AEPF 2011: Bessere Schulnoten durch Ganztagsbesuch und höhere Qualität durch Bildungslandschaften?

Mit den AEPF-Tagungen verdeutlicht die empirische Bildungsforschung, welches Potenzial sie für die pädagogische Praxis enthält. In Bamberg fand vom 28. Februar bis zum 2. März 2011 an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg die 75. Tagung der Arbeitsgruppe für Empirische Pädagogische Forschung der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) zum Thema "Nationale und regionale empirische Bildungsforschung" statt. Die Online-Redaktion stellt aktuelle Forschungsergebnisse zum Thema Qualität der Ganztagsangebote sowie zu den Effekten der Bildungsoffensive Ulm auf die Ganztagsschulentwicklung vor.

Die AEPF-Tagungen kann man auch als eine Art "Börse" oder Seismograph der empirischen Bildungsforschung bezeichnen. Sie verdeutlichen, in welche Richtung die Bildungsforschung läuft, welche Defizite aufgearbeitet werden sollten bzw. welche Sogwirkung gute Forschung auf die künftige Forschungspraxis ausübt. Auch die diesjährige AEPF-Tagung, die vom 28. Februar bis zum 2. März 2011 an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg stattfand, bildete keine Ausnahme von dieser Regel.

Vielmehr verdeutlichte sie, welches Potenzial die empirische Ganztagsschulforschung allmählich entfaltet. Die gestiegene Bedeutung der Ganztagsschule, die auf der AEPF-Tagung mit einem eigenen "Symposium Ganztagsschulforschung" bedacht wurde, spiegelte sich auch in der regen Publikumsteilnahme. Dabei prägten engagierte Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler ebenso das Bild wie die Präsenz renommierter Vertreterinnen und Vertreter der Bildungsforschung, die zum Teil sogar wie die Erziehungswissenschaftlerin Prof. Katharina Maag Merki von der Universität Zürich aus dem deutschsprachigen Ausland kamen.

Wie wirkt sich die Teilnahme an Ganztagsangeboten auf Schulnoten aus?

Porträtfoto Dr. Natalie Fischer

Für eine "Börse" der Ganztagsschulforschung gehört es sich, dass die fundamentale Rolle der "Studie zur Entwicklung der Ganztagsschulen" (StEG) hervorgehoben wird. Auf ihren Ergebnissen fußen sowohl quantitative wie qualitative Forschungsprojekte, die überwiegend bundesweit eng miteinander vernetzt arbeiten. "StEG ist eine multiperspektivische Studie, die einen Zeitraum von mehreren Jahren abbildet", erläuterte Dr. Natalie Fischer, Koordinatorin des StEG-Konsortiums am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt am Main. Ziel der Studie sei es, Wirkungen von Ganztagsschulen in der Schulpraxis zu erfassen.

Die Stadt Bamberg. Im Vordergrund eine Skulptur.

Ein interessanter Vortrag von Dr. Natalie Fischer und dem Kasseler Erziehungswissenschaftler Prof. Hans-Peter Kuhn widmete sich unter dem Titel "Motivations- und Notenentwicklung in der Sekundarstufe I - Einflüsse der Qualität von Ganztagsschulen" einem sicherlich besonders wichtigen Thema: "Wirkt sich die Teilnahme an den Ganztagsschulen auf die Entwicklung von Motivation und Schulnoten aus?" Eine weitere Frage der Studie: "Welche Rolle spielen dabei die extracurricularen Angebote?" Dabei erinnerte Natalie Fischer daran, dass in den USA eine Reihe von Längsschnittstudien durchgeführt wurden, die belegten, dass sich durch die Teilnahme an extracurricularen Angeboten die Schulfreude und darüber die Schulnote verbesserten. Mit anderen Worten: Je höher die Schulfreude, desto besser die Noten. Trifft dies auch auf die deutschen Ganztagsangebote zu?

"Regelmäßige Teilnahme an Ganztagsangeboten hat Effekte auf Schulfreude und Noten"

Prof. Hans-Peter Kuhn

Laut Hans-Peter Kuhn lässt sich auch in Deutschland eine Verbesserung der Schulnoten über die Schulfreude bekräftigen: "Dies ist aber abhängig von der Prozessqualität der Angebote." Da sich die Noten normalerweise nach dem Übergang in die Sekundarstufe I verschlechtern, liegt in den Ganztagsangeboten das Potential diese negative Entwicklung aufzuhalten. Resümierend ist festzustellen: Je besser die Angebots- und Prozessqualität, desto eher lassen sich positive Effekte in Bezug auf die Schulfreude und die Noten feststellen. Dazu Natalie Fischer: "Die dauerhafte und regelmäßige Teilnahme an den Ganztagsangeboten hat außerdem positive Effekte auf das Sozialverhalten."

