"Eine Sternstunde des Kollegiums"

Der jährliche Bundeskongress des Ganztagsschulverbandes fand vom 11. bis 13. November 2009 in Karlsruhe statt. Herzstück des Kongresses waren wieder die Schulbesuche. Die Redaktion begleitete eine Teilnehmerinnengruppe in die nördlich von Karlsruhe gelegene Kleinstadt Graben-Neudorf und die dortige Adolf-Kußmaul-Schule. Die Grundschule, die seit 2007 als teilgebundene Ganztagsschule arbeitet, war damals die erste Ganztagsgrundschule im Landkreis Karlsruhe.

Schülerinnen und Schüler beim Spaziergang mit einem Förster im Wald
Schülerinnen und Schüler beim Waldlehrgang mit einem Förster

"Die Schullandschaft ist in Bewegung", konstatierte Stefan Appel, der Vorsitzende des Ganztagsschulverbandes, am 11. November 2009 zur Eröffnung des diesjährigen Bundeskongresses "Ganztagsschule - Motor der Schulreform" in der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. "Überall entstehen Inseln gelebter Pädagogik."

Traditionell bricht am Morgen des zweiten Kongresstages der Teilnehmerkreis zu Besuchen von rund 20 Ganztagsschulen in der Tagungsstadt und ihrer Umgebung auf. So machten sich die etwa 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch in diesem Jahr auf, die "Inseln gelebter Pädagogik" persönlich in Augenschein zu nehmen.

Schulleiter Otmar Winzer bei einer Rede am Mikrofon
Schulleiter Otmar Winzer bei der Einweihungsfeier des Ganztagsschulneubaus am 22. Oktober 2009

Eine kleine Gruppe von vier Pädagoginnen - Schulleiterinnen und Lehrerinnen aus Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hamburg - besuchte die Adolf-Kußmaul-Schule, eine Grundschule in der Gemeinde Graben-Neudorf, etwa 20 Kilometer nördlich von Karlsruhe.

Die teilgebundene Ganztagsschule war in der Vergangenheit "auf der anderen Seite" aktiv: 2006 und 2008 hatte die Schulleitung die Ganztagsschulkongresse in Bremen und Hannover besucht, um selber Anregungen für die Einführung des Ganztagsbetriebes zu erhalten. Auch in den Niederlanden und in der Schweiz sah man sich um. Nun wollte die Schule "die Gedanken, von denen wir überzeugt sind, weiter tragen, und zeigen, wie wir sie umsetzen", erklärte Schulleiter Otmar Winzer zur Begrüßung.

Drei Schülerinnen an einer Bücherwand

Räume für den Ganztagsbetrieb

Seit 2007/2008 arbeitet die Adolf-Kußmaul-Schule als teilgebundene Ganztagsgrundschule und war damit die erste im Landkreis Karlsruhe. Sie ist eine von zwei Grundschulen in Graben-Neudorf. Derzeit lernen 259 Schülerinnen und Schüler in der dreizügigen Schule. Fünf Klassen befinden sich in der gebundenen Ganztagsschule, die inzwischen bis in die dritte Jahrgangsstufe hoch gewachsen ist. Weitere sechs Klassen lernen halbtags.

Kinder an einer Indoor-Kletterwand
Neue Räume, neue Möglichkeiten - zum Beispiel zum Klettern© Natalie Nees, "Badische Neueste Nachrichten"

Die Einführung der Ganztagsschule speiste sich aus zwei Erwägungen: Zum einen wollte die Schule pädagogisch anders arbeiten. "Im Ganztagsbetrieb kommen nur Kolleginnen und Kollegen zum Einsatz, die mit offenen und individualisierenden Unterrichtsformen arbeiten", so Otmar Winzer. Zum anderen erkannte die Gemeinde, dass man bei sinkenden Schülerzahlen attraktiv für Kinder und Eltern bleiben muss, um langfristig den Standort zu sichern. Im Mittelpunkt der Zielsetzung stand nie die reine Betreuung der Kinder, sondern das Schaffen einer Lebensgemeinschaftsschule mit verbesserten Lern- und Lebenschancen für alle Kinder.

Kinder sitzen oder liegen auf verschiedenen Podesten und lesen
Ausruhen und lesen© Natalie Nees, "Badische Neueste Nachrichten"

Beide Erwägungen spielten wiederum auch eine Rolle, als es um die räumliche Erweiterung der Schule ging. Das Gebäude von 1972, das ursprünglich für eine Grund- und Hauptschule gebaut worden war, ist zwar recht geräumig. Für den Betrieb einer gebundenen Ganztagsschule fehlte es aber dennoch an geeigneten Räumen. Glücklicherweise sah das auch die Kommune so, die einen Anbau für 3,7 Millionen Euro finanzierte, der am 22. Oktober 2009 offiziell eingeweiht wurde. Das Land Baden-Württemberg steuerte entsprechend der Schulbauförderrichtlinien seinen Anteil an der Erstellung der Ganztagsräume bei.

