"Eine Ganztagsschule ist kein Hotel": Verlässliche Qualitäten in den Ganztagsschulen Nordrhein-Westfalens

Über seinen Schreibtisch im Düsseldorfer Schulministerium geht alles, was mit Ganztagsschule zu tun hat: Dr. Norbert Reichel, im Ministerium für Schule und Weiterbildung als Referatsleiter zuständig für die Ganztagsangebote in der Schule, Öffnung von Schule, Schule und Kultur, Bildung für nachhaltige Entwicklung sowie Schulpsychologie, ist einer der Protagonisten des rasanten Ganztagsschulausbaus in Nordrhein-Westfalen.

Zwei Männer sitzen an einem langen Tisch, vor Ihnen stehen Namensschilder
Norbert Reichel (l.) auf einer Veranstaltung mit Stefan Dülberg vom Ganztagsschulträger Jugendfarm in Bonn

Das Büro von Dr. Norbert Reichel im Ministerium für Schule und Weiterbildung sieht nach viel Arbeit aus: Auf dem Schreibtisch stapeln sich Schriftstücke, Bücher, Broschüren und Briefe. Der PC-Monitor flimmert, das Telefon schellt, und ein Kollege schaut herein, um über eine Anfrage im Landtag zu beraten. Es sieht aber auch nach Ganztagsschule aus: Das Buch "Individuelle Förderung im offenen Ganztag" steht ebenso im Schrank wie das "Jahrbuch Ganztagsschule". Auf den Aktenordnern stehen Abkürzungen wie "QUAST" (Qualität für Schulkinder in Tageseinrichtungen) und "QUIGS" (Qualitätsentwicklung in Ganztagsschulen), und auf dem Schreibtisch liegt eine Broschüre "Kulturelle Bildung in Ganztagsschulen".

Keine Frage, Norbert Reichel ist als Referatsleiter für die Arbeitsbereiche Ganztagsschulen und Ganztagsangebote ein Experte für alle Fragen rund um die ganztägige Bildung und Betreuung - und war dies schon lange vor 2003, als Nordrhein-Westfalen im Zuge des Investitionsprogramms "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) mit dem massiven Ausbau der Offenen Ganztagsgrundschulen und seit 2005 im Bereich der Sekundarstufe I begann.

"Schon seit den 1980er Jahren gab es in Nordrhein-Westfalen das so genannte "GÖS"-Programm zur "Gestaltung des Schullebens und Öffnung von Schule", erinnert er sich. "Was damals in einzelnen Projekten erfolgte, ist heute durch die Ganztagsschule eine feste Größe geworden. Jetzt findet diese Öffnung dauerhaft und vor allem auf Augenhöhe zwischen den Partnern der Schulen und der außerschulischen Bildung statt."

In den 1980er Jahren gab es auch bereits das "Erweiterte Bildungsangebot in der Hauptschule", in den 1990er Jahren folgten Programme wie "Schule von Acht bis Eins" und das Programm "Dreizehn Plus".

Norbert Reichel stieg 1999 mit der Einrichtung des Programms "Dreizehn Plus" ins "Ganztagsschulboot". Das GÖS-Programm, das er in den Vorjahren bereits betreut hatte, nahm er mit. Für ihn hatten die Vorläuferprogramme weitestgehend Intentionen, wie sie später mit dem Ausbau der offenen und jetzt auch der gebundenen Ganztagsschulen verfolgt wurden - erweiterte Bildungs- und Betreuungsmöglichkeiten, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die Verbindung von Lebenswelt und Schule -, "aber die Formen, in denen die alten Programme durchgeführt wurden, waren weit unverbindlicher".

Schule und Jugendhilfe arbeiten gut zusammen

Norbert Reichel ist für den Ausbau des Ganztags in allen Schulformen zuständig. Sein Referat entwickelt die rechtlichen Rahmenbedingungen und sichert - natürlich immer im Rahmen der Vorgaben des Haushaltsgesetzgebers - die Bereitstellung von Finanzierungsmöglichkeiten für das Personal und verwaltet Investitionsmittel. Neben den Mitteln aus dem IZBB-Programm sind das Mittel aus Landesprogrammen, welche das IZBB ergänzen oder fortführen. Darüber hinaus engagieret sich das Referat für die Qualitätsentwicklung der Ganztagsschulen. Der wichtigste Partner ist hierbei die Serviceagentur "Ganztägig lernen" Nordrhein-Westfalen, die seit 2007 am Institut für soziale Arbeit (ISA) in Münster angesiedelt ist.

