Pragmatisch und mit Teamgeist für die Ganztagsschulen im Saarland

Im Saarländischen Ministerium für Bildung, Familie, Frauen und Kultur ist Bernd Seiwert der Ansprechpartner für Fragen rund um die Ganztagsschule. Der Leiter des Ganztagsschulreferats war von der Konzeptionsphase an dabei und will die Entwicklung für die Zeit nach Auslaufen des IZBB-Programms verstetigen.

Das Telefon im Büro von Bernd Seiwert steht nicht still. Der Leiter des Referats S1 in der Stabsstelle für Familie, Betreuung und Bildung im Saarländischen Ministerium für Bildung, Familie, Frauen und Kultur ist in seinem Referat für die Bereiche Tageseinrichtungen für Kinder, Tagespflege und Freiwillige Ganztagsschule zuständig. Ein weites Feld - entsprechend groß ist der Nachfrage- und Beratungsbedarf. Und Seiwert, der von Hause aus Sozialpädagoge ist, verfügt über genügend Erfahrung, alle Fragen in Sachen Ganztagsschule geduldig zu beantworten.

"In unserem Referat kümmern wir uns um die Personalkostenförderung, die Baukostenförderung und in Zusammenarbeit mit der Serviceagentur um die inhaltliche Begleitung", erläutert Bernd Seiwert. Im Bereich der Ganztagsschule im Saarland ist er sozusagen ein Mann der ersten Stunde und wirkte an der Konzeption der Freiwilligen Ganztagsschule mit.

"Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre sind in Schulversuchen drei Grundschulen und eine Gesamtschule als gebundene Ganztagsschulen eingerichtet worden", erinnert sich der Referatsleiter. Schnell habe aber die Landesregierung erkannt, dass eine flächendeckende Einführung von gebundenen Ganztagsschulen finanziell undenkbar sei - an dieser Einschätzung änderte sich auch unter den Nachfolgeregierungen nichts.

"IZBB verlieh der Entwicklung Schwung"

"Die Einführung der Freiwilligen Ganztagsschule ergab sich dann aus der Unzufriedenheit im Ministerium über die Situation in der Hortbetreuung", so Seiwert weiter. "Hier waren 2.500 Plätze vorhanden, von denen aber rund 20 Prozent unbesetzt blieben. Deshalb überlegte man, wie man Schule und Hort verbinden könne, um an den Grundschulen ein Betreuungsangebot einzurichten." Dazu kam der Druck von Seiten der Eltern, die den Hort mit acht Sozialpädagogenstunden laut Bernd Seiwert als "überpädagogisiert" empfanden.

Die Schulen erhielten 1.500 Mark pro Jahr, um mit Ehrenamtlichen der Träger der Wohlfahrtspflege eine Nachmittagsbetreuung zu organisieren. Das Projekt wurde inhaltlich verfeinert, zeitlich ausgedehnt und erhielt dann den Namen "Freiwillige Ganztagsschule".

"Durch das IZBB hat die Ganztagsschulentwicklung einen unglaublichen Schwung erhalten", lobt der Referatsleiter. Es wurde möglich, baulich etwas umzusetzen, und die Nachfrage der Schulträger war vorhanden. Denn die Auffassung, man könne die Angebote am Nachmittag einfach in den leer stehenden Klassenzimmern durchführen, habe sich aus verschiedenen Gründen schnell als nicht praktikabel erwiesen. "Es wurden Mittel in Höhe von 49 Millionen Euro für bauliche Projekte im Rahmen des IZBB ausgegeben, zusätzlich hat das Land noch mal 7,2 Millionen draufgelegt", so Seiwert.

Teilnahmequote in Ganztagsschulen bei 15 Prozent

Schnell sei auch deutlich geworden, dass die Qualität des inhaltlichen Angebots noch zu wünschen übrig ließ: "Es arbeiteten nur Stundenkräfte und viel nicht qualifiziertes Personal im Nachmittagsbereich, die Arbeitsbedingungen waren schlecht und die Fluktuation unter den Kräften entsprechend hoch", beschreibt Bernd Seiwert.

Das Ministerium entwickelte daraufhin das FGTS plus-Modell. Waren zunächst Betreuungszeiten bis 14 Uhr vorgeschrieben, wurden diese nun auf mindestens 16.30 Uhr verlängert. Zusätzlich ist eine Ferienbetreuung vorgesehen. "Mit diesen Modell erhöhten wir auch die Zuwendung, die an eine Erhöhung des Fachkräfteangebots gebunden war: "Jede Gruppe erhält nun 15.000 Euro plus fünf Lehrerstunden. Ab dem Schuljahr 2009/2010 wird diese Summe nochmal auf 20.000 Euro steigen", beschreibt Bernd Seiwert. Mit diesem Programm konnte man das Angebot auf inzwischen 10.000 Nachmittagsbetreuungsplätze erhöhen.

Drei verschiedene Angebotsvarianten stehen den Eltern zur Auswahl: Gebundene Ganztagsklassen, das offene Angebot und das Kooperationsmodell Schule-Jugendhilfe, bei dem die Fachkräfte des Hortes in die Schule kommen. "Wir setzen auf Freiwilligkeit - kein Kind muss die Ganztagsschule besuchen, aber jedes Kind soll es können, wenn die Eltern es wollen", beschreibt Seiwert die Maxime des Ministeriums. Der flächendeckende Ausbau sei nahezu erreicht. Alle Grundschulen verfügten über ein Ganztagsangebot, Gesamtschulen und Gymnasien böten dies überwiegend. Bei den Erweiterten Realschulen und den Förderschulen gebe es noch Nachholbedarf. "Die Teilnahmequote der Schülerinnen und Schülern an den Ganztagsangeboten dürfte bei etwa 15 Prozent liegen", meint der Referatsleiter.

