"Teppich der Ganztagsangebote über Sachsen eng geknüpft"

Binnendifferenzierung, Blockunterricht, Rhythmisierung, schulartenübergreifende Angebote - in Sachsen macht sich jede Ganztagsschule auf ihren eigenen Weg, Schülerinnen und Schüler individuell zu fördern. "Es ist viel Arbeit, aber diese Anstrengung lohnt", resümierte Friedrich Brunnert, Schulleiter der Wilhelm-Schneller-Grundschule Kalkreuth, auf dem 3. Sächsischen Kongress zu Ganztagsangeboten am 1. November 2010 in Dresden. Ausführlich informierten Schulen über ihre Fortschritte, die Herausforderungen und über den Umgang mit Fehlschlägen.

Wer hier morgens noch nicht wach ist, der sollte schnell munter werden: Der Gospelchor des Glück-Auf-Gymnasiums aus dem sächsischen Dippoldiswalde begeistert mit schwungvollen, stimmgewaltigen Darbietungen - die im Rahmen des Ganztagsangebots der Schule entstehen. "Wir proben jeweils am Freitagnachmittag eine Dreiviertelstunde lang", berichtet Steffi Borrmann, die den Chor der Acht- bis Zwölftklässler leitet. "Wir würden gerne auch länger, sind aber als Schule im ländlichen Raum da ein wenig durch die Buszeiten eingeschränkt."

Seit 2002 bietet Steffi Borrmann die Gospelchor-AG an. "Sie startete mit 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, und jedes Jahr sind welche dazu gekommen. Inzwischen singen 50 Schülerinnen und Schüler mit." Die Musiklehrerin ist froh, dass sie für ihre Arbeitsgemeinschaft jegliche Unterstützung von Seiten der Schule bekommt: "Wir haben all die Räumlichkeiten und Materialien erhalten, die wir benötigen." Und wenn der Gospelchor einen Außeneinsatz während der Unterrichtszeit hat wie am Morgen des 1. November 2010, als er den 3. Sächsischen Kongress zu Ganztagsangeboten im Internationalen Congress Center in Dresden eröffnet, ist das auch kein Problem.

"Das Schöne an unserer AG ist neben der Musik der soziale Zusammenhalt, der sich ergibt, auch über Jahrgangsstufen hinweg", findet Steffi Borrmann. Aufgrund der begrenzten Probenzeiten gibt es für die etwa zehn Schülerinnen und Schüler, die jedes Jahr neu dazu kommen, keine große Eingewöhnungszeit: "Die setzen sich zwischen die Anderen und müssen gleich loslegen", berichtet die Lehrerin.

Minister Wöller: Eigenverantwortlichkeit von Schulen erhalten

Für Prof. Dr. Roland Wöller, den Sächsischen Minister für Kultus und Sport, sind Ganztagsangebote ein wichtiger Bestandteil der Bildung. Dass wie bei den vorherigen sächsischen Kongressen über 700 Teilnehmerinnen und Teilnehmer ins ICC gekommen waren, sah Wöller als Bestätigung des ungebrochenen Interesses an diesem Thema. Er sei sich bewusst, dass die Bedingungen, unter denen Schulleitungen, Lehrkräfte und Pädagogische Partner die Ganztagsangebote organisierten, in Sachsen nicht einfach seien. Umso höher sei die Leistung einzuschätzen, durch die alle Beteiligten den "Teppich der Ganztagsangebote über Sachsen eng geknüpft haben".

Seit 2005 unterstützt das Land den Auf- und Ausbau von Ganztagsangeboten. Seitdem sind die Angebote von 170 auf 1.200 erhöht worden. Damit haben 80 Prozent der allgemein bildenden Schulen ein Ganztagsangebot an ihrer Schule eingerichtet, das von etwa 65 Prozent der sächsischen Schülerinnen und Schüler genutzt wird. "Diese Zahlen belegen, dass wir gut vorangekommen sind", gratulierte Wöller allen Beteiligten zu diesem Erfolg.