Vor dem Start des Ganztagsschulprogramms des Landes 2003 gab es in Nordrhein-Westfalen eine im Bundesvergleich recht ausgeprägte Betreuungslandschaft im Jugendhilfebereich mit rund 40.000 Hortplätzen. Das entsprach einer Bedarfsdeckung für drei bis vier Prozent der Kinder. "Es bestand Handlungsbedarf, auf eine erheblich höhere Zahl zu kommen. Zu diesem Zweck haben wir uns seinerzeit dafür entschieden, Schule und Jugendhilfe zusammen zu bringen", so Norbert Reichel. Im Kinder- und Jugendhilfegesetz wurde von Bundesseite den Kommunen eine bedarfsgerechte Schulkindbetreuung als Pflichtaufgabe auferlegt. In den entsprechenden Ausführungsgesetzen des Landes wurde diese Schulkindbetreuung auch an den Schulen ermöglicht. Dies hat den Kommunen den Einstieg finanziell erheblich erleichtert, da die ursprünglich freiwillige Aufgabe "Ganztagschule" somit zur Pflichtaufgabe "Ganztagsbetreuung" wurde. Für die Träger ist dies auch steuerrechtlich eine Erleichterung.

Die politischen Vorstellungen zum Ausbau des Ganztags trafen zunächst auf erhebliche Vorbehalte, etwa bei der Jugendhilfe, die eine Art "freundlicher Übernahme" fürchtete, oder bei der "Pro Hort"-Bewegung. Auf der anderen Seite waren manche Grundschulen von den angestrebten Veränderungen wenig angetan. "Das war die Angst des Einen vor dem Anderen", beschreibt Norbert Reichel die damalige Lage. Doch diese Sorgen hätten sich als unbegründet herausgestellt: "Örtliche Probleme mag es immer wieder geben, aber insgesamt arbeiten Schule und Jugendhilfe heute gut zusammen.".

"Eine Ganztagsschule ist kein Hotel"

Als 2008 die Ganztagsschule in den Gymnasien angekündigt wurde, gab es laut Norbert Reichel wieder "massive Widerstände", die sich jedoch -  analog der Entwicklung im Primarbereich - inzwischen deutlich abschwächen. Eine besondere Rolle komme dabei der Unterstützung der Ganztagsschulen durch die Serviceagentur "Ganztägig lernen" zu, "die ich gar nicht hoch genug loben kann".

Die Serviceagentur führt gut besuchte Veranstaltungen zu inhaltlichen und organisatorischen Themen durch, unterstützt die Bezirksregierungen, die Schulämter und die Kommunen bei deren Veranstaltungen und fördert regionale Qualitätszirkel, in denen Ganztagsschulen, Verwaltungen und pädagogische Partner zusammen wirken, um die Qualität der Ganztagsschulen zu verbessern. Gute Praxisbeispiele werden so weitergegeben und blühen nicht nur im Verborgenen.

Norbert Reichel (r.) mit Wolfgang Thoring vom Landesjugendamt Westfalen-Lippe

Im Jahr 2010 werden sowohl im Primarbereich als auch in der Sekundarstufe I jeweils rund 30 Prozent aller Schülerinnen und Schüler an der Ganztagsschule teilnehmen. Von knapp 3.300 Grundschulen arbeiten rund 2.700 als Offene Ganztagsgrundschulen. Hinzu kommen etwa 250 offene Ganztagsförderschulen. Hier lautet die Rahmenvorgabe des Ministeriums für die Kommunen, an welche die Förderung durch das Land gekoppelt ist, an fünf Tagen ein Angebot bis 15 Uhr zu sichern. Den Kommunen und Schulen wird dabei eine gewisse Flexibilität zugestanden, einen Tag länger, einen anderen kürzer zu gestalten. "Der Tag endet nach unseren Eindrücken landesweit bei etwa 15.30 Uhr bis 16.30 Uhr", hat Norbert Reichel festgestellt.

In manchen Ganztagsschulen diskutieren Eltern, Schulleitung und die außerschulischen Pädagogen um die Frage, wie viel Freiheit bei Abholzeiten und Anwesenheit eingeräumt wird. Der Referatsleiter hat hier eine klare Meinung: "Eine Ganztagsschule ist kein Hotel, das man stundenweise bucht, sondern sie bietet ein kohärentes Bildungsprogramm. Auch eine offene Ganztagsschule braucht eine Verbindlichkeit, um das soziale und fachliche Lernen der Kinder auch nachhaltig zu fördern."

