Vom Nutzen der Ganztagsschulen an der ehemaligen innerdeutschen Grenze

In der Region Saale-Orla treffen der Bevölkerungsschwund, die ländliche Lage und die Probleme, die mit der Lage an der ehemaligen innerdeutschen Grenze zwischen Thüringen und Bayern eng aufeinander. Gerade hier hat das Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) zum Ausbau der Ganztagsschule der Region viele Impulse gegeben, wie der Landrat des Saale-Orla-Kreises, Frank Roßner in einem Gespräch mit der Online-Redaktion verdeutlicht. Die Zukunft der Region hängt nun vornehmlich von der Qualität der Ganztagsschulen und der besseren Vernetzung der Bildungsangebote ab.

Porträtfoto eines Mannes

Online-Redaktion: Herr Landrat, was verdanken Sie persönlich der Bildung?

Roßner: Bildung hat meinen Lebensweg stark geprägt. Wenn ich meinen Lebenslauf durchrechne, bin ich 34 Jahre als Schüler, Student und Lehrer in die Schule gegangen. Als politisch Verantwortlicher meine ich, dass Bildung die Schlüsselressource für die angestrebte Chancengerechtigkeit ist.

Wer Chancengleichheit möchte, muss dafür sorgen, dass Bildung in der Breite gewährleistet wird und mit einer hohen Qualität einhergeht. Die Wissensgesellschaft verlangt in zunehmendem Maße Bildung, wenn auch auf veränderter Basis. In dieser Gesellschaft sind Bildung und lebenslanges Lernen das A und O - auch und nicht zuletzt für die ländlichen Regionen.

Online-Redaktion: Welche Rolle spielt die Bildung für den Landkreis?

Roßner: Gerade im dünn besiedelten ländlichen Raum ist die Bildung sehr wichtig. Eine ländliche Region kann für junge Erwachsene nur dann attraktiv sein, wenn sie Bildungsangebote in der Region vorfinden, die zu ihren Vorstellungen hinsichtlich der Bildung ihrer Kinder passen.

Hinzu kommt, dass viele junge Mütter in den neuen Ländern - traditionell bedingt - berufstätig sind. Viele haben relativ lange Wege zur Arbeit zu bewältigen. Das führt dazu, dass die Kinder mehr Zeit in den Betreuungseinrichtungen und Schulen verbringenDa brauchen sie ein gutes Angebot.

Online-Redaktion: Wie wirkt sich der Bevölkerungsschwund auf die Region aus?

Roßner: Er spielt insofern eine wichtige Rolle, als wir Schwierigkeiten haben, die Bildungsnetze wohnortnah zu erhalten. Eine besonders große Rolle spielt der demografische Wandel im Bereich der Grundschulen: Hier haben wir innerhalb von drei Jahren einen realen Rückgang der Schülerzahlen. Solche Entwicklungen werden an den Einrichtungen vor Ort - auch wenn sie akut davon betroffen sind - oft verdrängt. Da will ich mich gar nicht ausnehmen. Es ist schwer für eine Region, sich auf diese Veränderungen einzustellen, allerdings versuchen wir uns an die Entwicklungen anzupassen.

Wenn wir wollen, dass junge Menschen sich dafür entscheiden, in dieser Region zu verbleiben, oder wenn wir sie von anderswo zurückholen möchten, müssen wir im Bildungsbereich entsprechende Angebote unterbreiten. Er ist schließlich die Schlüsselressource der Zukunft. Auch deshalb haben wir als eine der ersten Regionen in Thüringen vor acht Jahren die Einzugsbereiche der Schulen geöffnet.

Schülerinnen und Schüler auf einem Schulhof

Das hat dazu geführt, dass es einen Wettbewerb um die Schulstandorte gab und die Schulen sich Gedanken darüber gemacht haben, was die Schülerinnen und Schüler sowie die Eltern von ihnen erwarten. Sie mussten sich fragen, wie müssen wir uns aufstellen, damit wir attraktiv sind? Auf diese Weise hat sich von selbst sehr schnell eine Entwicklung in Richtung Ganztagsschule ergeben, was man daran merkte, dass sie sich ein Profil als Ganztagsschule erarbeitet haben.