Blick in einen Vortragssaal der Universität Bamberg

Die Bamberger Tagung bot außerhalb des Symposiums auch die Möglichkeit, aktuelle empirische Erkenntnisse zum Thema "Kommunale Bildungslandschaft" vorzustellen und zu diskutieren. So hielt Dr. Kristina Eisnach vom Campus Landau der Universität Koblenz-Landau unter dem Titel "Ganztagsschulentwicklung in einer kommunalen Bildungslandschaft" einen interessanten Vortrag über die Teilergebnisse einer Evaluationsstudie der Pädagogischen Hochschule Weingarten und der Eberhard Karls Universität Tübingen. Hintergrund der Studie, so Eisnach, sei die Tatsache, dass angesichts des ökonomischen, technologischen und gesellschaftlichen Wandels nur eine umfassende Bildung junger Menschen die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft sichert.

Schulträgerschaft als aktiv gestaltende Schulentwicklung vor Ort

Wichtige Ansätze für eine Verbesserung der Bildungsqualität seien der Ausbau der Ganztagsschulen bzw. die Dezentralisierung des Bildungssystems etwa in Gestalt kommunaler Bildungslandschaften. Eine Rolle spielten ferner die Einführung von Bildungsstandards sowie die Durchführung von Vergleichsarbeiten. Die Kommune sei Ausgangspunkt für Bildungsprozesse in verschiedenen Lebensphasen und zudem Träger der Jugendhilfe und Kultureinrichtungen. In kommunalen Bildungslandschaften könnten daher die verschiedenen lokalen Kompetenzen besser den unterschiedlichen lokalen Realitäten angepasst werden. Für eine zukunftsfähige Schulentwicklung sei aber ein Perspektivwechsel seitens der Schulträger erforderlich, aktiv-gestaltend auf die Schulen vor Ort hinzuwirken.

Der Aufbau einer kommunalen Bildungslandschaft erfordere eine Bündelung kommunaler Bildungsangebote bzw. eine Verschränkung der Angebote aller am Prozess der Bildung, Erziehung und Betreuung beteiligten Akteure. Der Mehrwert des kommunalen Engagements für Ganztagsschulen ergebe sich zum einen durch die aktive Unterstützung und Akzeptanz der Schulträger, einer möglichen Entkopplung der sozialen Herkunft vom Schulerfolg und einer Förderung der Vernetzung der Einrichtungen und Akteure vor Ort, erläuterte Kristina Eisnach in Anlehnung an neuere Forschungsergebnisse.

Kommunale Bildungslandschaft: Impulse für eine positive Ganztagsschulentwicklung?

Porträtfoto Dr. Kristina Eisnach

Nachdem Kristina Eisnach den allgemeinen Hintergrund kommunaler Bildungslandschaften ausgeführt hatte, wendete sie sich dem Beispiel der Bildungsoffensive Ulm zu und stellte ihre wissenschaftliche Fragestellung vor: "Welche strukturellen Veränderungen wurden in der Stadt Ulm zum Aufbau einer kommunal abgestimmten Bildungsentwicklung vorgenommen? Welche Impulse für eine ,positive' Ganztagsschulentwicklung wurden durch die Bildungsoffensive Ulm gesetzt? Zeigen sich Wechselwirkungen zwischen der lokalen Einbindung und dem Ausbaugrad der Ganztagsschulen?"

Blick auf den Schulhof einer Bamberger Schule

Zur Methode erläuterte sie, dass die Studie eine explorative Fallstudie sei - multimethodisch und multiperspektivisch angelegt. Dokumentenanalyse (Rekonstruktion des zeitlichen Verlaufs etc.), Experteninterviews (Erfassung von Zielsetzungen etc.), quantitative Fragenbogenstudie (Erfassung des Ist-Zustandes etc.) sowie qualitative Interviews (Vertiefung zur Erklärung von Entwicklungsverläufen etc.) seien zum Einsatz gekommen. Letztere seien an 25 verschiedenen Halbtags- und Ganztagsschulen in Ulm durchgeführt worden.

