"Der gute Ruf macht es": Bildung in Döbern-Land gestalten

Die Herausforderungen für die Kommunen in Brandenburg, den demographischen Wandel zu gestalten, sind immens. Eine Schlüsselrolle kommt der Qualität von Ganztagsschulen als Dreh- und Angelpunkt des gesellschaftlichen Lebens zu. Im Amt Döbern-Land wurde eine Zukunftskonferenz einberufen, die alle Akteure an einen Tisch brachte und sie für den Gedanken der lokalen Bildungslandschaft sensibilisierte. Ein Gespräch mit dem Amtsdirektor von Döbern-Land sowie mit der Vorsitzenden des Bildungsbeirates und Organisatorin der Zukunftskonferenz, Andrea Müller.

Außenansicht eines Schlosses

Online-Redaktion: Welchen Stellenwert hat Bildung für das Amt Döbern-Land?

Günter Quander: Im jetzigen Amt Döbern-Land mussten bereits in den 1990er Jahren wegen des Rückgangs der Schülerzahlen im Grundschulbereich einige Schulstandorte geschlossen werden. Im Jahr 2003 kamen die Gemeinden des ehemaligen Amtes Hornow/Simmersdorf mit zwei Grundschulen zum Amt Döbern-Land hinzu. Dies hat die ursprüngliche Schulplanung in Frage gestellt.

Im Jahr 2006 empfahl uns der Landrat, unsere Oberschule zu schließen und dafür einen starken Grundschulstandort im Grundzentrum Döbern zu schaffen. Allerdings stellten sich die Gemeinden im Amt Döbern-Land dagegen. Grund für sie war der unbedingte Wille zur Erhaltung der Oberschule. Vor diesem Hintergrund wurde der Ansatz entwickelt, dass sich der Schulträger aktiv in die inhalltiche Profilierung der Schulen, in ihre Verflechtung miteinander, aber auch in den Ausbau der Kooperation mit Wirtschaft und Vereinen einbringt. Zwangsläufige Folge war die Entscheidung, für die Wahrnehmung dieser überaus vielfältigen Arbeit eine zusätzliche Stelle zu schaffen, die aufgrund ihrer Bedeutung mir direkt als Stabsstelle ist. Zur inhaltlichen Begleitung der Arbeit dieser Stelle wurde ausschließlich nach fachlich-inhaltlichen Gesichtspunkten ein Bildungsbeirat gebildet.

Online-Redaktion: Was bedeutet "Amt Döbern-Land"?

Quander: Das Amt Döbern-Land liegt im südöstlichen Teil des Landes Brandenburg, hat ungefähr 280 Quadratkilometer Fläche und 13.000 Einwohner, die in acht Gemeinden mit insgesamt 24 Ortsteilen leben. Es handelt sich also um ein sehr dünn besiedeltes Gebiet, wenn man von der Stadt Döbern und Umgebung absieht. Jede Gemeinde besitzt nach wie vor ihre politische Selbstständigkeit und hat eine eigene Gemeindevertretung.

Porträtfoto eines Mannes

Zu unserem Aufgabenbereich gehört auch das Thema Schule. Ich bin seit November 2008 Chef der Verwaltung, vergleichbar einem hauptamtlichen Bürgermeister. Vorher war ich Hauptamtsleiter und allgemeiner Vertreter des Amtsdirektors. Insofern kenne ich das Amt Döbern-Land seit 2003 und die Region aus Sicht der Verwaltung seit Bildung der Ämter im Jahr 1992.

Online-Redaktion: Wie sehen Sie die Bedeutung von Bildung?

Quander: Ich habe im IZBB-Programm vor allem große Chancen gesehen, die materiellen Bedingungen in den Schulen und insbesondere die Unterrichtsbedingungen zu verbessern. Im Jahr 2005/ 2006 sind wir daher verstärkt mit unseren Schulen ins Gespräch gekommen, um diese für den Ganztag zu motivieren.

