Ganztagsschule in Hamburg: Ort für Bildung

Hamburg setzt auf einen flächendeckenden Ausbau der Ganztagsschulen. Mit dem Ganztag sollen Schulen zu Orten für Bildung und soziales Miteinander werden. Bildungssenator Ties Rabe spricht im Interview über aktuelle Entwicklungen.


Online-Redaktion: Herr Senator, in Hamburg wurden die Ganztagsangebote in den letzten Jahren massiv ausgebaut. Inzwischen sind alle Grundschulen Ganztagsschulen. Alle anderen Schulformen haben Ganztagsangebote. Warum ist ein flächendeckender Ausbau wichtig?

Bildungssenator Ties Rabe© Redaktion www.ganztagsschulen.org

Ties Rabe: Die deutlichste Antwort darauf, warum ein flächendeckender Ausbau wichtig ist, haben Hamburgs Eltern und Kinder selbst gegeben. Obwohl der Ganztag freiwillig ist, haben sich fast 80 Prozent zur Teilnahme angemeldet. Das zeigt, wie groß der Betreuungsbedarf in Familien ist. Es zeigt auch die hohe Erwartung von Kindern und Eltern, dass Schule und Ganztag soziales Lernen und bessere Bildung ermöglichen. Auch ich persönlich verbinde mit der Ganztagsschule die Chance auf bessere Bildung. Ganztagsschulen führen zwar nicht automatisch zu besserer Bildung, aber sie schaffen die Voraussetzungen dafür.

Online-Redaktion: Was erwarten Hamburgs Eltern von Ganztagsschulen?

Rabe: Eltern- und Kinderbefragungen in Hamburg zeigen unterschiedliche Erwartungen an die Ganztagsschule. Viele Eltern sehen darin eine Chance, Familie und Beruf miteinander zu verbinden. Eltern und Kinder hoffen aber auch auf ein unbeschwertes soziales Miteinander der Kinder. Zusätzlich wünschen sie sich anspruchsvolle und gut begleitete Freizeitangebote, unter anderem in den Bereichen Sport, Kunst, Musik und Technik. Aber es wird auch immer sehr klar die Erwartung formuliert, dass Kinder durch zusätzliche Bildungsangebote und Hausaufgabenhilfe zusätzlich gefördert werden.

Eingang der Louise Schroeder Schule in Hamburg Altona
Eingang der der Louise Schroeder Schule in Hamburg-Altona© Britta Hüning

Online-Redaktion: Wie steht Hamburg zur Frage von offenen und gebundenen Ganztagsschulen?

Rabe: Entscheidend ist, dass wir überhaupt endlich alle Schulen zu Ganztagsschulen ausgebaut haben. Es muss aber genügend offene Ganztagsangebote geben. Denn wir sollten nach wie vor auch die Haltung einzelner Eltern respektieren, die für ihre Kinder zum jetzigen Zeitpunkt keinen Ganztag wünschen. Die Umstellung aller Schulen zu gebundenen Ganztagsschulen würde zu zahllosen Konflikten führen und den Prozess erheblich erschweren. Ich halte nichts von Zwangsmissionierung, sondern setze auf einen guten Mix von offenen und gebundenen Angeboten. Nur so kommen wir beim Ganztagsausbau voran.

Online-Redaktion: Wie klappt die Zusammenarbeit von Schulen und Kooperationspartnern in Hamburg?

Rabe: Viel besser als erwartet. Jahrelang haben sich einzelne Interessenvertreter beider Seiten erzählt, dass man ganz unterschiedliche Blickwinkel auf Kinder und Pädagogik haben würde. In der Praxis haben sich diese Sorgen nicht bewahrheitet. Vor Ort in einzelnen Schulen arbeiten Erzieherinnen und Erzieher mit den Lehrkräften vorurteilsfrei und engagiert zusammen.

