"Die Ergebnisse haben uns sehr überrascht"

Steigen die Belastungen für Lehrkräfte, wenn sie in einer Ganztagsschule arbeiten? Verbessert sich die Interaktion mit den Schülern? Und ist die Zusammenarbeit mit außerschulischen Fachkräften eine Entlastung? Wissenschaftler der Bergischen Universität Wuppertal sind diesen Fragen im BMBF-geförderten Forschungsprojekt "Formen der Lehrerkooperation und Beanspruchungserleben an Ganztagsschulen" von 2008 bis 2010 nachgegangen. Prof. Dr. Oliver Böhm-Kasper, inzwischen Erziehungswissenschaftler an der Universität Bielefeld, beschreibt das Forschungsdesign und erläutert die für ihn selbst überraschenden Ergebnisse.

Online-Redaktion: Professor Böhm-Kasper, Ihr Forschungsprojekt befasste sich ja mit gleich zwei Aspekten: Wie steht es um die Belastung von Lehrkräften in Ganztagsschulen im Vergleich zu Halbtagsschulen, und welche Rolle spielen Kooperationen dabei? Wie hat sich diese Fragenkonstellation ergeben?

Oliver Böhm-Kasper: Das hängt sicherlich auch mit den Interessen und Erfahrungen der drei Antragsteller zusammen: Mit mir gemeinsam bewarben sich Prof. Dr. Cornelia Gräsel und Prof. Dr. Horst Weishaupt 2008 bei der Ausschreibung des BMBF "Ganztägige Bildung, Erziehung und Betreuung", und unser Projekt wurde ausgewählt. Wir hatten bereits unabhängig voneinander im Ganztagsschulbereich geforscht und wollten nun unterschiedliche Fragestellungen verbinden, von denen wir glaubten, sie gut im Zusammenhang betrachten zu können. Denn Kooperation wird von Lehrerinnen und Lehrern immer als eine wichtige Ressource im Zusammenhang mit Belastung und Beanspruchung gesehen.

Cornelia Gräsel interessierte sich dabei besonders für den Kooperationsaspekt, zu dem sie bereits geforscht hatte und eine organisationspsychologische Perspektive einbringen konnte, während Kollege Weishaupt und ich uns der Frage über den Belastungsaspekt genähert haben. Wir hatten dazu bereits entsprechend geforscht und 2001 ein theoretisches Modell vorgelegt, welches wir bei dieser Untersuchung nun nutzen und überprüfen konnten. Beide Aspekte haben sehr gut zusammengepasst und sich auch wirklich während des Forschungsvorhabens verknüpft. Kooperation und Belastung wurden nicht getrennt betrachtet, sondern immer zusammen angeschaut.

Online-Redaktion: Welche Fragestellungen leiteten Sie dabei?

Böhm-Kasper: Eine lautete: Lässt sich in Ganztagsschulen eine neue Form der Kooperation beobachten? Verändern Lehrkräfte tatsächlich ihren Unterricht? Arbeiten sie mit pädagogischen Partnern zusammen, um Fachunterricht und außerunterrichtliche Angebote zu verknüpfen? Zu erwarten war auch eine andere Qualität der Belastung der Lehrerinnen und Lehrer in Ganztagsschulen durch die erweiterte Arbeitszeit in der Schule und die Notwendigkeit der Organisation einer Zusammenarbeit mit anderen Lehrkräften oder mit außerschulischen Partnern. Daher wollten wir wissen: Gibt es in der Ganztagsschule spezifische Kooperationsformen? Wir haben uns auch gefragt, ob die Kooperationsbeziehungen mit der Wahrnehmung von Belastungen und entsprechenden Beanspruchungsreaktionen zusammenhängen.

Online-Redaktion: Wie viele Schulen haben Sie in Ihre Untersuchung eingeschlossen?

Böhm-Kasper: Das waren 100 Schulen, davon 50 Halbtags- und 50 Ganztagsschulen in Nordrhein-Westfalen. Bei letzteren beschränkten wir uns bewusst auf voll gebundene, die bereits vor 2005 bestanden haben. Wir gingen davon aus, dass die Etablierung von Kooperationen auf höherem Niveau auch eine gewisse Zeit benötigt, und wollten daher nur Ganztagsschulen untersuchen, welche diese mit mehr Arbeit und Stress als im Alltag verbundene Etablierungsphase bereits hinter sich gebracht haben.

Online-Redaktion: War es schwierig, so viele Schulen zu finden? Seit dem IZBB arbeiten ja in Nordrhein-Westfalen die meisten Ganztagsschulen in der offenen Form?

Böhm-Kasper: Es war in der Tat aufwendig, diese länger existierenden Ganztagsschulen zu finden. Und eigentlich wollten wir auch alle unterschiedlichen Schulformen abbilden, im Grundschulbereich glückte es uns aber nicht, ausreichend gebundene Ganztagsschulen zu finden.

Online-Redaktion: Nordrhein-Westfalen ist sehr groß - wie haben Sie die Befragungen der Lehrkräfte und pädagogischen Partner logistisch gemeistert?

