Zwischen den Schuljahren: Hieberschule Uhingen

In unserer diesjährigen Sommeraktion halten Schulleiterinnen und Schulleiter Rückschau auf das abgelaufene Schuljahr und blicken voraus auf das kommende. Im ersten Teil der Reihe erzählt Jürgen Groitzsch von der Hieberschule, einer Grund-Haupt- und Realschule im baden-württembergischen Uhingen im Landkreis Göppingen, von selbstbewussten Schülern, engagierten Schulsozialarbeitern und der mühsamen Abkehr von der "gefühlten Halbtagsschule".

Zwei Schulkinder arbeiten in einem Gartenbeet

Online-Redaktion: Herr Groitzsch, was ist für Sie das Prägende des abgelaufenen Schuljahres?

Jürgen Groitzsch: Die Hauptveränderung im letzten Jahr ist sicherlich unser Neubau, den wir im Zuge des Ausbaus der Ganztagsschule erhalten haben. Der Bau hat 2,2 Millionen Euro gekostet, was Land und Kommune gemeinsam aufgebracht haben. Wir hatten den Wunsch nach mehr Platz geäußert, weil wir nach den Jahrgängen 1 und 5 bis 9 in drei Jahren in allen Klassenstufen von 1 bis 9 Ganztagsklassen einrichten wollen.

Für uns ist die Schule nicht nur eine Belehrungs- und Betreuungsinstitution, sondern wir sehen sie als Lebenswelt. Wir können die Kinder nur guten Gewissens den ganzen Tag in der Schule betreuen, wenn sie auch einen angemessen Raum zur Entfaltung und zum Rückzug erhalten. Wir bieten ihnen Chill-Zonen und einen Underground, in dem sie spielen können. Man kann auch die unterschiedlichen Altersgruppen nicht alle in einen Raum sperren, denn dafür sind die Interessen zu unterschiedlich. Klassenzimmer, in denen man zuvor fünf Stunden gelernt hat, sind für diese Aktivitäten nicht geeignet, sondern wir benötigten Räume, die entsprechend ausgestattet sind und die von den Schülerinnen und Schülern auch gestaltet werden konnten. Deshalb war der Neubau zwingend notwendig.

In dem Architektenwettbewerb hatten wir dann ein Mitspracherecht. Jetzt statten wir gerade eine Lernwerkstatt von 150 qm aus, die für differenzierende Angebote genutzt werden kann. Die Rahmenbedingungen sind jetzt richtig gut.

Online-Redaktion: Wie werden die Ganztagsklassen angenommen?

Groitzsch: Als wir im letzten Jahr in der 1. Jahrgangsstufe eine Ganztagsklasse einführen wollten, hatten wir großen Sorgen, ob eine entsprechende Nachfrage da sein würde. Wir hatten in den Kindergärten zwar versucht, den Bedarf abzufragen - und dort zeigte ein Drittel der Eltern Interesse und ein Drittel noch unentschlossen -, aber ob es letztlich für eine Klasse reichen würde, war uns nicht klar. Doch der Start ist uns mit der Einrichtung der Klasse gelungen.

Ein Lehrer und vier Schüler sitzen zum Essen gemeinsam an einem Tisch und prosten einander zu.

Online-Redaktion: Welche Motive haben die Eltern, die ihre Kinder für die Ganztagsschule anmelden?

Groitzsch: Unsere Umfrage unter den Eltern zeigt, dass etwa die Hälfte Beruf und Familie vereinbaren will. Die andere Hälfte lässt sich von der Qualität unseres Angebots überzeugen, für das wir auf Informationsabenden oder in der lokalen Presse werben. Wir legen den Eltern dar, dass ihre Kinder mehr davon haben, wenn sie die Nachmittage bei uns verbringen.

Online-Redaktion: Haben Sie einen Beleg dafür, oder ist das Ihr Bauchgefühl?

Groitzsch: Mit einer Evaluation können wir die Wirksamkeit der Ganztagsschule hinsichtlich des Lernfortschritts und des sozialen Lernens nicht belegen. Aber wenn wir den Jahrgang 9 sehen, der jetzt als erster Jahrgang mit einer Ganztagsklasse, die seit dem Start der Ganztagsschule 2004 eingerichtet war, die Schule verlassen hat, konnte man den Erfolg sehen. Diese Schülerinnen und Schüler haben Aufgaben als Schulsanitäter übernommen, sich als Streitschlichter ausbilden lassen und als AG-Leiter engagiert haben. Bei der Verabschiedung des Jahrgangs haben diese Jugendlichen ihr eigenes Programm moderiert - selbstsicher, sprachlich korrekt und in einer positiven Grundstimmung. Und auffällig ist, dass diese Kinder alle eine Ausbildungsstelle erhalten haben.