Online-Redaktion: Es besteht also ein wachsender Bedarf an schulischen Ganztagsangeboten?

Roßner: Der ist mit Sicherheit vorhanden. Das Problem ist, dass viele Kollegien überaltert und die Lehrkräfte teilweise ausgebrannt sind. Als ich noch als Lehrer tätig war, zählte ich noch zu den jüngsten, und das wäre ich übrigens noch heute mit fast 50 Jahren. Die neue Regierung in Thüringen wird dafür sorgen müssen, dass die Schulen verstärkt jüngere Kollegen bekommen, nicht zuletzt deshalb, um einen besseren Austausch zwischen den Generationen zu bewerkstelligen.

Zunächst fällt bei einer Ganztagsschule für alle mehr Arbeit an, aber jeder, der das einmal angefangen hat, will nicht wieder zurück. Man merkt schließlich, dass die Mehrarbeit ungleich höher anerkannt wird als in der Halbtagsschule - das schließlich alle Beispiele. Wir haben im Landkreis mit der Christophorus-Schule sowie mit einer Schule der AWO nicht zuletzt  private Schulen, die mit einem Ganztagskonzept am Markt werben. Nur damit gewinnt man am Ende auch die Eltern.

Online-Redaktion: Welche Rolle haben die IZBB-Mittel zum Ausbau der Ganztagsschulen gespielt?

Roßner: Die bundesweite Initiative kam genau zur richtigen Zeit. Während sich in der Region zu diesem Zeitpunkt schon einige Schulen auf den Weg gemacht hatten, gab es auf der anderen Seite auch Widerstand im Land Thüringen. Das Bundesprogramm hat uns geholfen, die Auseinandersetzung um Ganztagsschulen offen zu führen. Es war auch eine Gelegenheit für die Lehrerinnen und Lehrer sowie die Eltern zu fragen, was sie eigentlich für Schulen wollen.

Schulgebäude
Die Regelschule Blankenberg wurde eine der ersten gebundenen und rhythmisierten Ganztagsschulen in Thüringen © Regelschule Blankenberg

Die Diskussion brachte schließlich die Landesregierung dazu, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Das IZBB hat schließlich auch zu einer Anerkennung der Ganztagsschulen seitens der Landesregierung geführt. Für uns bedeutete das IZBB, dass wir 3,6 Mio. Euro Fördermittel abrufen konnten. Dies geschah in einem sehr kurzen Zeitraum, da Thüringen ja erst mit dem Ausbau der Ganztagsschulen nachgezogen hat. Zu den Bundesmitteln haben wir 700.000 Euro an Eigenmitteln dazu gepackt, womit drei Schulen komplett saniert wurden.

Online-Redaktion: Die Mittel wurden nicht nach dem Gießkannenprinzip verteilt?

Roßner: Wären die Mittel nach dem Gießkannenprinzip verteilt worden, hätte dies nicht die Wirkung erzielt. Durch diese Mittel haben wir erreicht, dass man sich heute in den Schulen gerne aufhält, und dass eine eine gewisse räumliche Ästhetik in die Schulen Einzug gehalten hat. Natürlich haben auch viele andere Schulen begonnen, den Ganztag aus eigenen Mitteln auszubauen.

Mit dem IZBB gab es die Gelegenheit dazuzulernen. So haben wir erkannt, dass es sinnvoll ist, Grundschulen, Regelschulen und Gymnasien an einem Standort zusammenzufassen und für diese eine Art Campusstruktur zu entwickeln, die einen besseren Austausch zwischen den Schulformen ermöglicht. Die Konzepte dazu lagen aber bereit, zwei bis drei Jahre vor dem IZBB in den Schubladen. Ohne Zweifel hat das IZBB die Diskussion um die Ganztagsschulen entscheidend angestoßen.

Online-Redaktion: Ein Aspekt von besonderem Interesse ist Ihre Lage an der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Welche Rolle spielt dabei der Ganztag?

