Grundschule am Hollerbusch: Optimale Bedingungen für das Lernen

Die Berliner Grundschule am Hollerbusch ist eine ungewöhnliche Kooperation eingegangen: Mit der Grundschule Eisenberg in Rheinland-Pfalz bildet sie eine Bildungspartnerschaft, über Bundesländergrenzen hinweg. Die Schwerpunktschule aus Hellersdorf kann viele Erfahrungen, etwa der Gesundheitserziehung sowie der Integration von Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf, einbringen.

Drei Kinder sitzen oder liegen lesend auf Gymnastikbällen

Sie ist offen für neue Ideen, besonders aber hat sie offene Türen für Besucher: Es ist nicht zufällig die Grundschule am Hollerbusch in Berlin-Hellersdorf, die in diesem Jahr in das ungewöhnliche Projekt einer Schulkooperation über zwei Bundesländer hinweg eingestiegen ist. "Gegenseitiges Besuchen ist mehr wert als jede Fortbildung", ist die Erfahrung von Schulleiterin Karin Ronneberger. "Die Zusammenarbeit mit der Grundschule Eisenberg in Rheinland-Pfalz wird toll werden: Wir werden gemeinsame Studientage abhalten und uns gegenseitig zu Fortbildungen einladen."

Diese Kooperation hatte sich durch eine Begegnung auf der Abschlussveranstaltung des vom BMBF geförderten Forschungsprojekts "LUGS - Lernkultur und Unterrichtsentwicklung in Ganztagsschulen" im September 2009 an der Technischen Universität Berlin angebahnt. Karin Ronneberger fiel bei der Präsentation der Grundschule Eisenberg eine Gemeinsamkeit auf: Auch diese Ganztagsschule hat einen Schwerpunkt ihres Schulprogramms in der Gesundheitserziehung. Dem ersten Austausch in Berlin folgten gegenseitige Besuche. Eine langfristige Kooperation soll aufgebaut werden.

Kinder spielen mit einer großen Plane

540 Schülerinnen und Schüler lernen in der vierzügigen Grundschule am Hollerbusch. "Wir haben nie Probleme gehabt, genügend Kinder für die Eingangsklassen zu finden", meint die Schulleiterin, die der Schule seit 1990 vorsteht. Das liegt auch an dem guten Ruf, den sich die Schule über die Jahre erarbeitet hat. Die pädagogische Konzeption und das detaillierte Schulprogramm zeugen von der systematischen Arbeit, welche Karin Ronneberger und ihr Team von derzeit 36 Lehrerinnen und Lehrern sowie 27 Erzieherinnen und Erziehern schon vor langer Zeit gestartet haben. "Bei Leistungsvergleichen zwischen den Berliner Grundschulen liegen wir immer über dem Durchschnitt, worauf wir stolz sind."

Weniger Stress durch Bewegungspausen

Um so mehr verdient das Anerkennung, als die Ausgangssituation auf Grund des Einzugsgebietes für die Schule nicht einfach ist: 60 Prozent der Kinder, so die Schulleiterin, kommen aus sozial benachteiligten Familien. Die Schule integriert außerdem auch Kinder  mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Manchmal fehlt es bei den Einschulungskindern noch an basalen Fähigkeiten. "Wir müssen manchmal noch Sachen lehren, die eigentlich in den Kindergarten gehören", berichtet Silvia Radoi, Koordinatorin für die Integrationsschüler, die ebenfalls seit Beginn der Schule 1990 dabei ist. "Zu Schuljahresbeginn braucht man gut drei Monate, bis alle Schülerinnen und Schüler auf einem annähernd gleichen Niveau angekommen sind."

Schüler und schülerinnen arbeiten an einem Tisch

Bereits 1996 beschloss das Kollegium einstimmig, Phasen der Bewegung, Wahrnehmung und Entspannung regelmäßig in den Schulalltag zu integrieren. Die Schülerinnen und Schüler sollten dadurch mehr Freude am Lernen erhalten, sich besser konzentrieren können, weniger Stress erleben und erfolgreicher arbeiten - was wiederum auch den Lehrerinnen und Lehrern und den außerschulischen Pädagoginnen und Pädagogen zu Gute kommt.

Diese Bewegungs- und Entspannungspausen sind inzwischen nur noch ein Baustein im Bemühen um die Ausprägung eines umfassenden Gesundheitsbewusstseins. "Unsere Kinder sollen auf krank machende Umwelteinflüsse oder eigenes Fehlverhalten aufmerksam werden und in der Lage sein, selbst angemessen darauf zu reagieren", lautet ein Ziel im Schulprogramm.

