Bildungsregion: "Tagtäglich Partner im Ganztag"

Bildungslandschaften – Idee, Idylle oder Illusion? In Bayern arbeiten Ganztagsschulen und die Kinder- und Jugendhilfe vernetzt in Bildungsregionen zusammen.

Kultusminister Ludwig Spaenle, Bürgermeisterin Christine Strobl und Rainer Schweppe, Stadtschulrat
v.l. Kultusminister Dr. Ludwig Spaenle, Bürgermeisterin Christine Strobl und Rainer Schweppe, Stadtschulrat, Referat für Bildung und Sport© Tobias Hase / münchen.de

„Bildungslandschaft – Idee, Idylle, Illusion?“ hatte das Institut für Jugendarbeit in Gauting mit seinem 6. Forum Jugendarbeit und Schule im März etwas provokant gefragt. Richard Steurer kann mit diesen Begriffen wenig anfangen: „Für mich ist die Bildungslandschaft Realität“. Er koordiniert für die Regierung von Schwaben die Bildungsregion im Rahmen der „Initiative Bildungsregionen in Bayern“, die das Kultusministerium 2012 aufgelegt hat.

In den Bildungsregionen sollen Schulen, Kommunen, Jugendhilfe, Arbeitsverwaltung, Wirtschaft und weitere außerschulische Organisationen zusammenarbeiten, um die Bildungsqualität in ihrer Region zu verbessern. Ziel ist es, die Zukunft der jungen Menschen mit einem passgenauen Bildungsangebot zu sichern, das ihnen Bildungs- und Teilhabechancen ermöglicht. Bei einer erfolgreichen Umsetzung unter Mitwirkung des örtlichen Jugendhilfeausschusses verleiht das Staatsministerium für Kultus in Abstimmung mit dem Staatsministerium für Arbeit, Sozialordnung, Familie und Frauen den Landkreisen und Städten das Qualitätssiegel „Bildungsregion in Bayern“.

Blick auf die Teilnhemer des Bildungsforums
Zweites Dialogforum mit etwa 180 Teilnehmern im Herder-Gymnasium© Bildungsregion Forchheim

Das Verfahren beginnt mit einem Dialogforum mit Regierungspräsidentin oder Regierungspräsidenten, Bürgermeisterinnen und Bürgermeister, Schulleitungen, Schulaufsicht, Eltern- und Schülervertretungen, örtlichen Personalvertretungen für die Schulen, Jugendhilfeausschuss, Kreisjugendring, Jugendreferentinnen und Jugendreferenten, Vertretungen der Kirchen und weiterer Bildungsträger.

Auch der Arbeitskreis Schule-Wirtschaft, Industrie- und Handelskammer, Handwerkskammer und Arbeitsverwaltung sind vertreten. Hier werden die Säulen einer Bildungsregion und der jeweilige Ist-Stand in der Region vorgestellt. Zudem diskutieren die Beteiligten mögliche Handlungsfelder für die weitere Entwicklung zur Bildungsregion, was besonders die aufeinander abgestimmten Planungen von Schule und Jugendhilfe betrifft.

„Ohne Jugendhilfe keine Bildungsregion“

Die fünf Säulen der Bildungsregion umfassen zum ersten die Begleitung der Übergänge zwischen den Bildungsinstitutionen vom Kindergarten bis zur Hochschule. Die zweite Säule besteht in der Vernetzung schulischer und außerschulischer Bildungsangebote und der Öffnung der Schulen in die Region. Hier kommt der Kooperation von Schule und Jugendhilfe eine besondere Bedeutung zu. „Ohne Jugendhilfe keine Bildungsregion“, meint Armin Engel, der Koordinator der Bildungsregion Oberpfalz. „Diese Kooperation ist eine Voraussetzung für die Bewerbung.“

Zweites Dialogforum in Forchheim
© Bildungsregion Forchheim

Die dritte Säule steht unter dem Motto „Kein Talent darf verloren gehen“. Die Partner sollen zusammenwirken, dass Kinder und Jugendliche, denen Benachteiligung droht, ebenso wie junge Menschen in Krisensituationen Unterstützung erfahren. Hier soll insbesondere die Jugendsozialarbeit an Schulen tätig sein. Säule vier sieht die Stärkung der Bürgergesellschaft mit Hilfe von Jugendarbeit und Ganztagsangeboten vor. Die fünfte Säule schließlich geht die Herausforderungen des demografischen Wandels an: die standort- und regionalbezogene Schulentwicklung zur Sicherung des Bildungsangebots.

Im nächsten Schritt des Bewerbungsverfahrens zur Bildungsregion erarbeiten Landkreis oder Stadt konkrete Maßnahmen, die von einer Koordinatorin oder einem Koordinator aus der Schulaufsicht oder des Jugendamtes fachlich begleitet und unterstützt werden. Spätestens nach einem Jahr werden die Ergebnisse im örtlichen Jugendhilfeausschuss und später in einem zweiten Dialogforum der Öffentlichkeit vorgestellt, diskutiert und dann als Bewerbung auf den Weg gebracht.