Beeindruckendes Zusammenspiel zwischen Gemeinde und Schule

Die Besucherinnengruppe des Ganztagsschulkongresses nahm also nagelneue Räume in Augenschein: Eine Ruheinsel, eine Werkstatt, einen Toberaum, eine Lehr- und Lernküche, ein Spielzimmer, vier Multifunktionsräume, eine neue Verwaltungseinheit sowie eine Mensa mit circa 100 Sitzplätzen samt Profiküche, in der die im cook-and-chill-Verfahren zubereiteten Speisen regeneriert werden und somit frisch auf den Tisch kommen.

Die großen, hellen und trapezförmigen Klassenzimmer beeindrucken durch ihre Helligkeit, welche durch große Fensterfronten gewährleistet wird. Unterhalb der Fenster befinden sich Schränke für die Materialien. Eine Fußbodenheizung sorgt für Wärme. Die Ganztagsschulkinder laufen mit Hausschuhen über die Teppiche. Die Möbel sind höhenverstellbar, auch die Tafeln können verschoben werden. Für die Differenzierung nutzt die Schule auch die Flure und die durch Türen miteinander verbundenen Multifunktionsräume.

Schülerinnen und Schüler mit Helm und Werkzeugen
Schülerinnen und Schüler der Einweihungsfeier des Ganztagsschulneubaus

Der Neubau ist das beeindruckende Ergebnis des Zusammenspiels von Schulleitung und Pädagogen, die beharrlich ihrer Vorstellung von einer ganztägigen und ganzheitlichen Pädagogik gefolgt sind, und einer Kommune, welche diesen Weg mitgehen und unterstützen wollte. "Ohne das Verständnis bei der Gemeinde hätten wir das alles so nicht geschafft", betont Otmar Winzer. "Wenn wir es uns hier als eine der reichsten Gemeinde im Kreis Karlsruhe nicht hätten leisten können, wer denn dann überhaupt?"

2006 legte die Schule ihr Konzept für die Ganztagsschule vor, das vom Kollegium einstimmig verabschiedet wurde. "Eine Sternstunde des Kollegiums", findet Schulleiter Winzer rückblickend. Das Konzept ging unbeanstandet bis zum Regierungspräsidium, welches es ebenfalls genehmigte.

Viel Zeit für eigene Aktivitäten

Vier Säulen sollten das Konzept kennzeichnen: Die Rhythmisierung des Tagesablaufs, eine neue Unterrichtskultur, die pädagogisch angeleitete Freizeitgestaltung und die Vermittlung einer kindgemäßen und angemessenen Esskultur. Daher entschied man sich für die gebundene Form des Ganztagsbetriebs und traf damit offensichtlich einen Nerv: "Wir erwarteten 2007 zwölf Anmeldungen - und wurden schon im ersten Durchgang vom Interesse der Eltern überrannt."

Kinder an einem Tischfußball

Ein wesentliches Standbein der Ganztagsschule ist die organisierte Freizeitpädagogik. Zu diesem Thema hatte Stefan Appel zur Eröffnung des Kongresses einen Tag vor den Hospitationsbesuchen bereits angemerkt: "Eine Misslingensbedingung von Ganztagsschulen ist es, wenn die Freizeitpädagogik überhaupt keine Rolle spielt." In Graben-Neudorf hat man dies berücksichtigt und legt Wert auf vielfältige Freizeitangebote zur Entwicklung der eigenen Verantwortung im Freizeitverhalten. So "verschult" man den Tag nicht durch zu viele Arbeitsgemeinschaften, sondern lässt den Schülerinnen und Schülern auch Raum für eigene Aktivitäten in der Bewegungszeit nach dem Mittagessen und der anschließenden Spiel-, Kreativ-, Lese- und Ruhezeit. Die Hausaufgabenbetreuung im klassischen Sinn ist durch unterrichtsergänzende Lernzeit für Vorbereiten, Üben und Nachbereiten abgelöst, die den aktuellen Lernstoff individuell unterstützen, fördern und begleiten.

Kinder toben in einem Sportraum
Toben im Sportraum© Natalie Nees, "Badische Neueste Nachrichten"

"Der schnell zu beobachtende Wille zur Selbstständigkeit ist eines der faszinierendsten Dinge an den Ganztagsklassen", erklärt Konrektorin Stephanie Bange. Die Kinder bewegten sich im Schulhaus wie in ihrem "zweiten Zuhause". Gut zwei Stunden können sich die Kinder der Klassen 1 und 2 individuell beschäftigen, bevor am Nachmittag der dritte 90 Minuten lange Lernblock folgt, in dem differenzierte Lernangebote unterbreitet werden. In der Lernzeit ist auch immer neben der Lehrkraft eine zweite Lehrperson als Lernbegleiter anwesend. Ein vielseitiges AG-Angebote durch Schule und außerschulische Partner beschließen den Tag.

