Evangelische Gesamtschule Gelsenkirchen: "Wer diese Schule besucht, hat gewonnen"

Das Navi im Auto behauptet, ich hätte mein Ziel - die Evangelische Gesamtschule in Gelsenkirchen - erreicht. Doch dieses Mal muss es sich irren, bin ich überzeugt. Ich sehe keinen großen Gebäudeblock, höre und erlebe wenige Schülerinnen und Schüler, obwohl eigentlich gerade Pause sein müsste, und die Mutter mit dem Kleinkind an der einen und der Einkaufstüte in der anderen Hand passt nun wirklich nicht ins Bild einer Schule. Und doch: Ich habe mein Ziel erreicht

Schulgebäude der Evangelischen Gesamtschule Gelsenkirchen

Das wird deutlich, als ich freundlich von einem Mädchen angesprochen werde. Lena heißt sie, und aufgeschlossen fragt sie mich, ob ich etwas suche. "Ja, die Evangelische Gesamtschule", antworte ich, und Lena schmunzelnd: "Sie stehen doch mittendrin." Als ich mich nach dem Sekretariat erkundige, erklärt sie mir bereitwillig den Weg. Ich solle nur durch die Oase, vorbei am Wirtshaus und dann rechts ins Rathaus gehen. "Oase, Wirtshaus, Rathaus" - angesichts der Begriffe muss ich wohl ein wenig verwirrt schauen, denn Lena klärt mich spontan auf: "Oase ist unser Eingangsbereich mit den Olivenbäumen und dem Wasserlauf, das Wirtshaus ist unsere Mensa, und im Rathaus sitzen unsere Chefs. Da wollen Sie doch bestimmt hin."

Schüler beim Tischtennisspielen

Lena vermutet richtig, und wenig später stehe ich immer noch staunend angesichts der Architektur vor dem stellvertretenden Schulleiter Volker Franken. Im kommenden Jahr wird er den noch amtierenden Leiter der Schule Harald Lehmann ablösen. Langfristige und frühzeitige Planung prägt das Wirken der Schule. Das geschah auch, als die Schule 1998 gebaut wurde. "Sie war von vornherein so konzipiert, dass sie sich zu einem Mittel- und Treffpunkt des Stadtteils entwickeln konnte", berichtet Volker Franken. Bismarck - ein Stadtteil, dessen Bewohnerinnen und Bewohner nach Ansicht vieler Experten meist schwierige Perspektiven haben.

Arbeit in den Klassen
Arbeit in den Klassen© EGG

Er liegt im Stadtbezirk Mitte und hat 16.049 Einwohner (2009). Im Norden trennen der Rhein-Herne-Kanal und die Emscher Bismarck von den Gelsenkirchener Stadtteilen Erle und Resser Mark, im Osten grenzt Bismarck an Herne-Wanne, im Süden liegt der Gelsenkirchener Stadtteil Bulmke-Hüllen, im Westen liegen Schalke und Schalke-Nord. Der traditionsreiche Fußballverein RWW Bismarck 1925 e. V. war der Heimatverein Stan Libudas. Der Strukturwandel hat seine Spuren hinterlassen, und so titelte der Spiegel einst: "Wer hier lebt, hat verloren."

Ein Haus für jede Klasse

Schülerin an der Schultafel

Man sollte die Schlagzeile erneuern: "Wer diese Schule besucht, hat gewonnen." Davon sind Schülerinnen und Schüler, aber auch die Lehrkräfte gleichermaßen überzeugt. Schon das Gebäudekonzept darf getrost als höchst ungewöhnlich und individuell bezeichnet werden. Kein Zaun umgibt die zahlreichen zur Schule gehörenden Gebäude. Die Schule öffnet sich dem Ort. Das Theater (Aula) nutzt der Oberbürgermeister für Ehrungen. An Wochenenden und in den Ferien werden die Räumlichkeiten von "Schulfremden" für Veranstaltungen gebucht. Die Menschen laufen über die Schulwege, als wären es öffentliche Fußwege. Sie gehen durch ein kleines "Dorf", bestehend aus nichts anderem als den so genannten Klassenhäusern, in die der Vorbeigehende, von Gardinen ungehindert, hineinschauen kann. Für jede Klassenstufe existiert ein eigenes Klassenhaus - mit einem Raum samt Empore pro Klasse, der als Rückzugs- und zusätzlicher Lernraum dient, je einem Vorraum, in dem Straßen- gegen Hausschuhe getauscht werden, und eigenem Garten, der von der Klassenstufe eigenverantwortlich gepflegt wird.

