"Schule muss der Antriebsmotor sein"

Wie steht es um die Kommunikation zwischen Grundschulen, Horten und Eltern? Welche Erwartungen sind vorhanden, wo zeigen sich Konfliktlinien? Ein Forschungsteam der TU Dresden hat in einem eineinhalbjährigen Forschungsprojekt die "Leistungsfähigkeit schulischer Ganztagsangebote" im Spannungsfeld von Schule, Hort und Familie ausgelotet. Der Diplom-Soziologe Rüdiger Laskowski, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Projekts, erläutert im Interview die Ergebnisse.

Online-Redaktion: Herr Laskowski, Sie waren zusammen mit Katharina Weinhold als wissenschaftliche Mitarbeiter von April 2008 bis November 2009 am Forschungsprojekt "Leistungsfähigkeit schulischer Ganztagsangebote - Wechselseitige Verantwortung für Bildung, Erziehung und Betreuung im Spannungsfeld von Schule, Hort und Familie in Sachsen" unter der Leitung von Prof. Dr. Karl Lenz an der TU Dresden beteiligt. Wie ergab sich seinerzeit der Gesamtblick auf diese drei Akteure?

Porträtfoto Rüdiger Laskowski

Rüdiger Laskowski: Die vom BMBF ausgeschriebenen Forschungsvorhaben sollten die quantitative StEG-Studie durch qualitative Forschung ergänzen. Da in der StEG-Studie keine sächsischen Grundschulen befragt wurden, schien es uns sinnvoll, diese Lücke zu füllen. Und wenn man in Sachsen Grundschulen untersucht, kommt man an den Horten nicht vorbei. Nimmt man dann noch die Wechselwirkung zu den Elternhäusern dazu, ergibt sich die Trias, welche wir in unserem Projekt untersucht haben.

Online-Redaktion: Wie sind Sie vorgegangen?

Laskowski: Wir haben etwa 50 Grundschulen mit Ganztagsangeboten und die mit ihnen kooperierenden Horte angeschrieben. Eine Bedingung zur Teilnahme war von unserer Seite eine mindestens zweijährige Erfahrung mit Ganztagsangeboten. Schließlich wählten wir sieben Grundschulen mit Ganztagsangeboten aus, wobei wir auf die regionale und soziale Verteilung in Sachsen achteten. In diesen Schulen befragten wir in Einzelinterviews jeweils die Schulleitung und die Hortleitung sowie in Gruppeninterviews jeweils die Lehrerinnen, die Erzieherinnen sowie Eltern und ihre Kinder aus der 3. Jahrgangsstufe. In der 3. Klasse haben die Schülerinnen und Schüler und ihre Eltern bereits ausreichend Erfahrung mit der Schule und den Ganztagsangeboten sammeln können, die noch nicht von dem in der 4. Jahrgangsstufe alles beherrschenden Thema des Übergangs in die Sekundarstufe überlagert werden.

In einer weiteren Phase haben wir dann die Fragen der Zusammenarbeit zwischen den drei Akteuren auf die individuelle Ebene heruntergebrochen und dazu ein bestimmtes Kind in den Mittelpunkt gestellt, welches wir gezielt befragt haben, ebenso seine Eltern, seine Klassenlehrerin und seine Horterzieherin.

Online-Redaktion: Das Wort "Spannungsfeld" in Ihrer Forschungsüberschrift deutet auf eine nicht unbedingt harmonische Beziehung zwischen den drei Akteuren hin.

Laskowski: Nicht zuletzt in der Ganztagsschuldebatte werden Schule und Familie als sich im Idealfall ergänzende Institutionen gesehen, bei denen die Vermittlung von Wissen und sozialen Kompetenzen Hand in Hand gehen, so dass die Zukunftschancen der Kinder gemeinsam verbessert werden.