Online-Redaktion: Sie glauben also, dass die Ganztagsschule die Persönlichkeit der Kinder gestärkt hat?

Groitzsch: Das glaube ich nicht nur, da bin ich mir ganz sicher.

Online-Redaktion: Ihre Raumsituation ist gut - wie sieht es mit dem Personal aus?

Groitzsch: Die ersten beiden Jahre ist die Ganztagsschule in den Klassen 5 und 6 rein von den Lehrerinnen und Lehrern bestritten worden. Sie haben aus Überzeugung und Engagement mit unbezahlter Mehrarbeit die Mittagsbetreuung übernommen. Die zugewiesenen Lehrerstunden haben nicht ausgereicht. Aber bei einer Ausweitung der Ganztagsschule auf zusätzliche Jahrgangsstufen war klar, dass das so nicht mehr zu stemmen sein würde.

Wir sind deshalb mit entsprechenden Forderungen an die Gemeinderäte getreten - und gehören heute sicherlich zu dem im Landkreis Göppingen am besten ausgestatteten Schulen. Wir haben eine volle Schulsozialarbeiterstelle, zwei weitere Diplom-Sozialpädagogen, die als Freizeitpädagogen arbeiten und eine Erzieherin -insgesamt 2,4 Stellen. Die Pädagogen kommen aus einer Kooperation mit dem SOS-Kinderdorf-Verband. Mir war wichtig, dass diese professionelle Anbindung an eine Institution besteht, die über Erfahrung in der Schulsozialarbeit verfügt.

Online-Redaktion: Arbeiten Lehrerinnen und Lehrer weiterhin im Nachmittagsbereich mit?

Groitzsch: Als die Vollzeitstellen für die außerschulischen Pädagogen genehmigt waren, machte sich im Kollegium kurz die Stimmung breit: `Hoppla, jetzt können das ja die Sozialarbeiter machen.` Die Lehrerinnen und Lehrer haben sich wieder auf ihren Unterricht zurückgezogen. Das hat mir gar nicht gefallen, denn unsere Schule kann nur funktionieren, wenn sich die Kollegen im hohen Maße mit dem Ganztagsschulgedanken identifizieren und entsprechend jenseits des Pflichtunterrichts eingebunden sind. Jeder Kollege, der in einer Ganztagsklasse unterrichtet, isst mindestens einmal in der Woche in der Mensa und bietet ein Angebot an, das kein klassisches Unterrichtsfach ist.

Online-Redaktion: Gibt es einen regelmäßigen Austausch des Kollegiums mit den Pädagogischen Partnern?

Groitzsch: Ein Schulsozialarbeiter nimmt immer an unseren Konferenzen teil. Darüber hinaus nehmen die drei an Kollegiumsfortbildungen teil. Wir sind gerade beispielsweise gemeinsam auf einer zweitägigen Tagung gewesen. Sie haben bei der Arbeit an unserem Leitbild teilgenommen, sind eigentlich voll eingebunden. Zum Beispiel geht die Schulsozialarbeiterin auch in die Klassen rein: Sie hat die Lehrer für die Streitschlichter und für den Klassenrat ausgebildet, und begleitet Klassen, in denen die Stimmung schwierig ist, über Wochen.

Porträtfoto von Sozialarbeiterin Sarah Scherer

Man muss konstatieren, dass es einige Zeit gebraucht hat, bis sich das Kollegium daran gewöhnt hat, dass hier fremde Leute im Schulhaus herumspazieren. Nun funktioniert das Zusammenspiel nicht zuletzt dank der Professionalität unserer Schulsozialarbeiterin.

Online-Redaktion: Innerhalb der Schule sind Sie also gut vernetzt. Wie sieht es mit den Außenkontakten im Sinne einer Lokalen Bildungslandschaft aus?

Groitzsch: Das ist in unserem Umfeld noch wenig entwickelt. Man beobachtet es in Nachbargemeinden, aber für uns würde ich da die Schulaufsicht in der Verantwortung sehen, die Partner zueinander zu bringen.

Online-Redaktion: Welche Baustellen müssen Sie im kommenden Schuljahr bearbeiten?

Groitzsch: Wir stehen eigentlich noch am Anfang des Prozesses: 20 bis 30 Prozent des Kollegiums sind in der Ganztagsschule engagiert. Wir brauchen noch mehr Lehrkräfte, die sich mit diesem Angebot identifizieren und sich dort einbringen. Zum Beispiel müssen wir einen kontinuierlichen Austausch mit unseren ehrenamtlichen Kräften zu Stande bringen. Es reicht nicht, einen Rentner für ein Angebot zu engagieren und ihn dann einfach machen zu lassen. Diese Leute haben einen hohen Betreuungsbedarf und müssen sich austauschen können. Wir müssen ihnen auch ein Zugehörigkeitsgefühl vermitteln, auch wenn sie vielleicht nur zwei Stunden in der Woche hier sind.