Gesundheitsprojekte sind ein Standbein der Schule

Bewegung, Wahrnehmung und Entspannung, die Vermittlung von rückenspezifischen Kenntnissen und Bewegungsabläufen, dynamisches Sitzen, Gesundheitsprojekte und Schulhaus- sowie Schulhofgestaltung sind die Schwerpunkte der Gesundheitserziehung an der Grundschule am Hollerbusch.

Während des Schultags, auch während des Unterrichts, gibt es für die Schülerinnen und Schüler zum Beispiel Bewegungsspiele, Atemübungen, Phantasiereisen, Musikentspannungen und Massagen. Diese Aktivitäten werden durch die Angebote der Psychomotorikstation, der Schulstation und der Kletterburg ergänzt. In der Schulstation finden Kinder, die Hilfe bei Problemen in der Schule oder zu Hause brauchen, bei Erzieherinnen Gehör. Der Raum dient aber auch Schülerinnen und Schülern, die Schwierigkeiten beim Lernen haben. Im Psychomotorikraum lernen die Kinder, sich zu konzentrieren oder zu entspannen. Probleme in der Fein- und Grobmotorik können durch psychomotorische Übungen behoben werden. Die Kletterburg bietet vor allem den jüngeren Schülern neue Spiel- und Bewegungsmöglichkeiten.

Schon ab der 1. Klasse lernen die Schülerinnen und Schüler im Sportunterricht rückenfreundliche Übungen kennen. Im Sachkundeunterricht werden Zusammenhänge der Anatomie und Physiologie des Stütz- und Bewegungssystems sowie rückenfreundliche Verhaltensweisen anschaulich gemacht. Im Rahmen der Projektkurse und des Wahlunterrichts können die Kinder an einer Rückenschule teilnehmen. Alle Schülerinnen und Schüler sitzen - ebenso wie die Lehrkräfte - auf rückenfreundlichen Stühlen, auf denen sie verschiedene Sitzhaltungen einnehmen können. Sie können auch auf Physiobällen sitzen.

Zwei Kinder schaukeln an einem Seil

Jede Klasse führt jährlich mindestens ein Gesundheitsprojekt mit altersspezifischen Inhalten durch. In der 1. Jahrgangsstufe lautet das Thema zum Beispiel "Iss mit - bleib fit", in der 4. Klasse "Vom Brot zum Korn", während sich die Fünft- und Sechstklässler mit "Suchtprävention und Rauchen" auseinander setzen. Die Mitglieder der Schulhofgestaltung-AG kontrollieren den Zustand des Schulhofs, halten den Kontakt zum Grünflächenamt sowie anderen öffentlichen Einrichtungen und organisieren die Pflege durch die Schülerinnen und Schüler.

Offen für Besucher

Seit 2006 nimmt die Schule am Landesprogramm "Gute gesunde Schule" teil. Sie erhielt für ihre vielfältigen Anstrengungen bereits 2004 den Deutschen Präventionspreis des Bundesministeriums für Gesundheit. In der Laudatio damals hieß es: "Auch wenn die Schule vieles allein mit dem Engagement aller Beteiligten geschafft hat, so hat sie sich nicht nach außen abgeschottet, sondern pflegt regen Austausch mit anderen Schulen und beteiligt sich an Förderprogrammen und kooperiert vielfältig mit außerschulischen Partnern, die sie in ihrer Entwicklung unterstützen können."

Dies gilt bis zum heutigen Tag. "Wir werden zu Kongressen eingeladen und haben sogar viele ausländische Delegationen zu Gast in unserer Schule", berichtet Karin Ronneberger. "Bei uns kursiert der Spruch, dass alle Holländer mal bei uns in der Schule gewesen sein müssen. Wir werden auch zu Kongressen eingeladen." Besonders schön sei aber, dass die Bemühungen um den Abbau von Stress tatsächlich Auswirkungen haben: "Wenn wir Schülerinnen und Schüler von anderen Schulen übernehmen, beispielsweise nach Fusionen, dann können wir am Lautstärkepegel hören, welche die neuen Kinder sind", schildert die Schulleiterin. "Manchmal sind wir mit Disziplinschwierigkeiten konfrontiert worden, die wir gar nicht mehr kannten."

Regal mit Spielmaterialien

Die Grundschule am Hollerbusch nimmt auch am SEIS-Programm (Selbstevaluation in Schulen) teil und ist Mitglied im europäischen Bildungsprojekt COMENIUS, durch welches sie mit Schulen anderer europäischer Städte gemeinsam an Projekten arbeitet und in Erfahrungsaustausch tritt. In diesem Jahr hat die Grundschule am Hollerbusch zusammen mit der Grundschule Eisenberg - die dem Beispiel der Berliner gefolgt und kürzlich COMENIUS-Schule geworden ist -, der Volksschule Johannes Messner aus Österreich, der Basisschool Kerensheide aus den Niederlanden und mit der Balingnasskolan aus Schweden einen COMENIUS-Antrag auf die zweijährige Förderung des Projektes "Durch Gesundheitsförderung gute Schule gestalten" gestellt.