Aber "die" Familie im klassischen bürgerlichen Sinne gibt es so ausschließlich ja gar nicht mehr, statt dessen haben sich viele Varianten von Familien in verschiedenen Lebenslagen herausgebildet und damit auch unterschiedliche Erwartungshaltungen an die Schulen entwickelt. Für uns war es von Interesse, ob die Grundschulen mit ihren Ganztagsangeboten - in Sachsen wird nicht von "Ganztagsschulen", sondern von "Ganztagsangeboten" gesprochen, um den Charakter der freiwilligen Teilnahme zu betonen - diesen verschiedenen Familienmodellen und ihren Bedarfen gerecht werden können. Daraus ergaben sich weitere Fragen: Welche Erwartungen stellen Familie, Hort und Schule aneinander, und wie wird mit diesen Erwartungen umgegangen? Welche Formen der Zusammenarbeit und der Kommunikation sind vorhanden?

Online-Redaktion: Haben Sie das Spannungsfeld von Beginn an unterstellt, oder ist es erst während Ihrer Forschung sichtbar geworden?

Schüler, Eltern und Lehrer auf einem Schulfest

Laskowski: Zur Vorbereitung auf unser Vorhaben führten wir Interviews mit Experten aus Administration, Ministerien und Landeselternrat, die sich auf diesem Feld hinsichtlich der Zusammenarbeit der Akteure auskannten. Zusätzlich hatten wir uns mit der bereits vorhandenen Forschung zu Schule und Familie auseinander gesetzt, wo übergreifend von einer Spannungslage berichtet wird, in der sich diese beiden Akteure befinden, so dass wir als Prämisse davon ausgingen, das dieses Spannungsfeld besteht. Unsere Forschung hat dies teilweise dann auch bestätigt.

Was wir nicht wissen konnten und was für uns wirklich erst während des Projekts sichtbar wurde und dem Forschungsvorhaben auch eine andere Dimension verlieh, war der Umstand, dass das eigentlich gravierende Spannungsfeld nicht zwischen Schule und Elternhaus, sondern zwischen Schule und Hort besteht.

Online-Redaktion: Welche Gründe haben Sie für dieses Spannungsfeld ausgemacht?

Laskowski: Ganztägige Angebote sind für Sachsen wie für die anderen neuen Bundesländer nichts Neues. Bereits zu DDR-Zeiten stellte der Hort in der Schule eine ganztägige Betreuung sicher. Damals hatte man es im Schulhaus mit zwei gleichberechtigten Institutionen unter der Leitung der Schule zu tun. Auf gleicher Augenhöhe arbeitete man gemeinsam an der Bildung und Erziehung der Kinder. Viele Erzieherinnen waren auch ausgebildete Lehrerinnen, vom beruflichen Status bestand da kein Unterschied.

Nach der Wende wurden die Horte oft auch räumlich von den Schulen getrennt. Die Horte gingen in private Trägerschaft über, zumeist in solche, die auch die Kindergärten führten. Viele Horte befinden sich auch heute noch in deren Räumen, wodurch sich für die Durchführung der Ganztagsangebote teilweise logistische Probleme ergeben. Allerdings gibt es solche Probleme auch dort, wo die Horte noch oder wieder in den Schulgebäuden ansässig sind, denn dort müssen Klassenzimmer häufig doppelt belegt werden - am Vormittag durch die Schule und nachmittags durch den Hort - was eigene Herausforderungen mit sich bringt.

Online-Redaktion: Die Spannungen ergeben sich aber nicht nur aus den räumlichen Widrigkeiten?

Laskowski: Die Horte haben in den letzten Jahrzehnten ein eigenes Selbstverständnis entwickelt, verstehen sich als eigenständige Bildungsinstitution und haben sich - mindestens in der Selbstwahrnehmung - methodisch und pädagogisch weit entwickelt. Aber dieses Selbstbewusstsein einer gleichwertigen Bildungsinstitution steht im Widerspruch zu dem Status, den Schule und Familie den Horten noch häufig einräumen, um es vorsichtig auszudrücken. Da sieht man sie eher - zumindest spiegelten uns viele Erzieherinnen dies wieder - als Anhängsel der Schule.

Schüler, Eltern und Lehrer auf einem Grillplatz im Grünen

An einigen Schulen wird die Aufgabe der Horte in der reinen Betreuung gesehen. Manche Erzieherinnen haben gegenüber uns beklagt, dass sich ihre Arbeit auf einen "Schick- und Bringedienst" reduziert habe - ihre Verantwortung liege lediglich noch darin, die Schülerinnen und Schüler pünktlich zu den jeweiligen Ganztagsangeboten zu lotsen. Obwohl sich der Hort als eigenständige Bildungsinstitution versteht, ist er hier nicht einmal mehr Herr über seine Zeit.

