Pestalozzi-Grundschule Eisenberg: "Hier kann man strahlende Kinder sehen"

Die Pestalozzi-Grundschule Eisenberg verfügt über eine lange Ganztagsschultradition und bleibt dabei buchstäblich immer in Bewegung: Gesundheitserziehung, Inklusion, Elternmitarbeit, Öffnung der Schule, Zusammenarbeit mit einer Berliner Grundschule - Schulleiter Markus Fichter und sein Team verwirklichen alle Ideen, die helfen, den Kindern noch gerechter zu werden.

Schulgebäude

100 Jahre alt ist das große Gebäude in der pfälzischen Gemeinde Eisenberg im Donnersbergkreis zwischen Kaiserslautern und Worms. Schon immer war in dem inzwischen sanierten und mit IZBB-Mitteln um- und ausgebauten Komplex die Schule des Ortes untergebracht.

Auf inzwischen nicht weniger als 34 Jahre beläuft sich die Ganztagsschulhistorie des Hauses. Die Pestalozzi-Grundschule Eisenberg reagierte so 1976 auf die schon immer sehr heterogene Schülerschaft. Das Einzugsgebiet der Grundschule in der Kommune mit 10.000 Einwohnern stellt die Pädagoginnen und Pädagogen heute vor neue Herausforderungen: Die Kinder kommen teilweise aus sozial schwachen Familien, aber auch aus einem SOS-Kinderdorf und dem Kinderheim sowie aus einem Durchgangswohnheim für Spätaussiedler. Viele Schülerinnen und Schüler besitzen einen Migrationshintergrund.

1976 begann die Ganztagsschultradition mit der Einrichtung eines Schularbeitszirkels: Fachkräfte und Eltern unterstützten die Grundschülerinnen und Grundschüler in der Zeit von 15 bis 16 Uhr. In den 1980er Jahren etablierte man eine Hausaufgabenbetreuung, die nach und nach ausgeweitet wurde. Eine ABM-Kraft betreute die Kinder beim Spielen und Basteln, die nun auch einen Imbiss erhielten.

Kommunikation erübrigt Konferenzen

Im Jahre 1990 gab die Schulleitung den Anstoß zur Gründung des Modellprojekts der offenen Ganztagsschule. Elf Jahre später folgte dann der ganz offizielle Start im Programm des Landes Rheinland-Pfalz als Ganztagsschule in Angebotsform. Ab dem Schuljahr 2002/2003 bildete die Schule Ganztagsklassen, derer es im Schuljahr 2009/2010 acht gab.

Porträtfoto von Schulleiter Markus Fichter

Rektor Markus Fichter erläutert, weshalb die Schule den Entschluss fasste, über das rheinland-pfälzische Regelmodell der offenen Ganztagsschule noch hinaus zu gehen: "Bei der offenen Ganztagsschule war die Zeit für die Förderung mancher Kinder noch immer zu knapp. Wegen der völlig unterschiedlichen Leistungsniveaus war es fast nicht leistbar. Im Grunde blieb zwischen Mittagessen und Arbeitsgemeinschaften nur die Hausaufgabenbetreuung. Wir waren damit unzufrieden und haben an anderen Schulen hospitiert."

Die Ganztagsklassen werden von Teams geleitet, in denen neben den Lehrkräften auch Sozialpädagoginnen, Förderschulpädagoginnen, Erzieherinnen und Ergotherapeuten mitarbeiten. Dies ist an der Grundschule Eisenberg nichts Neues: Die alle 14 Tage stattfindenden Besprechungen der Stufenteams, bei denen gemeinsame Absprachen zum Unterricht getroffen werden, existieren beispielsweise seit 20 Jahren. Daneben gibt es die Steuerungsgruppe, temporäre Teams, thematische Teams und Klassenteams, die sich spontan nach Anlass zusammenfinden. Ein angenehmer Nebeneffekt: "Wir brauchen nur noch wenige Konferenzen", freut sich Markus Fichter. "Die gute Kommunikation macht auch Dienstbesprechungen überflüssig, was viel Zeit erspart."

 

Kooperation mit der Berliner Grundschule am Hollerbusch

Nicht nur innerhalb der Schule wird der Austausch gepflegt, sondern auch nach außen ist die Pestalozzi-Grundschule geöffnet und tauscht sich regelmäßig mit anderen innovativen Schulen aus. Beispielsweise ist sie SINUS-Schule, seit 2007 Modellschule für Partizipation im Netzwerk der Serviceagentur "Ganztägig lernen" Rheinland-Pfalz und seit Juni 2010 COMENIUS-Schule. Sie nahm von 2007 bis 2009 am Forschungsprojekt "Lernkultur und Unterrichtsentwicklung an Ganztagsschulen" (LUGS) teil und gehört heute zu den Schulen im Netzwerk "Neue Lernkultur" der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung.