Doppelte Lehrerbesetzung

Veranstaltung in der Turnhalle

Automatisch fällt der Begriff von dem "Raum als drittem Pädagogen". Hier wird er mit Leben gefüllt. Nach Ansicht Volker Frankens ist "Architektur ein wichtiger Moment der Erziehung". Und Harald Lehmann ergänzt: "Die Architektur ist eine besondere Voraussetzung für eine erfolgreiche Schule. Aber sie muss mit pädagogischen Inhalten gefüllt werden." Die bauliche Konstruktion führt dazu, dass "diese Schule unbeaufsichtbar ist", wie es Volker Franken formuliert. Ersetzt wird die Aufsicht durch Vertrauen und klare Regeln, wie ein ausdrückliches Handy- und Kaugummiverbot. Das in sie gesetzte Vertrauen zahlen die Schülerinnen und Schüler zurück. Mutwillige Zerstörungen gibt es praktisch nicht. Man beschädigt nicht, was man liebt. Und das Vertrauen zahlt sich in barer Münze aus. Es gibt keine "bezahlte" Aufsicht, sprich, es wird keine Lehrerarbeitszeit dafür verbraucht. Und so kann beispielsweise der 20prozentige Stellenzuschlag, den das Land für den Ganztagsbetrieb gewährt, in die individuelle Förderung der Schülerinnen und Schüler investiert werden.Die wird an der Evangelischen Gesamtschule in Gelsenkirchen groß geschrieben. Der Unterricht erstreckt sich von morgens 8 Uhr bis nachmittags 16 Uhr. Eine Unterrichtsstunde dauert 60 Minuten. In den Stundenplan fest integriert sind die Hausaufgaben, die hier Arbeitsstunden heißen. Sie werden von zwei Klassenlehrern begleitet, umfassen in Klasse 5 drei und in den höheren Stufen zwei Stunden pro Woche. Ab Klasse 6 ist die Teilnahme an einer der zahlreichen Arbeitsgemeinschaft Pflicht. Freiwillig sind dagegen die Angebote von "OMA" - die Organisierten Mittags-Angebote. Hier können die Schülerinnen und Schüler ebenfalls aus einer Vielzahl an Arbeitsgemeinschaften wählen oder aber sich einfach in den selbstverständlich offen stehenden Klassenräumen aufhalten, spielen, reden oder lernen.

Schüler auf dem Basketball-Spielfeld

Das Prinzip des Klassenhauses und der Stellenzuschlag für den Ganztag ermöglichen es, ab der Klassenstufe 7 Förderunterricht für Deutsch, Mathe und Englisch anzubieten. Zwei Pädagogen kümmern sich dann gleichermaßen um Leistungsstärkere wie -schwächere. Bewusst bietet die Schule keinen Türkisch-Unterricht an. Man setzt auf das gezielte Erlernen der deutschen Sprache. Volker Franken begründet die Maßnahme, die der Schule durchaus auch Kritik eingebracht hat: "Wir haben festgestellt, dass die Kinder erst, wenn sie richtig deutsch können, wirklich integriert sind. Bleiben sie zu sehr der Muttersprache verhaftet, müssen sie häufiger für Förderunterricht aus der Gruppe gerissen werden und bleiben auch als Gruppe unter sich. Das führt zu Segregation."

Geprägt von Geist der Gemeinschaft

Schüler an der Essensausgabe

Der kirchliche Einfluss ist spürbar - nicht nur in der schuleigenen Kapelle, die als Raum der Stille dient und in der regelmäßig Andachten stattfinden. Man spürt den Geist des Gemeinsamen. Freundlichkeit und Höflichkeit kennzeichnen sie. Die Begrüßung des Entgegenkommenden ist selbstverständlich. Die Wände werden geziert von Bildergalerien mit den Fotos aller Schülerinnen und Schüler. Und wie in einer guten Familie üblich, helfen die Jugendlichen in der Mensa, präzise im Wirtshaus. 350 Mahlzeiten werden hier täglich ausgegeben. Übrigens frei nach dem Motto: Essen darf man, soviel man möchte - Nachschlag erlaubt. Der Einfluss macht sich aber auch im Stundenplan bemerkbar. Die Teilnahme am Religionsunterricht ist verpflichtend. Ab Klasse 9 findet er für Kinder aller Konfessionen und Glaubensrichtungen gemeinsam statt. Ein diakonisches Praktikum ist in Klasse 11 obligatorisch. Tage der religiösen Orientierung, konzipiert als Projektwoche, stehen auf dem Plan der Zehntklässler.

Ganztagsschule als Voraussetzung für Kompensation

Schüler und der Lehrer sitzen in einem Klassenraum auf dem Boden

Wer nun glaubt, so ein Konzept funktioniere nur mit einer handverlesenen Schülerschaft, wird an der Evangelischen Gesamtschule Gelsenkirchen eines Besseren belehrt. Nicht ohne Stolz betont Volker Franken: "Wir sind eine der Schulen im Land mit dem höchsten Anteil von Kindern, die aus dem Stadtteil kommen, in dem die Schule liegt. Wir betreiben keine Rosinenpickerei." In einem sind er und sein (Noch)-Vorgesetzter Harald Lehmann sich einig: "Eine Schule, die kompensatorisch arbeiten will, muss eine Ganztagsschule sein." Doch Harald Lehmann fügt noch hinzu: "Und sie muss nicht nur Lern-, sondern auch Lebensraum für die Kinder und Jugendlichen sein. Denn die Kinder einfach nur länger in der Schule zu behalten, funktioniert nicht."

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