Der Erfolg liegt dem Minister zufolge nicht zuletzt in der Eigenverantwortlichkeit der Schulen begründet, die je nach Schulart, Schulstandort und den Bedürfnissen der jeweiligen Schülerschaft ihr Ganztagskonzept entwerfen. "Diese Eigenverantwortlichkeit wollen wir unbedingt erhalten." Dabei gehe es auch in Zukunft darum, die Ganztagsangebote zu verbessern, um Leistungsorientierung und Chancengerechtigkeit zu gewährleisten. "Das Ministerium arbeitet dazu an einer neuen Förderrichtlinie, die an dem qualitativen Ansatz festhält", erklärte Wöller.

Neue Richtlinie vereinfacht das Verfahren

Die neue Richtlinie des Sächsischen Staatsministeriums für Kultus und Sport zur Förderung des Ausbaus von Ganztagsangeboten ist am 1. Februar 2011 vom Kabinett zur Kenntnis genommen worden und tritt mit ihrer Veröffentlichung im Sächsischen Amtsblatt voraussichtlich am 24. Februar 2011 in Kraft. Sie strafft und vereinfacht - wie von vielen Schulen gewünscht - das Antragsverfahren.

Grundlage für die Förderung ist die Erstellung einer pädagogischen Gesamtkonzeption, welche auf der Basis des Schulprogramms erarbeitet wird. Um die Gestaltungsmöglichkeiten für Schulen zu vergrößern, sind die bisherigen vier Module zu zwei Arbeitsbereichen zusammengefasst worden, die sich in "Leistungsdifferenzierte unterrichtsergänzende Angebote" und "Freizeitpädagogische Angebote und Schulklub" aufteilen. Die Schwerpunkte der Förderung liegen vor allem auf einer notwendigen Stärkung der Bereiche Fördern und Fordern, um einen Ausgleich von Lerndefiziten sowie die Stärkung von Fähigkeiten und Begabungen der Schülerinnen und Schüler zu ermöglichen. Diese Angebote können durch freizeitpädagogische Angebote und Angebote im Schulklub erweitert werden, die ebenfalls schülerorientiert und bedarfsgerecht angeboten werden sollen.

Wie aber lässt sich Qualität verwirklichen? Für Heike Hentschel, Schulleiterin der Lessing-Grundschule in Leipzig, ist eine qualitativ gestaltete Ganztagsschule nicht davon zu trennen, dass "wir uns bei dem, was wir tun, wohlfühlen". Um Probleme zu überwinden, sei Flexibilität gefragt. Zusätzlich müsse man sich ständig kritisch fragen, ob man die selbst gesteckten Ziele erreicht habe, und dafür auch Zeitpunkte setzen. "So haben wir im vergangenen Schuljahr für uns erkannt, dass wir Lehrkräfte nicht die Experten in Sachen Freizeit sind. Unsere Steuergruppe beschloss daher, diesen Bereich völlig in die Verantwortung der Erzieherinnen zu geben. Der Hort ist in unserer Steuergruppe vertreten, sodass wir in Kontakt stehen", führt Heike Hentschel aus.

"Gewaltige Kommunikationsaufgabe"

"Qualität in der Schule heißt, jede Schülerin und jeden Schüler zu erreichen", konstatiert die Schulleiterin. "Seit drei Jahren arbeiten wir mit Förderkonzepten: Erst mit Gruppen einzelner Schülerinnen und Schüler, inzwischen mit allen Kindern bis auf die der ersten Jahrgangsstufe. Dies wird unser Entwicklungsschwerpunkt im kommenden Jahr sein." Es sei ein wichtiger Weg, manchmal zwar "mit Umleitungen", aber wenn man die Zeit investiere, dann zeige sich schnell, dass man Kinder nie in Leistungsschubladen stecken solle: "Gib den Schülerinnen und Schüler die Gelegenheit dazu, dann überraschen sie dich." Auch deshalb will die Lessing-Grundschule die eigenverantwortliche Lernzeit ausbauen. "Ziel ist es, dass die Kinder den Inhalt dieser Zeit auch selbst bestimmen, statt dass alles wie noch derzeit vorgegeben und gelenkt wird", berichtet Heike Hentschel.