Roßner: Damals zur Wende spielte diese Lage keine große Rolle. Heute aber schon, weil sich die Schulen stärker öffnen und Angebote machen, die nach außen getragen werden. Sie haben Partner in die Schulen geholt und werden dadurch stärker von außen wahrgenommen. Die Lage an der ehemaligen innerdeutschen Grenze bringt es mit sich, dass Schülerinnen und Schüler über die ehemalige Grenze kommen.

Das führt dazu, dass die Angebote der jeweiligen Schulen verglichen und interessiert von unterschiedlichen Seiten wahrgenommen werden. Deshalb sollten sich auch die Schulen für mehr Kooperationen öffnen: angefangen vom Sponsorenbereich bis hin zur Öffentlichkeitsarbeit wie etwa den Tag der offenen Tür.

Online-Redaktion: Ab wann beginnt der Austausch, und wie wichtig sind gegenseitige Absprachen?

Roßner: Der Austausch beginnt bereits im Kindergartenbereich. Es kommen aber auch Schülerinnen und Schüler aus Bayern zu uns, die unsere Ganztagsschulen besuchen. Das wird uns mit Sicherheit auch bei den Lehrerinnen und Lehrern ins Haus stehen, weil wir auf einen Lehrermangel zumarschieren.

Angesichts zurückgehender Schülerzahlen und relativ alter Kollegien müssen wir in den nächsten Jahren zunehmend stärker in die alten Länder schauen müssen. Momentan gehen die jungen Jahrgänge, die von uns ausgebildet werden, leider in die alten Länder - da würden wir gerne einige wiederhaben.

Online-Redaktion: Welche Rolle spielt die Vernetzung von Bildungseinrichtungen, und gibt es bei Ihnen bereits lokale Bildungslandschaften?

Roßner: Wir unterstützen diesen Gedanken sehr. Bei der letzten Gesetzesnovellierung habe ich mich dafür eingesetzt, dass die Verantwortung für die Kinder von den Kommunen auf die Landkreise übertragen wird. Es gibt zum Beispiel den Bildungsplan "Von Null bis Zehn", für den die Landkreise zuständig sind: Dort ist ja schon zwangsläufig das Vernetzungsgebot vorhanden. Thüringen hat Koordinierungsstellen in den Landratsämtern eingerichtet.

Feldweg

Wo immer es geht, versucht der Landkreis angesichts zurückgehender Schülerzahlen diese Entwicklung auch räumlich zu unterstützen. So werden die Kindergärten zunehmend in die Schulen integriert. Die Bildungskonzepte werden stärker aufeinander abgestimmt und die Förderung begabter Kinder verbessert.

Ein wichtiger Aspekt bei uns ist, dass die Ganztagsangebote auch bei relativ geringer Schülerzahl stattfinden. Wir haben ja sehr kleine Grundschulen mit teilweise 40 Schülerinnen und Schülern - aber das funktioniert, wenn der Kindergarten in der Nähe ist und man Räume gemeinsam nutzt.

Online-Redaktion: Wie verwenden Sie die Mittel aus den Konjunkturpaket II?

Roßner: Die Mittel aus dem Konjunkturpaket werden überwiegend im Bildungsbereich eingesetzt. Dies betrifft insbesondere energetische Maßnahmen, aber auch andere Bereiche unserer Bildungseinrichtungen. Dort, wo Nachholbedarf bestand, haben wir dank dieser Mittel erhebliche Erfolge erzielt. In ein bis zwei Jahren werden wir - auch was die Ästhetik der Räume betrifft - noch deutlich bessere Angebote als jetzt erzielen.

Online-Redaktion: Wie geht es denn mit dem Ausbau der Ganztagsschulen nach dem Auslaufen des IZBB weiter?

Roßner: Mir wäre es wichtig, dass das Land Thüringen das Bundesprogramm fortsetzt. Vielleicht brauchen wir dafür angesichts des Konjunkturpakets II nicht mehr die hohen Summen. Mir geht es insbesondere darum, die innere Organisation der Ganztagsschulen weiterzuentwickeln. Wir müssen die Schulen deshalb mit sanftem Druck dahin bringen, dass sie gute Ganztagsangebote entwickeln.

