Schulkooperation und gemeinsames Lernen über Bundesländergrenzen hinweg

Sie liegen in weit voneinander entfernten Bundesländern, die eine Grundschule in der Großstadt, die andere auf dem Land - doch gemeinsame pädagogische Ziele und der Willen, zum Wohle der Schüler und der Lehrkräfte gemeinsam Schulentwicklung zu betreiben, hat die Grundschule am Hollerbusch in Berlin-Hellersdorf und die Pestalozzi-Grundschule im rheinland-pfälzischen Eisenberg in eine bundesweit wohl noch eher seltene Kooperation zusammengeführt. Gegenseitige regelmäßige Hospitationen, gemeinsame Arbeitsgruppen und Studientage, Austausche von Schulleitungen, Lehrkräften und Schülern sollen gute Ideen und Anregungen unmittelbar nutzbar machen. Erste Erfolge sind bereits sichtbar.

Schülerinnen und Schüler lernen in einem Klassenzimmer.

Als am 25. September 2009 in der Technischen Universität Berlin die Ergebnisse des vom BMBF geförderten Forschungsprojektes "LUGS - Lernkultur und Unterrichtsentwicklung in Ganztagsschulen" vorgestellt wurden, ergab sich eine folgenschwere Begegnung.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der TU Berlin und der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz stellten ihre Erkenntnisse vor, die sie seit 2006 durch Teilnehmende Beobachtung, Interviews und das Sichten von Dokumenten an vier Berliner, vier brandenburgischen und vier rheinland-pfälzischen Ganztagsschulen gewonnen hatten. Erstmals trafen hier auch die Vertreterinnen und Vertreter der erforschten Ganztagsschulen zusammen, die bis dahin nicht immer gewusst hatten, wer neben ihnen noch in dem Projekt mitwirkte. Um sich einander vorzustellen, präsentierten sie ihre Schulprofile an Schautafeln.

Kinder klettern auf einem Klettergerüst, das auf einem Schulhof steht.

Die Präsentation der Pestalozzi-Grundschule Eisenberg aus Rheinland-Pfalz erregte das Interesse von Schulleiterin Karin Ronneberger. "Die Grundschule Eisenberg hat viel mit dem Schulprogramm unserer Schule gemeinsam", erzählt die Schulleiterin der Grundschule am Hollerbusch in Berlin-Hellersdorf. "Wie wir setzt diese Schule einen Schwerpunkt auf die Gesundheitsförderung. An beiden Schulen ist die Inklusion verankert - wir haben Integrativklassen, Eisenberg arbeitet als Integrativschule."

Kooperation von Grundschulen und Kindertagesstätten

Aber es gab auch Bereiche, an denen eine der Schulen jeweils interessiert war, welche die andere bereits verwirklicht hatte: "Wir haben schon eine gezielte Zusammenarbeit mit den Kindertagesstätten vor Ort erreicht", erläutert die Schulleiterin. "Der Übergang in unsere Schule wird von uns und den Pädagoginnen der Kindertagesstätten bewusst gestaltet und begleitet. Innerhalb der ersten Schulwoche stellen wir die individuellen Leistungsvoraussetzungen mit Hilfe einer differenzierten Ausgangsanalyse fest, sodass das Kollegium, wenn nötig, schnell angemessene Fördermaßnahmen planen kann. Dies interessierte die Kolleginnen und Kollegen aus Eisenberg."

Die Grundschule am Hollerbusch wiederum plant den Einstieg in die Arbeit mit Portfolios, mit denen die Förderung der einzelnen Schülerinnen und Schüler kontinuierlich dokumentiert und gleichzeitig evaluiert wird. Dieses Instrument setzt die Grundschule Eisenberg bereits seit acht Jahren ein und hat es kontinuierlich weiter entwickelt.

Kinder machen Gymnastik.

