Bildungsstudie: Bildungspolitik fesselt mehr als Fußball

Immer mehr Eltern in Deutschland möchten ihr Kind in eine Ganztagsschule schicken. Die Zahl stieg in zwei Jahren von 59 auf 70 Prozent. Das ist ein zentrales Ergebnis der 2. JAKO-O Bildungsstudie "Eltern beurteilen Schulen in Deutschland". Sie wurde am 5. September in Berlin vorgestellt.

Pressekonferenz zu Vorstellung der Studie© www.jako-o.de

"Kein Thema fesselt die Bürgerinnen und Bürger so wie die Bildungspolitik - nicht einmal der Fußball", so schätzt das Klaus-Peter Schöppner, Geschäftsführer der TNS Emnid Medien- und Sozialforschung GmbH, ein. 3000 Mütter und Väter von schulpflichtigen Kindern bis 16 Jahren wurden im Rahmen dieser Studie befragt. Dass es sich nur um eine Eltern- und keine allgemeine Bevölkerungsumfrage handelte, unterstreicht die Aussagekraft. "Alle, die wir gefragt haben, sprechen aus eigener Erfahrung", so Schöppner.  Die Zahl der Interviewten liege deutlich über der ansonsten für repräsentative Umfragen üblichen. Auch das erhöhe den Wert. Insgesamt könne man auf mehr als 1,5 Millionen Daten zurückgreifen und daraus wertvolle Schlüsse ziehen.

Tillmann: "Ausbau der Ganztagsangebote muss schneller gehen"

Titelseite JAKO-O Bildungsstudie. Untertitel: Eltern beurteilen Schule in Deutschland.
Titelblatt JAKO-O Bildungsstudie© www.jako-o.de

Ein wesentliches Ergebnis der Befragung ist die hohe Akzeptanz der Ganztagsschule bei den Eltern. Waren es bei der ersten JAKO-O Bildungsstudie vor zwei Jahren noch 59 Prozent, die sich ein Ganztagsangebot für ihr Kind wünschten, so stieg diese Zahl auf nunmehr 70 Prozent. Für den Bielefelder Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Klaus-Jürgen Tillmann ein klarer Handlungsauftrag: "Die Zahlen belegen, dass der Ausbau der Ganztagsangebote schneller gehen muss." Schließlich nähmen zwar inzwischen 28 Prozent aller Kinder in Grundschule und Sekundarstufe I ein Ganztagsangebot wahr, doch das Platzangebot sei in den vergangenen zwei Jahren nur um vier Prozent gestiegen. "Die 2. JAKO-O Bildungsstudie zeigt, dass auch das erweiterte Angebot noch weit hinter den Erwartungen der Eltern zurückbleibt", bilanzierte Tillmann.

Inzwischen gebe es in allen Bundesländern und in allen Schulformen eine Mehrheit der Eltern, die einen Ganztagsschulplatz möchte. Besonders entschieden wünschen diesen allein erziehende und ganztags berufstätige Eltern. Klaus-Jürgen Tillmann: "Aber auch in Familien, in denen die Mutter nicht berufstätig ist, wird zu mehr als 50 Prozent ein Ganztagschulplatz angestrebt." Ob sich Eltern einen Ganztagsplatz als Lösung für ein Betreuungsproblem wünschen oder ob sie davon überzeugt seien, dass die Ganztagsschule die "bessere"  Schule ist, weil sie mehr Zeit und Raum für gemeinsames Lernen und Leben ermöglicht, war nicht Gegenstand der Befragung, so Tillmann gegenüber www.ganztagsschulen.org.

In einer gebundenen Ganztagsschule, "in der sich für alle Schülerinnen und Schüler den ganzen Tag über Unterricht, Ruhe und Freizeitphasen abwechseln", würden nur 32 Prozent der Eltern ihr Kind gerne sehen. 38 Prozent setzen auf eine offene Ganztagsschule mit einem freiwilligen Nachmittagsprogramm. 28 Prozent der Eltern wollen weiterhin die Halbtagsschule. Der Unterschied zwischen alten und neuen Ländern ist immer noch beträchtlich: Während in den alten Bundesländern nur 23 Prozent der Eltern angeben, dass ihr Kind eine Ganztagsschule besucht, sind es in den neuen ganze 42 Prozent.

Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage

Als "spannend" wertete der Erziehungswissenschaftler, der die Studie gemeinsam mit der Hamburger Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Dagmar Killus wissenschaftlich begleitet, einen Blick auf die Bundesländer. Danach fällt die Diskrepanz zwischen gewünschten und vorhandenen Ganztagsplätzen in Baden-Württemberg am stärksten aus. 16 Prozent aller Schülerinnen und Schüler nutzen ein Ganztagsangebot, 65 Prozent der Eltern wünschen sich ein solches für ihr Kind. Die wenigsten Ganztagsplätze bietet bislang Bayern. Sie werden von 11 Prozent genutzt. 56 Prozent der Eltern aber würden sich über einen Platz im Ganztag freuen. "Da hat sich viel verändert. Wenn man früher eine Forderung nach Ganztagsschulen in Bayern aufgestellt hätte, bekreuzigte sich der Gesprächspartner", schmunzelte die stellvertretende Vorsitzende des Bundeselternrates und Sprecherin des Bayerischen Elternverbandes, Ursula Walther. Klaus-Jürgen Tillmann ergänzte: "Nach dieser repräsentativen Umfrage kann auch in Bayern niemand mehr sagen, Eltern wollen die Ganztagsschule nicht."