Bildungsoffensive Ulm: IZBB-Mittel für Projekte im Übergang Schule-Beruf sinnvoll kombiniert

"Was hat sich verändert?" so die Frage von Kristina Eisnach. Interessante Ergebnisse gab es auf mehreren Ebenen zu vermerken und zu diskutieren. Die Bildungsoffensive sei für zehn Jahre zum kommunalpolitischen Schwerpunkt erklärt worden. Bemerkenswert dabei: "Die IZBB-Mittel  und Landesprojekte wurden nicht einfach für Einzelmaßnahmen aufgegriffen, sondern es wurde versucht, über eine Vernetzung verschiedener Projekte, Bildungseinrichtungen und Institutionen vor Ort, den Lebensraum der Kinder und Jugendlichen über den sozialen Mittelpunkt Schule zu erweitern, erläuterte die Erziehungswissenschaftlerin.  

Die Bildungsoffensive Ulm kennzeichneten, so Eisnach weiter, verschiedene Veränderungen. Bildung sei nicht nur politischer Schwerpunkt, es kam auch zur Verabschiedung bildungspolitischer Leitlinien, der stadtspezifischen Umsetzung von Maßnahmen (Ulmer Modell), dem Aufbau neuer Kommunikationsstrukturen im Verwaltungsbereich sowie zur Einführung eines kommunalen Bildungsberichts als Steuerungselement. Zum Einfluss der Bildungsoffensive Ulm auf die Ganztagsschulentwicklung konstatierte Eisnach, dass alle untersuchten Ganztagsschulen die Maßnahmen und Leitlinien in das Leitbild bzw. Schulprogramm übernommen hätten.

Bessere räumliche Ausstattung und Entwicklung übergreifender Projektideen

Sieben von neun untersuchten Ganztagsschulen haben zusätzliche finanzielle Mittel von der Stadt erhalten. Außerdem sei es zu einer Zunahme der Kooperationen an den Schulen gekommen. Die Bildungsoffensive habe ferner zu einer Verbesserung der räumlichen Ausstattung geführt und innerhalb der kommunalen Verwaltung die  Bereitschaft gestärkt, die sächliche Ausstattung einer Schule möglichst zeitnah und möglichst bedarfsnah umzusetzen Zu berichten gab es laut Eisnach auch, "dass die Entwicklung übergreifender Projektideen auf eine Verbindung unterschiedlicher Bildungsphasen und Einrichtungen abzielen".

Die Studie identifizierte auch Hindernisse kommunaler Einflussnahme. Dazu zählt Eisnach zufolge die Aufteilung der Zuständigkeiten in so genannte innere und äußere Schulangelegenheiten sowie Probleme beim Einbeziehen aller Beteiligten an der Umsetzung von Ideen und Projekten. Ein Stolperstein sei auch der Zeit- und Personalfaktor: "Aber uns fehlt schlicht und ergreifend Zeit und dadurch Men- oder Womenpower. Also uns fehlt das Personal", zitierte Eisnach aus den qualitativen Interviews.

"Zusammenhang von internen und externen Unterstützungsleistungen entscheidend"

Insgesamt lassen sich die Ergebnisse zur folgenden These zuspitzen: "Die kommunale Einflussnahme ist allein nicht ausreichend für eine qualitative Ganztagsschulentwicklung." Vielmehr seien weitere notwendige Bedingungen zu erfüllen, wie eine hohe Innovationsbereitschaft der Schulleitung und der Lehrkräfte, eine breite aktive Partizipation aller am Schulleben Beteiligten wie Eltern, Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte. Wichtig seien eine kontinuierliche Schulentwicklungsarbeit sowie die Einbindung der Schulen in bestehende Sozialraumgremien.

Resümierend betonte Kristina Eisnach: "Die Bildungslandschaften können die Ganztagsschulen nachhaltig unterstützen. Aber erst der Zusammenhang von internen und externen Unterstützungsleistungen und die Einbeziehung aller Beteiligten sowie der Enthusiasmus der Schulleitungen bringen die Schulentwicklung rasch voran." So sei es möglich, dass - mit Unterstützung der aller Beteiligten - innerhalb weniger Jahre die Entwicklung von offenen zu voll gebundenen Ganztagsschulen vorangebracht werden könne.

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