"Wir fanden, dass wir gut zusammen passten, und vereinbarten, uns gegenseitig zu besuchen", erinnert sich Karin Ronneberger. "An eine regelrechte Kooperation zwischen beiden Schulen haben wir damals noch nicht gedacht."

Doch vier Monate später, im Januar 2010, kam Markus Fichter, Schulleiter der Pestalozzi-Grundschule, auf Karin Ronneberger zu, als sie mit ihren Kolleginnen in Eisenberg zu einem ersten Besuch weilte. "Ich hatte mir gedacht, dass man aus einem solchen Kontakt doch noch mehr machen könne", berichtet der Rektor, "nämlich eine Kooperation über Bundesländergrenzen hinweg."

"Schüler und Probleme sind in Eisenberg wie in Hellersdorf die gleichen"

Fichter stellte seine Überlegungen Johannes Jung, dem Referatsleiter für Ganztagsschulen des Ministeriums für Bildung, Weiterbildung, Jugend und Kultur (MBWJK) in Mainz vor. "Er war von der Idee begeistert und wünschte sich eine wissenschaftliche Begleitung unserer Zusammenarbeit. So stellten die Grundschulen zusammen mit Prof. Dr. Sabine Reh von der TU Berlin und Dr. Till-Sebastian Idel von der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz, welche die Schulen ja bereits aus der "LUGS"-Studie kennen, einen Förderantrag bei der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) auf Reisekostenbeihilfe. Die Laufzeit dieses Projektes ist vom 1. Oktober 2010 bis zum 30. September 2012 avisiert.

Ende Mai 2010 reiste die Schulleitung der Grundschule am Hollerbusch erneut und diesmal mit einem Drittel des Kollegiums im Rahmen eines Studientages auf eigene Kosten nach Eisenberg - laut Karin Ronneberger eine weitere sehr positive Erfahrung: "Alle haben sofort einen Draht zueinander gefunden, es war eine aufgeschlossene und herzliche Atmosphäre. Wir haben auch schnell erkannt, dass die Schüler und die Probleme in Eisenberg wie bei uns in Hellersdorf die gleichen sind."

Für den September ist der Gegenbesuch des Eisenberger Kollegiums in Berlin geplant. Markus Fichter freut sich schon auf diese Fahrt und ist von seinem Kollegium begeistert: "Ich hatte es nicht für möglich gehalten, dass bis auf zwei alle Kolleginnen und Kollegen mitfahren werden." Diese Bereitschaft, über das geforderte Maß hinaus zu arbeiten und sich zu engagieren, führt der Schulleiter zu einem nicht geringen Teil auf die Ganztagsschule zurück, die sich in verschiedener Ausprägung seit 34 Jahren entwickelt hat. "Bei den Lehrkräften und mir herrscht eine hohe Zufriedenheit, die sich über die vertieften sozialen Kontakte ergibt. In unserer Ganztagsschule trifft man egal zu welcher Uhrzeit am Tag immer Kolleginnen und Kollegen im Schulgebäude an - das stärkt den Zusammenhalt."

"Hospitationen sind wie ein Funke, der überspringt"

Von der Zusammenarbeit mit der Grundschule am Hollerbusch erhofft sich Fichter viel - aus gutem Grund, denn in der Vergangenheit haben Hospitationen an anderen Schulen ebenso wie Besuche an seiner Pestalozzi-Grundschule viele Impulse und Ideen vermittelt. "Hospitationen sind wie ein Funke, der überspringt - man muss das erleben und die Flamme immer weiterreichen." Auch aus diesem Grund veranstaltete seine Schule in den ersten Jahren, nachdem mit dem Schuljahr 2001/2002 die Ganztagsschule in Angebotsform eingeführt worden war, rund 45 Studientage.