Killus: "Hausaufgaben gehören in die Schule"

Gleichzeitig macht die Studie deutlich, dass viele Familien das Thema Hausaufgaben belastet. "Mal ganz losgelöst von den Erkenntnissen, dass es nicht hilfreich, sondern mitunter sogar kontraproduktiv ist, wenn sich Eltern zu stark um die Hausaufgaben ihrer Kindern kümmern, glaube ich, dass Hausaufgaben und den Unterricht ergänzende Übungen Sache der Schulen sind", betonte Dagmar Killus. "Von Ganztagsschulen würde ich erwarten, dass Zeit und Raum für Hausaufgaben und Übungsphasen vorgesehen sind." Ihr Bielefelder Kollege teilt diese Einschätzung. "Bei der Halbtagsschule muss ich eher die Frage der Qualität der Hausaufgaben stellen. Es kann nicht sein, dass Dinge, die im Unterricht nicht geschafft worden sind, nach Hause verlagert werden."

Große Mehrheit der Eltern lehnt Turbo-Abitur ab

Auch jenseits der Ganztagsschulthematik erbrachte die 2. JAKO-O Bildungsstudie interessante und zum Teil auch überraschende Erkenntnisse. "Dass fast 80 Prozent der Befragten das neunjährige Abitur vorziehen, haben in dieser Dimension selbst wir nicht erwartet", gestand Ursula Walther. "Da müssen wir uns fragen, wie nah wir bei unserer Basis sind." Wenn es beim achtjährigen Turbo-Abitur bleibe, müssten aus Elternsicht zumindest die Lehrpläne an die kürzere Lernzeit angepasst werden. Das sagten 59 Prozent der Befragten. Kommentar des Erziehungswissenschaftlers Tillmann: "Eine Reform, die auf Anpassung der Lehrpläne und Reduzierung des Leistungsdrucks zielt, ist aus Sicht der Eltern unumgänglich." Er wies auf die Situation an vielen Gymnasien hin: "Mit G 8 wurde dort vielfach der Ganztag eingeführt, ohne dass dafür die entsprechenden Voraussetzungen geschaffen wurden." 41 Prozent der Eltern wünschen sich beide Varianten: G8 und G9. Eltern aus den neuen Bundesländern allerdings haben zu 40 Prozent kein Problem mit der verkürzten Schulzeit an Gymnasien. Vor dem Hintergrund, dass die deutschlandweit erfolgreichsten Schulsysteme Sachsens und Thüringens schon immer das achtjährige Gymnasium hatten, ist das nachvollziehbar.

Bei der Frage des Übergangs von der Grundschule auf die Sekundarstufe lehnte - anders als dies etwa 2010 beim Hamburger Volksentscheid der Fall war - die Mehrheit der befragten Eltern die frühe Aufteilung nach der 4. Klasse ab. Nur 23 Prozent sind für die gegenwärtige Praxis, wie sie in 14 Bundesländern praktiziert wird. 60 Prozent der Eltern plädieren für eine Aufteilung nach der 6. Klasse - wie in Berlin und Brandenburg. 15 Prozent sprechen sich sogar für das Ende der 9. Klasse als geeignetem Zeitpunkt aus. In den neuen Ländern sind sogar 36 Prozent für eine späte Aufteilung. Auch Inklusion wird von den meisten Eltern befürwortet. Nur 46 Prozent finden allerdings, dass Kindern mit geistigen Behinderungen und "verhaltensauffällige" Kinder die Regelschule besuchen sollen - ein Ergebnis, dass vor dem Hintergrund der aktuellen Bemühungen um Chancengleichheit für alle Kinder eher nachdenklich macht und zeigt, dass gesellschaftlich noch viel zu tun ist, um ein Umdenken zu erreichen.

Gutes Zeugnis für die Lehrkräfte

Ein noch besseres Zeugnis als vor zwei Jahren wird den Lehrkräften durch die Mütter und Väter ausgestellt. Dass diese fachlich kompetent seien, meinen 90 Prozent der Befragten. Ähnlich viele glauben, dass sich die Pädagoginnen und Pädagogen für eine gute Beziehung zu ihren Schülerinnen und Schülern einsetzen und Kinder unterschiedlicher Religionen mit gleichem Respekt behandeln. Davon, dass Lehrkräfte "Kinder im Grunde gerecht behandeln" sind 84 Prozent und damit neun Prozent mehr als bei der ersten Studie überzeugt. Den deutlichsten Zuwachs an Zustimmung erhalten Lehrerinnen und Lehrer bei der Frage, ob sie die Stärken der Kinder erkennen und fördern. Das beantworteten bei der aktuellen Befragung 72 Prozent mit "ja" - ein Anstieg von 12 Prozent gegenüber 2010. Als "Baustellen" wertete Dagmar Killus dagegen unter anderem die Einschätzung der Eltern, ob die Absprache im Kollegenkreis gut funktioniere (68 Prozent) und dass neue Unterrichtmethoden (63 Prozent) eingesetzt werden. 

Auch mit den Lehr- bzw. Lernbedingungen ist die große Mehrheit der Eltern zufrieden: 78  Prozent finden die technische und räumliche Ausstattung der Schulen "gut" und immerhin 76 Prozent auch die Klassengröße.

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