Martin-Behaim-Gymnasium: Sprachförderung im Mathekurs

Das Martin-Behaim-Gymnasium in Nürnberg ist mit seinem naturwissenschaftlichen Schwerpunkt erfolgreich, aber auch in der Sprachförderung und im Pilotprojekt „InGym“.

Der frische Blick von außen kann besonders erhellend sein. Dr. Gabriele Kuen übernahm im Oktober 2015 die Schulleitung des Martin-Behaim-Gymnasiums in Nürnberg. Gekommen vom Christian-Ernst-Gymnasium in Erlangen, das einen musischen Schwerpunkt hat, steht sie nun einem offenen Ganztagsgymnasium vor, das für seinen naturwissenschaftlich-technologischen Schwerpunkt bekannt ist. Die vielfältigen Aktivitäten in diesem Bereich haben die neue Schulleiterin beeindruckt. Sie haben dazu geführt, dass das Martin-Behaim-Gymnasium 2013 MINT-freundliche Schule geworden und ein Jahr später in das bundesweite MINT EC-Netzwerk aufgenommen worden ist.

© Martin Behaim Gymnasium Nürnberg

Das offene Ganztagsgymnasium im Nürnberger Süden gehört nun zu bundesweit über 200 Schulen, die für ein besonderes Engagement in der naturwissenschaftlich-technologischen Bildung stehen. „Unsere Schule ist in den Fachschaften personell klasse aufgestellt“, findet die Schulleiterin, „gerade im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich.“ Die Schule nimmt erfolgreich an den „Jugend forscht“-Wettbewerben teil. In den 5. und 6. Klassen reisen die Schülerinnen und Schüler in Forscher-Camps, „die von unseren sehr rührigen Fachbetreuerinnen klassenübergreifend organisiert werden“, wie die Schulleiterin zu berichten weiß.

Um die Mädchen im Nawi-Bereich zu stärken, reisen auch Mädchen-Gruppen der 6. Klassen und der Oberstufe in eigene Forscher-Camps, wie zum Beispiel im vergangenen Jahr zum Thema Voice over IP-Telefonie. Für fünf Tage wenden sich die Schülerinnen einem Themenbereich zu und erarbeiten gemeinsam die Lösung für ein vorgegebenes Problem. Das vom BMBF geförderte Biotechnikum war ebenso an der Schule wie der nanoTruck. Die Jugendlichen waren unter anderem am Virchow-Klinikum in Würzburg zu Gast.

„Freundlich, offen und respektvoll“

Aber, und damit hatte Gabriele Kuen nicht unbedingt gerechnet, auch im musischen Bereich weiß das Gymnasium zu überzeugen: „Ich finde es bewundernswert, mit wie viel Energie die Musik- und Kunstlehrkräfte engagiert sind.“

© Martin Behaim Gymnasium Nürnberg

Anfang Mai brachten sich zum Beispiel Schülerinnen und Schüler in die Aufführung des Schauspiels „Flüchtende?“ des mobilen Theaters „Thevo“ im Theaterkeller der Schule ein. Die interaktive Aufführung war ein kleiner Beitrag auf dem Weg, den Titel „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ zu erhalten. Und zur „Blauen Nacht“ am 7. Mai in Nürnberg hat der Unterstufenchor am Stand des italienischen Honorarkonsuls italienische Lieder gesungen, bis der ganze Saal „Azzurro“ schmetterte.

Schließlich hat Schulleiterin Kuen bemerkt, wie „freundlich, offen und respektvoll hier alle miteinander umgehen“. Zur Amtseinführung erhielt sie von der Schülerschaft eine Collage in Form eines roten Herzens, das nun ebenso in ihrem Zimmer zu sehen ist wie der von ihr mitgebrachte lateinische Spruch an der Wand: „Sine amicis vita tristis esset“: Das Leben wäre traurig ohne Freunde. Freiheit, Vielfalt und Toleranz hat sich das Martin-Beheim-Gymnasium auf seine Fahnen geschrieben. „Wir thematisieren bei unseren Infoabenden auch den Zusammenhang von Herkunft und Bildungschancen und sagen, dass bei uns jedes Kind die gleichen Chancen hat.“

Stärken in der „Kraft-Tanke“

Rund 860 Schülerinnen und Schüler lernen am vierzügigen Martin-Behaim-Gymnasium, viele davon laut Gabriele Kuen mit „internationalem Hintergrund“. 78 Lehrkräfte unterrichten, und als Studienseminar bildet die Schule durchschnittlich 25 Studienreferendare aus. „Die jungen Kollegen stellen Eingefahrenes in Frage und bringen neue Ideen in unsere Schule ein“, so die Schulleiterin. „Als Ausbildungsschule haben wir natürlich selbst einen besonders hohen Anspruch, offen zu sein für alternative Lehrformen wie das Stationenlernen, auch im Mathematikunterricht, Projektarbeit und soziales Lernen sowie wirkliche Gruppenarbeit, natürlich besonders wichtig. Da heißt es nicht: Ihr an dem Tisch bildet jetzt mal eine Gruppe, sondern die Schülerinnen und Schüler arbeiten wirklich wie an einem Puzzle gemeinsam an den Aufgaben.“

Martin Behaim Gymnasium Nürnberg
Das Schüler-Bistro Kraft-Tanke.© Martin Behaim Gymnasium Nürnberg

Der offene Ganztag findet montags bis donnerstags von 13 bis 16 Uhr statt und wird von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Gesellschaft zur Förderung beruflicher und sozialer Integration veranstaltet. Hier finden Hausaufgabenbetreuung, aber auch Angebote wie Schach und Theater oder ein Kurs der Johanniter statt. Mittagessen gibt es in der „Kraft-Tanke“, einem von Schülerinnen und Schülern organisierten und liebevoll eingerichteten Bistro mit Außenbestuhlung, das gerade sein zehnjähriges Jubiläum gefeiert hat.

