...bis in den letzten Winkel von Rheinland-Pfalz

Johannes Jung ist im rheinland-pfälzischen Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur seit Beginn der Ganztagsschuloffensive 2001 mit dem Aufbau der Ganztagsschulen befasst. Er stellte Weichen für eine erfolgreiche Entwicklung, deren Ausmaß ihn selbst überrascht hat.

"Machen Sie das?" Eine Nacht musste Johannes Jung über diese Frage der Bildungsministerin Doris Ahnen 2001 schlafen, dann entschied er sich, die Herausforderung anzunehmen: Zu einem Zeitpunkt, als in Deutschland das Wort "Ganztagsschule" noch weitgehend unbekannt war, sollte der damalige Leiter des Modellversuchs Duale Oberschule nun Leiter des Ganztagsschulreferates im Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur werden. Das Land Rheinland-Pfalz hatte sich vorgenommen, flächendeckend Ganztagsschulen in Angebotsform einzurichten, um dem gesellschaftlichen Wandel Rechnung zu tragen, und schuf dazu als erstes Bundesland ein eigenes Referat.

"Entscheidend war damals, dass wir auf die an uns durch Schulleitungen und Schulräte herangetragenen Sorgen und Nöte reagiert haben", erinnert sich Jung. "Von dort kam die klare Aussage, dass man einfach mehr Zeit benötige, um Schülerinnen und Schüler individuell fördern zu können." Auch seien viele Mütter unzufrieden gewesen: Statt selbst berufstätig sein zu können - und oft genug auch sein zu müssen -, fühlten sie sich als "Hilfslehrerinnen der Nation" mit der Hausaufgabenbetreuung am Nachmittag oder Abend betraut.

Die Ganztagsschule - für Johannes Jung ein "internationaler Standard" - schien der Landesregierung die passende Antwort auf diese Entwicklungen. Ihre Realisierung hatte zwei Voraussetzungen: Die Wahlfreiheit der Schülerinnen und Schüler und ihrer Eltern zwischen dem Ganztags- und Halbtagsunterricht - bei Anmeldung dann allerdings mit einer Verpflichtung für ein Schuljahr - und die starke Einbindung außerschulischer Partner in den Ganztagsbereich.

Wahlfreiheit und Kooperation als Grundsätze

Johannes Jung ist selbst ein starker Fürsprecher schulischer Kooperationen, denn dem Leitenden Ministerialrat ist es "aus eigener Erfahrung immer suspekt gewesen, dass nur Lehrerinnen und Lehrer in einer Schule unterrichten": "Es liegt nicht ausschließlich an der pädagogischen Profession, dass jemand mit Kindern umgehen kann. Wenn ein Handwerker oder ein Facharbeiter aus der Industrie etwas zu bieten hat, Kindern etwas beibringen kann, dann spricht nichts dagegen, auch so jemanden in die Schule zu holen." Durch die außerschulischen Partner könne erstens gewährleistet werden, dass die Lebens- und Arbeitswelt in die Schulen komme, und zweitens werde Bildung und nicht nur Betreuung geboten. Wenn zum Beispiel ein Maurer und ein Zimmermann mit den Schülerinnen und Schülern Hausbaumodelle erstellten, dann erführen die Jugendlichen ganz praktisch, wozu Mathematik wichtig ist.

Inzwischen hat das Land mit 25 außerschulischen Partnern aus Kultur, Sport und Wirtschaft Rahmenvereinbarungen geschlossen. "Diese Angebote machen den Unterricht spannend", findet Jung. Wie wichtig dem Bildungsministerium das Engagement der Pädagogischen Partner ist, kann man an der 100-prozentigen Finanzierung durch das Land ermessen: 85 Millionen Euro jährlich lässt sich das Land den Personaleinsatz kosten. "Und die Eltern müssen für den Besuch der Ganztagsschule - bis auf das Essensgeld, das in Härtefällen aber auch auf einen Euro am Tag ermäßigt wird - keinen Cent bezahlen", betont Johannes Jung.

Überraschende Nachfrage

2001 ging es erst einmal darum, die Grundkonzeption der Ganztagsschule zu verdeutlichen: An sämtliche Schulen im Land gingen Briefe heraus, in denen das Ministerium aufzeigte, wie eine Ganztagsschule konzeptionell aussehen musste und wie die Antragsverfahren laufen sollten. Dazu organisierte man Informationsveranstaltungen "bis in den letzten Winkel hinein", so Johannes Jung. Eine durch das Land in Auftrag gegebene Umfrage des Münchener Meinungsforschungsinstituts Polis bestätigte den Bedarf. Die Mehrheit der Befragten wollten Familie und Beruf vereinbart sehen. An so manchem Info-Abend geisterte aber auch noch das böse Wort von der "Rabenmutter" umher. Bis heute tun sich manche nicht berufstätigen Mütter schwer, ihre Kinder in der Ganztagsschule anzumelden, weil sie dann Gefahr laufen, sich dem Getuschel von Nachbarn und Verwandten auszusetzen, wie Johannes Jung bedauert.

