Ganztagsschulausbau zählt zu den "Big Five" der Bildungspolitik

Der Ausbau der Ganztagsangebote in Nordrhein-Westfalen soll in den nächsten fünf Jahren ein Schwerpunkt der Bildungspolitik bleiben. Das kündigten Dr. Norbert Reichel (Ministerium für Schule und Weiterbildung) und Uwe Schulz (Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport) auf der Tagung "Ganztagsschulen in NRW - Zwischen Routine und Bewegung" am 26. Juni 2012 in Gelsenkirchen an. "Ganztag zählt zu den Big Five", versicherte Reichel.

Hinweise darauf, wo möglicherweise noch Handlungsbedarf besteht, versprechen sich die Verantwortlichen in der Landeshauptstadt Düsseldorf auch von der empirischen Dauerbeobachtung "Bildungsberichterstattung Ganztagsschule NRW" (BiGa NRW). Sie ist ein Instrument zur wissenschaftlichen Begleitung der Ganztagsschulen in NRW. Sie untersucht in den Jahren 2010 bis 2014 die Ganztagsschulen im Primarbereich und in der Sekundarstufe I und soll zur qualitativen Weiterentwicklung beitragen. Ziel ist es, kontinuierlich verfügbare Basisinformationen, konzeptionelle Entwicklungstrends und aktuelle Bedarfsdynamiken über alle Schulformen hinweg zu dokumentieren und als steuerungsrelevantes Wissen aufzubereiten.

Durchgeführt wird die Analyse vom Forschungsverbund Deutsches Jugendinstitut e.V./Technische Universität Dortmund sowie dem Institut für soziale Arbeit e.V. (ISA) in Münster. Für sie hatten die Wissenschaftlerinnen insgesamt rund 1000 Träger, 2950 Offene Ganztagsschulen (OGS) sowie 897 Ganztagsschulen der Sekundarstufe I im Dezember 2011 und Januar 2012 zu unterschiedlichsten Aspekten befragt. Erste Ergebnisse des aktuellen Berichtes wurden nun im Rahmen der Tagung in Gelsenkirchen vorgestellt.

Finanzielle Ausstattung im Primarbereich bleibt konstant

Schaubild: Ganztagsgrundschule, -Förderschule, -Hauptschule, -Realschule, -Gesamtschule, -Gymnasium
Schema Ganztagsschulen© www.bildungsbericht-ganztag.de

Auf die Frage, wie viel Geld für die OGS im Primarbereich pro Kind und Jahr zur Verfügung steht, antworteten 33,2 Prozent  der Träger: bis zu 1.400 Euro. 25,2 Prozent der Träger finanzieren die OGS mit einem Budget zwischen 1.600 und 1.800 Euro. Auf die Frage, ob sich die Erhöhung der Landesmittel im Jahr 2011 im Gesamtbudget bemerkbar machen würde, antworten insgesamt zwei Drittel der befragten Trägervertreter/innen, dass sie von der genannten Erhöhung profitieren. Dies konnte ein Drittel der Trägervertreter/innen jedoch nicht bestätigen, da die Kommune zeitgleich ihren Eigenanteil reduziert habe.
 
 In der Sekundarstufe I nutzen die Schulen die Möglichkeit des Landesprogramms "Geld oder Stelle", um Lehrerstellenanteile zu kapitalisieren. Dadurch steht ihnen Geld für den Einsatz von außerschulischen Kooperationspartnern in den Ganztagsangeboten zur Verfügung. Am stärksten geschieht dies in den Gymnasien mit rund 81,6 Prozent, in den Hauptschulen mit 72,6 Prozent und in den Realschulen mit 68,3 Prozent. In den Ganztagsschulen, in denen bislang noch keine Kapitalisierung erfolgt, plant derzeit nur eine von drei Leitungskräften,  dies in Zukunft zu tun. Eine Erklärung dafür kann aus den Ergebnissen der BiGa NRW abgeleitet werden. Hierzu erklärt Ramona Steinhauer vom ISA Münster: "Die Gründe, warum in der Sekundarstufe I die Kapitalisierungsmöglichkeit häufig nicht in Anspruch genommen wird, liegen nach Angaben der Leitungskräfte besonders darin, dass sie im außerunterrichtlichen Bereich bewusst nur Lehrkräfte einsetzen möchten."

Stabile Beschäftigungsverhältnisse der OGS-Fachkräfte

Die im Offenen Ganztag tätigen Fachkräfte sind grundsätzlich sicher beschäftigt: Sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind 82,6 Prozent, auf 400-Euro-Basis 13,2 Prozent und auf Honorarbasis 4,3 Prozent der OGS-Fachkräfte. Dabei verfügen 64,3 Prozent über einen unbefristeten Vertrag und 28,6 Prozent über einen auf ein Jahr befristeten Kontrakt. Die wenigsten von ihnen arbeiten jedoch Vollzeit (8,7 Prozent) oder zumindest vollzeitnah mit mehr als 35 Stunden pro Woche (5,7 Prozent). Die meisten haben einen Teilzeitvertrag abgeschlossen (61,2 Prozent). Die Fachkräfte äußern sich mit einem Mittelwert von 2,9 auf einer Skala von 1 (sehr unzufrieden) bis 4 (sehr zufrieden) insgesamt eher zufrieden mit dem Umfang ihrer wöchentlichen Arbeitszeit.

