Ganztags zwischen den Meeren

Zwei neue Minister und viele guten Ideen zu den Themen Qualitätsentwicklung, Lernkultur und Teamentwicklung standen im Mittelpunkt der Fachtagung "Qualität in der Ganztagsschule", mit der die Serviceagentur "Ganztägig lernen" Schleswig-Holstein am 16. November 2009 ihre Reihe "Ganztag zwischen den Meeren" erfolgreich fortsetzte.

Vier Personen sitzen auf einem Podium, ein Mann spricht in ein Mikrofon
Interview auf dem Podium mit (v.l.) Dr. Heiner Garg, Moderator Christian Fremy, Dr. Heike Kahl und Dr. Ekkehard Klug © Nicole Lindemann und Hilke Hand

Dr. Heiner Garg, Minister für Arbeit, Soziales und Gesundheit des Landes Schleswig-Holstein, fand deutliche Worte: "Die Schule ist längst ein Reparaturbetrieb - wir müssen dahin kommen, dass wir zukünftig nichts mehr reparieren müssen - und da sind wir auf einem guten Weg." Mit "wir" meinte der frisch ernannte Minister nicht nur die Politik, sondern vor allem die in Schule und Jugendhilfe beschäftigten Pädagoginnen und Pädagogen - und hier insbesondere diejenigen, die in Ganztagsschulen tätig sind.

Rund 300 von ihnen waren am 16. November 2009 ins Kulturzentrum Rendsburg gekommen, um sich auf dem 3. schleswig-holsteinischen Ganztagsschulkongress "Zwischen den Meeren" neue Impulse für die weitere Arbeit zu holen. Analog zum Jahresthema des IZBB-Begleitprogramms "Ideen für mehr" und des einen Monat später in Berlin stattfindenden bundesweiten Ganztagsschulkongresses lautete das Motto der Veranstaltung "Qualität in der Ganztagsschule".

Anerkennung für ihr Engagement erhielten die Pädagoginnen und Pädagogen sowie die Serviceagentur "Ganztägig lernen" Schleswig-Holstein als Veranstalter von Heiner Garg und seinem Kabinettskollegen Dr. Ekkehard Klug, Minister für Bildung und Kultur. Durch ihr gemeinsames Erscheinen dokumentierten die beiden Politiker auch den Willen, ressortübergreifend für das Thema Ganztagsschule zusammen zu arbeiten.

Ganztagsschulen in Schleswig-Holstein werden weiter ausgebaut

Maren Wichmann, die Leiterin der Serviceagentur, begrüßte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer: "Für die Qualitätsentwicklung von Ganztagsschulen braucht es verschiedene Impulse: Unsere Serviceagentur hat zum Beispiel ein Netzwerk von Referenzschulen etabliert, das im Jahr 2010 neu aufgelegt werden wird. Als gute Beispiele sollen sie sowohl erfahrene als auch neu beginnende Ganztagsschulen mit praxisnahen Entwicklungsimpulsen unterstützen. Durch die Zusammenarbeit mit der Serviceagentur tragen sie zur Qualitätsentwicklung der Ganztagsschulen und zu ihrer Vernetzung bei. Zugleich haben wir in Zusammenarbeit mit dem Institut für Pädagogik der Christian-Albrechts-Universität in Kiel in diesem Wintersemester eine Ringvorlesung 'Ganztägig lernen' gestartet."

Die erste landesweite Ringvorlesung startete zum Wintersemester 2009/10. Insgesamt neun Vorlesungen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus der ganzen Bundesrepublik zu Themen wie Rhythmisierung, Inklusion und Interkulturalität und Berufsorientierung sind bis Anfang Februar 2010 angesetzt.

Für Ekkehard Klug ist die Arbeit mit Referenzschulen besonders bedeutsam: "Gute Praxisbeispiele spielen eine wichtige Rolle, um Qualität zu verbreitern. Deshalb ist es zu begrüßen, dass der Kreis der Referenzschulen auf nun 30 erweitert wird." Daneben wachse auch die Zahl der gebundenen Ganztagsschulen: "Es gibt 24 gebundene Ganztagsschulen im Land. Im kommenden Schuljahr werden 20 weitere mit 100 Lehrerstellen dazukommen. 45 Prozent aller allgemein bildenden Schulen sind bereits offene Ganztagsschulen. Im Schuljahr 2008/2009 hat Schleswig-Holstein 5,4 Millionen Euro in den Ausbau der Ganztagsschulen investiert, und wir wollen weiter ausbauen." Für das kommende Schuljahr sind 6,8 Millionen Euro vorgesehen.