Um die Ganztagsschulen in ihrer Arbeit zu unterstützen, wurden an den Fortbildungsinstituten des Landes Kurse eingerichtet, die auf die Zusammenarbeit von Schulen und außerschulischen Partnern einstimmten, und ein Netzwerk von Ganztagsschulmoderatoren gegründet. Hierbei handelt es sich um Schulleiterinnen und Schulleiter sowie Lehrerinnen und Lehrer, die bereits über Erfahrungen in der Arbeit an einer Ganztagsschule verfügen, und die in ihren Regionen andere und werdende Ganztagsschulen beraten.

Als erstes Land initiierte Rheinland-Pfalz umgehend eine wissenschaftliche Begleitforschung, von der in den folgenden Jahren auch die bundesweite Ganztagsschulforschung profitieren konnte: An der Universität Mainz startete das Vorhaben "Ganztagsschule in Entstehung", an der Universität Ludwigshafen das Projekt "Akzeptanz und Leistung der Ganztagsschule", an der Universität Koblenz forschte man zu "Förderung selbst gesteuerten Lernens durch Experimentieren und eLearning", und die Universität Landau befasste sich mit der "Förderung neuer Lehr- und Lernkultur". Bis heute gehört Rheinland-Pfalz zu den Ländern, die auf fundierte Forschung im Ganztagsschulbereich bauen.

Das Ganztagsschulreferat war sich dennoch nicht sicher, welche Resonanz das Programm finden würde. "Wir haben uns damals über die Antragszahl völlig getäuscht", gibt Jung zu, "und waren dann erstaunt": 168 Anträge kamen, und 81 Ganztagsschulen konnten dann zum 1. August 2002 genehmigt werden. So mancher Bürgermeister, der im Brustton der Überzeugung erklärt hatte, in seiner Gemeinde werde keine Ganztagsschule entstehen, schwenkte um, weil Schulen, Schulträger und Eltern eben doch ihren klaren Bedarf artikulierten.

Ein Ganztagsangebot für jede Gemeinde

"Anfangs hatte ich, wenn das Antragsende Anfang November näher rückte, auch mal schlaflose Nächte. Das war ein Hoffen und Bangen, ob es denn genügend Anträge geben würde", erinnert sich Johannes Jung. "Und manchmal bin ich auch unruhig geworden, wenn Schulen zu Ganztagsschulen wurden, bei denen sich im Kollegium die Begeisterung darüber in Grenzen hielt. Da fragte ich mich, was passieren würde, wenn diese Lehrkräfte die Schule mit einer Art Bummelstreik sabotieren sollten. Aber es ist anders gekommen, denn die Lehrer haben erkannt, welche Vorteile die Ganztagsschule mit sich bringt."

Mittlerweile ist der Referatsleiter auch hinsichtlich der Antragszahlen gelassener geworden: In acht Antragsrunden hat es immer doppelt so viele Anträge gegeben, wie das Land Genehmigungen vergeben konnte. Ursprünglich sollte 2006 bei 360 Ganztagsschulen Schluss sein - im laufenden Schuljahr 2009/2010 sind es nun schon 504. Sein Gefühl sagt Jung, dass auch das für 2011 vorgesehene Ausbauende mit 560 Schulen keinen Bestand haben wird: "Es sieht ganz so aus, dass wir Schwierigkeiten bekommen werden, wenn wir 2010 und 2011 Anträge ablehnen müssten."

Rheinland-Pfalz besteht aus zwölf kreisfreien Städten und 200 Verbandsgemeinden. "Unser Ziel ist es jetzt, in jeder dieser Städte und Gemeinden mindestens eine Ganztagsschule anbieten zu können", berichtet der Referatsleiter. In diesem Schuljahr sind in 165 Gemeinden und Städten Ganztagsschulen vorhanden, den Rest wird man Jung zufolge in den noch zwei folgenden Antragsrunden bis zum Ende der Legislaturperiode 2011 schaffen. An 50 Prozent der allgemein bildenden Schulen ist heute bereits ein Ganztagsschulangebot vorhanden - sei es in offener, verpflichtender oder in Angebotsform.

Aus der Kommunalverwaltung ins Bildungsministerium

Mit den Zahlen ist auch die Verantwortung des Referatsleiters gewachsen, der von sich sagt, dass er sich um jeden Fall persönlich kümmere und etwa 70 Prozent aller Ganztagsschulen schon einmal besucht habe. "Dabei kommt mir zu Gute, dass ich mir im Laufe meines Arbeitslebens Menschenkenntnis erworben habe", erzählt er.