Kurioserweise ist dies an der Schule am besten gelungen, bei der ich die geringsten Hoffnungen hegte. Dort ist es über den Schulförderverein gelungen, die Elternschaft zu mobilisieren. Dabei haben sich unsere Wege irgendwann gekreuzt. Uns kam es darauf an, dieses große ehrenamtliche Engagement auch in die anderen Grundschulen hineinzutragen, was allerdings von wenig Erfolg gekrönt war. Im Jahr 2007 waren wir beim Ganztagsschulkongress in Berlin. Dort gab es gute Möglichkeiten einzuschätzen, wo andere Gemeinden stehen und wo man selber ist. Der Vergleich hat uns motiviert, die Entscheidung für die Schbearbeiterstelle "Bildungsplanung" vorzubereiten und zielstrebig zu verfolgen und die Akteure vor Ort besser zu vernetzen.

Eine Frau und ein Mann lächeln in die Kamera.

Als Schulträger war uns daran gelegen, einen Beitrag zu den Verflechtungsprozessen von Kita, Grundschule und Oberschule zu leisten. Im Fokus standen dabei der Ausbau des Ganztags sowie die Kooperation von Schule und Wirtschaft, Schule und Vereinen sowie Schule und Eltern. Ende 2007 ist es uns dann geglückt, Konzeption und Stelle im Amtsausschuss mit deutlicher Mehrheit durchzubekommen. Zunächst für ein Jahr befristet, arbeitet Frau Müller seit Ende 2008 in einem unbefristeten Vollzeit-Job. Sie hat mit Verwaltung klassischerweise nichts zu tun, eröffnet aber ein völlig neues Betätigungsfeld und wird von der Schule zunehmend akzeptiert und integriert.

Online-Redaktion: Welchen Anteil hatten Sie an der Umsetzung des IZBB?

Quander: Wir haben uns schon frühzeitig Gedanken darüber gemacht, welche Chancen mit dem IZBB verbunden sind. Dabei bekamen wir die Gelegenheit, die kleinen Förderrichtlinien des Landes Brandenburg zu nutzen. Danach konnten wir auf das Bauprogramm des IZBB zurückgreifen. Als Schulträger wäre es uns nicht möglich gewesen, die Schulen sachlich so auszustatten, wie es uns mit Hilfe der Bundesmittel gelungen ist. Die Investitionen des Bundes sind für die Kinder dauerhaft von Vorteil. Die Grundschule Wabelsdorf ist zur Zeit die einzige staatliche Ganztagsschule, die wir im Amt haben. Die Oberschule "Germanus Theiss" Döbern wird ihr ab dem Schuljahr 2010/11 mit offenen Ganztagsangeboten und einer deutlichen berufsorientierten Profilierung folgen.

Online-Redaktion: War das Engagement der Eltern die Initialzündung für den Ausbau der Ganztagsschulen im Amt?

Andrea Müller: Die Initialzündung ging tatsächlich von den Eltern aus. Dann kam Günter Quander als damaliger Hauptamtsleiter auf uns zu und fragte: "Könnten Sie sich nicht vorstellen, eine Ganztagsschule aufzubauen?" Unser erster Gedanke war - das funktioniert nicht, wir haben nicht die baulichen Voraussetzungen an dieser Schule. So haben wir zunächst gesagt: Wir prüfen das mal und geben dann eine begründete Absage. Das gehört sich nun einmal dem Schulträger gegenüber. Bei der Prüfung der Voraussetzungen kamen wir zu dem Ergebnis, dass wir zwar nicht über die geeigneten Räume verfügen, aber die Idee gut fanden, weil wir vor allem die Chance für die Kinder gesehen haben.

Mehrere Personen sitzen in einem Stuhlkreis.

Wir haben den Hauptamtsleiter dann informiert, dass eine Menge an Überzeugungsarbeit geleistet werden muss. Danach starteten wir eine regelrechte Kampagne. Die Eltern waren sehr aufgeschlossen, da wir an dieser Schule Klassen hatten, in denen jedes Kind aus einer anderen Gemeinde kam. Die sozialen Kontakte konnten bei der eingeschränkten Mobilität der Kinder gar nicht funktionieren. Wir haben daher unsere Vision entwickelt und gefragt: Wie könnte die Schule als Ganztagsschule aussehen, was können wir machen?

