Sprechen wir im Ganztag die gleiche Sprache?

"Ich hasse Lesen!" Manche Schüler sind auch in Sachen Lesen Totalverweigerer. Welche Wege man gehen kann, leseschwache oder leseunwillige Jugendliche für die Literatur zu gewinnen, wie man die Zeitung im Unterricht effektiv einsetzt und worauf man achten sollte, wenn das Aufgabenverständnis nicht an sprachlichen Klippen scheitern soll, thematisierte eine Fachtagung am 30. März 2011 am Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM) im brandenburgischen Ludwigsfelde.

Gruppenfoto von Schülerinnen und Schülern mit Zeitungen in der Hand
Zeitungen kommen durch verschiedene Projekte in die Schulen

Eine Grundschullehrerin übt mit ihrer Klasse das Dividieren. Mit Hilfe von Äpfeln und Bananen lernen die Schülerinnen und Schüler, Mengen zu teilen. Am Ende der Schulstunde gibt die Lehrerin die Hausaufgabe auf: "Zu Hause sollt ihr wieder teilen, aber diesmal nicht mit Obst, sondern mit Zahlen. Zur nächsten Stunde möchte ich von euch wissen, was acht geteilt durch zwei ist."

In der nächsten Stunde fragt die Lehrerin die Klasse nach der Lösung. Fast alle Hände schnellen in die Höhe: "Vier, vier", schallt es in den Klassenraum. "Vier ist die richtige Lösung", bestätigt die Lehrerin. Da bemerkt sie Paul, der still an seinem Tisch sitzt und den Tränen nahe scheint. "Was ist denn los, Paul?", fragt die Lehrerin. "Hast Du ein anderes Ergebnis raus?" Paul nickt. "Wie lautet denn Deine Lösung?" Der Junge bringt es mühselig heraus: "Drei." Bei den Klassenkameraden bricht Gelächter aus. "Wie bist Du denn auf drei gekommen?", fragt die Pädagogin. Paul erklärt: "Sie haben gesagt, wir sollen die Zahl acht teilen. Ich habe die Acht aufgemalt und mit einer Schere in zwei Teile geschnitten. Und heraus kam die Drei."

Hätte die Lehrerin nicht nachgehakt, wie Paul zu seinem falschen Ergebnis gekommen war, hätte sie vermutlich eine Rechenschwäche als Ursache für die Fehlkalkulation unterstellt. Stattdessen stellt sich heraus, dass Paul die Aufgabenstellung einfach wörtlich genommen hat. In diesem Kontext ist er zu einem persönlich richtigen Ergebnis gekommen. Die Aufgabe bildet ein gutes Beispiel für die Tücken der Sprache und des Verständnisses an Stellen, an denen eine Lehrkraft sie nicht vermutet, sie aber weitreichende Wirkungen verursachen können.

Sprache als Quelle aller (Miss)Verständnisse

So skurril die Situation zu sein scheint, sie ist beileibe kein Einzelfall, wie Tanja Tajmel auf der Fachtagung "Sprechen wir im Ganztag die gleiche Sprache? - Sprach- und Leseförderung im Ganztag" am 30. März 2011 im LISUM in Ludwigsfelde darlegte. Der Arbeits- und Forschungsschwerpunkt der wissenschaftlichen Mitarbeiterin der Berliner Humboldt-Universität liegt in der Sprachförderung im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich. Wie sehr Sprache den Bildungserfolg von Schülerinnen und Schülern beeinflusst, konnte Tanja Tajmel anhand simpler Aufgabenstellungen in Mathematik und den Naturwissenschaften eindrucksvoll zeigen.

Arbeit in der Schule des Lebens in Rüdersdorf

Die Sprache als Quelle aller (Miss)verständnisse - in der Schule ist dieser Grat besonders schmal, da laut der Wissenschaftlerin "die Unterrichtssprache oft nicht altersgemäß und nicht die Alltagssprache ist". Für viele Schülerinnen und Schüler sei die Unterrichtssprache zudem noch nicht einmal die Herkunftssprache. Die jeweiligen sprachlichen Kontexte seien für die Kinder und Jugendlichen oft neu. "Die Schüler können Beobachtungen häufig nicht versprachlichen", erklärte Tanja Tajmel, "und sie wissen nicht, wie man Meinungen, Vermutungen und Fragen formuliert."

Selbst ein Fach wie die Mathematik erfordert aber ein gewisses sprachliches Verständnis, wie der Blick in einen Rahmenlehrplan der Sekundarstufe I offenbart: Dort ist vom Reflektieren, Erläutern, Wiedergeben mit eigenen Worten, Dokumentieren und Präzisieren mit geeigneten Fachbegriffen die Rede.

