Von der Belehrungs- zur Erfahrungsschule

Der Landkreis Forchheim gilt als eine Vorreiterregion in Sachen Ganztagsschule. Diesen Ruf bestätigte die oberfränkische Stadt am 4. und 5. März 2010 mit der Ausrichtung des zweiten bayerischen Ganztagsschulkongresses "Ganztagsschule organisieren - ganztags Unterricht gestalten". Das Interesse der bestehenden und potenziellen Ganztagsschulen zeigte sich sowohl an der Teilnehmerzahl als auch am Engagement in den zahlreichen Workshops.

Erwachsene sitzen in einem Klassenzimmer
Lernen vor Ort: Workshop in der Martinschule

Manchmal lässt sich eine Veränderung in einem "Vorher-Nachher"-Bild präzise festmachen. Nachdem am 5. März 2010 zum Abschluss des zweiten bayerischen Ganztagsschulkongresses die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Podiumsdiskussion die Bühne geräumt haben, bringt es Gerhard Koller, langjähriger Schulamtsdirektor des Landkreises Forchheim und heute Vorsitzender des Bildungsinitiative FOrsprung e.V. als Mitveranstalter des Kongresses auf den Punkt: "Vor zwei Jahren auf unserem ersten Kongress im Februar 2008 wurde noch diskutiert, ob in Bayern Ganztagsschulen überhaupt nötig und erwünscht sind. Heute sind sich alle einig, dass wir Ganztagsschulen brauchen. Ich halte das für eine rasante Entwicklung und einen enormen Fortschritt."

Fortschritt und Forchheim, das ist in Sachen Ganztagsschule seit Jahren gewissermaßen deckungsgleich. Der Landkreis ist vom Bayerischen Staatsministerium für Kultus zur Modellregion für Ganztagsschulen ernannt worden und wird finanziell entsprechend unterstützt. Er gehört auch zu den Modellregionen in dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützten Forschungsprojekt "Lokale Bildungslandschaften".

Elmar Diller

Die Initiative der Region ist "durch engagierte Menschen" wie Gerhard Koller erreicht worden, bilanzierte Prof. Sibylle Rahm, Leiterin des Bamberger Zentrums für Lehrerbildung und weitere Mitveranstalterin. Tatsächlich waren sich auf dem Podium sämtliche Vertreterinnen und Vertreter der fünf im Bayerischen Landtag vertretenen Parteien sowie ein Schülervertreter und ein Lehrer einig, dass die Ganztagsschulen zügig ausgebaut werden müssen. Die Elternvertreterin sprach sich für die Wahlfreiheit zwischen Halb- und Ganztagsschule aus.

Allein Tempo und Umfang dieses Transformationsprozesses sind noch diskutabel: Sollten Schulen schon als Ganztagsschulen gelten, wenn sie Ganztagsklassen oder -züge eingerichtet haben, oder sind die das erst bei vollständiger Umwandlung?

Landesweites Interesse

Neben dem größeren Konsens in Politik und Gesellschaft zeigte der Kongress vor allem, wie groß der Informationsbedarf der aktuellen und zukünftigen Ganztagsschulen ist. Beispielsweise machten dies die Zwischenfragen aus dem Plenum deutlich: Immer wieder wurde die bislang als unzureichend empfundene Möglichkeit thematisiert, Informationen rund um die Ganztagsschule zu erhalten.

In diesem Zusammenhang kündigte Eduard Nöth an, dass die Landesregierung mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) eine Einigung über die Einrichtung einer regionalen Serviceagentur "Ganztägig lernen" erzielt habe. Ab dem 1. September 2010 nimmt die regionale Serviceagentur in München ihre Arbeit auf. Die DKJS zeigte sich mit einem Stand auf dem Kongress bereits präsent. Wenn die Schnelligkeit, mit der sämtliche ausgelegte Publikationen vergriffen waren, ein Gradmesser für den Informationsbedarf war, dann ist dieser in der Tat immens.

Ein weiteres Indiz: "Der Kongress war sofort ausgebucht", berichtete Prof. Sibylle Rahm. 350 Interessierte konnten einen Platz ergattern - 500 Anfragen gab es. Und das ohne Werbung. "Auch dies zeigt den enormen Beratungsbedarf", konstatierte Koller.

