlich verlängerter Lebenserwartung. Deshalb müssen wir versuchen, Kindern und Jugendlichen beizubringen, besser mit ihrem Körper umzugehen", so der Erziehungswissenschaftler.

Sich anständig durch das Leben boxen

Dem kann Torsten May nur zustimmen: "Beim Boxtraining sollen die Jugendlichen lernen, Oberkörper und Beine zu koordinieren. Sie lernen, was sie mit ihrem Körper anstellen können." Den Vorteil des Boxsports an der ganztägigen Hauptschule sieht May darin, dass jene Kinder und Jugendlichen erreicht werden, die man mit anderen Sportarten nicht locken kann: "Die Schülerinnen und Schüler schauen zu uns auf und sind geradezu wissbegierig." Natürlich will die Schülergruppe sofort mit dem Boxen loslegen, doch zunächst müssen die Boxsäcke und die Handschule aus dem Geräteraum in die Sporthalle geholt werden: Teamarbeit schon vor dem Boxtraining. Schnell finden sich mit Sina und Olena, beide 13 Jahre alt, zwei Mädchen, die den Jungen mit gutem Beispiel vorangehen.

Vier Kinder stehen in einem Sportraum, zwei davon tragen Sandsäcke auf der Schulter.

Warum ist Boxen auch für Mädchen attraktiv? Nachdem das Boxen als Kampfsport über Jahre ein regelrechtes Schattendasein fristete, ist es seit den 1990er Jahren längst in allen Schichten der Gesellschaft vertreten: "Im Boxen gibt es klare Regeln, Blutgrätschen wie im Fußball passieren hier äußerst selten", erklärt Olympiasieger Torsten May. Dementsprechend trainiert der Boxer in seiner Boxschule am Fühlinger See in Köln denn auch angefangen von Polizisten, Angestellten bis hin zu Managern alle möglichen Sorten von Berufsgruppen. Warum aber finden sich junge Mädchen wie Sina und Olena beim Boxtraining?

"Schulbildung ist die Nummer eins"

In der Schule oder in der Freizeit habe sie es immer wieder mit Gewalt zu tun, deshalb habe ihr eine Lehrerin geraten, sich der Box-AG anzuschließen, um sich gut verteidigen zu können: "Ich möchte ein starkes Mädchen werden." Vor dem eigentlichen Boxtraining legen die May-Brüder ein Basketballspiel zum Aufwärmen ein. Dann stellen sich die Jugendlichen zum Schattenboxen auf: "40 Gerade, 40 Aufwärtshaken, 40 Seitwärtshaken" lautet die Anweisung der Boxer. Derweil unterstützen die beiden  Schüler Joshua und Marco die Mays beim Training.

Ein Mann sitzt an einem Schreibtisch.

"Im Boxsport lerne ich Respekt. Außerdem höre ich zu, was der Trainer sagt, und mache keinen Quatsch", erläutert Joshua seinen Einsatz. Während andere Mitschüler sich kaum Mühe für einen guten Abschluss geben, weil sie jede Hoffnung auf gesellschaftlichen Erfolg verloren haben, ist für Joshua gewiss: "Schulbildung ist die Nummer eins, sonst gibt es kein gutes Leben." Schule kann die Schülerinnen und Schüler auch dabei unterstützen, sich im Leben zu behaupten. Dafür brauchen sie aber auch Vobilder wie die May-Brüder, die ihnen Rückhalt geben und zeigen wie man sein Leben vergolden kann, wenn man nur an die eigenen Stärken glaubt.

Die Schaltstelle zum Beruf: das BOB

Im BOB, dem schulinternen "Berufs-Beratungs-Büro" werden unterdessen die Weichen gestellt, die für das Leben der Schülerinnen und Schüler von ausschlaggebender Bedeutung sind. Im BOB, das durch den Lions Club Monheim-Langenfeld finanziert und vom Sozialdienst katholischer Frauen, Langenfeld unterstützt wird, sitzt mit Klaus Janeck ein Berufsberater, der als Ingenieur in großen Industriebetrieben sowie in diversen Auslandseinsätzen einen breiten und tiefen Einblick in die sich rasant verändernde Berufswelt bekommen hat. Nachdem Janeck mit 61 Jahren arbeitslos geworden war, wurde er auf Betreiben von  Schulleiter Friedrich Bergmeister, ab Januar 2009 mit der Berufsberatung im BOB beauftragt.

Ein Mann steht neben einer Schaufensterpuppe, die blaue Handwerkerkleidung trägt.

So stellt Janeck mit Blick auf die Chancen von Hauptschulabsolventen, eine Berufsausbildung zu bekommen, fest: "Wir haben in Deutschland immer mehr Arbeitsplätze im Bereich der Dienstleistungen, das heißt, dass wir nicht mehr so viel produzieren und immer höhere Qualifikationen verlangen. Viele Ausbildungsberufe sind für die Hauptschüler praktisch geschlossen, die Luft ist für sie dünn geworden. Die Schulen und die Berufsschulen "rüsten auf": Sie bauen Sicherungen ein und schrauben ihr Curriculum, d.h. die Lehrinhalte immer höher. Man möchte endlich dem immer wiederkehrenden Vorwurf begegnen, keine ausreichenden Voraussetzungen für eine betriebliche Ausbildung zu schaffen.

Dünne Luft am Ausbildungsmarkt

Klaus Janeck überzeugt als nüchterner Analytiker sowie als Mann, der seinen Schützlingen Mut macht. In der immer schwerer zugänglichen Welt der Ausbildungsberufe kommt es für die Schülerinnen und Schüler darauf an, ihre Stärken und Schwächen realistisch einzuschätzen und ihre Bewerbungen sicher zu formulieren Wie schwierig die Vermittlung von Hauptschulabsolventen trotz größter Anstrengungen ist, verdeutlicht die diesjährige Bilanz des Berufsberaters.