Online-Redaktion: Bis zu 80 Prozent der Schülerinnen und Schüler nehmen die Angebote am Nachmittag wahr, die Akzeptanz besteht ebenso wie die Tradition des Hortbesuchs. Welche Gründe gibt es für die gegenüber der Schule geringere Wertschätzung des Hortes durch die Eltern?

Laskowski: Die Grundschule spricht die Empfehlung für die weiterführenden Schulen aus, hier werden die Weichen für den weiteren Lebensweg und die Berufschancen gestellt. Das ist für die Eltern verständlicherweise von vorrangiger Bedeutung. Der Hort mit seiner Betonung der Freiwilligkeit muss dagegen zurückstecken.

Online-Redaktion: Haben die Mitarbeiterinnen im Hort in den Befragungen dies als ihr größtes Problem geschildert?

Laskowski: Sie fühlen sich häufig in der Ganztagsschulentwicklung als fünftes Rad am Wagen. Das beginnt bereits bei den Kooperationsvereinbarungen mit den Horten, welche die Schulen als Teil ihres Förderantrags vorlegen müssen. In unserer Untersuchun stellten wir fest, dass die Vereinbarungen in der Praxis häufig nicht gelebt werden. Statt dessen definiert allein die Schule, was sie als Ganztagsschule versteht und welche Angebote dazu benötigt werden.

Bei vielen Angeboten bestand keine direkte inhaltliche Anbindung an den Vormittagsunterricht, so dass sich die Notwendigkeit zur engeren Kooperation auch an dieser Stelle nicht selten ergibt. Es überwogen in den untersuchten Grundschulen freizeitpädagogische Angebote, die allenfalls indirekt etwas mit dem Unterricht zu tun hatten. Auch dass die Horte als Experten für Freizeitpädagogik bei der Konzeption der Angebote oftmals nicht hinzugezogen werden, missfällt den Erzieherinnen.

Online-Redaktion: Besteht denn keine engere Verbindung zur Schule über die Hausaufgabenbetreuung?

Laskowski: In vielen Schulen beaufsichtigen in der Tat die Erzieherinnen die Hausaufgaben, aber das ist eher ein weiteres Feld, auf dem es verstärkt zu Spannungen kommt. Die Abstimmung der Lehrerinnen und Lehrer untereinander scheint da ebenfalls noch optimierbar. An einigen Schulen erhielten die Schülerinnen und Schüler manchmal Hausaufgaben in allen Fächern zugleich, an anderen Tagen gab es gar keine Aufgaben.

Online-Redaktion: Hängt die Zusammenarbeit nicht auch vom guten Willen der Beteiligten, beispielsweise der Schulleitung, ab?

Laskowski: Strukturell wird die Zusammenarbeit sicherlich durch die beschriebenen räumlichen Trennungen oder die zu große Enge mit Doppelbelegungen erschwert. Und auch die unterschiedlichen Philosophien und Konzepte der verschiedenen Träger der Horte vereinfachen die Beziehungen nicht gerade.

Wir sind in den Grundschulen aber auch Lehrerinnen und Lehrern begegnet, die den Erzieherinnen nicht unbedingt mehr als unbedingt notwendig begegnen wollten. Das Interesse dieser Lehrkräfte an den Nachmittagsangeboten im Sinne einer Ganztagsschule tendierte da oft gegen null.

Schüler, Eltern und Lehrer in einem Klassenraum einer Grundschule

Umgekehrt haben wir Beispiele von Schulen gefunden, die gemeinsam mit den Horten auf gleicher Augenhöhe die Ganztagsangebote gestalten, so dass man dort schon von einer Ganztagsschule oder einem Bildungshaus sprechen konnte. Da fand eine Übergabe der Schülerinnen und Schüler statt, es gab ein Zeitfenster, bei denen die Lehrerinnen mit den Erzieherinnen in einen Austausch getreten sind. Es fanden auch gemeinsame pädagogische Tage statt. Die Nachmittage unter der Woche wurden so aufgeteilt, dass genuine Hortnachmittage entstanden, an denen der Hort ausreichend Zeit hatte, eigene Angebote zu machen. Hilfreich waren dabei auch hausaufgabenfreie Tage, durch welche die Erzieherinnen entlastet wurden.