Späterer Schulbeginn und Mittagspause nötig

Seit 2007 hat der Ganztagsschulausbau in Bayern noch erheblich an Fahrt gewonnen. Sind es zugegebenermaßen oft nur einzelne Klassen oder Züge, die ganztägig lernen, so ist dies in diesem oftmals noch ländlich und konservativ geprägten Flächenland ein Quantensprung. "Als das IZBB aufgelegt wurde, wurden Ganztagsschulen in Bayern als freiwilliges, offenes Angebot für schwächere oder verhaltensauffällige Schülerinnen und Schüler missverstanden", erinnerte Koller die Zuhörerschaft an den Zeitraum vor 2007. "Kaum einer sah den wahren Kern der Ganztagsschule: Dass es darum geht, den ganzen Tag neu zu gestalten, gemeinsam zu essen, zu spielen und die Hausaufgaben zu erledigen. Wir versuchen alles in die Zeit zwischen acht und 13 Uhr zu pressen, während im Ausland dagegen selbstverständlich alles über den ganzen Tag verteilt ist."

Porträtfoto von Frau Dr. Kerstin Rabenstein
Dr. Kerstin Rabenstein

Im Ausland beginnt auch der Schultag häufig später als in Deutschland. Nicht zu Unrecht, wie Prof. Jürgen Zulley von der Universität Regensburg in seinem eröffnenden Vortrag "Die Bedeutung von Schlaf und biologischen Rhythmen für die Zeitstrukturierung des Schultages" darlegte. Auf diesem laut Zulley noch recht unterforschten Gebiet hat der Wissenschaftler durch seine Studien einiges an Wissen beizutragen.

"Wir haben einen immanenten Biorhythmus, dem die Tageszeit nicht egal ist", erläuterte Zulley. Internationale Studien belegten den Zusammenhang von schlechteren Schulleistungen bei früherem Aufstehen. Definitiv gebe es auch ein biologisches Tief am frühen Nachmittag. Der Wissenschaftler forderte daher neben einem späteren Schulbeginn zumindest in den weiterführenden Schulen auch eine Mittagspause. "Wir sind Rhythmuswesen, wir benötigen Pausen", erklärte der Forscher. Mit dem Schulbeginn um 8.45 Uhr sei die Kommune Forchheim ein nachahmenswerter Vorreiter.

Zeitstrukturierung des Tages an Ganztagsschulen als eine zentrale pädagogisch-didaktische Frage

Für was und wie Zeit in der Schule genutzt wird, sei vor allem eine Frage des pädagogischen Konzepts, führte Dr. Kerstin Rabenstein von der Technischen Universität Berlin aus. "Ziel der gegenwärtigen Ganztagsschulentwicklung kann es nicht sein, den Schultag in einer am 'natürlichen' Rhythmus des Kindes orientierten Art und Weise zu gestalten, um  dadurch eine gegenüber der Halbtagsschule bessere Verbindung von 'Schule' und 'Leben' zu schaffen. Nicht etwa ein vermeintlich verallgemeinerbarer und natürlicher Rhythmus von 'Anspannung' und 'Entspannung' liegt der Entscheidung für eine bestimmte Strukturierung des Schultages zugrunde, sondern die Frage, wie das Lernen der Schüler erfolgreich ermöglicht werden kann." Deswegen schlug die Erziehungswissenschaftlerin vor, nicht von 'Rhythmisierung', sondern von Zeitstrukturierung des Ganztags zu sprechen.

Podiumsdiskussion zum Abschluss des Forchheimer Ganztagsschulkongresses

Die Zeitstrukturierung des Unterrichts sei Teil der schulspezifischen Entwicklungsarbeit einer Schule, der die Frage nach dem pädagogischen Profil der Schule vorangehen müsse. "Der Schultag ist ein Lerntag. Im Mittelpunkt steht die Anordnung der Lernangebote. Das Lernen kann dabei zum Beispiel mit Lernbüros, Werkstätten und Projektarbeit individualisiert werden", führte die Erziehungswissenschaftlerin aus. Die Öffnung von Zeit und Raum schaffe auch veränderte Möglichkeiten für Kommunikation: "So bietet ein offener Anfang auch Zeit für kurze persönliche Gespräche zwischen Pädagoginnen und einzelnen Schülern. In individualisierten Lernangeboten entstehen erweiterte Zeitfenster für die Förderung des Einzelnen. Darüber, wie diese erweiterten Möglichkeiten genutzt werden, wissen wir jedoch noch wenig."