Sprachförderung im Mathekurs

Die Sprachen und die Sprachförderung sind daher der zweite Pfeiler des Schulprofils. Das Martin-Behaim-Gymnasium ist das einzige staatliche Gymnasium in Nürnberg, an dem nach Englisch und Latein beziehungsweise Französisch Italienisch als dritte Fremdsprache unterrichtet wird. Die Fächer Geschichte, Geographie, Wirtschaft und Recht werden bei entsprechender Nachfrage auch bilingual unterrichtet. Zusätzlich bietet die Schule Wahlunterricht Spanisch und Chinesisch. Bei Besuchen der Partnerschulen in Wuhan, Glasgow, Airola/Kampanien, Genua oder Paris können die Sprachkenntnisse weiter vertieft werden.

© Martin Behaim Gymnasium Nürnberg

Sprachförderung findet auch in der Mathematik statt. Beim Wahlkurs „Sprache und Mathematik“ (SuM) erhalten die Fünftklässler eine Methodenvielfalt an die Hand, die ihnen den Gebrauch der Alltagssprache und die Fachsprache in der Mathematik erleichtert. Dabei unterstützen sie Schülertutorinnen und -tutoren der Mittelstufe, die dafür von Lehrkräften ausgebildet wurden und in den Unterricht eingebunden sind. Genannt wird das „Sprachsensibler Fachunterricht“.

Pilotprojekt „InGym“

Anfang 2014 – damals noch unter dem Schulleiter Harald Pinzner – nahm das Martin-Behaim-Gymnasium erstmals am Pilotprojekt „InGym“ des Bayerischen Kultusministeriums teil. Das Projekt ermöglicht besonders leistungsfähigen und leistungsbereiten Schülerinnen und Schülern mit Flucht- oder Migrationshintergrund, die über eine gymnasiale Vorbildung verfügen, denen aber die notwendigen Deutschkenntnisse fehlen, einen halbjährigen Intensivkurs mit 20 Wochenstunden Deutsch sowie einen ersten Einblick in andere Fächer.

Zwei Kurse laufen derzeit an der Schule: Jeweils 15 Schülerinnen und Schüler lernen bei den „Junioren“ der Jahrgangsstufen 6 und 7; bei den „Senioren“ die Jahrgangsstufen 8 und 9. Dazu findet neben dem ganztägigen Deutsch- und Fachunterricht auch ein umfassendes Exkursionsprogramm statt, mit dem die Schülerinnen und Schüler jeweils an den Freitagnachmittagen in Begleitung ihrer Lehrkräfte ihr neues Lebensumfeld besser kennenlernen können. 16 Lehrerinnen und Lehrer des Martin-Behaim-Gymnasiums sind beim ganztägigen „InGym“ im Einsatz. Davon besitzt eine Lehrerin, Jasmin Lodes, die Ausbildung „Deutsch als Zweitsprache“, die Koordinatoren des Projekts, Christoph Holzwarth und Thomas Seidl, verfügen über wertvolle Erfahrungen im Auslandsschuldienst.

Dr. Eva Spörlein, die im "Sprachsensiblen Unterricht" geschult ist, ist eine der beiden naturwissenschaftlichen Lehrkräfte in „InGym“. „Es ist wirklich im besten Wortsinne ein Pilotprojekt“, berichtet die Lehrerin. „Wir wollten etwas Neues ausprobieren und mussten dazu alle Materialien und Sprachtests selbst entwickeln. Die Schülerinnen und Schüler lernen die Sprache erstaunlich schnell. Aber zu Beginn muss ich mit Händen und Füßen erklären. Es geht vieles über Learning by Doing. Wir haben für viele Wörter Bilder gemalt, und ich mache vieles vor.“

Martin Behaim Gymnasium Nürnberg
© Martin Behaim Gymnasium Nürnberg

Die Arbeit sei „belastend und beglückend“ zugleich: „Ich habe hier das Gefühl, das mich daran erinnert, warum ich überhaupt Lehrerin geworden bin. Ich kann die Kinder wirklich fördern. Aber es bringt auch Belastungen und Frustpotenzial mit sich. Für mich sind die zwei Stunden, die ich dort bin, die anstrengendsten der Woche.“ Motivationsprobleme seien höchstens ab und an bei älteren Schülerinnen und Schülern auszumachen. Insgesamt sähen die Kinder und Jugendlichen hier eine Chance und seien sehr wissbegierig.

„Die Stadt und der Freistaat lassen sich dieses Projekt richtig was kosten“, berichtet Schulleiterin Kuen. „Wir hoffen daher auf eine wissenschaftliche Begleitung und Evaluation. Schon nach einem halben Jahr kamen erste Anfragen anderer Gymnasien, die sich von uns fortbilden lassen wollten.“

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