Schülerinnen und Schüler und Eltern backen gemeinsam

Durch das Projekt LUGS unter Leitung der Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Fritz-Ulrich Kolbe von der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und Prof. Dr. Sabine Reh von der Technischen Universität Berlin kam die Grundschule Eisenberg in Kontakt mit der Grundschule am Hollerbusch aus Berlin-Hellersdorf, die ebenfalls die Gesundheitserziehung zu einem Schwerpunkt gemacht hat. Rektor Markus Fichter und seine Berliner Kollegin Karin Ronneberger haben eine regelmäßige Kooperation vereinbart: Gegenseitige Hospitationen, gemeinsame Fortbildungen und Studientage sowie Lehrer- und Schüleraustausche sollen die Schulentwicklung in beiden Schulen befördern.

Rund 70 Personen arbeiten in der Grundschule Eisenberg, davon 45 Lehrkräfte, zwölf pädagogische Fachkräfte und weiteres pädagogisches Personal. Auch Küchenkräfte sind darunter, denn die Grundschule Eisenberg verfügt über eine eigene Küche, in der für die eigene Schülerschaft und sogar noch für andere Schulen gekocht wird. Förderverein, Verbandsgemeinde und die Eltern mit dem Essensgeld finanzieren die Küche. Beim Mittagessen in den umgebauten Kellerräumen hat jede Klasse ihre eigene Betreuerin. "Für manches Kind ist dies am Tag das einzige Essen in Gemeinschaft", weiß der Rektor.

Den Tag flexibel gestalten

"Uns ist es wichtig, dass wir ein Team sind", beschreibt Fichter die Schulphilosophie. "Ich habe nie Probleme gehabt, Lehrerinnen und Lehrer zu finden, die in der Ganztagsschule auch am Nachmittag arbeiten - im Gegenteil, viele Kolleginnen und Kollegen wollen das, weil sie ein ganz anderes Miteinander mit den Kindern erfahren, sie auch beim Essen und in der Freizeit erleben. Die Ganztagsschule schweißt auch das Kollegium zusammen."

Ein Unterrichtstag beginnt in der Grundschule Eisenberg um 7.30 Uhr mit dem offenen Anfang. Ab 7.50 Uhr kontrollieren eine Lehrkraft und eine pädagogische Fachkraft die Hausaufgaben und besprechen Probleme, bevor um 8.05 Uhr der Unterricht startet, der durch kein Pausenklingeln unterbrochen wird. Um 10.10 Uhr findet die Große Pause statt. Unterrichtsschluss ist für die 1. und 2. Klassen um 12.10 Uhr, für die Jahrgänge 3 und 4 um 13.10 Uhr. Die Ganztagsklassen lernen - außer freitags - bis 16.00 Uhr.

Der Vorzug der Ganztagsklassen besteht in der Verbindlichkeit und der Flexibilität. "Die Frage des Abmeldens der Kinder am Nachmittag stellt sich nicht mehr", erklärt Fichter. "Die Klassenteams können ihren Unterricht völlig flexibel einrichten und wenn es nötig ist, den Montagmorgen auch direkt mal mit der Pause starten lassen." Dienstags und donnerstags begrenzen lediglich die Arbeitsgemeinschaftszeiten die völlige Handlungsfreiheit in der Stundentafel. In den AGs beschäftigen sich die Schülerinnen und Schüler unter anderem mit "Werken mit Holz", "Experimentieren", "Internet-Führerschein" oder Sport, Tanzen und Bewegung. Hausaufgaben gibt es in den Ganztagsklassen keine mehr.

Eltern gestalten Schule mit

"Durch die Ganztagsschule hat sich unsere Schule einen sehr guten Ruf erobert", meint Fichter. Dazu haben zu einem nicht geringen Teil die Eltern beigetragen, die sich in seiner Schule engagieren, indem sie unter anderem in 200 Arbeitsstunden die alte Hausmeisterwohnung in eine Mediothek umgebaut und der Grundschule Eisenberg einen Preis beim Wettbewerb "Eltern gestalten Schule mit" eingebracht haben. "Die Mütter, die hier bei uns zum Beispiel am Vormittag ein gesundes Frühstück für unsere Schülerinnen und Schüler anbieten, das wir nicht mehr missen möchten, tragen natürlich auch viel Positives nach außen."

Blick in einen Klassenraum, Schüler arbeiten an ihren Tischen

Ein gesundes Frühstück für alle Kinder ist ein Baustein der Gesundheitserziehung, die sich die Pestalozzi-Grundschule auf die Fahnen geschrieben hat. Ein anderes Element ist die Bewegung und die Schulung der Motorik. "Wir haben festgestellt, dass viele Schülerinnen und Schüler Schwierigkeiten in der Motorik, der Wahrnehmung und der Antizipation aufweisen", erzählt der Rektor. Nach einem Studientag beschloss das Kollegium, einen Bewegungsraum einzurichten, in welchem die Kinder diese Defizite durch Bewegung und spielerische Aufgaben abmildern konnten.