Es zeigt sich jedoch, dass Teilzeitkräfte (20 bis 34 Stunden in der Woche) deutlich weniger zufrieden mit diesem Beschäftigungsumfang sind als Vollzeit- bzw. Vollzeitnahbeschäftigte (35 und mehr Stunden): Dem Mittelwert von 2,8 auf der einen Seite steht ein Wert von 3,2 auf der anderen Seite gegenüber. Wer als Fachkraft in der Jugendhilfe arbeiten möchte und dabei den Wunsch auf eine Vollzeitbeschäftigung hegt, hat in anderen Betätigungsfeldern als der OGS eine größere Chance, diesen auch realisieren zu können. So liegt die Vollzeitquote in NRW z.B. in der Kindertagesbetreuung bei 56 Prozent, im Hort bei 30 Prozent und in der Jugendhilfe insgesamt bei 54 Prozent.

Geräuschpegel stellt die größte Belastung dar

Untersucht haben die Wissenschaftlerinnen auch, was für Lehr- und Fachkräfte die größte Belastung an ihrem Arbeitsplatz darstellt. Das Ergebnis bekräftigt frühere und von anderen Institutionen wie Lehrerverbänden durchgeführte Expertisen. Der Geräuschpegel ist das größte Übel, sagen vor allem die befragten Fachkräfte im Primarbereich. Auf einer Skala von 1 (gar nicht) bis 4 (sehr stark) ergab sich ein Mittelwert von 3,3 für die Fach- und 2,8 für die Lehrkräfte. Ähnlich fällt die Einschätzung bei der Aussage "In der Gruppe sind Schüler/-innen mit Verhaltensauffälligkeiten" aus, Lehr- und Fachkräfte empfinden dies ebenfalls als einen der größten Belastungsfaktoren. Und auch die These, dass im Ganztag mit zu wenig Personal gearbeitet wird, findet immer noch breite Zustimmung. Beides gilt für die OGS im Primarbereich ebenso wie für die gebundene Ganztagsschule in der Sekundarstufe I. Zugleich zeigt sich, dass sich eine ausgeprägte "allgemeine Kooperation von Lehr- und Fachkräften" und eine "gute und aufgeschlossene Arbeitssituation" positiv auf das psychische und physische Wohlbefinden auswirken.

In hohem Maße zufrieden zeigen sich die in der Ganztagsschule Tätigen mit ihrem Verhältnis zu den Schülerinnen und Schülern (Mittelwert von 3,5 auf der Skala von 1 bis 4). Verbesserungsbedarf sehen sie hingegen beim Umfang der eigenen wöchentlichen Arbeitszeit und der Höhe des Einkommens. Letzteres trifft besonders stark auf die Fachkräfte im Primarbereich zu. Wiederum auf einer Skala von 1 (gar nicht zufrieden) bis 4 (sehr zufrieden) ergab die Befragung einen Mittelwert von 2,2.

Kriterien zur Platzvergabe im Offenen Ganztag

Mehr als ein Drittel der Offenen Ganztagsschulen berichtet, dass der Bedarf an Ganztagsplätzen an ihrer Schule größer ist, als sie Plätze zur Verfügung stellen können. In diesen Fällen nennen die befragten Schulleitungen als wichtigste Entscheidungskriterien: Alleinerziehendenhaushalte oder Berufstätigkeit der Eltern. Der Bezug von ALG-II oder eine Empfehlung des Jugendamtes dagegen spielen laut dieser Studie in NRW eine im Vergleich eher untergeordnete Rolle. Der These, dass mangelnde Platzkapazitäten und der Umgang der Schulen damit die soziale Selektivität beim Zugang zum Offenen Ganztag begünstigen, können die Wissenschaftlerinnen auf Grundlage ihrer Befunde jedoch nicht zustimmen. Sie glauben vielmehr: "Die vorhandenen Selektionseffekte sind eher nicht durch eine zusätzliche Erweiterung der Platzkapazitäten aufzuheben. Vielmehr muss es darum gehen, den Förderaspekt stärker zu betonen und so perspektivisch ein ,neues` Bild der Ganztagsschule zu zeichnen. Eine zentrale Voraussetzung hierfür ist, dass der Ganztag im Primarbereich von allen Beteiligten, allen voran Schulleitungen, Lehrkräften und Eltern, als integraler Bestandteil von Schule wahrgenommen wird."

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