Das Plenum im Kulturzentrum Rendsburg

Heiner Garg betonte in der Podiumsdiskussion zur Eröffnung des Kongresses, dass Ganztagsschulen die große Chance böten, auch außerhalb des Fächerkanons etwas zu lernen und soziale Kompetenzen zu fördern: Es gehe darum, aus jungen Menschen selbstbewusste Demokraten zu machen, die wissen, was sie wert sind. In Ganztagsschulen sei mehr Zeit vorhanden, voneinander zu lernen, Schwächen zu erkennen und Stärken zu fördern, und auch unabhängig vom Geldbeutel eine Unterstützung bei den Hausaufgaben zu geben.

Schule ist der neue Sozialraum

Die Schule ist Heiner Garg zufolge der neue Sozialraum - viele Aktivitäten, die früher in der Freizeit stattgefunden hätten, fänden nun unter dem Dach der Schule statt. In diesem Zusammenhang erklärte Ekkehard Klug, dass noch eine bessere Verzahnung von Schule und Jugendhilfe gelingen müsste, auch um die Synergieeffekte im Personaleinsatz und bei Räumen zu nutzen - "da gibt es noch viel zu tun".

Was bisher erreicht worden ist, konnte aus wissenschaftlicher Sicht Dr. Ivo Züchner vom Deutschen Institut für internationale pädagogische Forschung erläutern, der hierzu auf der Tagung Ergebnisse aus der gemeinsam mit dem Deutschen Jugendinstitut und dem Institut für Schulentwicklungsforschung verantworteten "Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen" (StEG) präsentierte. Seit 2005 sind deutschlandweit an 370 Schulen rund 50.000 Lehrende, Schüler, Eltern und pädagogische Partner nach Erfahrungen und Entwicklungen über das Lehren und Lernen an Ganztagsschulen befragt worden.

Die Zwischenergebnisse aus der zweiten von drei Erhebungswellen sind überwiegend positiv ausgefallen: Zwar beurteilen die Schülerinnen und Schüler den Effekt der ganztägigen Angebote für ihren Lernnutzen skeptischer, aber sie werten die Angebote insgesamt positiv, die am Nachmittag gemacht werden: "Lernmotivation und Sozialverhalten entwickeln sich günstiger als in Halbtagsschulen. Auch die Kooperation mit außerschulischen Partnern ist positiv: Die Abstimmung von Angeboten und Unterricht ist zwar noch ausbaufähig, aber zuletzt gab es in diesem Bereich sichtbare Verbesserungen, und es gibt erste Hinweise darauf, dass sich die Ganztagsschulen durch Kooperationen in die Kommune öffnen."

Züchner zufolge ist in der Ganztagsschullandschaft noch viel in Bewegung und noch kein Königsweg gefunden, aber die Hinweise auf die Wirksamkeit strukturierter und bildungsorientierter Angebote mehrten sich.

Gefühlsebene nicht unterschätzen

Von der in Bewegung geratenen Bildungslandschaft konnten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch in sechs Workshops und vier Foren am Nachmittag überzeugen. Ein Forum beschäftigte sich mit der "Teamentwicklung im Ganztag". Für Conny Fischer, Beraterin und Prozessbegleiterin im Berliner Fortbildungsinstitut für die pädagogische Praxis ist Teamentwicklung "ein Gradmesser für eine gute Ganztagsschule und dringend erforderlich". Gelinge in einer Schule die Teamarbeit, dann wirke sich das positiv auf die Schulkultur und den Umgang miteinander aus.

Zuhörer in einem Saal
Workshop-Runde am Nachmittag

"In einem Team zu arbeiten, sollte ein bewusster Schritt sein", führte Fischer aus. Das Vertrauen in Schulleitung und Kolleginnen und Kollegen sollte ebenso wie die Dialogbereitschaft über pädagogische und strukturelle Fragen vorhanden sein. Wichtig sei das Üben konstruktiver Kritik, aus dem sich eine Feedback-Kultur für die gesamte Schule entwickeln könnte.

Bei der Teambildung gelte es, feste Schritte einzuhalten: Man müsse Zustimmung gewinnen, damit Kolleginnen und Kollegen aktiv am Teambildungsprozess mitmachten. Eine Tagesordnung müsse gemeinsam erarbeitet und eine Teambildungsveranstaltung durchgeführt werden. "Dabei arbeitet man auf zwei Ebenen: Der Sach- und der Beziehungsebene", so Conny Fischer. "Die Gefühlsqualität sollte man dabei nicht unterschätzen. Persönliche Bedürfnisse und unterschiedliche Professionen in einem Team zusammen zu führen, ist eine Kunst. Für Ganztagsschulen, in denen zusätzlich noch außerschulische Mitarbeiter einbezogen werden müssen, die mitunter andere Vorstellungen von Lernen mitbringen, gilt das im besonderen Maße."