Online-Redaktion: Wie viel Mittel sind denn in den Ausbau der Schule geflossen?

Müller: Für 71.000 Euro wurde der Außenbereich gestaltet, ferner gab es Umbauarbeiten am alten Gebäude, so dass die Kinder eine beruhigte Zone auf dem Schulhof erhielten. Aus der "kleinen Förderrichtlinie" sind viele Dinge angeschafft worden, die das Lernen auch unter beengten räumlichen Bedingungen angenehm machen. So haben wir eine Bibliothekseinrichtung gekauft, Bücher sowie Lehr- und Lernmittel für die Lernzeiten angeschafft. Ein Erweiterungsbau ist jetzt geplant, der allerdings nicht aus IZBB-Mitteln finanziert wird.

Quander: Bezogen auf die IZBB-Mittel ist die Schule kein Vorzeigeobjekt. Dies lag daran, dass die Mittelkontingente in Brandenburg ziemlich aufgebraucht waren, als wir die Investitonsmaßnahmen planten. Für die Oberschule Döbern, die im kommenden Schuljahr mit dem Ganztag beginnt, stehen rund 250.000 Euro für investive Maßnahmen zur Verfügung  mit denen die Bedingungen für den Ganztag spürbar verbessert werden können. Hätte sich die Grundschule Döbern ebenfalls für diesen Weg entschieden, dann hätten wir durchaus über den Neubau einer dringend benötigten Turnhalle nachdenken können.

Mehrere Personen sitzen in einem Stuhlkreis und diskutieren.

Was die Mittel aus dem Konjunkturprogramm II anbelangt, sind der Empfänger die Gemeinden. Diese haben das Geld zu einem recht hohen Anteil in ihre Kindertagesstätten investiert. Das Amt hat insgesamt gesehen im Bildungsbereich überproportional viel investiert.
 
Online-Redaktion: Welche Anregungen haben Sie von der heutigen Tagung mitgenommen?

Quander: Von der Tagung nehme ich vor allem drei Praxisbeispiele mit, die an sich doch recht unterschiedlich waren. Ich würde mir wünschen, dass sich der Landkreis als Regisseur betrachtet. Wir haben uns zu einem recht frühen Zeitpunkt mit Bürgermeisterin Kerstin Hoppe (Gemeinde Caputh) ausgetauscht, haben gefragt: Wie macht ihr es? Auch in Zukunft werde ich großen Wert darauf legen, dass man die Erfahrungen miteinander austauscht. Ich denke es gibt noch viel zu wenige Veranstaltungen wie diese.

Online-Redaktion: In welchen Maße ist Ihr Terminkalender von der Gestaltung der Bildungslandschaft geprägt?

Müller: Die Verzahnung der Akteure kann nicht angeordnet werden, sondern sie wurde über eine Zukunftskonferenz angestoßen. Die Zukunftskonferenz ist bei uns die zentrale Methode, um eine lokale Bildungslandschaft zu entwickeln. Sie bestimmt fast den ganzen Tag. Die Methode setzt man für drei Tage an, doch dann beginnt die eigentliche Arbeit. Das erfordert sensibles Agieren in den Gruppen: Wen lasse ich laufen? Wo steuert man nach? Wen bringe ich mit wem zusammen? Das Beziehungsmanagement ist ganz wesentlich. Kooperationspartner finden sich und dann erst merken sie, dass sie kooperieren.

Man agiert aber völlig anders als ein Verwaltungsmitarbeiter. Die Arbeit geht oft bis in die Abendstunden, wenn die Projektgruppen sich treffen. Es geht auch darum, dass man, wenn ein Partner wie "kobranet" eine Veranstaltung organisiert, man dort wertschätzend präsent ist. Die Kunst besteht darin, alle Fäden in der Hand zu behalten. Allerdings ist es wichtig, dass man den Status des Amtes Döbern-Land nutzt, um seinen Anliegen Gewicht zu verleihen.

Wir haben ein Projekt, in dem Eltern, Schule und Kita zusammenarbeiten. Das Projekt verlangt den Partnern viel ab. Sie reden miteinander, aber die beteiligten Akteure werden zunehmend unruhig, wenn die Eltern sich zurückziehen oder das Engagement seitens der Schule ausbleibt. Das sich gegenseitige Aufrütteln bewegt sehr viel.