Stadtteilschule Alter Teichweg, Sportklasse© Claudia Pittelkow

Online-Redaktion: Nachdem der quantitative Ausbau des Ganztags abgeschlossen ist, wollen Sie nun den Fokus auf die Verbesserung der Qualität legen. Wie gehen Sie dabei vor?

Rabe: In der Tat sind heute ausnahmslos alle allgemeinbildenden Schulen in Hamburg offene oder gebundene Ganztagsschulen, es gibt in Hamburg keine Halbtagsschulen mehr. Dieser gewaltige Umbau des Schulsystems in nur drei Jahren hat auch deshalb besonders gut geklappt, weil gerade die Schulleiterinnen und Schulleiter vom Sinn und den Chancen dieser Maßnahme überzeugt sind. Um die Qualität weiterzuentwickeln, setzen wir auf Beratung und den Dialog zwischen den Schulen und der Behörde für Schule und Berufsbildung.

Alle 200 Hamburger Ganztagsgrundschulen wurden in der Anfangszeit jedes Jahr von Expertenkommissionen unter Federführung des lokalen Schulaufsichtsbeamten besucht. Im Gespräch mit Schulleitung, Kollegium und Eltern wurden Erfolge bilanziert und weitere Schritte zur Qualitätsverbesserung vereinbart. Dieses Verfahren hat sich bewährt und soll entsprechend weiterentwickelt werden. Schwerpunkt künftiger Verbesserungen sind unter anderem die Bildungsangebote am Nachmittag. Wir wollen die zusätzliche Zeit, die der Ganztag bringt, auch dafür nutzen, dass Kinder gezielt gefördert werden.

Schülerinnen und Schüler in einer Sporthalle
Die mit IZBB-Mitteln geförderte Sporthalle der Louise Schroeder Schule© Britta Hüning

Online-Redaktion: Hamburg investiert gewaltige Summen in den Ausbau von Schulkantinen. Welche Rolle spielt das Mittagessen in der Ganztagsbetreuung?

Rabe: Ich freue mich darüber, dass gerade Grundschülerinnen und -schüler mittlerweile fast geschlossen in der Schule zu Mittag essen. Dadurch erweitert sich die Schule von der reinen Unterrichtsanstalt hin zu einem Ort für Bildung, soziales Miteinander und aktive Freizeitgestaltung. Gemeinsam Mittag zu essen ist hier der Türöffner. Dabei müssen wir sehr darauf achten, eine vernünftige Balance zwischen den Anforderungen an ein gesundes Essen und den Kinderwünschen zu finden. Gerade an weiterführenden Schulen gelingt das nicht immer, sodass dort die Kantinen trotz hoher Teilnahmequote am Ganztag oft nur spärlich besucht sind. Daran müssen wir arbeiten.

Online-Redaktion: Gibt es Schwerpunkte für die Zukunft, die Ihnen besonders am Herzen liegen?

Ties Rabe: Wenn sich die Schule über den Ganztag zu einem Ort für Bildung, soziales Miteinander und aktive Freizeitgestaltung entwickelt, dann muss sich Schule mit vielen Partnern vernetzen. Die Ganztagsschule darf nicht dazu führen, dass die vielen bestehenden Freizeitangebote, zum Beispiel im Bereich Sport oder Musik, ausgetrocknet werden. Hier müssen wir Kooperationen ermöglichen.

Straßen-Darbietung von Schülern auf einem Stadtteilfest mit selbstgefertigten Kostümen© Kulturagenten für kreative Schulen Hamburg / Matthias Vogel

Eine bessere Kooperation braucht es auch auf politischer Ebene zwischen Bund, Ländern und Kommunen. Gerade die vielen Angebote am Nachmittag, die nicht zum Kernbereich von Schule und Unterricht zählen und früher von vielen Kostenträgern übernommen wurden, können in Schulen nur sinnvoll integriert werden, wenn es hier zu einer besseren Zusammenarbeit kommt.

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