Lernstudio "Voll gebundene Ganztagsschule" Mecklenburg-Vorpommern

Das neue Schulgesetz des Landes Mecklenburg-Vorpommern favorisiert die voll gebundene Ganztagsschule. Diese ermöglicht eine Neugestaltung des Schultags durch Rhythmisierung und andere Lernformen, stellt aber auch eine Herausforderung dar. Wie anfangen? Was durchführen? Das Lernforum "Voll gebundene Ganztagsschule" in Güstrow der Serviceagentur "Ganztägig lernen" Mecklenburg-Vorpommern gab am 1. Juni 2010 Antworten und Anregungen.

Von derzeit 185 Ganztagsschulen in Mecklenburg-Vorpommern arbeiten derzeit 28 in der voll gebundenen Form. Nach dem Willen der Landesregierung soll sich letztere Zahl deutlich erhöhen. Das  Schulgesetz in der im August  2009 in Kraft getretenen Fassung erklärt die gebundene Ganztagsschule zur favorisierten Form der Ganztagsschule (§ 39 Abs. 4 Satz 1 des Schulgesetzes) Maria Parttimaa-Zabel, Leiterin der Serviceagentur "Ganztägig lernen" Mecklenburg-Vorpommern, sieht gute Gründe für diese Zielrichtung: "Gebundene Ganztagsschulen haben mehr Möglichkeiten, den Schultag neu zu gestalten, und können zusätzliche Angebote machen." Allerdings scheue so manche Schule vor diesem Schritt noch zurück: "Manche Schulleitung argumentiert, dass sie ihrem Kollegium diese Veränderung nicht auch noch zumuten wolle, solange die Rahmenbedingungen nicht stimmen."

Um dem neuen Schwerpunkt des Schulgesetzes Rechnung zu tragen,  Schulen zu ermutigen und ihnen einen Überblick über die "zusätzlichen Möglichkeiten und Angebote" zu verschaffen, lud die Serviceagentur am 1. Juni 2010 nach Güstrow in die Fachhochschule für Verwaltung zum Lernstudio "Voll gebundene Ganztagsschule". Die 140 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Veranstaltung konnten aus einem Angebot von zwölf Workshops bis zu sechs Workshops auswählen.

Ade Quade, Referentin aus dem Bildungsministerium, erklärte zum Auftakt des Lernstudios, dass das Ministerium bereits im Dialog mit den Beteiligten stehe und zu einer Vielzahl von Themen regionale Foren veranstaltet habe, in denen Schulen, Pädagogische Partner und Eltern Fragen und Denkanstöße formulieren konnten, welche man in die Rahmenpläne einfließen lasse.

Regionale Foren äußerten Klärungsbedarf

"Wir möchten den kompetenzorientierten Unterricht an den Schulen befördern", berichtete Quade, "und haben in den Foren gefragt, wie aus Sicht der Beteiligten dieser Unterricht umgesetzt werden kann. Zuerst wurde der Wunsch an uns herangetragen, klar zu benennen, was unter dem Begriff kompetenzorientierter Unterricht zu verstehen ist. Wir sind gerade dabei, eine Definition zu formulieren. Dazu kamen Wünsche, dass Schülerinnen und Schüler anwendungsbereites Wissen erwerben sollen, fachübergreifendes Arbeiten stärkeres Gewicht erhalten soll, es Abstimmungen zwischen der Primarstufe und der Sekundarstufe I bezüglich der zu erwerbenden Kompetenzen geben muss."

Auch bezüglich des Komplexes "Individuelle Förderung" trugen die Regionalkonferenzen Forderungen der Praktiker zusammen: So solle die Diagnosefähigkeit der Pädagoginnen und Pädagogen verbessert, Vergleichsarbeiten genutzt und Begabtenförderung nicht vergessen werden. "In den Foren wurde auch der Wunsch nach kollegialen Hospitationen und Arbeit in Teams geäußert", so Ada Quade.

Über die Arbeit in Teams informierte im Lernstudio Edelgard Gschwender, Lehrerin an der Kooperativen Gesamtschule Friedland. Die Lehrerinnen und Lehrer wirken in Jahrgangsteams, Steuergruppen und Fachteams mit. "An unserer Schule gibt es nur noch die Gesamtkonferenz, ansonsten haben wir alle Strukturen auf die Teamebene heruntergebrochen", erläuterte Edelgard Gschwender.

Lehrerteams bieten Fortbildungen an

Die KGS Friedland arbeitet schon lange mit der Teamstruktur: "2002 haben wir uns auf das Programm LIT - Lehrer im Team - der Robert-Bosch-Stiftung beworben und wurden ausgewählt", so Gschwender. Als erstes bildete die Schule damals eine Steuergruppe, welche die Teamstruktur erarbeitete. "Wir sind damals auf die Nase gefallen", so die Lehrerin. "Zu Beginn hatte das Kollegium zwölf Lehrkräfte in die Steuergruppe gewählt. Da war es fast unmöglich, überhaupt einen Termin zu finden. Deshalb haben wir zunächst die Zahl der Personen pro Team reduziert. Später sind wir dazu übergegangen, Kernteams zu bilden."

Die Teams arbeiten nicht nur organisatorisch, sondern auch inhaltlich: So hat ein Team eine Methodenbox zusammengestellt und bietet Methodentrainings an, um den Anteil des Frontalunterrichts am Blockunterricht einzudämmen. "Das kam bei den Kolleginnen und Kollegen gut an", wusste Edelgard Gschwender zu berichten. "Die Steuergruppe hat sich inzwischen zur Methoden-AG weiterentwickelt, die Fortbildungen für das Kollegium, zum Beispiel zur Binnendifferenzierung, anbietet."