Online-Redaktion: Wie arbeiten Sie mit Amtsdirektor Günter Quander zusammen?

Müller: Hervorragend. Unsere Basis ist gegenseitiges Vertrauen. Er ebnet als Kopf für mich den Weg und sagt: Wir stehen als Verwaltung dafür. Dass er auch gegen Widerstände ankämpfen muss, weiß ich sehr wohl. Das schafft aber mir wiederum den Vorteil, nach draußen frei zu arbeiten. Wer solche Prozesse begleitet, darf nicht eingeschränkt werden. Bildung muss Chefsache sein. Man muss mittendrin sein, denn wenn sich etwas Neues ergibt muss ich es sofort erkennen und einordnen, damit die Dynamik ins Rollen kommt.

Blick durch einen hohen Zaun auf ein Schloss.

Online-Redaktion: Nun gibt es Indikatoren für den Erfolg bestimmter Maßnahmen und Netzwerke. Stichwort: Schulabbrecherquote.

Quander: Ein wichtiger Erfolg ist für mich, dass wir dieses Jahr erneut eine dreizügige siebente Klasse in der Oberschule bilden können. Für mich hat sich die berufsorientierte Profilierung der Oberschule bewährt. Wir haben mehr Schülerinnen und Schüler als die Oberschule in der Kreisstadt Forst, obwohl viele Jugendliche dort wohnen. Der gute Ruf macht es. Die Qualität ist ein Entscheidungskriterium für die Wahl der weiterführenden Schule. Dasselbe möchten wir nun mit unseren Grundschulen erreichen. Gerade in den peripheren Standorten, wo wir einzügig sind, wollen wir mit Kreativität und Qualität der Angebote auch Kinder aus benachbarten Regionen und deren Eltern auf diese Angebote aufmerksam machen. Mit dem Ganztag sehen wir die Chance, dass wir dieses Ziel erreichen.

Online-Redaktion: Wo werden Sie in fünf Jahren stehen?

Quander: Mittendrin. Ich wünsche mir, dass wir die Schullandschaft noch genauso vorfinden wie heute, dass wir bis dahin alle Schulen als Ganztagsschulen ausgebaut haben. Voraussetzung wäre allerdings die finanzielle Schützenhilfe aus Landes- und Bundesmitteln, ohne die das Unterfangen kaum zu realisieren ist. Ich wünsche mir ferner, dass Schule in fünf Jahren ein Dreh- und Angelpunkt für das gesellschaftliche Leben in den Dörfern ist. Wichtig wäre auch, dass Schülerinnen und Schüler, die nicht die Qualifikationen für ein nachfolgendes Hoch- oder Fachschulstudium erreichen, sich auf Berufe orientieren, die in der Region nachgefragt werden, um mehr Menschen in Döbern-Land zu halten. Es ist allerdings ein ständiger Kampf.

Müller: Es ist eine Tatsache, dass die Kommunen vom demographischen Wandel weniger betroffen sind, die eine wirkliche Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger anstreben. Ich wünsche mir, dass wir in fünf Jahren die fünfte Folgekonferenz der Zukunftskonferenz erleben, dass unsere Projekte gut arbeiten und dass es einen Schulverbund gibt, um Ressourcen besser zu nutzen. Ich wünsche mir ferner, dass Schule wieder den Stellenwert im Gemeinwesen einnimmt, der ihr eigentlich zusteht. Sie darf nicht ständig degradiert und angegriffen werden, sondern sie muss vielmehr eine Institution sein, die man achtet.

Man sollte auch nicht immer fragen: Was nützt der Ganztag der Schule, sondern man sollte es umgekehrt sehen: Es nützt dem Gemeinwesen unheimlich viel, wenn eine Schule aktiv ist, auch wenn es sich manchmal um streitbare Prozesse und Diskussionen handelt. Wichtig ist, dass die Leute wieder miteinander reden und sich mit Schule befassen - und diese Entwicklung ist für alle nur von Vorteil.

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