Auf organisatorischer Seite ist unsere größte Herausforderung die Überführung der Klassen 5 bis 7 in die gebundene Form. Es war gut, dass wir nicht gleich mit dieser Form eingestiegen sind, weil wir extrem viel korrigieren und lernen mussten. Aber uns ist klar, dass unsere Schülerklientel diese Form braucht.

Online-Redaktion: Die inzwischen am häufigsten genannte Herausforderung an schon länger bestehenden Ganztagsschulen ist die Rhythmisierung des Tages. Wie ist es darum an Ihrer Schule bestellt?

Groitzsch: Das ist auch für mich persönlich die größte Baustelle. Da schöpfen wir noch lange nicht alle Möglichkeiten aus, sondern kleben noch immer zu sehr an den Strukturen der Halbtagsschule mit Vormittagsunterricht und Nachmittagsbetreuung. Das Gesamtpaket müsste hier besser geschnürt werden.

Aber wir sind an dem Thema dran: Demnächst wird sich eine Kollegin auf einer eigens eingerichteten Funktionsstelle um die inhaltliche und organisatorische Weiterentwicklung der Ganztagsschule kümmern. Dazu bemüht sich auch unser Ganztagsschulteam, das aus Lehrkräften, Eltern, Sozialarbeitern und Kooperationspartnern ebenfalls um eine Weiterentwicklung der Ganztagsschule.

Online-Redaktion: Welche Veränderungen schweben Ihnen darüber hinaus vor?

Groitzsch: Einmal die Woche können die Schülerinnen und Schüler abseits von den Arbeitsgemeinschaften ganz frei an verschiedenen Lernwerkstätten wie Technik, Tanz oder Keramik teilnehmen. Ich würde am Nachmittag gerne noch mehr dieser freiwilligen Angebote machen können.

Im Unterrichtsbereich möchte ich vom lehrerzentrierten Unterricht stärker in freie Lernphasen mit eigenen Lernplänen kommen - zur Stärkung der Selbstständigkeit und Eigenverantwortung der Schülerinnen und Schüler. Der Aufbau unserer Lernwerkstatt ist ein Schritt in diese Richtung. Dazu müssen aber auch noch die Kolleginnen und Kollegen von diesen Arbeitsformen überzeugt werden. In unserem Studium haben wir davon nichts gehört, so sind wir alle nicht ausgebildet worden. Diesen Sprung hinzubekommen, ist mühselig; die Individualisierung des Unterrichts fällt uns weiterhin schwer, zumal die notwendigen Selbstlernmaterialien nicht vom Himmel fallen.

Die Hieberschule ist eine Grund- und Hauptschule mit Werkrealschule, die aktuell von 538 Schülerinnen und Schülern besucht wird. Auf dem Gelände der Hieberschule in der Schulstraße gibt es im laufenden Schuljahr acht Grundschulklassen, zehn Hauptschulklassen und eine Werkrealschulklasse. In einer Außenstelle am Haldenberg sind noch weitere 5 Grundschulklassen untergebracht.

Neben 43 Lehrkräften gehören zum Team der Hieberschule eine Schulsekretärin, eine Schulsozialarbeiterin, eine Pädagogische Assistentin, drei Freizeitpädagoginnen, vier Jugendbegleiter, zwei freie Mitarbeiterinnen für den sportlichen und künstlerischen Bereich, ein Hausmeisterehepaar mit ihrem Reinigungsteam, ein Schulleiter, sowie zwei Mensakräfte, die von einem Eltern-Mensateam unterstützt werden.

Dem ganzheitlichen Erziehungs- und Bildungsanspruch versucht die Hieberschule als Ganztageschule in der teilweise gebundenen Form gerecht zu werden. Die derzeitige Ausbaustufe umfasst die Klassenstufen 1 und 5 - 9. Der Ausbau zur Ganztagesschule ermöglicht nicht nur eine bessere pädagogische Betreuung der Schüler, sondern erlaubt auch, neue Schwerpunkte im Bereich des Unterrichts zu setzen: Neben einer besseren Rhythmisierung des Unterrichtstages und einem vielseitigen Bildungsangebot außerhalb der Pflichtstundentafeln ist die Schule ganz aktuell mit der Einrichtung von sogenannten Lernwerkstätten für die Klassenstufen 1-4 und 5/6 beschäftigt. Vorüberlegungen für die Klassenstufen 7-10 sind im Gange. Mit der Einrichtung dieser Lernwerkstätten sollen die Schülerinnen und Schüler mehr Eigenverantwortung für ihr eigenes Lernen übernehmen. Die Einrichtung bietet aber auch die Möglichkeit, einzelne Schüler durch die Lehrer individueller zu betreuen.

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