Johannes Jung ist seit 1974 im Geschäft: Dem Start in der Kreisverwaltung Kaiserslautern folgte die Tätigkeit bei der Bezirksregierung Rheinhessen. In Planfeststellungsverfahren sammelte er viel Erfahrung mit Bürgerkontakten. 1982 wechselte er ins Organisationsreferat des Bildungsministeriums, das er im Laufe der Zeit "kennen lernte wie meine Westentasche". Von 1984 bis 1998 arbeitete er in der Personalabteilung, wo er unter anderem mit Lehrereinstellungen und Schulleitungsbesetzungen befasst war. Die juristischen und administrativen Kenntnisse aus dieser Zeit sind in seiner aktuellen Stellung äußerst hilfreich. 1998 übernahm er dann den Modellversuch Duale Oberschule, bei dem es darum ging, allgemeine und berufliche Bildung miteinander zu verknüpfen - und führte diese zum Erfolg. Die Duale Oberschule ist seit dem Schuljahr 2006/07 Regelschule als besondere Form der Regionalen Schule, die nicht nur Berufsreife (Hauptschulabschluss) und qualifizierten Sek I-Abschluss ermöglicht (Mittlere Reife), sondern sogar Zugänge zum Hochschulbereich offen hält.

Die Tätigkeit im Ganztagsschulreferat bestand zu Beginn aus vielen Reisen. Inzwischen organisiert Jung mehr von seinem Schreibtisch im Ministerium aus und trifftt die Gesprächspartner aus dem Netzwerk der Ganztagsschulmoderatoren oder der Bildungsforschung bei sich im Haus.

Bildungsverwaltung als Dienstleistung

Seine Freundlichkeit, sein Interesse am Gegenüber und eine gute Portion Humor einerseits, Sachorientierung und Unbeirrbarkeit im Verfolgen von Zielen charakterisieren seine Kommunikation bis heute. Dabei ist er kein Freund langer Diskussionsrunden - "einer muss die Verantwortung übernehmen" -, der sich mit seiner Art vielleicht im eigenen Haus nicht überall Freunde macht, aber von der Hausspitze und von außen gute Rückmeldungen für seine Arbeit erhält.

Dazu hat bisher beigetragen, dass der Referatsleiter an entscheidenden Weichenstellungen die richtige Nase bewies und eine Richtung vorgab, während man auch mit guten Begründungen andere Wege hätte einschlagen können - so zum Beispiel bei der Entscheidung, eine Vielzahl von Vertragsarten zuzulassen, um ein hochwertiges Ganztagschulangebot vor Ort zu sichern.

"Unnötig skeptisch bin ich 2003 bei der Einführung unseres Ganztagsschulportals im Internet gewesen", gibt Jung zu. "Ich habe damals etwas gebremst, aber heute muss ich zugeben, dass die Seite mit ihrer Stellenbörse, den Artikeln und Verordnungen wirklich sehr gut angenommen wird. Besonders wichtig finde ich, dass sich viele Eltern in unserem Bildungsatlas über Ganztagsschulen in ihrer Nähe informieren."

Den Ganztagsschulen lässt Johannes Jung eine "lange Leine", so lange die Qualitätskriterien beachtet werden. Die Arbeit soll vor Ort erledigt werden. Lediglich falls eine Schule nicht mit ihrem Budget auskommt oder es Schwierigkeiten beim Einhalten der Mindestteilnehmerzahl gibt, hakt der Referatsleiter nach. "Wir sind ein Dienstleister", versteht der Referatsleiter seine Arbeit zuallererst als Service.

Bildungspolitischer Quantensprung

Nach acht Jahren im Referat "Ganztagsbetreuung im schulischen Bereich" blickt Johannes Jung mit einigem Stolz auf das Erreichte zurück - vor allem, weil die Arbeit den Schülerinnen und Schülern zu Gute komme. "Das ist die Leitfrage, die ich immer wieder stelle: Was haben die Schüler davon?"

Wenn er an den Kongress des Ganztagsschulverbandes 2002 in Kaiserslautern denke, wo ein Wissenschaftler noch mit der These "Die Schule muss bitter schmecken" aufgetreten war, dann sehe er die Ganztagsschulentwicklung als Quantensprung in der Bildungspolitik. "Lehrkräfte haben nicht geglaubt, dass die Bildung abseits der Stundentafel so wichtig sein könnte", erklärt Jung. "Ein Lehrer hat mir einmal gesagt, dass der Kontakt zu seinen Schülern am Nachmittag seinen Vormittagsunterricht bereichere. Wenn Schule sich so auswirkt, dann hat sie einen Mehrwert, den man messen kann."

In den kommenden Jahren wird das Thema G8 einen wichtigen Schwerpunkt der Arbeit von Johannes Jung einnehmen. Gymnasium mit verkürzter Schulzeit werden in Rheinland-Pfalz nur als Ganztagsschulen genehmigt. Wie sich diese Schulen auf das Thema einlassen - ob sie ihren Unterricht vernetzen oder ihren Schultag anders rhythmisieren, muss noch "behutsam geklärt werden", so der Ministerialrat. Mit einem zweitägigen Kongress im September 2010 wird sich das Ministerium auch dem Thema "Übergänge zwischen Kindergärten und Ganztagsgrundschulen" widmen.

"Meine Arbeit macht mir weiterhin Spaß", lässt Jung keine "Amtsmüdigkeit" erkennen. Die zwei weiteren Antragsrunden möchte er noch begleiten - wie es dann 2011 weiter geht, ist noch offen.

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