Die Kooperation mit der Grundschule am Hollerbusch soll aber über gegenseitige Hospitationen deutlich hinaus gehen. "Wir planen einen Schulleiteraustausch, Lehreraustausche und Schüleraustausche für die Dauer eines Monats", erläutert Markus Fichter. Auch möchten die Kollegien gemeinsame Studientage organisieren. Karin Ronneberger freut sich schon darauf, wenn Schülerinnen und Schüler der Bläserklasse aus Eisenberg an ihre Schule kommen. Darüber hinaus präzisiert die Schulleiterin die Vorhaben: "Zu den Themen wie Gesundheitsförderung, Schuleintritt und Inklusion wollen wir gemeinsame Arbeitsgruppen bilden, die unter anderem Lehrerhandreichungen erarbeiten sollen. Genügend Ideen haben wir."

Vier Kinder spielen in einem Bällebad

Beide Schulen arbeiten auch im Comenius-Programm mit, wobei dies für die Grundschule Eisenberg schon das erste Ergebnis aus dem Kontakt mit der Grundschule am Hollerbusch ist: "Ohne das Beispiel aus Berlin hätten wir diesen Schritt, Comenius-Schule zu werden, nicht gemacht", meint Markus Fichter. Das Projekt stand nicht auf der Agenda, aber die kommunizierten Erfahrungen der Grundschule am Hollerbusch gaben den Anstoß, sich auch hier zu engagieren.

Gutes Vorbild half bei der Einrichtung des Bewegungsraums

Das Vorhaben der beiden Grundschulen ist außergewöhnlich, da sie nicht nur in weit voneinander entfernten Bundesländern arbeiten, die über ihre eigenen schulorganisatorischen, administrativen und schulrechtlichen Rahmenbedingungen verfügen, sondern auch in vollkommen verschiedenen lokalen Kontexten arbeiten: Die Grundschule am Hollerbusch liegt in einem urbanen Raum mit nicht geringen sozialen Problemen, während die rheinland-pfälzische Pestalozzi-Grundschule im eher ländlich-beschaulichen Eisenberg angesiedelt ist.

Kinder spielen an einer Motorikwand

Aber die Schulen einen ihre pädagogischen und schulprogrammatischen Orientierungen und der Wille, in Eigeninitiative durch die Kooperation Schulentwicklung voranzutreiben. In regelmäßigen Treffen der Schulleitungsebene wollen die Verantwortlichen an Fragen der Evaluation und der Qualitätssicherung arbeiten. Die Kooperation soll die verschiedenen Ebenen der Gestaltung von Schulen einbeziehen und miteinander vernetzen, um nachhaltige Effekte in den beiden Grundschulen zu erzielen. Hierbei werden sich die Beteiligten den Themen "Schulleitung und Schulmanagement", "Professionalität des Personals", "Schulleben" und "Unterrichtsqualität" widmen.

Die jeweiligen Kompetenzen der Schulen können und sollen dabei für die jeweils eigene Arbeit aufgegriffen werden. So können bereits evaluierte Unterrichts- und Arbeitsmethoden für die Partnerschule zur Verfügung gestellt werden. Auch dies ist bereits in einem Punkt geschehen und hat die Arbeit der Grundschule Eisenberg entscheidend beeinflusst. Hier wollte man einen Bewegungsraum einrichten, und das Konzept der Grundschule am Hollerbusch half dabei, diesen Raum innerhalb von sieben Monaten und mit Hilfe lokaler Sponsoren einzurichten.

Kinder arbeiten in einem Werkstattraum

"Die Schülerinnen und Schüler nutzen diesen Bewegungsraum mit großer Begeisterung", berichtet Schulleiter Fichter. "Hier können sie nicht nur ihren natürlichen hohen Bewegungsdrang ausleben, sondern auch auf spielerische Art durch gezielte psychomotorische Übungen für den schulischen Lernerfolg relevante Fähigkeiten und Fertigkeiten entwickeln." So fahren die Kinder zum Beispiel auf Rollbrettern über den Boden, um Buchstaben zu Wörtern zusammenzusetzen oder Rechenaufgaben zu lösen.

Dies dürfte nicht der letzte Anstoß gewesen sein, der aus dieser Zusammenarbeit hervorgehen wird.

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