Berufsorientierung durch Erzählen: „Here's my story“

Die Konferenz der Schulaufsicht prüft die Bewerbung. Sie berücksichtigt dabei Stellungnahmen des Bayerischen Landesjugendamts und des Bayerischen Jugendrings. Sind die Kriterien einer Bildungsregion erfüllt, unterbreitet sie dem Kultusministerium einen Vorschlag, ob das Qualitätssiegel „Bildungsregion in Bayern“ verliehen werden kann. Das Ministerium entscheidet dann über die Auszeichnung. Anschließend überprüft die Konferenz der Schulaufsicht in regelmäßigen Abständen, ob nachhaltige Strukturen geschaffen und die beschlossenen Maßnahmen umgesetzt und weiterentwickelt worden sind.

Cover der Broschüre Bildungsregion
© Bayerisches Staatsministerium für Bildung und Kultus

Inzwischen gibt es in Bayern über 60 Bildungsregionen, die sich In Netzwerktreffen über Beispiele guter Praxis austauschen. Und das Interesse bei den noch nicht zertifizierten Regionen besteht weiter: So fanden zum Beispiel im April im Landkreis Freising oder in der Stadt Hof das erste Dialogforum und im Landkreis Miltenberg das zweite Dialogforum statt. „Die Bildungsregionen in Bayern zeichnet ein ganzheitliches Bildungsverständnis aus. Finanzen sind nicht alles“, betont Armin Engel von der Region Oberpfalz.

Im Landkreis Schwandorf zum Beispiel beteiligen sich Schülerinnen und Schüler aus Berufsintegrationsklassen an dem multimedialen Geschichtenprojekt „Here's my story“. In Wort und Bild erzählen sie, wer sie sind, woher sie kommen, was ihnen im Leben wichtig ist, was sie gut können, wovon sie träumen, was sie beruflich und privat erreichen wollen. Die Geschichten werden mit Musik und Sounds unterlegt und von Videoclips begleitet.

Das Bildungsprojekt „Here's my story“, das seit 2013 bayernweit an Mittelschulen und in Flüchtlingsklassen läuft, wird vom Bayerischen Rundfunk und der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft unterstützt. Es eignet sich auch für die Berufsorientierung in Schulen. „Die Jugendlichen lernen so ihre Stärken kennen und werden sich klarer darüber, wo sie im Leben hinwollen“, beschreibt Engel das Projekt in seiner Bildungsregion.

Bildungsregionen für Qualitätsentwicklung im Ganztag

Der Landkreis Augsburg erhielt 2014 die Zertifizierung als Bildungsregion. „Bei uns arbeiten Kindertagesstätten und Grundschulen institutionalisiert zusammen, auf der Basis von Kooperationsvereinbarungen“, berichtet Doris Stuhlmiller vom Jugendamt des Landkreises Augsburg. „In der Berufsorientierung haben wir ein Baustein-Projekt aufgelegt, bei dem die Angebote verschiedener Träger nach Modulen geordnet auf der Internet-Seite des Landkreises präsentiert werden, beispielsweise Bewerbungstraining, Betriebserkundung, Betriebspraktikum, soziale und kulturelle Kompetenzen.“ Beim Eltern-Talk laden sich Eltern zu einem moderierten Erfahrungsaustausch gegenseitig nach Hause ein, um über Themen wie Medien, Konsum und Suchtvorbeugung zu diskutieren.

Poster "Bildung als Standortfaktor begreifen"
© Bildungsregion Forchheim

Dass der Ganztagsschule für die Bildungsregionen eine entscheidende Rolle zukommt, kann Richard Steurer für den Landkreis Neu-Ulm zeigen. Im Portfolio der Bildungsregion Neu-Ulm heißt es: „Eine kontinuierliche qualitätsvolle Ganztagsbetreuung soll sichergestellt werden.“ In der Stadt Kempten wiederum gestalten sich alle Ganztagsschulen in Kooperation: „Tagtäglich sind dort außerschulische Partner im Ganztag“, berichtet der Koordinator Oliver Huber vom Jugend-, Schul- und Sozialreferat. „Diese Kooperationen müssen vertieft werden. Die Partner sollten sich nicht nur austauschen, sondern gemeinsam Maßnahmen entwickeln und auf den Weg bringen.“

Für Michael Rißmann, Referatsleiter im Bayerischen Kultusministerium, hat gerade „die Ganztagsschule dazu beigetragen, dass sich Schule und Umfeld begegnen“. Diese Öffnung von Schule sei nötig und die Jugendhilfe einer der zentralen Partner. „Ich halte es für wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler Ganztagsangebote auch außerhalb der Schule wahrnehmen können und mal aus dem Gebäude rauskommen. Man kann nicht alles verschulen.“

Auch für Bruni Schmidt vom Kreisjugendring Nürnberger Land ist unstrittig, dass die Jugendarbeit in Ganztagsschulen ihren Platz gefunden habe. Sie werde dort aber oft immer noch nicht als eigener Akteur wertgeschätzt, sondern als „Zusatz“ oder „Defizitausgleicher“ angesehen. Dennoch: „Ich stehe hinter dieser Idee der Bildungslandschaft.“

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