Teamstrukturen schaffen Transparenz

Zwei Beispiele für gelungene Teambildung bieten die multiprofessionelle Zusammenarbeit am Förderzentrum Dithmarschen-Süd und an der Kieler Theodor-Storm-Gemeinschaftsschule.

Das Förderzentrum offeriert seit Beginn des Schuljahres 2007/08 ein schulartübergreifendes Ganztagsangebot für die Sekundarstufe I. Den Schülern und Schülerinnen der Förderschule, Hauptschule, Regionalschule und des Gymnasiums werden ein Mittagessen, Hausaufgabenbetreuung beziehungsweise eine Lernstunde und verschiedene Arbeitsgemeinschaften angeboten.

Seit 2002 ist an der Schule eine Teamstruktur aus Kernteams, erweiterten Teams und einem Gesamtteam gewachsen. Zum Kernteam gehören die Schulpsychologin, zwei Erzieherinnen, zwei pädagogische Assistenten - ein Fachinformatiker und ein Beauftragter für Suchtprävention - sowie ein Schulgesundheitsbeauftragter. Das erweiterte Team trifft sich nach Bedarf und arbeitet aufgabenorientiert. Zu ihm gehören drei Förderschullehrerinnen und -lehrer, der Hausmeister, zwei Schulbegleiter und zehn Honorarkräfte. Das Gesamtteam, das aus 27 Personen besteht, trifft sich zweimal im Jahr zum Sommer- und Weihnachtsfest.

Serviceagenturleiterin Maren Wichmann (r.) im Interview mit einer Schülerin und einem Schüler

Susanne Peacock, Ganztagsschulmoderatorin des Förderzentrums, erklärte zu dieser Struktur: "Der Fisch stinkt vom Kopf her - wir müssen uns im Kernteam einig sein, sonst funktioniert diese Struktur nicht." Durch die gemeinsame Arbeit wolle man Transparenz über alle Vorgänge und zu erledigende Aufgaben zwischen dem Schulträger, dem Förderzentrum, der Ganztagsschule und den Vereinen gewährleisten. "Damit die Arbeit gewährleistet ist, muss man Strukturen schaffen und durch Kontinuität festigen. Durch Vernetzung stellt man Kontakte her."

Multiprofessionalität des Teams nutzen

Carsten Haak ist seit 2002 Schulleiter der Theodor-Storm-Gemeinschaftsschule in Kiel und damit einer Schule, an der 21 verschiedene Sprachen gesprochen werden. Seit Mai 2007 besuchen rund 300 der insgesamt 720 Schülerinnen und Schüler die Ganztagsschule. "Unser Ziel ist es, die Multiprofessionalität unseres Teams zu nutzen, um eine ganzheitliche Betrachtungsweise auf die Kinder zu erreichen", berichtete Haak. Schulsozialarbeiter, externe Pädagogen und Honorarkräfte arbeiteten mit den Lehrerinnen und Lehrern zusammen.

Dazu kommen im Rahmen des "Sozialkompetenztrainings an Kieler Schulen" (SKOTT) zehnmal pro Schulhalbjahr so genannte Teamer für drei Stunden in die 5. Klassen, um mit den Kindern über ihr Sozialverhalten zu sprechen und dieses zu reflektieren. Dabei geht es um Selbst- oder Fremdwahrnehmung, Kommunikation, gewaltfreie Konfliktlösung oder Umgang mit Emotionen. Finanziert wird diese Maßnahme vom Amt für Schule und Soziales. "Wir spüren den Erfolg des Trainings sehr deutlich", berichtete der Schulleiter, "und konnten schon in vielen Fällen verhindern, dass Kinder sozial oder bei schulischen Leistungen abrutschen, weil das Training Schwierigkeiten rechtzeitig erkennbar machte." Neben dem Einsatz in den Klassen leisten die Teamer Nachbereitung mit den Klassenlehrerinnen und -lehrern und unterstützen einzelne "schwierige Kinder" am Nachmittag mit zusätzlicher Förderung.

Über solche guten Beispiele werden sich Interessierte auch zukünftig auf Ganztagsschulkongressen zwischen den Meeren informieren können. Am Rande der Veranstaltung unterschrieben die Minister Garg und Kluge sowie Heike Kahl, Geschäftsführerin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, eine Vertragsverlängerung für die Arbeit der Serviceagentur für weitere fünf Jahre.

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