Die Arbeitsgemeinschaften reichen von Musik, Computer, Kochen, diversen Sport- und Fitnessangeboten über Drucken, Töpfern, Schach, Tanzen sowie Ringen bis zu Antolin-Leseförderung. "Die Vereine erkennen so langsam, dass sie hier in der Grundschule alle Kinder erreichen können, mit denen sie jemals im Vereinsleben zu tun haben werden", berichtet der Rektor über den Lernprozess auf Seiten der außerschulischen Partner. Einige hätten die Ganztagsschule nicht mehr als Konkurrent im Visier, sondern entdecken die Schule zunehmend als Reservoir für zukünftige Vereinsmitgliedschaften. Den Kontakt mit der Schule erleichtert die Tatsache, dass sich sämtliche Lehrerinnen und Lehrer einverstanden erklärt haben, an jeweils zwei Nachmittagen in der Woche bis 16 Uhr als Ansprechpartner zur Verfügung zu stehen.

Kinder wählen ihre Arbeitsgemeinschaften sebst

Interessant ist, dass an der Adolf-Kußmaul-Schule nicht die Eltern für ihre Kinder die Arbeitsgemeinschaften aussuchen, sondern die Kinder ohne lange Vorgespräche mit Mitschülern oder Eltern ihre Wahl per Zettel treffen, die sie in einen Karton werfen. "Im Klassenrat haben wir thematisiert, dass es nicht darum geht, das zu wählen, was andere wählen, sondern seine eigene Meinung zu bilden", berichtet Stephanie Bange. Während das 1. Schuljahr noch ein breites verpflichtendes AG-Angebot aufweist, nimmt der eigenständige Entscheidungsprozess ab dem 2. Schuljahr seinen Lauf.

Schülerinnen und Schüler mit einem Lehrer in einem Zimmer
Schülerinnen und Schüler bei der Schulrallye durch den Neubau im Zimmer von Rektor Otmar Winzer

Ein weiteres Standbein ist die Vermittlung einer angemessen Esskultur. "Das ist eine wichtige pädagogische Aufgabe", meint Otmar Winzer. "Wir essen hier an von Kindern eingedeckten Tischen, mit Servierwagen und Schüsseln am Tisch wie in kleinen Familien." Nach acht Tagen säßen die Erstklässler mit Zweit- und Drittklässlern beim Essen zusammen, "als ob sie schon seit vier Jahren zusammen sitzen würden", beschreibt Stephanie Bange die Erfahrungen in der Mensa. "Es funktioniert einfach."

Bis auf den Freitag bietet die Adolf-Kussmaul-Schule einen Schulbetrieb an, der bis 16 Uhr reicht. Bereits um sieben Uhr öffnet das Schulhaus für einen gleitenden Anfang. Ab 7.15 Uhr können Eltern für ihre Kinder eine Kernzeitbetreuung bis 7.45 Uhr buchen, was allerdings 20 Euro extra monatlich kostet.

Tolle Erfahrungen mit außerschulischen Partnern

"Unsere Kinder sind 36 Stunden in der Woche da. 21 Stunden sind dabei Unterricht, sodass die Betreuung und Anleitung in 15 Stunden von anderen Personen übernommen werden müssen", erklärt die Konrektorin. In diesem Schuljahr laufen Lehrverträge mit 29 außerschulischen Personen. "Wir haben unsere Suchanzeigen für diese Positionen im Gemeindeblatt und auf unserer Website ausgeschrieben und eine enorm hohe Rückmeldung erhalten. Das war eine tolle Erfahrung."

"Schnecken-Tag" in der Adolf-Kußmaul-Schule

Allerdings muss jede Stunde einzeln bei der Schulverwaltung beantragt werden, und laut Otmar Winzer setzt Politik und Verwaltung mehr auf die "billigen Arbeitsplätze mit 400-Euro-Jobs als auf das pädagogische Fachpersonal". Es werde an verantwortlicher Stelle immer noch nicht erkannt, dass auch die außerunterrichtlichen Angebote pädagogisch wichtig seien. "Es ist ein Dauerauftrag, um die Ressourcen zu kämpfen - bei der Kommune wie beim Land." Für die Ganztagsschule gebe es wöchentlich auch nur eine Leitungsstunde zusätzlich vom Land. "Da müssen wir schon mit Herzblut dabei sein", sagt der Rektor.

Trotz dieser Widrigkeiten müsse und wolle man anderen Grundschulen dennoch Mut machen, sich ebenfalls auf den Weg zur Ganztagsschule zu wagen. "Bei zurückgehenden Schülerzahlen und immer mehr leer stehenden Schulräumen gab es noch nie so gute Startchancen für Umgestaltung, Individualisierung, Förderung unter anderem wie heute", findet Otmar Winzer.

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