Wenn die Mensa lockt...

Essen ist mehr als Nahrungsaufnahme. Es bietet Gelegenheit zur Muße und zur Kommunikation. Erleben kann man das in der baden-württembergischen Schule "Am Kreßberg", in der Schülerinnen und Schüler für einen Euro täglich ein gesundes Mittagessen einnehmen können. Kein Wunder, dass sie nun als Sieger aus dem landesweiten Wettbewerb "Spot an für die Mensa" hervorging.

Drei Mädchen in Kostümen in einer Sporthalle.
Mensatag Schule am Kreßberg© Uta-Fischer Ilgenfritz und Heidi Köhnlein

Am liebsten würde Siegfried Köhnlein die Uhr vordrehen, um möglichst schnell wieder in die schuleigene Mensa eilen zu dürfen - könnte man meinen, wenn man sich mit dem Schulleiter der Grund- und Werkrealschule "Am Kreßberg" unterhält. 220 Schülerinnen und Schüler treffen sich täglich in dieser kleinen Schule zum gemeinsamen Lernen und Leben. Für sie ist die einzige Schule der Gemeinde zu einem lebenswerten Lebensmittelpunkt gewachsen. Ihr Ganztagsangebot und ihr kulinarischer Treffpunkt "Mensa" haben daran großen Anteil.

Der Schulleiter macht keinen Hehl aus seiner Zufriedenheit über den Essens- und Kommunikationsraum Mensa. "Er ist ebenso wie unser Ganztagsangebot ein Erfolgsmodell". Dass die Schule beim landesweiten Wettbewerb "Spot an für die Mensa" den ersten Platz für ihren besonders kreativen Event rund um die Schulmensa belegte, bestärkt ihn in seinem guten Gefühl. "Esskultur damals und heute" hatten die Schülerinnen und Schüler ihr Konzept überschrieben. Mit Leben füllten sie es an dem Tag der Mensa, zu dem auch zahlreiche Ehemalige gekommen waren, mit fantasievollen Aktionen: Kinderleichtes Kochen stand dabei ebenso auf dem Programm wie ein "Wiener Kaffeehaus", die "Sixties Cocktailbar" oder ein "Knigge für die Mensa".

Eigentlich aber war dieser Tag ein Sinnbild für ein funktionierendes Konzept gesunder Ernährung in der Schule. Die sei noch deutlich verbesserungswürdig, hatte jüngst die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) in einer Stellungnahme für den deutschen Bundestag angemerkt. An die Schule "Am Kreßberg" wird die DGE bei ihrer Kritik ebenso wenig wie an die weiteren Preisträger (Realschule Neckartenzlingen, Realschule Überlingen, Pestalozzischule Schwäbisch Gmünd, Geschwister-Scholl-Schule Tübingen) gedacht haben.

Mensa Schule am Kreßberg© Uta-Fischer Ilgenfritz und Heidi Köhnlein

Aus vier Gerichten, darunter grundsätzlich ein vegetarisches, können die Schülerinnen und Schüler "Am Kreßberg" täglich wählen. Und sie müssen nicht tagelang vorher wissen, worauf sie im Einzelfall Appetit haben werden. Bis 9 Uhr nimmt das Sekretariat die Menüwahl entgegen. "Ein besondere Aufwand und damit eine besondere Leistung unseres Sekretariats", lobt Siegfried Köhnlein, wissend, dass dies die Basis für ein hochflexibles Angebot darstellt und ein Schulsekretariat auch ohne solche Tätigkeiten bereits sehr gut ausgelastet ist. "Erschwerend" kommt hinzu, dass sich ein Schüler niemals für einen längeren Zeitraum festlegen muss. Isst er nur an einem Tag mit - okay. Werden es mehr - auch okay. An Spitzentagen kommen so 100 Essen zusammen.