Das Wort "welche" als Stolperstein

Ein weiterer Blick in so manches Physikbuch der Sek I zeigt darüber hinaus, dass sich die Texte in Aufbau und Schwierigkeitsgrad kaum von analog gestellten Aufgaben im Universitätsstudium unterscheiden. "Sie sind teilweise sogar schwieriger", beklagte Tanja Tajmel. "Die Empathie in der Sprache dieser Texte ist gleich null, was sie von Aufgaben in der Grundschule unterscheidet, die durch ihre anschauliche Sprache verständlicher sind."

Dabei reichen bereits kleine Stolpersteine im Text einer Aufgabe, um die Schülerinnen und Schüler scheitern zu lassen. Eine Studie habe nachgewiesen, dass schon fünf Prozent nichtverstandener Wörter dazu führen können, dass die gesamte Aufgabe nicht richtig verstanden und damit falsch gelöst wurde. So leitete das Fragewort "welche" in einem Fall Schülerinnen und Schüler in die Irre. In einer Mathematikaufgabe wurde nach einer Streckenlänge gefragt: "Welche Strecke legt der Förderkorb zurück?", was die Jugendlichen indes als die Frage nach verschiedenen Streckenoptionen missverstanden: Diese oder eine andere Strecke? Das Wort "welche" wird in der Alltagssprache der Schülerinnen und Schüler nicht wie in der Aufgabe verwendet.

Abgesehen von verständlicher formulierten Schulbuchtexten, für welche die Verlage in der Pflicht stehen, können Lehrerinnen und Lehrer durch verknüpfte Lese- und Schreibaufgaben Missverständnisse vermeiden und die Sprach- und Lesekompetenzen ihrer Schülerinnen und Schüler verbessern helfen. Eine Methode ist es, die Kinder und Jugendlichen ihren Lösungsweg zunächst mündlich erklären zu lassen. Diese Erklärungen können dann von den Schülerinnen und Schülern schriftlich formuliert werden, wobei die Lehrkraft neue Formulierungen und sprachliche Mittel einbringt, welche dann in die Schülertexte integriert werden. "Da bietet die Ganztagsschule eine große Chance, die Schülerinnen und Schüler mehr schreiben und lesen zu lassen", betonte Tanja Tajmel. "Es gibt auch mehr Zeit zum Hören, Sprechen und Unterhalten."

Zehn Minuten in der Zeitung blättern

Durch Übungen zum Wortschatz oder mit Schlüsselworttabellen, in denen die Kinder und Jugendlichen unter anderem zu einzelnen Wörtern Assoziationen, Synonyme, Oberbegriffe und Wortspiele finden, verbessern sie ihren Zugang zur Sprache. Neben der expliziten Sprachförderung ermögliche die Ganztagsschule implizite Sprachförderung beispielsweise durch Rollenspiele.

Schülerinnen und Schüler lesen an einem langen Tisch in Zeitungen

Natürlich fördert besonders Lesen das Gefühl und Gespür für die Sprache. Doch die Gruppe der "adolescent struggling readers", also der zwölf- bis 18-jährigen Leseverweigerer, wie sie in einer Studie der Universität Lüneburg 2009 untersucht wurden, ist für das Lesen nur sehr schwer zu gewinnen. Besonders Dr. Susann Zschieschang weiß davon zu berichten. Sie ist Leiterin der "Schule des Lebens" im brandenburgischen Rüdersdorf, einer Schule für Schulverweigerer, die laut eigenen Aussagen nur lesen, "wenn ich es muss", Lesen "hassen" und manchmal keinen einzigen Buchtitel benennen können.

In einem Workshop auf der Tagung des LISUM und der bei "kobranet - Kooperation in Brandenburg" angesiedelten Serviceagentur "Ganztägig lernen" Brandenburg berichtete Dr. Zschieschang von ihren Methoden, "schwache Leser" im Lesen zu stärken. Eine Voraussetzung besteht darin, überhaupt erst einmal eine Berührung mit Literatur herbeizuführen. In der "Schule des Lebens" konnten durch Spenden Zeitschriften wie "GEO" oder "Natural Geographic" abonniert werden. Jeder Schüler erhält zudem eine Tageszeitung, die morgens auf seinem Platz liegt. "Die Jugendlichen können darin zehn Minuten lang blättern", erläutert die Schulleiterin. "Wir geben nicht vor, was sie lesen sollen - jeder kann lesen, was er möchte. Und wenn sich einer nur die Bilder ansehen möchte, ist das auch in Ordnung."