In Sachsen entsteht das Ganztagsangebot der Grundschulen in der Zusammenarbeit mit den Horten. Laut Schulleiter Friedrich Brunnert von der Wilhelm-Schneller-Grundschule in Kalkreuth ist das gerade zu Beginn eines Schuljahres "eine gewaltige Kommunikationsaufgabe": "Es müssen Hortzeiten besprochen werden, es muss koordiniert werden, wann welches Kind an welcher Arbeitsgemeinschaft teilnimmt und wann es Schulschluss hat." Im ersten Jahr als Ganztagsschule sei so viel schief gegangen, dass "wir dachten, wir machen das nie wieder. Aber inzwischen sind wir nun vier Jahre Ganztagsschule und wissen, dass es gut vier Wochen braucht, bis sich alles eingespielt hat. Uns hilft dabei, dass wir alles zusammen in einem großen Übersichtsplan verschriftlicht haben."

Schön sei es, andere Facetten der Schülerinnen und Schüler kennen zu lernen, die in einer von Fachunterricht geprägten Halbtagsschule so nicht wahrgenommen werden könnten. "Die Ganztagsschule macht viel Arbeit, allein schon die Antragstellung und das Abrechnungssystem , aber was die Kinder und Jugendlichen uns zurück geben und die gewachsene Zusammenarbeit zwischen Lehrkräften und Erzieherinnen - das entschädigt für vieles und wiegt die Mehrarbeit auf", berichtet Brunnert.

Zweimal 45 Minuten ergeben nicht 90 Minuten.

Das Gymnasium Burgstädt hat sich das Fördern durch Ganztagsangebote im Bereich der Umwelterziehung auf die Fahnen geschrieben. Die Naturwissenschaftslehrerin Hannelore Schubert erklärt: "Über das ganze Schuljahr finden Aktivitäten statt, die sich um das Thema Artenvielfalt drehen und die mit dem Unterricht vernetzt sind. Darüber hinaus haben wir uns mit anderen Schulen in Verbindung gesetzt, die sich ebenfalls der Umweltbildung verschrieben haben. Einmal im Jahr treffen sich alle Schülerinnen und Schüler dieser Schulen - und das sind nicht nur Gymnasien - zu einem Umwelt-Camp." Bei diesem Umwelt-Camp steht das Erforschen im Vordergrund, was Schülerin Pauline besonders gefällt.

An der Mittelschule "Heinrich Ziller" in Radeburg begann man Mitte der 1990erJahre, Angebote am Nachmittag aufzubauen. "Irgendwann haben wir gemerkt, dass Unterricht und die AGs verzahnt gehören", erinnert sich Schulleiter Michael Ufert. "Aus verschiedenen Gründen erschien uns der 45-Minuten-Unterricht dazu nicht geeignet, sodass wir 2002 Blockunterricht einführten. Dadurch haben wir den Stein ins Rollen gebracht: Inhaltlich und organisatorisch veränderte sich der Unterricht Stück für Stück." Die Stunden- und Pausenzeiten änderten sich, der Schultag wurde rhythmisiert, sodass inzwischen auch Unterricht am Nachmittag stattfindet - "obwohl sich Unterricht und außerunterrichtliche Angebote sowieso kaum noch voneinander trennen lassen", wie der Rektor meint.