Ein zentraler Hebel dafür ist das Schulessen: Dieses möchten wir finanziell stärker unterstützen, damit es sich alle Kinder und Jugendlichen unabhängig von ihrer sozialen Herkunft leisten können. Die Finanzierung des Mittagessens wollen wir zur Bedingungen dafür machen, dass der Tag so rhythmisiert wird, dass darin eine vernünftige Essenspause enthalten ist in der man das Essen gemeinsam einnimmt. Das gemeinsame Essen hat sich schließlich seit Tausenden von Jahren als Teil menschlicher Kultur entwickelt und die Menschheit vorangebracht.

Gutes Essen ist ein ganz wichtiger Erziehungsauftrag. Im Moment sind wir dabei, mit unseren Essensanbietern ein dementsprechendes Modellprojekt zu entwickeln: Der Arbeitstitel heißt "Futtern wie bei Muttern".

Wie wichtig das Thema Essen ist, belegen die erschreckenden Teilnehmerquoten in den oberen Schulklassen von nicht einmal 10 Prozent. Und dies obwohl es viele Jugendliche gibt, die kein reichhaltiges und gesundes Essen bekommen, was sich ja negativ auf ihre Leistungsfähigkeit auswirkt. Deshalb wollen wir den Schulen in dieser Richtung noch einmal eine Hilfestellung geben.

Was die zukünftige Landesregierung betrifft, bin ich mir sicher, dass die Ganztagsschule dort einen Schwerpunkt bilden wird, und dass uns in den Regionen und Kommunen eine stärkere Unterstützung zuteil wird: Die Ganztagsschule braucht schließlich eine stärkere organisatorische Unterstützung, mehr Personal sowie Coaching des Kollegiums.

Online-Redaktion: Was sollte gute Ganztagsschulen von Halbtagsschulen unterscheiden?

Roßner: Im Gegensatz zu einer Halbtagsschule ist der Tagesrhythmus einer Ganztagsschule viel gelassener und mit weniger Stress verbunden. Deswegen möchte ich auch erreichen, dass wir von dem 45-Minuten-Rhythmus sowie der Aneinanderreihung von Fächern wegkommen. Lernpsychologisch macht es sowieso keinen Sinn, im 45-Minuten-Rhythmus von Mathe, Sport, Zeichnen zum Deutschunterricht zu springen. Die Aufgabe besteht darin, sehr viel stärker Projektunterricht anzubieten und den Frontalunterricht in Grenzen zu halten.

Jede normale Halbtagsschule beginnt mit der ersten Stunde. Dagegen fangen die erfolgreichen Schulen bei uns schon früh mit einem gemeinsamen Frühstück an. Darüber hinaus erstreckt sich ihr Schulkonzept über ein ganzes Jahr. Diese Schulen setzen sich dafür ein, dass der Landrat die Busse noch differenzierter fahren lässt, damit sie mehr und bessere Bildungsangebote unterbreiten können.

Online-Redaktion: Was für Ganztagsschulen wünschen Sie sich in fünf Jahren?

Roßner: Wenn ich eine Schule besuche und mir gesagt wird, dass man gerne etwas auf die Beine stellen würde, aber es fehle das Geld, dann weiß ich schon: Die Schule ist auf dem Holzweg, denn das Geld ist nicht das Problem. Schulen, die sich auf den Weg gemacht haben, finden auch Partner, die sie begeistern können. Bei mir rennen diese Schulen offene Türen ein! Ich bin nämlich ein Überzeugungstäter.

Das Schönste, was ich bisher erlebt habe, war anlässlich eines Besuches in der Christophorus-Schule folgende Szene: Ich erlebte ein überaus zufriedenes Kollegium, doch was mich überraschte war, dass die Schülerinnen und Schüler unzufrieden waren. Der Grund: Die Ferien kündigten sich an und sie konnten nicht mehr - wie gewohnt - den ganzen Tag in der Schule verbringen. Wenn uns dieses Beispiel auch mit anderen Schulen gelingt, dann sind wir auf dem richtigen Weg.

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