In der Sekundarstufe I wird es im Jahr 2010 etwa 1.050 Ganztagsschulen geben, in gebundener Form, aber konzipiert als Mischform von verpflichtenden und freiwilligen Elementen: An drei Tagen müssen die Schülerinnen und Schüler je sieben Zeitstunden anwesend sein. In dieser Zeit sollten auch die Hausaufgaben erledigt werden, die es, wie Norbert Reichel meint, in einer Ganztagsschule eigentlich "gar nicht mehr geben sollte". Zusätzlich sollen die Schulen nach 15 Uhr oder an einem vierten und fünften Tag zusätzliche Angebote bereit stellen. Deren Nutzung soll freiwillig sein, in den rund 230 erweiterten Ganztagshauptschulen wird allerdings ein höherer Verpflichtungsgrad angesetzt.

tellen wir sicher, dass die Kinder und Jugendlichen möglichst alles Schulische in der Schule erledigen können, um danach auch wirklich frei zu haben. Auf der anderen Seite bieten wir in der Zusammenarbeit mit der Jugendhilfe, den Sportvereinen und kulturellen Institutionen die Möglichkeit, dass die Schülerinnen und Schüler Angebote wahrnehmen, die ihnen in ihrer Freizeit und in ihrem Elternhaus nicht geboten werden können", erklärt Norbert Reichel.

"Die Häuser sind da, die Kinder sind drin"

Für den Personaleinsatz im Primarbereich allein stellt das Land im Jahr 2010 circa 250 Millionen Euro zur Verfügung, für den Sekundarbereich zeichnet sich eine ähnliche Entwicklung ab. Die Lehrerstunden in der Ganztagsgrundschule hat die Landesregierung 2006 von 0,1 auf 0,2 pro 25 Kinder verdoppelt. Das entspricht etwa sechs Wochenstunden. Einschließlich Lehrerstunden gibt es im offenen Ganztag einen Stellenzuschlag von 70 Prozent. Der Einsatz von Lehrerinnen und Lehrern im Nachmittagsbereich geht langsam, aber stetig voran. "Auch hier müssen alte Gewohnheiten abgelegt werden. Wir räumen aber ein, dass wir beispielsweise den Bereich der Kinderbetreuung für unter Dreijährige gerade erst beginnen auszubauen - und Lehrerinnen und Lehrer müssen die Betreuung der eigenen Kinder am Nachmittag ebenfalls sicherstellen."

Im Primarbereich wird das Land im Jahr 2010 auf 225.000 Ganztagsplätze kommen. Norbert Reichel meint trotz dieser beachtlichen Zahlen, "dass wir zumindest mit den Grundschulen gerade einmal in der ersten Konsolidierungsphase angekommen sind. Ein Kollege formulierte es so: ,Die Häuser sind da, die Kinder sind drin'. Die Rahmenbedingungen mögen zwar etabliert sein, aber nun ist eine Qualitätsentwicklung erforderlich, bevor sich Routinen einschleichen. Diese können hilfreich sein, um Zeit zu sparen und Arbeit zu erleichtern. Sie können aber auch den Blick für neue Entwicklungen und Perspektiven verstellen."

Mut machen und gute Beispiele weitertragen

Das Tempo des Ganztagsschulausbaus habe "viele überrascht". Es überfordere vielleicht auch zeitweise. Das Land und die Kommunen stellen Personal- und Investitionsmittel bereit, die Angebotsformate der Schule und ihrer Partner aus Jugendhilfe, Kultur und Sport verändern sich, Arbeitszeiten von Hausmeistern und Sekretärinnen ebenso, das Mittagessen muss organisiert werden, und manche Kommunen geben Essenszuschüsse. Das Land hat 2007 das Programm "Kein Kind ohne Mahlzeit" aufgelegt: 70.000 Kinder erhielten im Schuljahr 2008/2009 einen Essenszuschuss.

Ein Mann spricht vor einer großen Zuschauerzahl in einem Saal
Norbert Reichel (2.v.l.) auf einer Informationsveranstaltung im Regierungsbezirk Arnsberg

"Bei all diesen Herausforderungen ist die Qualitätsentwicklung um so wichtiger", erklärt Norbert Reichel. Eine gute Begleitung sei dafür die Voraussetzung: "Jeder muss seine Fragen und Ideen loswerden können. Und wir können Mut machen, indem wir Problemlösungen aus anderen Schulen und Kommunen als gute Beispiele weitertragen." Es werde bestimmt noch zehn Jahre dauern, bis sich das Ganztagsschulsystem überall gleichermaßen etabliert habe. Wie es dann genau aussehen werde, wie viel verpflichtende und wie viel freiwillige Elmente sich dann mischen werden, sei noch nicht absehbar.