Letztlich liegt es auch in der Verantwortung der jeweiligen Schulleitung, wie weit eine solche Zusammenarbeit zustande kommt. Wenn die Schulleitung den Geist der Zusammenarbeit vorlebt und diesen ins Kollegium weitergibt, dann steigen die Chancen einer beidseitig gewollten Kooperation.

Online-Redaktion: Wie gestalten sich Kommunikation und Zusammenarbeit von Schule und Hort mit den Eltern?

Laskowski: Es besteht eine dichte und individuelle Kommunikationskultur, und die Beteiligten sind auch überwiegend zufrieden. In einer Schule mit Montessori-Klassen war die Kontaktdichte zwischen den Lehrerinnen und den Eltern höher als in allen anderen Schulen - bedingt durch das schulische Konzept, das diesen engen Austausch verlangte. Das ging sogar so weit, dass manche Eltern Probleme hatten, den hohen Erwartungen, die von der Schule an sie gestellt wurden, gerecht zu werden.

Interessant war, dass sich der Austausch außerhalb offizieller Gesprächssituationen besonders intensiv gestaltete. So haben einige Eltern und Lehrkräfte zum Beispiel geschildert, dass sich auf Wandertagen und Exkursionen eine besonders enge Kommunikation auf einer anderen Ebene auch abseits der Klärung von Problemen ergab, die ansonsten meistens den Gesprächsanlass bildeten. Hier hatten die Lehrkräfte auch die Möglichkeit, mit solchen Eltern ins Gespräch zu kommen, die man mit Elternabenden nicht erreichen konnte. Eine Einigkeit bestand bei allen, dass Kommunikation notwendig ist.

Kritische Punkte bei dieser Zusammenarbeit sind die einseitige Erwartungshaltung von Seiten der Schule an die Eltern, wenn sie beispielsweise Unterstützung bei der Ausrichtung eines Schulfestes benötigt, aber umgekehrt nicht fragt, was Eltern sich wünschen oder benötigen. Auch stieß manchen Elternratsmitgliedern auf, wenn Neuerungen oder Anregungen aus ihren Reihen von der Schule abgeblockt wurden. Hier gehen auch viele Potentiale und Ressourcen auf Seiten der Elternschaft verloren, die ja Experten für ihr Kind sind.

Online-Redaktion: Welche Empfehlungen lassen sich aus Ihren Forschungsergebnissen für die Praxis ziehen?

Laskowski: Schulen sollten ein reichhaltiges Gesprächsangebot bereitstellen, um den unterschiedlichen Bedarfen der Eltern gerecht zu werden, sowohl spontan als auch regelmäßig. Da muss Schule der Antriebsmotor sein, um eine permanente und tiefgreifende Kommunikation sicher zu stellen.

Zweitens sollten sich die Ganztagsangebote stärker am Konzept der Ganztagsschule orientieren: Die Angebote sollten inhaltlich mit den Unterrichtsinhalten verknüpft und die Horte bei der Konzeption und Durchführung der Nachmittagskurse eingebunden werden. Dabei müssen sich die Schulen tatsächlich Gedanken machen, wie sie ihren Schultag besser rhythmisieren können, denn nach den Schilderungen der Kinder konnte man den Eindruck gewinnen, dass diese nach sechs Stunden Unterricht von einer Ecke in die andere hetzen müssen und nicht zur Ruhe kommen können.

Die Übernahme von Artikeln und Interviews - auch auszugsweise und/oder bei Nennung der Quelle - ist nur nach Zustimmung der Online-Redaktion erlaubt.
Wir bitten um folgende Zitierweise: Autor/in: Artikelüberschrift. Datum. In: https://www.ganztagsschulen.org/xxx. Datum des Zugriffs: 00.00.0000

 

 


 
(Ende der inhaltlichen Zusatzinformationen)