Drei junge Männer sitzen an einem Tisch.

Demnach hatten von den voraussichtlichen 47 Absolventen mit Hauptschulabschluss A zum Zeitpunkt dieses Interviews erst acht einen Ausbildungsplatz bekommen: "Die anderen, die ebenfalls ordentliche Zensuren haben, gehen ggf. auf eine weiterführende Schule, um bessere Chancen für einen Ausbildungsplatz in Berufen zu erhalten, für die sie, laut Anforderungen der IHK und HWK, mit dem Hauptschulabschluss Typ A bereits qualifiziert waren", erklärt der BOB-Berater.

Jemand, der die Hauptschule ordentlich absolviere, keine Fünfen im Zeugnis habe und engagiert sei - und davon gäbe es eine ganze Menge - könne in vielen Fällen eine Berufsausbildung erfolgreich abschließen. "Für die Mädchen mit Hauptschulabschluss gibt es noch die Bereiche Einzelhandelskauffrau oder Verkäuferin, doch für die Jungen ist der einzige Rettungsanker das Handwerk."

Blick in einen Werkstattraum mit technischen Geräten.

Doch was ist mit denjenigen, die keine berufliche Perspektive entwickeln? Janeck verneint: "Wir sind alle dazu angehalten einen Beruf auszuüben, der für einen Anderen so interessant ist, dass er - für die geschaffenen,  materiellen, oder ideellen Werte - eine Vergütung bezahlt. Diese Vergütung, also ein Gehalt oder ein Honorar, muss zumindest ausreichen, einen angemessenen Lebensstandard zu garantieren".

"Lehrerschicksal ist auch Kinderschicksal"

Torsten May und Klaus Janeck könnten ihrem Auftrag an der Schule nicht so überzeugend erfüllen, hätten sie nicht den vollen Rückhalt des Lehrerkollegiums oder des Rektors Friedrich Bergmeister. Während die außerschulischen Partner gewissermaßen den Überbau der Schule ausmachen, bilden die Unterrichtsangebote, also die professionelle Didaktik der Lehrkräfte, die Basis der Schule. Dies ist auch der Grund dafür, warum Bergmeister den treffenden Ausdruck prägte: "Lehrerschicksal ist auch Kinderschicksal".

Ein Mann erhält Post von einem Expressboten.

Doch was bedeutet dies? Die Lehrkräfte, die für die Planung und Durchführung des Unterrichts verantwortlich sind, sehen sich mit steigenden gesellschaftlichen Erwartungen im Hinblick auf messbare didaktische Erfolge konfrontiert. Wollen sie erfolgreich sein, ohne sich zu verschleißen, müssen sie in Teams arbeiten und den Fokus ihrer Arbeit, nämlich die Kinder, nicht aus den Augen verlieren. Da Bergmeister eine selbstständige Schule leitet, ist es ihm gelungen, ein hoch engagiertes und selbstverantwortliches Lehrerkollegium zusammen zu stellen, das ihm stets den Rücken in schwierigen Fragen stärkt.

Hindernisse gibt es reichlich: So ist beispielsweise der Stundenzuschlag, den das Land Nordrhein-Westfalen für die Ganztagsschule gewährt, laut Bergmeister minimal: Er orientiere sich nicht an der Wirklichkeit der Schule: "Halte ich mich strikt an die Vorgaben, benachteilige ich die Kinder." Seine Aufgabe als Schulleiter bestehe darin, kreative Wege zu finden, um die Ziele der Schule mit den Vorgaben zur Deckung zu bringen.

"Alle gesellschaftlichen Gruppen wollen etwas vom Schulleiter"

Um seine Rolle als Schulleiter erfolgreich auszuführen, sei die Selbstständigkeit der Schule ein überaus relevanter Beitrag. Überhaupt habe sich die Aufgabe der Schulleitung vom Verwalten von Paragraphen hin zum Managen sowie dem Vermitteln von Verwaltungswissen verschoben. In welche Richtung sich eine Schule entwickeln solle, oder welche Chancen ergriffen werden müssten, das erfasse er intuitiv.

Schülerinnen und Schüler lernen in einem Klassenraum.

"Alle gesellschaftlichen Gruppen wollen etwas vom Schulleiter: die Eltern, die Politik, das Lehrerkollegium." Als Schulleiter sitze man oft zwischen "allen Feuern", fährt Bergmeister fort: "Dabei entwickelt sich Hitze, selbst wenn man persönlich gar nicht betroffen ist." Zwar müsse ihn niemand in seiner Funktion als Schulleiter lieben, doch wenn er neue Anforderungen stelle, "müssen sie im Interesse der Kinder auch durchgefunkt werden".

"Ich habe nie vergeblich gekämpft"

Wer seine Schule stetig weiterentwickeln möchte, braucht einen guten Draht zur Stadtverwaltung. Friedrich Bergmeister hat dies schon früh begriffen, und dementsprechend geht er im Rathaus der Stadt ein und aus. Es herrscht dort eine partnerschaftliche Atmosphäre, und die Mitarbeiter der Behörde sind es gewohnt, dass Bergmeister sich unermüdlich um neue Fördermöglichkeiten, besseres Gebäudemanagement und qualifiziertes Personal bemüht, was letzten Endes seinen Schülerinnen und Schülern zugute kommt.

Gekämpft hat Bergmeister immer "wie ein Löwe", um seine Vorstellungen einer guten Schule zu realisieren, ob es sich dabei um den neuen Anstrich der Schule oder Sponsorengelder handele. Für ihn ist sicher: "Ich habe nie vergeblich gekämpft."

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