Hausinterne Synergie mit der Jugendhilfe

Mit dem weiteren Ausbau der Qualitätsentwicklung und der Einrichtung der Serviceagentur hat das Referat von Bernd Seiwert mittlerweile 14 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und bewegt im Jahr 70 Millionen Euro. "Dass die Ganztagsschule und die Betreuung von Tageseinrichtungen für Kinder in einem Referat vereint sind, ist auch als Zeichen zu verstehen, dass wir ganz gezielt Synergieeffekte zwischen Schule und Jugendhilfe nutzen wollen", berichtet Seiwert.

Im Zuge des Ministerinnenwechsels im Jahr 2008 entstand eine Stabsstelle, die den klassischen Jugendhilfebereich bis zur Schulsozialarbeit umfasst. "Dass im Haus auch das Landesjugendamt - ein Referat der Familienabteilung - angesiedelt ist, ergibt eine interessante Mischung", meint Seiwert. "Wir können eng zusammenarbeiten, ohne dass große Reibungsverluste entstehen." So sei es auch möglich, dass die Jugendhilfe das Personal in der Ganztagsschule mitfinanziere.

Seine täglichen Aufgaben beschreibt Bernd Seiwert so: "Mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern lege ich die Arbeitsschwerpunkte fest, reflektiere die strittigen Punkte und bin bei konzeptionellen Fragen gefordert. Die Kontakte zu den Trägern und das Einschätzen der Finanzierung und welche Gremien beteiligt werden müssen, fällt ebenfalls in meine Zuständigkeit. Und natürlich das Zuarbeiten zur Hausspitze." Die Beantwortung von Anfragen aus dem Landtag und den Fachausschüssen, der Kontakt zur Presse und den Elternverbänden gehören ebenso zu Seiwerts Aufgaben wie die Personalführung. Bei den einmal in der Woche stattfindenden Mitarbeiterbesprechungen ist es ihm wichtig, "dass alle von der Arbeit der anderen erfahren".

Glück mit den handelnden Personen

"Mit den handelnden Personen, zum Beispiel bei der Serviceagentur, haben wir großes Glück - da wird hervorragende Arbeit geleistet", ist Bernd Seiwert zufrieden. "Wir sind hier ein echtes Team - wenn Veranstaltungen wie das Lernforum der Serviceagentur anstehen, fahren wir alle vor Ort und helfen mit."

Die Bedürfnisse in den Schulen ermitteln Bernd Seiwert und sein Team in enger Kooperation mit der Serviceagentur "Ganztägig lernen", durch regelmäßige Treffen mit den Trägern und Schulleiterkonferenzen sowie den engen Kontakt zu den Schulaufsichtsbeamten. "Bei diesen Treffen erhalten wir viel Rückmeldung, wie unser Programm bei der Basis ankommt, und können dann gegebenenfalls gezielt nachsteuern."

Seiwert ist bei seinen Kontakten aufgefallen, wie sich die Stimmung in der Lehrerschaft verändert hat: "Zu Beginn des Programms bekam ich Anrufe von Schulleitungen, die klagten, sie hätten nur Halbtagslehrer, die ihren Beruf hauptsächlich wegen der Arbeitszeit ergriffen hätten, und die sie deshalb nicht am Nachmittag beschäftigen könnten. Das hat sich unheimlich verändert. Nun sehen viele Lehrerinnen und Lehrer in der Ganztagsschule einen Weg, eine neue Kommunikation zu ihren Kindern zu finden." Wenn man zusammen Mittag esse, am Nachmittag etwas Schönes erlebt habe, dann ließen sich Konflikte am Vormittag besser bewältigen.

"Ganztagsschule kein Allheilmittel für alle Probleme"

Die Nachfrage nach Ganztagsschulplätzen wächst ständig. "Manche Schulen, die neue Gebäude im Zuge des IZBB-Ausbaus erhalten haben, klagen schon jetzt wieder über Platzmangel", erklärt der Referatsleiter. Eine Herausforderung, der man sich auch stellen müsse, sei der steigende Bedarf nach der Einführung von Ganztagsklassen. Der politische Wille sei da, die Ministerin Annegret Kramp-Karrenbauer habe sich entsprechend geäußert, und im Referat habe man bereits durchgerechnet, wie die Kosten im Vergleich zu den Freiwilligen Ganztagsschulen ausfallen würden. Auch die Fortsetzung der Arbeit der Serviceagentur nach Auslaufen des Kooperationsvertrages mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) in fünf Jahren ist Seiwert wichtig.

Daneben gehe es in Zukunft inhaltlich darum, wie man neue Modelle für Partizipation und Demokratie in den Schulen entwickle und Kontakte zu Musikschulen und Sportvereinen herstelle. Diese Kooperationen unterstütze man, indem pro Jahr zusätzlich 1.500 Euro für jede Gruppe investiert werde, damit sich die Kinder ins gemeinschaftliche Leben einbringen können.

 "Ein bisschen Angst macht mir, dass die Erwartungen an Ganztagsschulen sehr hoch sind - sie praktisch eine Antwort auf alle gesellschaftlichen Probleme sein soll. So hohe Erwartungen können nur enttäuscht werden", mahnt Bernd Seiwert. Aber dennoch sei er stolz, was in den vergangenen sechs Jahren erreicht worden sei, und froh, dass es nun eine gebührende Aufmerksamkeit für pädagogische Fragen gebe: "Kam man früher mit Finanzierungswünschen, wurde das mit Verweis auf 'non-profit' abgeschlagen - das hat sich gründlich geändert. Das kann sich keiner mehr leisten."

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