Theaterstück als Türöffner

Den wahren Einstieg ins Lesen verschafft aber seit vielen Jahren der Besuch eines Theaterstücks in der ersten Woche des Deutschunterrichts. Bei dem Stück "Eins auf die Fresse" kommt die von Tanja Tajmel in ihrem Referat erwähnte Alltagssprache zum Zuge: "Die Jugendlichen, von denen viele zum ersten Mal in ihrem Leben ein Theater besuchen, sehen auf der Bühne Dinge, die sie aus ihrem eigenen Leben kennen", berichtete Susann Zschieschang. "Sie sind sehr aufmerksam, und wenn wir dann in der Schule aus dem Stück lesen, reißen sie sich darum, in verteilten Rollen mitzumachen."

Logo des Projekts "Zeitung in der Schule"

Ebenso funktioniert die Arbeit mit dem Buch "Du bist doch nur noch zugekifft" - auch hier hilft die Alltagsnähe, weil der Pädagogin zufolge "das an unserer Schule ein großes Thema" ist. Das Buch helfe den leseschwachen Jungen auch durch die große Schrift auf den Seiten.

Den Bogen weiter spannt das Projekt "Auf der Suche nach Brecht". Die Schüler lernen den Autor Bertolt Brecht, dessen einfache Sprache sie sehr anspreche, wie Susann Zschieschang erfahren konnte, durch das Lesen von Ausschnitten aus seinen Werken und Gedichten kennen. In einer Stadtrallye suchen sie Orte in Berlin auf, an denen Brecht gelebt und gearbeitet hat. Bei der Rallye begleitet die Schulleiterin ihre Schüler, die sie aber nicht um Rat fragen dürfen, sondern sich an Passanten wenden müssen, wenn sie an einer Station einmal nicht weiter wissen. Das stärkt zugleich auch die Sozialkompetenz. "So eine Stadtrallye ist besonders gut für diejenigen, die sich mit Stillsitzen und Konzentrieren schwer tun", meint Susann Zschieschang.

Kritischer Blick auf die Medien

Das Lesen wird eingebettet in Themen, nicht in Schulfächer. Die Expeditionen in die Arktis und die Antarktis werden beispielsweise unter dem Titel "Die Eroberung der Pole - ein spannender Kampf" fächerübergreifend behandelt, wobei die Schüler in Freiarbeit Informationen sammeln und ihre Arbeiten in Fördermappen zusammen stellen. In diesem Rahmen können sie dann auch aus einem anspruchsvollen Text wie Stefan Zweigs "Kampf um den Südpol" vorlesen.

Schüler trägt eine zusammengefaltete Zeitung in der hinteren Hosentasche

Nicht nur für Leseverweigerer, sondern auch für die Durchschnittsklasse ist die Beschäftigung mit der Tageszeitung ein sinnvoller Baustein der Leseförderung. Dorit Köhn, Deutschlehrerin am Gymnasium Perleberg, stellte Möglichkeiten vor, durch Materialien wie "Die Zeitung entdecken", welche von Tageszeitungen den Schulen zur Verfügung gestellt werden, verstärkt in eine kritische Medienbetrachtung einzusteigen. "Ob die Motive der Verlagshäuser nun darin bestehen, dass sie zukünftige Leserinnen und Leser rekrutieren wollen, ist mir herzlich egal, solange ich mehrmals die Woche kostenlos eine Zeitung erhalte, mit der die Schülerinnen und Schüler arbeiten können", meinte die Pädagogin.

Die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 4 bis 7 werden durch die Broschüre "Die Zeitung entdecken" angehalten, Schlagzeilen zu suchen, Artikel zu lesen und wiederzugeben, Schlüsselwörter zu identifizieren, Fachwörter zu suchen und zu erklären, Nachrichten und die W-Fragen zu stellen oder Bildunterschriften zu formulieren.

Zusätzlich lernen sie die Medien und deren Arbeitsweise kennen und kritisch zu hinterfragen. Auch hier spielt die Alltagskompatibilität eine Rolle: "Man muss die Schülerinnen und Schüler auch mal mit Themen wie 'Deutschland sucht den Superstar', 'Dschungelcamp' oder der BILD-Zeitung abholen", befand Dorit Köhn. "Meine Schülerinnen und Schüler sind zum Beispiel dem Vorwurf, eine Kampagne der BILD-Zeitung habe eine DSDS-Wahl beeinflusst, nachgegangen. Dabei lernten sie auch etwas über die Arbeitsweise der Zeitung." Programme wie "Zisch - Zeitung in der Schule" liefen bundesweit und sollten von den Schulen genutzt werden, empfahl die Deutschlehrerin ihren Zuhörerinnen und Zuhörern.

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