Der Prozess war nicht einfach. Lehrerin Silke Schulz-Ufert berichtet: "Als wir damals mit dem Blockunterricht anfingen, hätten wir so einen Ganztagskongress gut gebrauchen können, auf dem man sich Anregungen für solche Veränderungsprozesse holen kann. Wir haben damals die Mittelschule in Niederwiesa gefunden, an deren Blockunterrichtmodell wir uns orientiert haben." Doch aller Anfang war auch hier schwer: "Wir mussten erkennen, dass zweimal 45 Minuten nun leider keine 90 Minuten ergeben", erzählt die Pädagogin. Neue Unterrichtsformen und Binnenrhythmisierung wurden nötig, ebenso wie Bewegungspausen für die Schülerinnen und Schüler.

Ständiger Prozess

Und wie sollten die nun 30 Minuten langen Pausen aussehen? "Wir haben uns mit den Jugendlichen beraten, wie wir die Pausenzeiten organisieren sollten. Heute sorgt die Schülerfirma dafür, dass die Schülerinnen und Schüler etwas zu essen kaufen können und sie nicht wie früher vom Schulgelände zum Kiosk verschwinden müssen." Sie können im Schulclub spielen oder die Bewegte Pause nutzen. Die Bibliothek steht offen, sodass die Jugendlichen dort auch am Computer arbeiten, Tageszeitungen und Bücher lesen, Vorträge vorbereiten oder ihre Hausaufgaben machen können. Die Aufsicht in der Pause führen die Jugendlichen selber. "Für uns ist das eine große Unterstützung. Wir erhalten dadurch Zeit, uns mit den Kindern zu unterhalten, was früher immer zu kurz kam."

All das ist ein ständiger Prozess, auch von "Versuch und Irrtum", wie Schulleiter Ufert betont. "Man muss alles ausprobieren, aber auch immer wieder bereit sein, einen Schritt zurückzugehen, sich in die Augen zu schauen und zu sagen: Das war nichts, das machen wir nochmal anders." Sehr hilfreich sei es, sich Anregungen aus anderen Ganztagsschulen zu holen. Die Kunst bestehe dann allerdings darin, diese Ideen in etwas Eigenes umzuwandeln, das für die eigene Schule passt."

Auch an der Mittelschule "Heinrich Ziller" gibt es noch Baustellen: "Mit dem Einstieg in den Tag sind wir noch nicht zufrieden", so Schulleiter Ufert. "Das beginnt noch zu disharmonisch. Wir haben zwar schon einiges ausprobiert, mussten das aber auch wieder rückgängig machen." Ein zweiter Punkt ist das Stärken der Schülerverantwortung: "Wie erreichen wir es, dass die Schülerinnen und Schüler mehr Verantwortung für ihre Schule übernehmen. Wir wollen nicht nur Angebote machen, welche die Jugendlichen wählen, sondern sie sollen auch selbst Ideen für AGs entwickeln." Und drittens müssten noch effektivere Methoden für eine Binnendifferenzierung im Unterricht gefunden werden.

"Uns ist klar, wie viel Arbeit die Schulen mit ganztägigen Angeboten unter manchmal widrigen Umständen investieren und wie viel Planung dafür nötig ist", schloss Dr. Angelika Dittrich, Referatsleiterin im Kultusministerium, den Kongress. "Wir können den Schulen versichern, dass die Weiterentwicklung schulischer Ganztagsangebote ein wichtiger Schwerpunkt und ein wichtiges Instrument der Schulentwicklung in Sachsen bleibt. Nach dem quantitativen Ausbau wollen wir in den kommenden Jahren den qualitativen Ausbau in den Mittelpunkt stellen."

Dazu werde man die Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung der Technischen Universität Dresden und der Evaluation des Sächsischen Bildungsinstituts, vor allem aber die Rückmeldungen der Schulen auswerten. Drittens möchte das Ministerium den Anstoß liefern, den Bereich der unterrichtsergänzenden Angebote zu stärken: "Ganztagsangebote sind ein Türöffner für das individuelle Fördern der Schülerinnen und Schüler."

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