Innerhalb eines halben Jahres räumte die Schule ein Klassenzimmer aus und kaufte Material für 24.000 Euro, die größtenteils von der ortsansässigen Wirtschaft gespendet wurden: Schränke, Bälle, Fitnesskreisel, Schaukeln und vieles mehr. Schon jetzt ist der seit März 2010 freigegebene Raum bei den Schülerinnen und Schülern äußerst beliebt. "Wir betreiben hier keine Ergotherapie", betont Markus Fichter, "sondern gehen ganz neue Wege. Wir haben ein Karteikartensystem entwickelt, bei dem meine Kolleginnen und Kollegen psychomotorische Übungen mit schulischen Inhalten verbinden können. Jedes Kind ist mal hier drinnen."

Werben um Sponsoren stützt die Schule

So flitzen die Schülerinnen und Schüler mit Rollbrettern über den Boden, um Zahlen einer Rechenaufgabe herauszufischen. "Hier kann man strahlende Kinder sehen", freut sich Fichter über die Innovation. "Auch Schülerinnen und Schüler mit fehlender Muskelspannung können hier besser lernen." In der Pestalozzi-Grundschule lernen auch Integrationskinder, für die seit acht Jahren Förderpläne und seit einem Jahr Lernzeit-Portfolios erstellt werden. Von dieser Erfahrung möchte nun auch die Grundschule am Hollerbusch in ihrer Kooperation mit Eisenberg profitieren, da man in Hellersdorf plant, ebenfalls Portfolio-Arbeit einzuführen.

Mit der räumlichen Situation ist man in der Grundschule Eisenberg sehr zufrieden. Man hat viel Platz und dazu noch durch den Einsatz von IZBB-Mitteln seit 2004 Räume zielgerichtet umgestalten können. So ist im Dachboden eine große Aula entstanden, in der auch die Bläserklasse übt, Informationsabende und Studientage stattfinden. Ein Besprechungsraum für die Teams ist ebenso vorhanden wie eine Schulküche und ein kindgerechter Computerraum. Vieles ist nur möglich, weil die Schule sich sehr um Sponsoren bemüht hat - über die Jahre hat man so 140.000 Euro eingeworben. Was noch zu tun bleibt: Die "als Schulhof getarnte Betonwüste" würde Markus Fichter lieber heute als morgen zu einem echten Spiel- und Bewegungsgelände ausbauen.

Zum Schuljahresbeginn 2010/2011 ist die Schule mit sechs Smartboards ausgestattet worden. Der Förder- und Freundeskreis und der Verein zur Ergänzung des Ganztagsschulangebots haben dies mit jeweils etwa 13 000 Euro unterstützt. Die Verbandsgemeinde finanziert die nötigen Laptops und setzt die technischen Grundvoraussetzungen. Das Ziel ist es, sämtliche 4. Klassen mit einer solchen Multifunktionsschultafel auszustatten, um auch dadurch die Medienkompetenz aller Schülerinnen und Schüler zu fördern.

Differenzierte Lernformen, strukturierter Unterricht

"Wir legen großen Wert auf Individualisierung und Differenzierung im Fachunterricht wie im offenen Unterricht und sind so gut mit Materialien ausgestattet, dass wir dies auch leisten können", erläutert der Schulleiter. So organisierten die Lehrkräfte und pädagogischen Fachkräfte im 1. Schuljahr eine Lernwerkstatt. "Wenn manche Leute meinen, dies hieße, dass die Kinder bei uns machen können, was sie wollen, dann ist das falsch!", betont Fichter. Der Unterricht sei strukturiert, auch wenn die Lernformen differenziert seien.

Gruppenfoto von Lehrern und Lehrerinnen
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"Mehr Zeit zum Lernen und Leben" - dieses Motto des Landes Rheinland-Pfalz für die Ganztagsschule stimmt laut Markus Fichter "absolut": "Die Kinder sind entspannter. Zwar bedeutet diese Schulform für die Kolleginnen und Kollegen mehr Arbeit, aber es herrscht auch eine höhere Zufriedenheit über die vermehrten sozialen Kontakte und den stärkeren Zusammenhalt im Kollegium." In der Pestalozzi-Grundschule zeigt sich dies daran, dass alle im Mutterschutz befindlichen Kolleginnen wiederkommen wollen und bis auf zwei Lehrkräfte im September das gesamte Kollegium auf eigene Kosten zur Partnerschule in Berlin-Hellersdorf aufbrechen wird. "Das hatte ich nicht für möglich gehalten", ist selbst der Schulleiter positiv überrascht.

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