Zugegebenermaßen stünden zu Beginn einer solchen Schulentwicklung zunächst Belastungen, die vor allem auf die Veränderung von Gewohnheiten, etwa einer Umstrukturierung der eigenen Arbeit, zurückzuführen sind. Auch die Raumsituation spiele für die Schulen immer eine zentrale Rolle, wenn sie überlegten, wie sie den Tag zeitlich anders strukturieren können.

Arbeitsplatz Ganztagsschule

"Entscheidend ist hier die Kommunikation im Kollegium. Klassen- und Jahrgangsteams sowie Teambesprechungen bieten eine höhere Chance zum Austausch. Die Kooperationsstrukturen müssen im Schultag verankert werden", so Kerstin Rabenstein. "Die Ganztagsschule könnte mit neuer Zeitstruktur und neuen Arbeitszeiten der Lehrkräfte die Chance für Professionalisierung im Sinne eines Autonomiegewinns bieten."

Die Kardinalfrage ist oft in der Tat, wie es gelingt, das Kollegium für einen solchen tiefgreifenden Veränderungsprozess zu gewinnen. Gerhard Koller als Freund deutlicher Worte sieht hier alle Ebenen - die Schulträger, die Kommunen, das Land - in der Pflicht, den Lehrerinnen und Lehrern gute Arbeitsbedingungen in den Schulen zu bieten. "Gute Unternehmen sorgen auch für gute Arbeitsbedingungen", formulierte Koller in seinem Workshop "Arbeitsplatz Ganztagsschule".

Porträtfoto von Prof. Jürgen Zulley
Prof. Jürgen Zulley

In den Schulen bestünden noch erhebliche Problembereiche: Fehlende Lärmdämmung. falsche Beleuchtung, "Käfighühnerhaltung" durch die geringen Raumgrößen verursachten Übermüdung und Aggressivität sowohl auf Schüler- als auch auf Lehrerseite. Die Schulbaurichtlinien berücksichtigten die Ganztagsschule nur mit einer vagen "Kann"-Bestimmung. "Hier ist der Hauptansatzpunkt, an dem etwas geändert werden muss", forderte Gerhard Koller.

Der 13 Uhr-Tag ist Vergangenheit

Für den ehemaligen Schulamtsdirektor ist auch der Faktor Zeit entscheidend für die Arbeitsplatzzufriedenheit. "In Halbtagsschulen  wird der Schultag - wie eine Umfrage unter rund 500 Lehrkräften zeigte -  oft  als Hektik empfunden: Sechs Stunden  Unterricht mit zwei 15-minütigen Mini-Pausen, in denen oft keine Erholung möglich ist, Kolleginnen und Kollegen, die sich manchmal kaum begegnen - auf diese Weise macht man sich kaputt, da stimmt das System Schule nicht."

Eine Ganztagsschule sollte einen späteren Unterrichtsbeginn, ein gleitendes Ankommen, die Rhythmisierung des Tages mit unterschiedlichen Lernangeboten und längeren Pausen enthalten. Hier sieht Koller auch eine Bringschuld in vielen Kollegien: " Manche Lehrkräfte scheinen ihren Arbeitsalltag um das Privatleben herumbauen zu wollen - wir sind aber zuerst für eine gute Schule da. In der Lehrerbildung müssen wir klar akzentuieren, dass der 13 Uhr-Tag passé ist."

Gerhard Koller

Die Perspektiven und derzeitigen Rahmenbedingungen für Ganztagsschulen in Bayern wurden zum Abschluss des Kongresses von Ministerialrat Elmar Diller aus dem Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus ausführlich dargestellt und verdeutlichten, dass in den kommenden Jahren auch die bayerischen Gymnasien in das Ganztagsangebot aufgenommen werden sollen.

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