Ein Stadt-Land-Gefälle bei der Ganztagsschule gebe es in Nordrhein-Westfalen "erstaunlicherweise kaum". Nach den bisher vorliegenden Erfahrungen hängt die Etablierung einer Ganztagsschule vielmehr vom Engagement einer Kommune ab: "Die Rolle eines aktiven Bürgermeisters darf man nicht unterschätzen. So entwickelt sich auch in ländlichen Regionen mit aktiven Familienstrukturen ein Interesse an der Ganztagsschule." Viel hänge davon ab, wie Schulen und Schulträger miteinander kommunizierten: "Wo diese Kommunikation stattfindet, klappt es. Wo sie nicht stattfindet, ist es schwierig."

Veränderungsprozesse durch gute Kommunikationsstrategie

Norbert Reichel verlässt seinen Schreibtisch regelmäßig, um Gespräche mit den Kommunen, mit der Schulaufsicht und Jugendhilfeträgern zu führen oder an Informationsveranstaltungen der Serviceagentur teilzunehmen. "Eine Kollegin aus der Kommunalverwaltung hat mir nach einer dieser Veranstaltungen einmal zurückgemeldet, ich hätte mit Teufels- und mit Engelszungen gesprochen", erinnert er sich. "Veränderungsprozesse kann man nur durch eine gute, auf Verbindlichkeit angelegte Kommunikationsstrategie initiieren. Man muss klare Standpunkte einnehmen, aber gleichzeitig offen für flexible Lösungen sein."

Bis heute bekommt das Ministerium Briefe, in denen die Verfasser behaupten, die Ganztagsschule entfremde die Kinder ihren Eltern - doch Norbert Reichel zufolge ist dies weit zurückgegangen. In der Regel werde der Ganztag von den Eltern akzeptiert. Heute stünden eher die Fragen nach der Qualität des Angebots und nach der Balance von Freiwilligkeit und Pflicht im Vordergrund.

Durch hartnäckige und verbindliche Kommunikation gelang es Reichel beispielsweise auch, Düsseldorfer Gymnasien von einem Engagement in der Ganztagsschule zu überzeugen:. "Bei der ersten Gesprächsrunde bin ich noch auf heftigen Widerstand gestoßen. Nach einem zweiten Treffen, an dem dann auch die Stadt teilnahm, haben sich inzwischen sieben von 17 Schulleitern für die Einführung der gebundenen Ganztagsschule entschieden - im Laufe eines Jahres. Man muss mit den Leuten reden, klar und verlässlich - das ist die halbe Miete".

Daher sei es auch zu loben, dass das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) regelmäßige Austauschtreffen der Bundesländer organisiere und dass die Serviceagenturen der Länder miteinander im Kontakt stünden. "Dies sichert das Lernen voneinander", findet Norbert Reichel, "Andere Länder haben andere Rahmenbedingungen, aber es ergibt sich doch eine Menge, was sich gemeinsam leichter voranbringen lässt als allein." Daher begrüßt er die Initiative der Bundesbildungsministerin Annette Schavan zur Weiterförderung der Serviceagenturen sehr.

Seine Arbeit sei eine Kommunikationsaufgabe, sagt Norbert Reichel. "Das ist nur zu bewältigen, wenn man immer und überall kommuniziert. Als Einzelkämpfer ist dies nicht zu schaffen." Telefon und E-Mail könnten die persönliche Ansprache nicht ersetzen, auch daher sei er viel im Lande unterwegs. Vor Ort erfahre man, mit wie viel Engagement sich in den Schulen, in den Kommunen, bei den Trägern aus Jugendhilfe, Kultur und Sport neue Ideen verwirklichen lassen. Dazu gehört aber auch die Offenheit, den Ganztag mit anderen Förderinstrumenten zu koppeln.

So ist Norbert Reichel von einer Gütersloher Förderschule angetan, die mit dem dortigen Jugendamt eine Zielvereinbarung abgeschlossen hat: Sie erhält Geld aus dem Topf für "Hilfen zur Erziehung" und gewährleistet dafür, dass keine Schülerin und kein Schüler auf das Jugendamt angewiesen sein werden. "Solche Beispiele beweisen mir, dass auch die Jugendämter die Ganztagsschule zunehmend als ein ganz wichtiges Instrument zur Förderung der Kinder und Jugendlichen entdeckt haben."

Diese Beispiele tragen auch dazu bei, dass Norbert Reichel seine Arbeit durchweg Spaß macht: "Es gibt immer mal wieder Sachen, über die man sich ärgert. Aber wer sich davon frustrieren lässt, kann einen solchen Job nicht machen."

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