Die Regionale Schule Papendorf hat ihre Stärke in der Elternarbeit. Schulsozialarbeiterin Iris Lüdtke und Ursula Röder, Lehrerin und Koordinatorin für die Elternarbeit, stellten in ihrem Workshop das Konzept der Schule vor. Ein Vorzug ist zuerst einmal die Position von Ursula Röder. Eine Lehrkraft, die sich mit einer Stunde pro Woche exklusiv der Arbeit mit und für die Eltern widmen kann, ist bisher noch die Ausnahme in den Schulen, wie die Bemerkungen der Zuhörerschaft erkennen ließen.

Auswertung der Elternbefragung auf der Homepage

Die Lehrerin hat gemeinsam mit der Schulsozialarbeiterin eine Regelmäßigkeit und eine Verbindlichkeit in der Elternarbeit geschaffen. Viermal im Jahr treffen sich die Elternvertreterinnen und -vertreter der Klassen, um Probleme und Pläne zu beraten. "Hier hat sich die Bildung von Jahrgangsteams bewährt", erklärte Ursula Röder. Vier bis fünf Elternteile bilden den Vorstand der Elternvertreter. Mit Hilfe von Fragebögen evaluiert die Schule die Arbeit der Elternvertreter und die Kooperation der Eltern mit der Schule, und die Elternvertreter werden für ihre Aufgaben geschult. Die Elternbefragungen landen dabei nicht in einer Schublade, wie Iris Lüdtke erläuterte: "Nach der Auswertung der Fragebögen veröffentlichen wir die Ergebnisse auf unserer Homepage und besprechen die Folgerungen auf Klausurtagungen."

"Es gibt viele gemeinsame Treffen, bei denen sich Eltern artikulieren können", meinte Iris Lüdtke. Gemeinsame Arbeitseinsätze von Eltern, Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern schweißen die Schulgemeinschaft darüber hinaus ebenso zusammen wie beispielsweise ein Workshop von Eltern und Schülervertretern zur Verbesserung des Schulklimas. Bei allem, was man plane - und diesen Rat hörten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in beinahe jedem der zwölf Workshops - sei es wichtig, "Schritt für Schritt vorzugehen und nicht alles auf einmal zu wollen".

Bei Edith Kleinsorg vom Schlossgymnasium Gützkow hörte es sich auf die Frage ihres Workshops "Wie strukturieren wir die Zeit in der Ganztagsschule und verknüpfen Ganztagsangebote und Lernen?" ähnlich an: "Sie sollten nichts abrupt machen, sondern nach und nach vorgehen." Das Schlossgymnasium hat seit 2004 seine Zeitstruktur und die Rhythmisierung des Schultags verfeinert. Zunächst stellte man den Tag auf Doppelstunden um, womit vieles erreicht und zugleich ermöglicht wurde: "Es gab weniger Fächer pro Tag, so dass die Hektik abnahm und die Kinder weniger Bücher schleppen mussten. Die längeren Lerneinheiten erleichterten das Stellen komplexer Aufgabenstellungen, Projektarbeit und kooperative Lernformen." Seit diesem Schuljahr lernen die Schülerinnen und Schüler auch im fächerübergreifenden Epochalunterricht.

Neue Herausforderungen für Lehrkräfte

Seit 2001/2002 arbeitet das Schlossgymnasium als Ganztagsschule - zunächst in der offenen Form, dann in der teilgebundenen Form und seit 2005/2006 als voll gebundene Ganztagsschule. "Wir sind diesen Weg gegangen, weil wir dadurch unser Ziel, die Persönlichkeitsentwicklung der Schülerinnen und Schüler zu stärken, besser erreichen", erklärte Edith Kleinsorg. "Neben der Rhythmisierung nutzen wir dazu Arbeitsgemeinschaften, Individuelle Lernzeiten, Projektarbeit und das Fördern und Fordern."

Mindestens zweimal in der Woche müssen die Schülerinnen und Schüler in der Zeit von 11.05 bis 11.45 Uhr an der Individuellen Lernzeit teilnehmen. An den anderen Tagen können die Kinder und Jugendlichen Arbeitsgemeinschaften oder den "Fördern und Fordern"-Unterricht besuchen. Für die Individuelle Lernzeit stehen den Klassen zusätzliche Räume zur Verfügung. Die Aufgaben erteilt eine Fachlehrerin oder ein Fachlehrer; die Aufsicht und Betreuung erfolgt durch Lehrerinnen und Lehrer. Die Schülerinnen und Schüler können in dieser Zeit auch Inforäume, Bibliothek und die Mediathek nutzen. Auch unterstützen die Schülerinnen und Schüler der Klassen 10 und 9 ihren Mitschülerinnen und Mitschülern aus den Jahrgangsstufen 8 und 7 beim Lösen der Aufgaben.

Für die Lehrkräfte bringt die Individuelle Lernzeit Edith Kleinsorg zufolge die größten Herausforderungen: "Sie müssen sich an ein neues Rollenverständnis gewöhnen. Das Bereitstellen der Arbeitsmaterialien, eine neue Aufgabenkultur, kompetenzorientiertes und fächerübergreifendes Arbeiten und die größere Transparenz ihrer Arbeit."

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