Eine Herausforderung auch für den Caterer. Er betreibt einen nur 300 Meter entfernt gelegenen Landgasthof und bereitet die Speisen täglich unter ernährungswissenschaftlichen Gesichtspunkten her. Salat und Gemüse sind ebenso selbstverständlich wie das "vernünftige" Getränk zum Essen. Einen Euro müssen Hungrige dafür pro Mahlzeit und Getränk zusammen auf den Tisch legen. Zwei Euro steuert die Gemeindekasse täglich pro Mahlzeit für jeden Schüler unabhängig vom Einkommen der Eltern bei. Große Sprünge kann der Caterer mit drei Euro nicht machen. "Kreativität ist beim Einkauf und bei der Essenzubereitung gefragt", weiß Köhnlein. Ausdrücklich schätzt und lobt er die Bereitschaft der Gemeinde, zwei Drittel der Essenskosten, aber eben auch die fürs Gebäude und die Energie, zu übernehmen. Angesichts steigender Preise fürchtet er allerdings: "Gut möglich, dass unser Caterer im kommenden Jahr vorsichtig anfragt, ob eine Erhöhung des Zuschusses um einige Cent möglich ist."

Gegessen wird gemeinsam in der 45-Minuten-Pause. Treffpunkt ist eine kleinere zur Schule gehörende Halle. Sie wurde vor zwölf Jahren zu einem Treffpunkt mit Küche umgebaut. Hier wird nun täglich das Essen aufgewärmt und serviert. Für den Service sorgen zwei von der Gemeinde auf 400 Euro-Basis angestellte Mitarbeiterinnen und freiwillig einspringende Eltern. Sie alle helfen gerne. Schließlich wissen sie um die Bedeutung dieser täglichen Dreiviertelstunde. Siegfried Köhnlein bringt sie auf den Punkt: "Die Mensa hat das Schulklima sehr positiv beeinflusst. Hier wird geredet, gelacht, aber auch nachgedacht."

Kinder sitzen an Tischen und essen.
Mensa Schule am Kreßber© Uta-Fischer Ilgenfritz und Heidi Köhnlein

Unterstützt wurde die Entwicklung von der Vernetzungsstelle Schulverpflegung Baden-Württemberg, eine der bundesweiten 16 Vernetzungsstellen. Dr. Susanne Nowitzki-Grimm leitet die baden-württembergische Servicestelle.  Sie ist überzeugt, dass die Annahme, qualitativ Hochwertiges müsse automatisch viel teurer sein, nicht stimmt. "Es ist vielmehr eine Frage der Gestaltung des Speiseplans und der Zahl der zufriedenen Essensgäste. Es muss nicht jeden Tag Fleisch sein, und saisonale Angebote sind häufig günstiger", erläutert sie.

Sie kennt den von der DGE vorgegebenen Qualitätsstandard für die Schulverpflegung. Er definiert klar, welche Lebensmittel wie häufig und in welchem Turnus auf den Tisch kommen sollen, wie viel Fett gut für junge Menschen ist, welcher Bedarf an Wasser, Gemüse und Salat täglich gedeckt werden muss. Durchaus kritisch merkt sie an, dass sich doch noch viele Schulen ein ganzes Stück vom Optimum entfernt bewegen. Aber sie hat auch registriert, dass immer mehr für das Essen Verantwortliche daran arbeiten, die Standards zu erfüllen. Wem es gelingt, dem winkt das Logo und Zertifikat "Schule + Essen = Note 1" der DGE, um das sich nun auch die Schule "Am Kreßberg" bemühen möchte.

Dass eine gute Mensa auch ein attraktiver Kommunikationsraum ist, weiß auch Dr. Nowitzki-Grimm. Sie ergänzt die Ideen von Siegfried Köhnlein. Mensa ist für sie gleichbedeutend mit "in Gemeinschaft essen", mit dem Einbeziehen junger Menschen in Alltagsabläufe und mit dem Erlernen von Tischsitten. Ähnlich sieht es der für Ernährung zuständige Minister für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz, Alexander Bonde. "Die gesamte Schulgemeinschaft ist aktiv, und die Mensa präsentiert sich als Kommunikationsplattform. Genuss und ausgewogene Ernährung werden so für die Schülerinnen und Schüler zum Erlebnis", sagte er einen Tag nach Nikolaus anlässlich der Preisverleihung "Spot an für die Mensa" in Stuttgart.

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