Böhm-Kasper: Wir haben die Fragebögen an die Schulsekretariate verschickt, von wo aus sie an die Lehrerinnen und Lehrer verteilt wurden. Die Lehrkräfte konnten die Umschläge dann entweder selbst an uns zurücksenden oder wieder über das Sekretariat verschicken lassen. Beide Wege sind genutzt worden, und alles in allem hat das erstaunlich gut funktioniert, sodass wir die flächendeckende quantitative Erhebung gewährleisten konnten. Insgesamt haben wir so 1783 Lehrerinnen und Lehrer in zwei Erhebungszeiträumen - Herbst 2008 und Herbst 2009 - befragt. Die qualitativen Interviews führten die Projektmitarbeiterinnen und -mitarbeiter mit den Lehrkräften und den pädagogischen Partnern durch. Dafür sind sie kreuz und quer durch das Land gereist.

Online-Redaktion: Welche Fragen waren in den Interviews relevant?

Böhm-Kasper: Wir wollten die interprofessionelle Kooperation erfassen. Zum damaligen Zeitpunkt war dieser Bereich auf der Forschungslandkarte noch ein weißer Fleck, und wir haben versucht, aus den qualitativen Daten Schlüsse zu ziehen, die wir dann in der quantitativen Erhebung anhand einer größeren Stichprobe überprüfen konnten. Wir haben aus den Interviewergebnissen Skalen zur interprofessionellen Kooperation herausgebildet, die eine gute Relativität aufweisen. Daneben ging es in den Interviews hauptsächlich um die Schilderung be- und entlastender Situationen im Schulalltag.

Die Fragebögen orientierten sich an einem theoretischen Modell, das einerseits zwischen Belastungsfaktoren und der subjektiven Deutung dieser Belastung, andererseits zwischen der Beanspruchung sowie den Beanspruchungsfolgen und -reaktionen trennt. Wir haben alle Dimensionen dieses Modells operationalisiert und uns dabei verschiedene Folgen von Belastungsfaktoren angeschaut, die man in situationsübergreifende und situative Belastungen unterteilen kann. Situationsübergreifende Belastungen sind solche, denen Lehrerinnen und Lehrer in allen Schulen ausgesetzt sind, während situative auf einzelne Schulen beschränkt sind. Zur Abfrage dieser Faktoren nutzten wir entsprechende Erhebungsinstrumente, ebenso für die subjektive Deutung solcher Belastungsmomente im Arbeitsalltag.

Online-Redaktion: Wie nehmen die Lehrkräfte nach Ihren Befunden nun die Kooperationen wahr - als Entlastung oder als zusätzlichen Stress?

Böhm-Kasper: Die Korrelation zwischen Kooperation und der Wahrnehmung von Belastungen und Beanspruchungen fällt laut unseren Ergebnissen gering aus, womit wir mit anderen Studien übereinstimmen. Tendenziell sind Kooperationen ein Entlastungsfaktor, vorausgesetzt die Zusammenarbeit findet auf hohem Niveau statt. Arbeiten die Partner schon länger eng und vertrauensvoll zusammen, dann bringt das für die Lehrerinnen und Lehrer eine Entlastung, die in ihrer praktischen Bedeutung aber auch nicht überschätzt werden sollte.

Das wurde auch in den Interviews thematisiert: Die Lehrkräfte stuften auf Nachfragen die Kooperation als entlastend ein, wobei sie dies hauptsächlich durch die Möglichkeit der Delegation erzieherischer Aufgaben an die außerschulischen Mitarbeiter begründeten. Sich selbst begriffen sie als Fachleute für den Unterricht, alles darüber Hinausgehende gaben sie gerne an die Schulsozialarbeiter und andere ab.

Online-Redaktion: Spielt die schulische Organisationsform für die Belastung der Lehrerinnen und Lehrer eine Rolle?

Böhm-Kasper: Es hat uns selbst sehr überrascht: Die Organisation Halb- und Ganztagsschule hat keinen messbaren Einfluss auf die Belastung. Aber auch für eine veränderte Lehrer-Schüler-Interaktion in Ganztagsschulen haben wir keine Anhaltspunkte gefunden. Bei keinem Merkmal waren signifikante Unterschiede festzustellen. Einzelschulische Aspekte spielen eine größere Rolle als die Organisationsstruktur.

Umgekehrt kann man mit unseren Ergebnissen nicht die Befürchtungen mancher Kollegien in Halbtagsschulen untermauern, als Ganztagsschullehrer würden sie noch größeren Belastungen unterworfen. In den Interviews hörten wir übereinstimmend, dass die Lehrkräfte die Etablierungsphase der Ganztagsschule als anstrengender und arbeitsreicher empfanden, nach einer Weile aber die angesprochene tendenzielle Entlastung einsetzte. Eine Ganztagsschule aufzubauen, ist nicht ohne Aufwand zu erreichen, aber die langfristigen Vorteile scheinen zu überwiegen.

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