Von der offenen zur gebundenen Ganztagsschule

Im Schuljahr 2003/2004 hat die Grundschule am Hollerbusch den gebundenen Ganztag eingeführt. Bei der zunächst eingeführten offenen Ganztagsschule hatten laut Silvia Radoi ausgerechnet viele der Kinder, die eine zusätzliche Förderung gut hätten brauchen können, das Angebot nicht wahrgenommen. Den gebundenen Ganztag nutzt die Schule, um Zeit für zusätzliche Förderung zu gewinnen. Die Schulstunden wurden dabei auf einen 40-Minuten-Rhythmus umgestellt.

Mit den jeweils eingesparten fünf Minuten finden nun einmal in der Woche ein zweistündiger Teilungsunterricht in der 1. und 2. Klasse für die Englisch-Förderung und frei wählbare Projektkurse in der 3. und 4. Klasse statt. Das Angebot ist breit gefächert: Kunst, Sport, Biologie, Experimente, Spielen, Keramik oder Theater sind darunter. In der 5. und 6. Jahrgangsstufe setzt die Schule die Zeit für Leistungskurse in Deutsch, Englisch und Mathematik ein: Hier wird klassenübergreifend in leistungshomogenen Gruppen gelernt.

"Die gute Mischung macht's!"

Die Pädagoginnen und Pädagogen kümmern sich um die kognitiven Lernfortschritte der Schülerinnen und Schüler. Ein besonderes Augenmerk gilt Lese-, Rechtschreib- und Rechenproblemen: "Wir haben in den letzten Jahren beobachtet, dass diese immer häufiger auftreten", berichtet Silvia Radoi. "Wir bemühen uns, Probleme so früh wie möglich zu erkennen, um mit besonderen Übungen die Kinder gezielt fördern zu können. Dazu haben die Kolleginnen und Kollegen unserer Schule spezielle Fortbildungen besucht." Bei der Förderung von Kindern mit Rechenschwierigkeiten geht es insbesondere um das Erfassen von Mengen mit allen Sinnen. Die Schüler werden dann Schritt für Schritt zur Abstraktion geführt. Auch das geometrische Vorstellungsvermögen wird geschult. Die Schülerinnen und Schüler lernen mit viel Anschauung in spielerischer Weise und in kleinen Gruppen, sodass ein Lernerfolg sichtbar wird.

Kinder in einem abgedunkelten Raum auf Matratzen

In der Lernwerkstatt werden Schüler angeregt, selbstständig zu experimentieren und den physikalischen Phänomenen auf den Grund zu gehen. Ansonsten setzt die Grundschule hauptsächlich auf den klassischen Frontalunterricht. "Freies Lernen mag gut sein, aber unserer Ansicht nach kann er nur auf dem Frontalunterricht andocken, der die Basis bildet", erklärt Karin Ronneberger. "Die gute Mischung macht es einfach aus."

Auch der Tagesablauf ist nicht revolutionär durcheinander gewürfelt. "Die Kinder sind vormittags einfach frischer, daher findet am Morgen der Unterricht statt und nachmittags die Arbeitsgemeinschaften", so die Rektorin über den Tagesablauf von 7.30 Uhr bis 16.00 Uhr. Skeptisch stehen Schulleitung und Kollegium der altersgemischten Schuleingangsphase gegenüber. "Mir kann niemand erklären, dass die schwächeren Schüler dabei nicht auf der Strecke bleiben, wenn man nicht ausreichend Personal zur Verfügung hat."

Die Grundschule am Hollerbusch hat im vergangenen Jahrzehnt rasant viele Neuerungen eingeführt und manches modifiziert. Jetzt sieht Karin Ronneberger Zeit für eine Atempause gekommen: "Noch mehr zu machen, ist eigentlich nicht möglich." Aber nach dem zermürbenden Hin und Her des Jahres 2008, als wegen Personalknappheit die gebundene Ganztagsschule auf der Kippe stand, die auch durch den Einsatz des Stadtrats gerettet werden konnte, ist das Kollegium neu motiviert. Die Kooperation mit der Grundschule Eisenberg hat das Innovationssegel wieder unter Wind gesetzt. Als nächstes soll die Portfolio-Arbeit eingeführt werden. "Das ist interessant für uns, und die Grundschule Eisenberg hat damit bereits viel Erfahrung gesammelt", so Karin Ronneberger.

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